Urtext

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Als Urtext bezeichnet man die Urfassung eines Textes[1] oder eines größeren Werkes, insbesondere aus der Antike oder den frühen Hochkulturen. Im Zusammenhang mit Übersetzungen bezeichnet Urtext den Wortlaut in der Ausgangssprache.[1] Auch bei der Edition musikalischer Werke kann sich die Frage nach dem Urtext stellen.

Urfassung literarischer Werke und religiöser Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom Urheber selbst angefertigte oder kontrollierte Niederschriften (Autographen) sind aus früheren Jahrhunderten nur extrem selten erhalten. Die Rekonstruktion von ursprünglicheren Fassungen aus späteren Abschriften ist Aufgabe der Textkritik. Dabei hat die Erkenntnis ernüchternd gewirkt, dass die Rekonstruktion bis zu den eigentlichen Urfassungen (Autorfassungen) in aller Regel nicht zurückreichen kann. Von der Vorstellung autorisierter, authentischer Urtexte für frühe Kulturepochen hat man sich verabschieden müssen. Vor der Entwicklung des modernen Autorbegriffs wurden keine Texte produziert, die als unveränderliche, fertige Werke galten.

Die Forschung nach Urtexten hat sich historisch zuerst bei kulturell kanonischen Texten (Homer, Alexandrinische Schule) und den kultisch sanktionierten Schriften der großen Buchreligionen (z. B. masoretischer Text des Tanach) entwickelt. Sie ist bis heute bei religiösen Schriften wichtig, weil besonders hier die Vorstellung von göttlicher Offenbarung und der unangreifbaren Einsetzung von Glaubenslehren und religiösen Geboten sich in der Vorstellung von „echten“ Texten konkretisiert. Aus der „Richtigkeit“ und „Authentizität“ von Texten und Textfassungen leiten sich für Glaubensgemeinschaften manche Konsequenzen für den Glauben oder für historische Querverbindungen ab (siehe z. B. Lukanisches Datum).

Im Islam herrscht die Vorstellung vor, dass der Koran das unverändliche Wort Gottes sei, das dem Propheten Mohammed vom Erzengel Gabriel wörtlich diktiert wurde. Die meisten Korangelehrten lehnen daher die Anwendung historisch-kritischer Methoden auf den Korantext ab. Die Frage nach einem Urtext des Korans ist für gläubige Muslime unverständlich.

Bei profanen Texten der Frühzeit (Geschichtsschreibung, Dichtung) haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts neue Modelle herausgebildet (z. B. New Philology), die nicht mehr von einem verbindlichen Original ausgehen, sondern nach der jeweiligen Funktion der verschiedenen Textfassungen fragen.

Die Bezeichnungen Urtext und Original werden von den meisten Textwissenschaften heute gemieden und durch präzisere Begriffe wie Autograph oder Archetyp ersetzt. Mit Archetyp wird das Original eines Schriftwerks im Gegensatz zu Abschriften bezeichnet, speziell auch die älteste überlieferte oder erschließbare Fassung einer Handschrift oder eines Druckes.[2]

Urtext bei Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit „die Bibel im Urtext lesen“ ist zumeist gemeint: das Alte Testament in hebräischer Sprache lesen, das Neue Testament in griechischer Sprache lesen. Davon zu unterscheiden ist die Suche nach einem „Urtext“ der biblischen Bücher im Sinne einer zu rekonstruierenden originalen, ersten Textfassung (vgl. voriger Abschnitt).

Bei der Übersetzung von Werken aus frühen Kulturen in heutige Sprachen ist eine Kooperation zwischen kulturgeschichtlichen Fächern (z. B. Archäologie) und den Sprachforschern unerlässlich für eine sinn- und sprachgetreue Übertragung.

Urtext bei musikalischen Werken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Bezug auf Musikwerke wird der Begriff Urtext für Ausgaben verwendet, die nach den Quellen neu angefertigt wurden. Ob eine textkritische oder gar spielpraktische Bearbeitung des Notentextes stattgefunden hat, geht aus der Bezeichnung Urtext nicht hervor. Ferner suggeriert der Begriff Urtext, dass es eine bestimmte erste Fassung des Musikwerkes gebe, die detailgenau erschlossen worden sei. Gelegentlich wird daher gefordert, bei musikalischen Werke nicht mehr von Urtext zu sprechen und den Begriff kritische Edition vorzuziehen.

In der Tat ist es in vielen Fällen schwer oder sogar unmöglich, editorische Entscheidungen allgemeingültig zu treffen. Ausgangspunkt für die Erschließung eines möglichst glaubwürdigen Notentextes ist die Bewertung der Quellenlage und der einzelnen Quellen. Ist der Erstdruck glaubwürdiger als das Autograph? Hat der Verleger den Notentext korrumpiert? Ist der Druck eine zwar überarbeitete, aber vom Komponisten autorisierte Fassung? Schon bei solchen allgemeinen Fragen kann es zu unterschiedlichen Beurteilungen kommen, auch wenn Hintergrundinformationen zum Entstehungsprozess des Werkes sorgfältig berücksichtigt wurden. Weitere Zweifel ergeben sich bei den Details des Notentextes. Für den Begriff kritische Edition spricht in diesem Zusammenhang, dass er auf das wissenschaftliche Verfahren und auf die Notwendigkeit editorischer Entscheidungen hinweist. Gleichwohl hat sich der Begriff Urtext etabliert. In der Praxis dürfte eine Unterscheidung beider Begriffe von geringer Relevanz sein.

Es liegt auf der Hand, dass der kritische editorische Prozess der Dokumentation bedarf. Erst die lückenlose Darstellung der Entscheidungen, der Verfahrensweisen und der Lösung ermöglicht dem Leser genaue Einblicke in die textbezogene Arbeit. Einige führende Verlage, die den Begriff des Urtextes auch heute noch führen, wie Henle oder Wiener Urtext, geben detailliert Rechenschaft über die editorischen Entscheidungen und ihren Bezug zu den verwendeten Quellen. In manchen Einzelausgaben ist jedoch kein kritischer Apparat angeführt, so dass dieser über die jeweilige Gesamtausgabe oder über die Internetseite des Verlages bezogen werden muss.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Urtext – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Duden online: Urtext
  2. Duden online: Archetyp