Volksglaube

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Astrologie ist fast überall ein typisches Element des Volksglaubens (Symboltafel der chinesischen Astrologie)

Im Allgemeinen versteht man unter Volksglaube die Summe aller religiösen und spirituellen Überzeugungen und Traditionen, die von der Mehrheit einer Bevölkerung für wahr gehalten werden. Sie setzt sich zusammen aus dem „offiziellen“ Glauben im Sinne einer bestimmten Buchreligion, den allgemein verbreiteten Ausdrucksformen der sogenannten „Volksfrömmigkeit“, sowie diversen mündlich überlieferten Mythen, mystischen- und magischen Praktiken. In diesem Sinne ist der Volksglaube ein wesentlicher Bestandteil der Weltanschauung eines Volkes und bestimmt das Denken, Fühlen und Handeln nicht unwesentlich mit.[1]

Aus der Sicht des Klerus und der Theologie werden mit Volksglaube nur solche Phänomene bezeichnet, die nicht durch die Heilige Schriften legitimiert sind und die demnach als heidnisch, ketzerisch oder abergläubisch verdammt werden.[2] Daher wird der Begriff hier auch häufig synonym mit Aberglaube verwendet.[1]

Obwohl die Volksfrömmigkeit nur ein Teil des Volksglaubens ist, werden diese beiden Begriffe (vor allem in der deutschen Volkskunde) häufig nicht scharf voneinander abgegrenzt und synonym benutzt. Auch die unklaren Bezeichnungen Volksreligiosität und Volksreligion werden manchmal gleichbedeutend verwendet.[3]

Besonders in den Glaubensgemeinschaften Süd- und Ostasiens – die als sogenannte „Volksreligionen“ in der Regel fremde ethnisch-religiöse Überlieferungen tolerieren oder gar integrieren – hat der Volksglaube eine große Vielfalt entwickelt und wird ungezwungen gelebt.

Ausdrucksformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Handleser an einer Straße in Indien

Die im Folgenden genannten Phänomene werden vom christlichen Klerus dem Volks-/Aberglauben zugerechnet:[4]

Klassische Erscheinungen
Moderne „esoterische“ (z. T. kommerziell konsumierte) Erscheinungen[1]

Aus der Sicht anderer Weltreligionen würde sich diese Liste „naturgemäß“ ganz anders darstellen!

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der nach wie vor praktizierte Schamanismus in Korea weist historisch nach Sibirien

Die Phänomene des Volksglaubens sind entweder Relikte aus alten ethnisch-religiösen Traditionen, die aus der Zeit vor der Einführung der Amtsreligion stammen; oder sie sind durch Kontakte mit fremden Religionen entstanden.

Regionale Einflüsse, Einflüsse aus anderen Religionen (Synkretismus) und Riten sowie der Zeitgeist erweitern Feste, Kulte, Rituale und Bräuche. Damit bieten sie einen wertvollen Beitrag für das Verständnis einer regionalen Kultur. Die Anzahl „fremdreligiöser“ Elemente in der Volksfrömmigkeit ist regional sehr unterschiedlich (auch innerhalb eines Volkes) und hängt von ethnischen Vermischungen und historisch-synkretistischen Einflüssen durch verdrängte oder verbotene Religionen ab.[5]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff ist wie Volkslied und Volksgeist eines der vielen Komposita auf Volk-, die durch das Werk Johann Gottfried Herders weite Verbreitung fanden. Bei Herder steht das Wort jedoch noch nicht für die Eigenart eines Volkes, sondern quasi als menschliche Universalie: So gilt ihm die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele „als allgemeiner Volksglaube auf der Erde, das Einzige, das den Menschen im Tode vom Thier unterscheidet“, und das Christentum als „Volksglaube […], der alle Völker zu Einem Volk machte.“ Von Herders Vorstellung, dass sich gerade in der gemeinen, von der Aufklärung unberührten Landbevölkerung die charakteristischen Eigenarten eines Volkes in reiner Form zeigten, leitet sich die Aneignung des Begriffs durch die deutsche Romantik her. So verdeutlichte Friedrich Carl von Savigny, der Begründer der historischen Rechtsschule, 1814 in seiner Streitschrift Vom Beruf unserer Zeit seine Rechtsauffassung mit der berühmten Formulierung, dass alles Recht

„erst durch Sitte und Volksglaube, dann durch Jurisprudenz erzeugt wird, überall also durch innere, stillwirkende Kräfte, nicht durch die Willkühr eines Gesetzgebers.[6]

Der „Volksglaube“ ist mithin all das, was das Volk in stiller Übereinkunft von jeher als rechtens empfindet.

Eine negative Konnotation trägt das Wort im Werk von Jacob Grimm, was mit dessen streng protestantischer Weltsicht zusammenhängen mag, die ihm anderen Weltsichten gegenüber nur wenig Verständnis aufzubringen erlaubte.[7] So verwendet er in seiner Deutschen Mythologie „Volksglauben“ unterschiedslos neben „Aberglauben“ für magische Praktiken, in denen er Relikte einer germanisch-vorchristlichen Vorstellungswelt sah. Im Deutschen Wörterbuch wird so zwar zunächst im Herderschen Sinne ausgeführt, Volksglaube bezeichne die im volke lebenden vorstellungen über das verhältnis des menschen zu welt und gott; die volksthümliche form der religion; sowie allgemein jedes fürwahrhalten […], das im volke sich zeigt: (das christenthum). Im engeren Sinne bezeichne es jedoch die vorstellungen, die aus alter, grösztentheils heidnischer zeit stammen und vom rationalismus als aberglauben bezeichnet werden.[8]

In der Volkskunde setzte sich die Diskussion um die Begrifflichkeiten im 19. und 20. Jahrhundert fort. Einerseits vermieden viele Volkskundler zunehmend den Begriff „Aberglaube,“ da dieser eine pejorative Konnotation trägt und somit ein Werturteil ausspreche, das eine objektive Beschreibung verunmögliche. Diese Diskussion ging der Titelwahl eines der ehrgeizigsten volkskundlichen Projekte des 20. Jahrhunderts voraus, dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (1927–1942). Im Vorwort äußerten die Herausgeber ihre Ansicht, dass ihnen der Begriff Volksglaube „mißlich“ erscheine,

„denn unter ‚Volksglauben‘ müssen wir doch den ganzen Umfang der religiösen Betätigungen und Empfindungen des Volkes verstehen, seine Auffassung und Gestaltung des Christentums mindestens in gleichem Maße wie die vor- und nebenchristlichen Rudimente, die es sich bewahrt hat. Im ‚Volksglauben‘ scheinen uns die christlichen Bestandteile einen weit breiteren und wesentlicheren Umfang einzunehmen als im sog. ‚Aberglauben.‘“[9]

Andererseits schien vielen die Bezeichnung magischer Praktiken oder Handlungen, die in Konkurrenz oder Gegensatz zum Anspruch des christlichen Glaubens standen, als eigentlicher „Volksglauben,“ problematisch. In der heutigen volkskundlichen Forschung hat sich für den hier beschriebenen Grenzbereich zwischen kirchlichem und magischem Glauben jedoch zunehmend der Begriff der „Volksfrömmigkeit“ durchgesetzt.

Der Begriff Volksglaube findet sich in der deutschsprachigen Geisteswissenschaft seit dem späten 18. Jahrhundert. Im Laufe der andauernden Diskussion um den Begriff und seine Tauglichkeit wurden auch Definitionen versucht, die die Gesamtheit der Erscheinungsformen eines regional verbreiteten Glaubens neutral und umfassend einschließen sollten; so definiert etwa das Wörterbuch der Deutschen Volkskunde von Oswald A. Erich und Richard Beitl Volksglaube als „das, was das Volk zumal in Bezug auf die außer- und übernatürliche Welt für wahr hält“.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Peter-Matthias Gaede (Hrsg.): GEO Themenlexikon: Religionen – Glauben, Riten, Heilige Bd. 16, Gruner + Jahr, Bibliographisches Institut, Mannheim 2007. ISBN 978-3-7653-9436-2. S. 802, Stichworte „Volksfrömmigkeit“ und „Volksglaube“.
  2. Peter-Matthias Gaede (Hrsg.): GEO Themenlexikon: Religionen – Glauben, Riten, Heilige Bd. 16, Gruner + Jahr, Bibliographisches Institut, Mannheim 2007. ISBN 978-3-7653-9436-2. S. 802, Stichworte „Volksfrömmigkeit“ und „Volksglaube“.
  3. Berthold Budde, Christine Laue-Bothen: Harenberg Lexikon der Religionen. Die Religionen und Glaubensgemeinschaften der Welt. Ihre Bedeutung in Geschichte, Alltag und Gesellschaft. Harenberg, Dortmund 2002, ISBN 3-611-01060-X. S. 259.
  4. Der große Brockhaus. 21., völlig neu bearbeitete Auflage, F. A. Brockhaus, Leipzig/Mannheim 2006. ISBN 3765341452, Bd. 29, S. 203 – Stichwort „Volksfrömmigkeit“, S. 204 – Stichwort „Volksglaube“.
  5. Der große Brockhaus. 21., völlig neu bearbeitete Auflage, F. A. Brockhaus, Leipzig/Mannheim 2006. ISBN 3765341452, Bd. 29, S. 203 – Stichwort „Volksfrömmigkeit“, S. 204 – Stichwort „Volksglaube“.
  6. Friedrich Carl von Savigny: Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft. Heidelberg 1814. S. 13.
  7. RGA, Bd. 32, S. 479
  8. volksglaube In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854-1960 (dwb.uni-trier.de)
  9. Hanns Bächtold-Stäubli: Vorwort. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1, de Gruyter, Berlin 1927, S. 5–7.