Drittes Geschlecht

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Als drittes Geschlecht werden Personen bezeichnet oder bezeichnen sich Personen selber, die sich nicht in das binäre Geschlechtssystemmännlich“ und „weiblich“ einordnen lassen (wollen). Das „dritte Geschlecht“ gilt heute als Variante der nichtbinären Geschlechtsidentitäten. Die Begrifflichkeiten sind nicht deckungsgleich, da „nichtbinär“ unter anderem auch Personen beinhaltet, welche die Zuschreibung eines Geschlechts und damit die Bezeichnung „drittes Geschlecht“ für sich ablehnen (genderfluid, bigender, neutrois). In einigen Gesellschaften gibt es neben „Mann“ und „Frau“ andere Bezeichnungen für spezielle Gruppen von Personen, die von dieser Einteilung abweichen, teils im biologischen Sinne als intersexuell, teils als eigene Geschlechtsidentität (siehe unten).

Die Bezeichnung erhielt eine Verbreitung im deutschen Sprachraum durch den Schriftsteller Ernst von Wolzogen in seinem Roman Das dritte Geschlecht (1899), als er darin eine bisexuelle Frau beschrieb (eine sexuelle Orientierung). Hierbei ist das Geschlecht im biologischen Sinn festgelegt, aber es besteht eine davon abweichende, jedoch gesunde Geschlechtsidentität. Vertreter der modernen Queer-Theorie und der Transgender-Bewegung benutzen die Bezeichnung „drittes Geschlecht“ im Sinne einer queeren Identität.

In Deutschland gibt es formaljuristisch Personen mit unbestimmtem Geschlechtsmerkmal. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten ICD-10-GM-2014 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt in Kapitel XVII (Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien) auch angeborene Fehlbildungen der Genitalorgane, insbesondere ein „unbestimmtes Geschlecht und Pseudohermaphroditismus“. Gesellschaftlich ist das Thema Bestandteil kontroverser Diskussionen. Darüber hinaus gibt es Fälle von Sexualdifferenzierungsstörung oder Geschlechtsidentitätsstörung.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fremde Menschen – Androgyn – Illustration eines Zwischengeschlechtlichen in der Nürnberger Chronik (Hartmann Schedel, 1493)

In Platons Symposion erzählt der Komödiendichter Aristophanes von den Kugelmenschen. Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere – die andrógynoi – hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte. Die rein männlichen Kugelmenschen stammten ursprünglich von der Sonne ab, die rein weiblichen von der Erde, die androgynen vom Mond.[1]

In der europäischen Kulturgeschichte erhielten Gesangskastraten die falsche Benennung homines tertii generis (Menschen des dritten Geschlechts).[2] In seiner autobiografischen Dichtung Frutti del mondo schreibt der Kastrat Filippo Balatris im Jahr 1735: „… obwohl ich doch ein Neutrum bin, ein Hauptwort mit dem Artikel ‚das‘.“[3]

Théophile Gautiers Roman Mademoiselle de Maupin (1835) handelt von einer bisexuellen Sängerin, die an der Pariser Oper in Männerrollen auftritt. Die Protagonistin erkennt die – im Vergleich zu Frauen – größeren Entfaltungsmöglichkeiten der Männer. Sie verkleidet sich als Mann und hat Liebeserlebnisse mit Männern und Frauen. Ihre Erlebnisse fasst die Sängerin in dem Satz zusammen: Je suis d’un troisième sexe à part qui n’a pas encore de nom.[4] In der deutschen Übersetzung lautet der Satz: „Ich gehöre einem dritten, besonderen Geschlecht an, das noch keinen Namen hat.“[5]

Die österreichische Schriftstellerin Elsa Asenijeff bezeichnete in ihrer 1898 erschienenen Schrift Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht „emancipierte Weiber“, welche angeblich danach streben, wie ein Mann zu leben, als hors-sexe (außerhalb des Geschlechts) oder als das dritte Geschlecht.[6]

Ernst von Wolzogen zeichnete in seinem 1899 erschienenen satirischen[7] Roman Das dritte Geschlecht, der in München spielt, mit der Protagonistin Claire de Vries das Bild der studierenden Geliebten, die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter verweigert.

Die Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir (1908–1986) bezeichnete Frauen nach der Menopause, in der sie die Empfängnisfähigkeit verlieren und die Sexualität dann zeugungslos wird, als ein drittes Geschlecht.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hijra im Panscheel Park in Neu-Delhi (Indien 1994)

In verschiedenen zeitgenössischen Philosophieströmungen – vor allem feministischer Prägung – wird Geschlecht nicht als durch biologische Bedingungen vorgegebene ontologische oder „natürliche“ Tatsache gesehen, sondern als ein soziokulturell geprägtes Konstrukt: Gender als „soziales Geschlecht“. Von der Gender-Forschung werden auch der Geschlechterdualismus und Heteronormativität kritisch betrachtet. In diesem Zusammenhang wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Bezeichnung „drittes Geschlecht“ durch Vertreter der Queer-Theorie und der Transgender-Bewegung wiederentdeckt. Die queere oder nichtbinäre Geschlechtsidentität wird ab den 2010er-Jahren vergleichbar zu einem dritten Geschlecht betrachtet, statt ausgegrenzt zu werden als transgender oder intersexuell. In einigen Kulturen wird ein drittes soziales Geschlecht neben der Einordnung in „Mann“ und „Frau“ als üblich angesehen (siehe auch Ethnologische Aspekte von Geschlechtsidentität):[8]

  1. Amarete – Bolivien: Ort mit zehn sozialen Geschlechtern (Kombinationen von Mann/Frau)
  2. Bakla – Philippinen: Cross-Gender-Männer
  3. Bissu, Makkunrai, Calabai – Sulawesi: drei von fünf sozialen Geschlechtern bei der Volksgruppe der Bugis
  4. Burrnesha – Albanien: „eingeschworene Jungfrau“ als Familienleiter
  5. Faʻafafine – Samoa: Erziehung eines männlichen Kindes zur Frau
  6. Fakaleiti – Tonga: Cross-Gender-Männer
  7. Galloi – Antike: Transgender-Priester(innen) der Göttin Kybele
  8. Hijra – Indien, Pakistan und Bangladesch: offiziell als drittes Geschlecht anerkannte Transgender- und transsexuelle Personen im kultischen Dienst der Muttergöttin Bahuchara Mata
  9. Kathoey – Thailand: Ladyman, Ladyboy oder Shemale und umgekehrt die Tom (teilweise „drittes Geschlecht“)[9][10][11]
  10. MāhūHawaii und Französisch-Polynesien: Cross-Gender-Männer[12][13]
  11. Meti, Kothi – Nepal: als drittes Geschlecht angesehene Transfrauen
  12. Muxe – Südmexiko: ein drittes Geschlecht
  13. Two-Spirit (Berdache) – Nordamerika: ein drittes Geschlecht bei indigenen Völkern

Rechtliche Existenz eines unbestimmten Geschlechtsmerkmals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltkarte der rechtlichen Anerkennung eines nichtbinären oder „dritten“ Geschlechts:
  • nichtbinäres/drittes Geschlecht als freiwillige Wahl
  • bedingungsabhängig für intersexuelle Personen
  • verpflichtend für intersexuell Geborene, und bedingungsabhängig wählbar
  • verpflichtend für intersexuell Geborene
  • ohne rechtliche Anerkennung oder ohne Daten
  • Von folgenden Staaten ist bekannt, dass sie ein unbestimmtes Geschlecht anerkennen und in Reisepässen als Geschlechtsmerkmal ein „X“ vorsehen:[14]

    1. Argentinien (2012)
    2. Australien (2003)
    3. Bangladesch (2013)
    4. Chile (2018)[15]
    5. Dänemark
    6. Deutschland (2018)
    7. Indien (2014)[14]
    8. Island (2019)[16]
    9. Kanada (2017)[17][18]
    10. Kenia (2014)[14]
    11. Kolumbien
    12. Malta (2015)
    13. Nepal (2015)
    14. Neuseeland (2012)
    15. Niederlande (2018)[19][20]
    16. Österreich (2018)[21]
    17. Pakistan (2009)
    18. Uruguay (2018)[22]
    19. USA: mehrere Bundesstaaten

    Beispiele für den rechtlichen Umgang mit Menschen ohne eindeutige Geschlechtszuordnung [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Oktober 2018: „Aktion Standesamt 2018“, Abschlussveranstaltung vor dem deutschen Bundeskanzleramt

    Deutschland/Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Personen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ bilden seit Ende 2018 im deutschen Recht – gemeinsam mit denjenigen, deren Geschlecht personenstandsrechtlich offen gelassen wurde – eine eigene Geschlechtskategorie, die gesetzlich so umschrieben wird, dass diese Personen „weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet“ sind (vergleiche Nichtbinäre Geschlechtsidentität). Diversgeschlechtliche Menschen können ein „X“ als Geschlechtsangabe im Reisepass erhalten.

    In Österreich gelten seit Anfang 2019 ähnliche Bestimmungen.

    Malta[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Kennzeichnung einer Unisex-Toilette in Valletta (Malta 2016)

    Auf der Insel Malta wird seit 2015 nach den Änderungen durch das Gesetz Gender Identity, Gender Expression and Sex Characteristics Act gemäß Artikel 278 des Zivilgesetzbuches die Angabe des Geschlechts eines Kindes im Geburtseintrag zurückgestellt, bis die Identität des Geschlechts des Minderjährigen geklärt ist. Nach § 9 (2) des Gesetzes wird eine ausländische Geschlechtsangabe auch dann anerkannt, wenn sie nicht „weiblich“ oder „männlich“ lautet; auch das Fehlen einer Geschlechtsangabe wird nach dieser Bestimmung anerkannt.[23]

    Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    • Hermaphroditismus (Zwittertum: biologischer Zustand von doppeltgeschlechtlichen Individuen)

    Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    • Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht. Friedrich, Leipzig 1898.
    • Ute Scherb: Ich stehe in der Sonne und fühle, wie meine Flügel wachsen. Studentinnen und Wissenschaftlerinnen an der Freiburger Universität von 1900 bis zur Gegenwart. Helmer, Königstein/Taunus 2002, ISBN 3-89741-117-2 (Besprechung).

    Belletristik:

    Film und Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    • Lucía Puenzo: XXY Argentinien 2007 (ähnliches Thema wie der Roman Middlesex).
    • Im Star-Trek-Universum treten einige außerirdische Spezies auf, die vom zweifachen Geschlechtssystem abweichen.[25] So hat die in Star Trek: Raumschiff Voyager auftretende Spezies 8472 fünf Geschlechter. Die Rigelianer, welche in verschiedenen Serien auftreten, kennen ebenfalls mehrere Geschlechter, wobei nicht klar ist, ob es sich um vier oder fünf handelt.[26] Bei Star Trek: Enterprise treten die Vissianer auf, die als drittes Geschlecht den Cogenitor kennen.[27]

    Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Commons: Transgender – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

    Klassiker:

    Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    1. Platon: Symposion 189d–190b. Siehe dazu Bernd Manuwald: Die Rede des Aristophanes (189a1–193e2). In: Christoph Horn (Hrsg.): Platon: Symposion, Berlin 2012, S. 89–104, hier: 93f.
    2. Paul Münch: homines tertii generis. (PDF; 185 kB).
    3. Linda Maria Koldau: Ille cum, tu sine – Der Kampf um die Männlichkeit bei den Kastraten des 18. Jahrhunderts. (Memento vom 6. Januar 2007 im Internet Archive) 2. Tagung AIM Gender, S. 4 (PDF; 82 kB; 17 Seiten).
    4. Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin (französisch).
    5. Quellenangabe zu Oskar Sahlberg. In: schwulencity.de. Abgerufen am 10. Mai 2014.
    6. Elsa Asenijeff: Aufruhr der Weiber und das Dritte Geschlecht. Österreichische Nationalbibliothek, Wien 1898 (online mit PDF-Download).
    7. gutenberg.spiegel.de
    8. Siehe auch die Liste von UN Free & Equal im Eintrag „LGBT/LGBTI“: Definitions. In: UNFE.org. Ohne Datum, abgerufen am 22. Januar 2020 (englisch); Zitat: „[…] different cultures use different terms to describe people who have same-sex relationships or who exhibit non-binary gender identities (such as hijra, meti, lala, skesana, motsoalle, mithli, kuchu, kawein, travesty, muxé, fa’afafine, fakaleiti, hamjensgara and two-spirit)“.
    9. Céline Grünhagen: Transgender in Thailand: Die religiöse und gesellschaftspolitische Bewertung der Kathoeys. In: Edith Franke, Katja Triplett (Hrsg.): Religion und Politik im gegenwärtigen Asien: Konvergenzen und Divergenzen. Lit, Berlin/Münster 2013, ISBN 978-3-643-12279-7, S. 67–84, hier S. 71–74 (englisch; Seitenansichten in der Google-Buchsuche).
    10. Peter A. Jackson: Bangkok’s Early Twenty-First-Century Queer Boom. In: Queer Bangkok: 21st Century Markets, Media, and Rights. Hong Kong University Press, Hongkong 2011, ISBN 978-988-8083-04-6, S. 37 (englisch).
    11. Megan Sinnott: Toms and Dees: Transgender Identity and Female Same-Sex Relationships in Thailand. S. 5–7 und 26 (englisch).
    12. Roberta Perkins: Like a Lady in Polynesia: The Māhū of Tahiti, the Fa'a Fafine in Samoa, the Fakaleiti in Tonga and More. In: Polare Edition 3. März 1994 (englisch; Review-Version vom September 2015 auf gendercentre.org.au (Memento vom 24. September 2015 im Internet Archive)).
    13. University of Hawaiʻi at Mānoa: Gender Identity and Sexual Identity in the Pacific and Hawai'i: Introduction. 5. November 2019, abgerufen am 10. November 2019 (englisch; ausführliche Materialien).
    14. a b c Ines Eisele: Intersexualität: Viele Länder kennen drittes Geschlecht. In: Deutsche Welle. 8. November 2017, abgerufen am 28. November 2019.
    15. Meldung: Durchbruch: Freie Geschlechtswahl in Chile. In: Queer.de. 13. September 2018, abgerufen am 28. November 2019.
    16. Helena Werhahn: Namensgebung in Island: Nicht mehr nur Sohn und Tochter. In: taz.de. 4. Juli 2019, abgerufen am 28. November 2019.
    17. Rebecca Joseph: Canadian Passports to have ‘X’ gender starting Aug. 31. In: Global News. 24. August 2017, abgerufen am 10. November 2019 (englisch).
    18. Mattha Busby: Canada introduces gender-neutral “X” option on passports. In: The Guardian. 31. August 2017, abgerufen am 10. November 2019 (englisch).
    19. Meldung: Niederlande vereinfachen Personenstands- und Vornamensänderung. Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti). 11. April 2019, abgerufen am 10. November 2019; Zitat: „Leonne Zeegers hatte sich im Oktober 2018 in einem langen Gerichtsprozess den ersten niederländischen Reisepass mit der Angabe x erstritten.“
    20. Gerichtlich zuerkannte Angabe für eine erwachsene nichtbinäre transidente Person: „Geschlecht konnte nicht festgestellt werden“ in der Meldung: Rechtbank oordeelt dat de tijd rijp is voor erkenning van een derde gender. In: rechtspraak.nl. 28. Mai 2018, abgerufen am 10. November 2019 (niederländisch; „Gericht urteilt, dass die Zeit für ein drittes Geschlecht reif ist“).
    21. Meldung: Drittes Geschlecht: VfGH ordnet Eintragung in Urkunden an. In: news.ORF.at. 29. Juni 2018, abgerufen am 10. November 2019.
    22. Offizieller uruguayischer Gesetzestext: Ley integral para personas trans. Uruguayisches Ministerium für soziale Entwicklung, 26. Oktober 2018 (spanisch; PDF: 4 MB, 10 Seiten auf presidencia.gub.uy).
    23. Marie Louisecoleiro Preca, President: ACT No. XI of 2015. 14. April 2015 (englisch; PDF: 680 kB, 12 Seiten auf tgeu.org).
    24. holistischespanoptikum.wordpress.com
    25. Wiki-Eintrag: Geschlecht. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.
    26. Wiki-Eintrag: Rigelianer. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.
    27. Wiki-Eintrag: Vissianischer Cogenitor. In: Memory Alpha. Ohne Datum, abgerufen am 10. Mai 2014.