Tag der Befreiung

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Generaloberst Alfred Jodl, zuvor von Karl Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet am 7. Mai 1945 in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, die am 8. Mai in Kraft trat

Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung in verschiedenen europäischen Ländern ein Gedenktag, an dem der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus in Europa gedacht wird. Vor allem in englischsprachigen Ländern wird er VE-Day (Victory in Europe Day) genannt. In der DDR war er von 1950[1] bis 1967 und im Jahr 1985 (40. Jahrestag) gesetzlicher Feiertag.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Verhandlungen im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte (SHAEF) in Reims wurde am 7. Mai die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte vereinbart und diese dort vertraglich unterzeichnet. Als Zeitpunkt für die Einstellung aller Kampfhandlungen in Europa wurde der 8. Mai, 23:01 Uhr festgelegt.[2]

Aus protokollarischen Gründen erfolgte am späten Abend des 8. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst (heute Deutsch-Russisches Museum) durch die Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte der Wehrmacht eine Gegenzeichnung der Kapitulationserklärung. Diese zog sich bis kurz nach Mitternacht hin. Da es zu diesem Zeitpunkt auf Grund der Zeitzonen in Moskau bereits zwei Stunden später war, also 00:01 Uhr, wird in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten der 9. Mai als Tag des Sieges begangen.

Eine Teilkapitulation der drei in Nordwestdeutschland operierenden deutschen Armeen wurde bereits am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg bei Wendisch Evern gegenüber dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery erklärt, die am folgenden Tag um 8 Uhr in Kraft trat. Die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation wie auch die Teilkapitulation waren zuvor durch den letzten Reichspräsidenten Karl Dönitz, der sich mit der letzten Reichsregierung nach Flensburg-Mürwik abgesetzt hatte, autorisiert worden. Der Sonderbereich Mürwik wurde erst am 23. Mai besetzt und die dortige Regierung verhaftet.

Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundespräsident Richard von Weizsäcker, 1984

Im Gegensatz zur DDR war der 8. Mai in der frühen Bundesrepublik Deutschland kein Bezugspunkt in der Erinnerungspolitik und erfuhr auch ansonsten wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Der 8. Mai 1955 wurde vom Inkrafttretens der Pariser Verträge (5. bis 9. Mai 1955) und der damit wiedererlangten Souveränität überschattet. Der zehnte Jahrestag der militärischen Kapitulation wurde in diesem Kontext zwar erwähnt „als Anfang einer Entwicklung, die mit dem Wiedererlangen der Souveranität endete, nicht aber als eigenständiges Datum“.[3] Als erste Bundesregierung gab die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt am 8. Mai 1970 eine offizielle Regierungserklärung anlässlich des 25. Jahrestages im Deutschen Bundestag ab.[4] Vertreter der CDU/CSU-Opposition versuchten dies zu verhindern und erklärten „Niederlagen feiert man nicht“ und „Schande und Schuld verdienen keine Würdigung“.[5] Bereits anlässlich des 20. Jahrestages hatte der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard eine Erklärung im Rundfunk und Fernsehen verlesen, in der er anlässlich des „Tag der deutschen Kapitulation“ betonte, dass dem „militärischen Zusammenbruch“ ein „geistiger und moralischer Verfall vorausgegangen“ sei. Anlass den „8. Mai als einen Gedenktag der Befreiung zu feiern“ sah er nicht, da mit der „Niederwerfung Hitler-Deutschlands Unrecht und Tyrannei [nicht] aus der Welt getilgt worden“.[6]

In den 1970er Jahren verstärkte sich die Aufmerksamkeit für den 8. Mai als politischen Gedenktag deutlich, von einer allgemeinen Anerkennung dieser Bedeutung lässt sich nach Einschätzung von Peter Hurrelbrink jedoch erst am 40. Jahrestag, dem 8. Mai 1985 sprechen: „Zum ersten Mai wurde in der Bundesrepublik ein Jahrestag des 8. Mai von einer ebenso umfangreichen wie kontroversen Debatte begleitet“.[7] Der Deutsche Bundestag veranstaltete auf hohem protokollarischem Niveau eine Gedenkstunde, in deren Zuge der damalige Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in einer Rede den 8. Mai als „Tag der Befreiung [...] von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete.[8]

Seit 1985 wurde in der Bundesrepublik verstärkt darüber diskutiert, wofür der 8. Mai 1945 steht: für die totale militärische Niederlage Deutschlands oder für seine Befreiung vom Nationalsozialismus. Während in der Nachkriegszeit der Aspekt der Niederlage im Vordergrund stand, hat der Aspekt der Befreiung zunehmend an Gewicht gewonnen. Historisch haben die Alliierten allerdings nicht gegen das Deutsche Reich Krieg geführt, um es zu befreien, sondern um es militärisch zu besiegen. Befreit im Wortsinne durch alliierte Truppen wurden Hunderttausende aus politischen, rassischen, religiösen u. a. Gründen Gefangene in den Zuchthäusern, Konzentrations- und Vernichtungslagern und auch nichtinhaftierte Menschen, welche mit der NSDAP-Diktatur nicht konform gingen und teilweise aus dem Untergrund gegen diese kämpften.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am 8. Mai 2000: „Niemand bestreitet heute mehr ernsthaft, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung gewesen ist – der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, von Völkermord und dem Grauen des Krieges.“[9]

Nach Einschätzung des Historikers Hubertus Knabe muss bei der Anwendung des Begriffs Tag der Befreiung zudem zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden werden, da die Ostdeutschen erst ab 1989 die Chance erhalten hätten, eine Demokratie aufzubauen. Josef Stalin habe zwar entscheidend dazu beigetragen, den Nationalsozialismus militärisch zu besiegen, den Sieg aber dazu benutzt, seine eigene Diktatur zu errichten.[10]

Seit dem 8. März 2002 ist der 8. Mai im Land Mecklenburg-Vorpommern staatlicher Gedenktag als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges.[11] 2005 fand in Berlin anlässlich des 60. Jahrestags ein „Tag der Demokratie“ statt.

Seit 2015 ist der 8. Mai in Brandenburg offizieller Gedenktag.[12]

Deutsche Demokratische Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Veranstaltungen zu diesem 1950 auf Beschluss der Volkskammer eingeführten Feiertag, der in der DDR als Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus[13] gefeiert wurde, wurde die besondere Bedeutung der Roten Armee am Kriegsende in Deutschland hervorgehoben, während der Beitrag der westlichen Alliierten dazu weniger Beachtung fand. 1967 wurde im Zuge der Einführung der Fünf-Tage-Woche der Tag zusammen mit anderen Feiertagen wieder zum Werktag. Allerdings fanden auch weiterhin jedes Jahr bis zum Ende der DDR offizielle Veranstaltungen statt. Zum 30. Jahrestag des Kriegsendes (1975) wurde nach sowjetischem Vorbild der Tag des Sieges (also der 9. Mai) vom Zentralkomitee der SED zum arbeitsfreien Feiertag erklärt. 1985 wurde zum 40. Jahrestag noch einmal der 8. Mai als echter Feiertag begangen.

Niederlande[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Niederlanden wird der Bevrijdingsdag am 5. Mai begangen. An diesem Tag verhandelten 1945 der kanadische General Charles Howard Foulkes und der deutsche Oberbefehlshaber Johannes Blaskowitz im Beisein von Prinz Bernhard als Kommandant der inländischen Streitkräfte in den Ruinen des weitgehend zerbombten Hotel de Wereld in Wageningen über die Kapitulation der Wehrmachtseinheiten in dem noch besetzten Teil der Niederlande. Blaskowitz erbat sich 24 Stunden Bedenkzeit. Am 6. Mai 1945 wurden die vorbereiteten Kapitulationsbedingungen für das Gebiet des „Reichskommissariats Niederlande“ in der nahe dem Hotel gelegenen Aula der Landbauhochschule unterzeichnet.

Im Jahr 2012 sprach Bundespräsident Joachim Gauck als erster Deutscher anlässlich des Tags der Befreiung in den Niederlanden.[14]

VE-Day in englischsprachigen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonderausgabe von Stars and Stripes zur Kapitulation am 8. Mai 1945

Der VE-Day (englisch Victory in Europe Day – „Tag des Sieges in Europa“) bezeichnet in englischsprachigen Ländern das Ende des Zweiten Weltkrieges als Tag der Befreiung in Europa. Rund drei Monate später erfolgte nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki die bedingungslose Kapitulation des Kaiserreichs Japan. Mit dem „Kaiserlichen Erlass zur Beendigung des Großostasiatischen Kriegs“ vom 15. August 1945 endete der Pazifikkrieg und damit auch der Zweite Weltkrieg. Für diesen Tag wurde in Abgrenzung zum VE-Day die Bezeichnung Victory over Japan Day geprägt.

Andere Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Feierlichkeiten am 8. Mai 2010 in Reims (Frankreich)

Auch in anderen am Zweiten Weltkrieg beteiligten Staaten wird der Jahrestag des Kriegsendes in Europa als Feiertag begangen, so in Frankreich, Tschechien und der Slowakei. In der Sowjetunion wurde am 9. Mai der Tag des Sieges als gesetzlicher Feiertag begangen, da die Kapitulation gegenüber der Roten Armee erst nach Mitternacht MEZ erfolgte und zudem der Waffenstillstand nach Moskauer Ortszeit erst am 9. Mai in Kraft trat. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der 9. Mai – als Tag des Sieges – in einigen ihrer Nachfolgestaaten als gesetzlicher Feiertag beibehalten.

In Italien wird der Tag der Befreiung Italiens am 25. April begangen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standorte der Alliierten am 8. Mai

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Huneke: „Vorher war der 8. Mai 1945 ein bloßes Datum …“ Erinnerungskultur im Unterricht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 57 (2006), H. 2, ISSN 0016-9056 – 23254, S. 115–132.
  • Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 71–119.
  • Jan-Holger Kirsch: „Wir haben aus der Geschichte gelernt“. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland. Böhlau, Köln/Weimar/Wien, 1999, ISBN 3-412-09798-5.
  • Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland. Propyläen 2005, ISBN 3-549-07245-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tag der Befreiung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gesetz über die Einführung der Feiertage „Tag der Befreiung“ und „Tag der Republik“ vom 21. April 1950 (GBl. S. 355)
  2. Da im Deutschen Reich die Sommerzeit galt, war der Waffenstillstand tatsächlich am 9. Mai ab 0:01 Uhr, hierzu Kapitulationserklärung: Das Papier, das den Krieg beendete, Spiegel Online, Panorama, 8. Mai 2005.
  3. Altenhöner, Florian (1996): Der 8. Mai: (K)ein Feiertag. Zu einer Ausstellung der Fachschaft Geschichte. In: Konvent der Philipps-Universitat Marburg (Hg.): Die Philipps-Universitat im Nationalsozialismus. Veranstaltungen der Philipps-Universitat zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 8. Mai 1995. Marburg, S. 79-94, zitiert nach: Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 78.
  4. Dabei handelte es sich noch nicht um eine Sondersitzung des Deutschen Bundestages anlässlich des Gedenkens, wie es in späteren Jahren üblich wurde, sondern um den letzten Tagesordnungspunkt einer regulären Sitzung. Vgl. Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 85.
  5. Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 83ff.
  6. Erhard, Ludwig (1965): Ein fester Wille zur Vers6hnung. Erklärung des Bundeskanzlers über Rundfunk und Fernsehen zum 20. Jahrestag des Kriegsendes vom 7. Mai 1965. In: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 11.05.1965. Zitiert nach: Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 84.
  7. Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 87.
  8. Weizsäcker, Richard von (1985a): Der 8. Mai 1945 - vierzig Jahre danach. Rede zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945, Deutscher Bundestag am 8. Mai 1985. In: Ders.: Brücken zur Verständigung. Reden. Berlin 1990, S. 31-46. Zitiert nach: Peter Hurrelbrink: Befreiung als Prozess. Die kollektiv-offizielle Erinnerung an den 8. Mai 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und im vereinten Deutschland. In: Gesine Schwan u. a. (Hgg): Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen und Frankreich im Vergleich. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14555-X, S. 89.
  9. Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Ausstellungseröffnung „Juden in Berlin 1938–1945“ im Centrum Judaicum
  10. Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Propyläen, Berlin 2005, ISBN 3-549-07245-7, S. 10 ff.
  11. Gesetz über Sonn- und Feiertage des Landes Mecklenburg-Vorpommern
  12. Brandenburg hat einen neuen Gedenktag Website der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 30. April 2015
  13. Bundeszentrale für politische Bildung: Hintergrund aktuell: 8. Mai 1945
  14. Gauck in den Niederlanden: Respekt vor der Rechtsordnung, Europe Online Magazine. 6. Mai 2012.