Drittes Geschlecht

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Dieser Artikel erläutert die Geschlechtsidentität. Zum Film siehe Anders als du und ich (§ 175).
Merkur-Symbol als Gender-Symbol für das dritte Geschlecht

Ein drittes Geschlecht soll Personen bezeichnen, die sich in das heteronormale Geschlechtssystem („Frau“ oder „Mann“) nicht einordnen lassen (wollen). Hierbei ist das Geschlecht im biologischen Sinn festgelegt, aber es besteht eine davon abweichende, jedoch gesunde Geschlechtsidentität, eine Sexualdifferenzierungsstörung oder eine Geschlechtsidentitätsstörung. Vertreter der modernen Queer-Theorie und der Transgender-Bewegung benutzen den Begriff im Sinne einer queeren Identität.

Die Bezeichnung erhielt eine Verbreitung im deutschen Sprachraum durch den Schriftsteller Ernst von Wolzogen in seinem Roman Das dritte Geschlecht von 1899, als er darin eine bisexuelle Frau beschrieb.[1] Naturwissenschaftlich ist Bisexualität selbst jedoch ein ungenauer Begriff (eigentlich: „Ambisexualität“) und bezeichnet kein Geschlecht sondern eine erotische Vorliebe. Beim Menschen ist die natürliche Ausbildung von zwei getrennten Geschlechtern Grundlage der sexuellen Fortpflanzung und der Erzeugung fortpflanzungsfähiger Nachkommen, was das Aussterben der eigenen Art verhindert.

In einigen Gesellschaften gibt es neben „Mann“ und „Frau“ seit Jahrhunderten andere Bezeichnungen für spezielle Gruppen von Personen, die abweichen – sowohl im biologischen (s. Intersexualität) als auch im sozialen Sinn (s. Geschlechtsidentität u. Gender). Man spricht international von Sexualdifferenzierungsstörungen (engl. disorders of sex development, DSD) und Geschlechtsidentitätsstörungen.

In Deutschland gibt es formaljuristisch Personen mit unbestimmtem Geschlechtsmerkmal. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten ICD-10-GM-2014 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt in Kapitel XVII (Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien) auch angeborene Fehlbildungen der Genitalorgane, insbesondere ein unbestimmtes Geschlecht und Pseudohermaphroditismus. Gesellschaftlich ist das Thema Bestandteil kontroverser Diskussionen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration eines Zwischengeschlechtlichen in den Nürembergschen Chroniken

In Platons Symposion erzählt der Komödiendichter Aristophanes von den Kugelmenschen. Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere – die andrógynoi – hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte. Die rein männlichen Kugelmenschen stammten ursprünglich von der Sonne ab, die rein weiblichen von der Erde, die androgynen vom Mond.[2]

In der europäischen Kulturgeschichte erhielten Gesangskastraten die falsche Benennung homines tertii generis (Menschen des dritten Geschlechts).[3] In seiner autobiografischen Dichtung Frutti del mondo schreibt der Kastrat Filippo Balatris im Jahr 1735: „…obwohl ich doch ein Neutrum bin, ein Hauptwort mit dem Artikel ‚das‘.“[4]

Théophile Gautiers Roman Mademoiselle de Maupin (1835) handelt von einer bisexuellen Sängerin, die an der Pariser Oper in Männerrollen auftritt. Die Protagonistin erkennt die – im Vergleich zu Frauen – größeren Entfaltungsmöglichkeiten der Männer. Sie verkleidet sich als Mann und hat Liebeserlebnisse mit Männern und Frauen. Ihre Erlebnisse fasst die Sängerin in dem Satz zusammen: Je suis d’un troisième sexe à part qui n’a pas encore de nom.[5] In der deutschen Übersetzung lautet der Satz: „Ich gehöre einem dritten, besonderen Geschlecht an, das noch keinen Namen hat.“[6]

Die österreichische Schriftstellerin Elsa Asenijeff bezeichnete in ihrer 1898 erschienenen Schrift Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht „emancipierte Weiber“, welche angeblich danach streben, wie ein Mann zu leben, als hors-sexe (außerhalb des Geschlechts) oder als das dritte Geschlecht.[7]

Ernst von Wolzogen zeichnete in seinem 1899 erschienenen satirischen[8] Roman Das dritte Geschlecht, der in München spielt, mit der Protagonistin Claire de Vries das Bild der studierenden Geliebten, die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter verweigert.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hijra aus dem Panscheel Park in Neu-Delhi, 1994
Kennzeichnung einer Toilettentür in Valletta (Malta)

In verschiedenen zeitgenössischen Philosophieströmungen vor allem feministischer Prägung wird Geschlecht nicht als durch physiologische Bedingungen konstituierte ontologische bzw. „natürliche“ Tatsache, sondern als sozio-kulturell geprägtes Konstrukt gesehen. Von der Gender-Forschung wird auch der Geschlechterdualismus und Heteronormativität kritisch betrachtet. In diesem Zusammenhang wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts der Begriff drittes Geschlecht durch Vertreter der Queer-Theorie und der Transgender-Bewegung wiederentdeckt:

Die queere Identität wird heute analog zu einem dritten Geschlecht betrachtet, und nicht primär als transgender oder intersexuell. So wird in einigen Gesellschaften ein drittes soziales Geschlecht neben Mann und Frau als üblich angesehen. Hierzu zählen die Hijras in Indien, die Berdachen bei Indianerstämmen Amerikas, die Muxes und Marimachas in der mexikanischen Stadt Juchitán, die Eingeschworenen Jungfrauen Albaniens, die Faʻafafine auf der polynesischen Insel Samoa und (zum Teil) Kathoey in Thailand.[9][10][11]

Die Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir (1908–1986) bezeichnete Frauen nach der Menopause, in der sie die Empfängnisfähigkeit verlieren und die Sexualität dann zeugungslos wird, als ein drittes Geschlecht.

Formaljuristische Existenz eines unbestimmten Geschlechtsmerkmals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von folgenden Staaten ist bekannt, dass sie ein unbestimmtes Geschlecht anerkennen und in Reisepässen als Geschlechtsmerkmal ein X vorsehen:[12]

  • Argentinien
  • Australien
  • Bangladesch (seit 11. November 2013)[13]
  • Dänemark
  • Deutschland
  • Indien
  • Kanada (seit 31. August 2017)[14][15]
  • Kolumbien
  • Malta
  • Nepal
  • Neuseeland
  • Pakistan

Beispiele für den rechtlichen Umgang mit einem dritten Geschlechtsmerkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In Deutschland wird laut § 22 Abs. 3 des Personenstandsgesetzes bei geschlechtlicher Uneindeutigkeit die Geburt ohne Angabe des Geschlechts in das Geburtenregister eingetragen. Im Einwohnermelderegister erfolgt dies mit der Ziffer 1 (ohne Angabe) statt den Buchstaben m (männlich) oder w (weiblich); bei der Datenübermittlung wird jedoch ein x verwendet.[16] Das Geschlecht kann später nachgetragen werden, muss aber nicht; es bleibt dann unbestimmt. Wurde trotz Uneindeutigkeit ein Geschlecht eingetragen, so kann auch später der Geschlechtseintrag wieder gestrichen (also auf ohne Angabe gesetzt) werden.[17] Im Reisepass ist dies mit dem Großbuchstaben X vermerkt.[18] Das dritte Geschlechtsmerkmal steht nicht für ein einzelnes drittes Geschlecht im biologischen oder sozialen Sinn, sondern vermerkt den Umstand, dass die Person nicht eindeutig eingeordnet ist und formaljuristisch kein Geschlecht hat. Am 8. November 2017 verpflichtete das deutsche Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber, bis Ende 2018 einen dritten Geschlechtsbegriff neben männlich und weiblich im Geburtenregister zu ermöglichen oder allgemein auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten.[19]
  • In Malta wird nach den Änderungen durch das Gesetz „Gender Identity, Gender Expression and Sex Characteristics Act, 2015“ nunmehr gemäß Art. 278 des Zivilgesetzbuches die Angabe des Geschlechts eines Kindes im Geburtseintrag zurückgestellt, bis die Geschlechtsidentität des Minderjährigen geklärt ist, und wird nach § 9 (2) des genannten Gesetzes eine ausländische Geschlechtsangabe auch dann anerkannt, wenn sie nicht weiblich oder männlich lautet; auch das Fehlen einer Geschlechtsangabe wird nach dieser Bestimmung anerkannt.[20]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht. Friedrich, Leipzig 1898.
  • Ute Scherb: Ich stehe in der Sonne und fühle, wie meine Flügel wachsen. Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an der Freiburger Universität von 1900 bis zur Gegenwart. Helmer, Königstein/Taunus 2002, ISBN 3-89741-117-2 (Besprechung).

Belletristik:

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Film und Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lucía Puenzo: XXY Argentinien 2007 (ähnliches Thema wie der Roman Middlesex).
  • Im Star-Trek-Universum treten einige außerirdische Spezies auf, die vom zweifachen Geschlechtssystem abweichen.[21] So hat die in Star Trek: Raumschiff Voyager auftretende Spezies 8472 fünf Geschlechter. Die Rigelianer, welche in verschiedenen Serien auftreten, kennen ebenfalls mehrere Geschlechter, wobei nicht klar ist, ob es sich um vier oder fünf handelt.[22] Bei Star Trek: Enterprise treten die Vissianer auf, die als drittes Geschlecht den Cogenitor kennen.[23]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Transgender – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernest Bornemann: Drittes Geschlecht. In: derselbe: Sexuallexikon. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 1969. (gemeinfrei, als kostenloses eBook erh.)
  2. Platon: Symposion 189d–190b. Siehe dazu Bernd Manuwald: Die Rede des Aristophanes (189a1–193e2). In: Christoph Horn (Hrsg.): Platon: Symposion, Berlin 2012, S. 89–104, hier: 93f.
  3. Paul Münch: homines tertii generis. (PDF; 185 kB).
  4. Linda Maria Koldau: Ille cum, tu sine – Der Kampf um die Männlichkeit bei den Kastraten des 18. Jahrhunderts. 2. Tagung AIM Gender, S. 4 (PDF; 82 kB; 17 Seiten).
  5. Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin.
  6. Quellenangabe zu Oskar Sahlberg. In: schwulencity.de. Abgerufen am 10. Mai 2014.
  7. Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht. Österreichische Nationalbibliothek, Wien 1898 (online mit PDF-Download).
  8. http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-gloriahose-und-andere-novellen-4536/2
  9. Céline Grünhagen: Transgender in Thailand. Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys. In: Religion und Politik im gegenwärtigen Asien. Konvergenzen und Divergenzen. Lit Verlag, Berlin/Münster 2013, S. 71–74.
  10. Peter A. Jackson: Bangkok’s Early Twenty-First-Century Queer Boom. In: Queer Bangkok. 21st Century Markets, Media, and Rights. Hong Kong University Press, Hongkong 2011, ISBN 978-988-8083-04-6, S. 37.
  11. Megan Sinnott: Toms and Dees. Transgender Identity and Female Same-Sex Relationships in Thailand. S. 5–7, 26.
  12. Arn Sauer, Jana Mittag: Geschlechtsidentität und Menschenrechte im internationalen Kontext. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 8. Mai 2012, abgerufen am 10. Mai 2014.
  13. Englische Wikinews: Bangladesh government makes Hijra an official gender option. In: Wikinews. 11. November 2013, abgerufen am 10. Mai 2014.
  14. Rebecca Joseph: Canadian Passports to have ‘X’ gender starting Aug. 31. In: Global News. 24. August 2017
  15. Mattha Busby: Canada introduces gender-neutral „X“ option on passports. In: The Guardian. 31. August 2017
  16. siehe Datensatz für das Meldewesen der Koordinierungsstelle für IT-Standards (KoSIT)
  17. s. OLG Celle, Beschluss vom 21. Januar 2015 (Az. 17 W 28/14); BGH, Beschluss vom 22. Juni 2016 (Az. XII ZB 52/15)
  18. Das noch nicht definierte Geschlecht: Eine (stille) Revolution _ nicht nur im Personenstandswesen!
  19. Jens Witte und Jean-Pierre Ziegler: Stärkung des dritten Geschlechts. Spiegel online vom 8. November 2017
  20. [1]
  21. Wiki-Eintrag: Geschlecht. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.
  22. Wiki-Eintrag: Rigelianer. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.
  23. Wiki-Eintrag: Vissianischer Cogenitor. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.