Visual snow

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Bei Visual snow handelt es sich um einen Beschwerdekomplex, der durch anhaltendes Bildrauschen im gesamten Gesichtsfeld gekennzeichnet ist. Betroffene sehen viele kleine Punkte, die rasant flimmern, ähnlich dem Rauschen eines analogen Fernsehers. Diese Beschreibung wurde namensgebend für das Erkrankungsbild, das über diese umschriebene visuelle Störung hinausgeht. Häufig wird von einer Assoziation zur Migräne berichtet. So wurde ursprünglich angenommen, dass es sich bei Visual snow um optische Phänomene der Migräneaura handelt.[1] Dies ist nicht der Fall, wie Ergebnisse aktueller Forschung zeigen. Es ist vielmehr von einem eigenständigen Krankheitsbild auszugehen.[2]

Klinische Erscheinungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Typischerweise zeigen klinisch-neurologische und augenärztliche Befunde keine Auffälligkeiten. Um das Krankheitsbild von anhaltenden Auren einer Migräne abzugrenzen, erfolgten Untersuchungen mit einer genauen klinischen Charakterisierung, Erfassung von Begleiterkrankungen und Krankheitsverläufen bei einer größeren Patientengruppe. Basierend darauf wurden folgende Diagnosekriterien postuliert.[3]

Vorgeschlagene Diagnosekriterien des Krankheitsbildes visual snow
A Visual snow: dynamische, kontinuierlich vorhandene kleine Punkte im gesamten binokularen Gesichtsfeld, welche länger als 3 Monate andauern
B Vorhandensein von mindestens zwei weiteren visuellen Symptomen der folgenden vier Kategorien
I Palinopsie (Trugbilder von Objekten, die sich kurz zuvor im Gesichtsfeld befunden haben). Zumindest eines der folgenden: Nachbilder (sich von retinalen Nachbildern unterscheidend) oder „trailing“ (Spuren) bewegter Objekte
II Ausgeprägte entoptische Phänomene. Zumindest eines der folgenden: exzessive Floaters in beiden Augen (fliegende Mücken), „self-light“ des Auges (farbige Wolken, Strudel, Wellen), spontane Photopsie (Wahrnehmung von Blitzen, Funken, Sternchen), oder exzessives Blaufeld-Phänomen (Wahrnehmung unzähliger winziger, sich rasch bewegender Punkte bei Blick in helles blaues Licht, wie z. B. den Himmel)
III Photophobie (Lichtempfindlichkeit)
IV Nyktalopie (beeinträchtigtes Dämmerungssehen)
C Die Symptome stimmen nicht mit typischer visueller Migräneaura überein
D Die Symptome lassen sich nicht besser durch andere Störungen erklären

Zu den Begleiterkrankungen zählen insbesondere verschiedene Formen der Migräne. Auch andere nicht-visuelle Symptome wie unter anderem Tinnitus oder Konzentrationsstörungen werden gehäuft beobachtet.

Ursache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ätiologie (Ursache) von Visual Snow ist bislang ungeklärt. Hinsichtlich der Pathogenese (Entstehung) gibt es verschiedene Überlegungen.

Übererregbarkeitshypothese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein möglicher Erklärungsansatz ist ein Ungleichgewicht zwischen Inhibition und Erregung des visuellen Kortex.[4] Einen Anhaltspunkt gibt die gestörte Wahrnehmung von sowohl Kontrast als auch Helligkeit bei Betroffenen, welche sich in einer gewissen Hinsicht mit einer möglichen Übererregbarkeit des primären visuellen Kortex deckt. Die Hypothese wird ferner gestützt von Ergebnissen bildgebender Verfahren, welche einen hohen Glucoseumsatz und damit einhergehende hohe Aktivität, in bestimmten Arealen im Gehirn aufzeigen. Allerdings gibt es derzeit lediglich genau eine Fallstudie, in der die mutmaßliche Übererregbarkeit des visuellen Kortex mittels EEG direkt nachgewiesen werden konnte.

Rolle des Thalamus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Tragen getönter Brillengläser geht häufig mit einer subjektiven Verbesserung der Symptome einher.[5] Insbesondere bei gefärbten Gläsern, die durchlässig für kurze Wellenlängen des sichtbaren Lichtspektrums (Blau) sind, empfand die Mehrheit der Patienten einer klinischen Studie eine Linderung. Eine vergleichbare Wirkung konnte bereits unter anderem bei Migräne und Epilepsie gezeigt werden.

Farbsignale im blau-gelben Spektrum werden von Neuronen des koniozellulären Systems übertragen. Da bei der Signalverarbeitung solcher Sehreize eine symptomatische Besserung nachgewiesen werden konnte, wird ein positiver regulatorischer Effekt bei Aktivierung des koniozellulären Systems vermutet. Unklar ist, ob eventuell das Blockieren von langwelligem Licht (Rot) und damit verbundener Aktivierung des parvozellulären Systems eine vorrangige Rolle spielt. Ungeachtet der tiefergehenden pathophysiologischen Überlegungen, wird jedoch die Hypothese einer thalamokortikalen Dysrhythmie erwogen.[6] Demnach wird eine Funktionsstörung der Verbindungen im Gehirn, die vom Thalamus zum visuellen Kortex ziehen, vermutet.

Untersuchungsmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Studie aus dem Jahr 2014 wurde mittels PET festgestellt, dass Betroffene eine erhöhte Aktivität im rechten Gyrus lingualis und im linken Lobus anterior cerebelli, zwei Areale im Gehirn, aufweisen.[7] Zuvor waren keine Informationen über eine mögliche Genese bekannt.

Symptome wie Mouches Volantes (fliegende Mücken), Tinnitus oder chronische Müdigkeit (Fatigue), die mit Visual Snow assoziiert sind, können auch bei Borreliose auftreten.[8] Deshalb sollte im Rahmen einer Diagnostik immer auch auf Antikörper gegen Borrelien getestet werden.

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Derzeit gibt es noch keine standardisierte Therapie. In Einzelfällen können Antikonvulsiva (z. B. Lamotrigin) oder Antidepressiva wirksam sein.[4] Außerdem wird das Tragen von getönten Brillen empfohlen.[5]

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jäger HR, Giffin NJ, Goadsby PJ: Diffusion- and perfusion-weighted MR imaging in persistent migrainous visual disturbances. Cephalalgia. 2005 May; 25(5): 323–332. PMID 15839846
  2. CJ Schankin, F. Maniyar, J. Hoffmann, D. Chou, PJ Goadsby: Clinical characterization of „visual snow“ (Positive Persistent Visual Disturbance). In: The Journal of Headache and Pain. Band 14, Nr. 1, 21. Februar 2013, ISSN 1129-2377, S. P132, doi:10.1186/1129-2377-14-s1-p132.
  3. Schankin, CJ, Maniyar, FH, Digre, KB, Goadsby, PJ (2014): ‘Visual snow’ – a disorder distinct from persistent migraine aura. In: Brain doi:10.1093/brain/awu050
  4. a b A. Bou Ghannam, V.S. Pelak: Visual Snow: a Potential Cortical Hyperexcitability Syndrome. In: Current Treatment Options in Neurology. 19, Nr. 9, 27. März 2017, ISSN 1534-3138. doi:10.1007/s11940-017-0448-3.
  5. a b Jenny L. Lauschke a,b, Gordon T. Plant c, Clare L. Fraser (2015): Visual snow: A thalamocortical dysrhythmia of the visual pathway? In: Journal of Clinical Neuroscience 28 (2016) 123–127 doi:10.1016/j.jocn.2015.12.001
  6. Visual Snow Initiative: Visual Snow Conference 2018: Dr. Victoria Pelak. 3. Juli 2018, abgerufen am 15. September 2018.
  7. Christoph J. Schankin, Farooq H. Maniyar, Till Sprenger, Denise E. Chou, Michael Eller, Peter J. Goadsby: The Relation Between Migraine, Typical Migraine Aura and "Visual Snow". In: Headache: The Journal of Head and Face Pain. 54, Nr. 6, 1. Juni 2014, ISSN 1526-4610, S. 957–966. doi:10.1111/head.12378.
  8. Wu G (1986), Balesewicz AA (1988), Aalberg TM (1989), Winward KE (1989), Bienvenot M (1990), Kaufmann DJ (1990), Bienvenot M (1990), Smith JL (2x 1991), Liu AN (1993), Zaidman GW (1993), Berglöff J (1994), Schubert HD (1994), Leys AM (1995), Lesser RL (1995), Gérard P (1996), Mikkila H (1997), Savas R (1997), Meier P (1998), Reed JP (1998), Mikkilä H (1999, 2000), Wade NK, (2000), Cunningham Jr ET (2000), Rothermel H (2001), Fatterpekar GM (2002), Carvounis PE, (2004), Carvounis PE (2004), Pérez de Arcelus M (2008), Mora P (2009), Massimo Accorinti (2009), Sauer A (2009), Norfarizal Ashikin A (2014), Correll MH (2015), Psatta DM (2015), Sathiamoorthi S (2016), Tan CL (2017): Lyme disease, co-infections a.o. and eye infections. In: xerlebnishaft.de. Abgerufen am 1. März 2018 (PDF).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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