Vorhalt (Musik)

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Vorhalt bezeichnet in der Harmonielehre einen akkordfremden Nebenton, der

  • als dissonant oder zumindest als auffassungsdissonant betrachtet wird,
  • in der Regel als „vorgehaltener“ Ton an die Stelle des „vorenthaltenen“ akkordeigenen Tons tritt („echter“ Vorhalt im Unterschied zum „unechten“, bei dem der vorgehaltene Ton zusammen mit dem akkordeigenen „Auflösungston“ erklingt)
  • auf einer betonten Taktposition steht und
  • in der Regel durch einen Sekundschritt (zumeist abwärts, seltener aufwärts, ausnahmsweise auch durch einen Sprung) in einen Akkordton geführt wird. Diese Bewegung wird „Auflösung“ genannt.


\new PianoStaff <<
   \new Staff <<
    \set Score.tempoHideNote = ##t
    \tempo 4 = 160
    \override Staff.TimeSignature.transparent = ##t
     <<
     \new Voice = "first"
       \relative c''
         { \voiceOne s2 c^"a)" ~ \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red c b \bar "||" s2 f' ~ \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red f e \bar "||" s2 f^"b)" \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red e d \bar "||" s2 <gis, e b> a1 \bar "||" s2 <g, c e>^"c)" <b g'>1 \bar "||" }
     \new Voice = "second"
       \relative c'
         { \voiceTwo s2 <f a> <d g>1 s2 <a' d> <a c>1 s2 <a c> <g b>1 s1 <\tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red d \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red f>2 <c e> s1 \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red e2 d }
     >>
     >>

    \new Staff <<
           \override Staff.TimeSignature.transparent = ##t
              \clef "bass"
              \relative c { s2 f g1 s2 d' a1 s2 f g1 s2 e a,1 s2 c g1 }
     >>
 >>

Unterschieden wird zwischen Vorhalten, die „vorbereitet“ sind (Notenbeispiel a), und solchen, die als sog. „freier Vorhalt“ (Notenbeispiel b) „frei eintreten“.[1] Vorbereitete Vorhalte entstammen dem kontrapunktischen Konzept der Synkopendissonanz: Der betreffende Ton ist im vorausgehenden Akkord in der gleichen Stimme enthalten und wird häufig übergebunden. Bei freien Vorhalten fehlt eine solche Vorbereitung. Sie sind mit der Appoggiatura verwandt.

Manche Harmonielehren unterscheiden außerdem einen „halbfreien“ bzw. „halbvorbereiteten“ Vorhalt, wenn der Vorhaltston im vorangehenden Akkord in einer anderen Stimme lag (Notenbeispiel c).[2]

Benannt werden Vorhalte nach dem Intervall zum Grundton des Akkords, in dem sie auftreten: Sekundvorhalt (geht aufwärts zum Terzton des Akkords), Quartvorhalt, Sextvorhalt, Septimvorhalt, Nonenvorhalt (geht abwärts zum Akkordgrundton).

In Jazz, Pop und Rock ist die Bezeichnung suspended chord bzw. sus chord (engl. to suspend: aufschieben) üblich:[3]

  • sus4 (suspended four): Akkord mit Quartvorhalt
  • sus2 (suspended two): Akkord mit Sekundvorhalt

Vorhalte können in verschiedenen Stimmen gleichzeitig auftreten (doppelter Vorhalt, dreifacher Vorhalt usw.).

Zwischen einem Vorhalt und seiner Auflösung können Töne eingeschoben werden (Diminution).

Anwendungsbeispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorbereiteter Quartvorhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Abraham Peter Schulz: Der Mond ist aufgegangen, Schluss:


\version "2.14.2"

\header {tagline = ##f}

upper = \relative c'' {
  \clef treble 
  \key f \major
  \time 4/4
  \tempo 4 = 100

      <<
         {
           \voiceOne
           s2. a4 a a bes a g g f2 }
           \new Voice {
           \voiceTwo
           s2. f4 f f e f \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red f e f <bes, d> <a c>2 r4 \bar "||" }
       >>
}

lower = \relative c {
  \clef bass
  \key f \major
         { s2. r4 a2 g4 f c'2 a4 bes f2 r4}
}

\score {
  \new PianoStaff <<
    \new Staff = "upper" \upper
    \new Staff = "lower" \lower
  >>
  \layout {
    \context {
      \Score
      \remove "Metronome_mark_engraver"
    }
  }
  \midi { }
}

Freier Quartvorhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Happy Birthday, T. 5–6:


\version "2.14.2"

\header {tagline = ##f}

upper = \relative c' {
  \clef treble 
  \key f \major
  \time 3/4
  \tempo 4 = 92

  s2 c8. c16 c'4 a f \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red e d }

lower = \relative c' {
  \clef bass
  \key f \major
  \time 3/4

       <<
         {
           \voiceOne
           s2. r4 <a c> <a c> r <f bes>
         }
         \new Voice {
           \voiceTwo
           s2. f, bes2
         }
       >>
}

\score {
  \new PianoStaff <<
    \new Staff = "upper" \upper
    \new Staff = "lower" \lower

  >>
  \layout {
    \context {
      \Score
      \remove "Metronome_mark_engraver"
    }
  }
  \midi { }
}

Freier Quartsextvorhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Joseph Haydn: Gott! erhalte, Hob. XXVI a/43, Schluss:


\version "2.14.2"

\header {tagline = ##f}

upper = \relative c'' {
  \clef treble 
  \key g \major
  \time 2/2
  \tempo 4 = 92

      <<
         {
           \voiceOne
           s2 a4. b16 c d8 e c a \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red g4 \grace b16 a8 g <g d b>2 \bar "||" }
           \new Voice {
           \voiceTwo
           s2 <d fis>4. s8 s4 e d fis }
       >>
}

lower = \relative c {
  \clef bass
  \key g \major

       <<
         {
           \voiceOne
           s2 <d fis a> g4 a \tweak NoteHead.color #red \tweak Stem.color #red b c g2 }
           \new Voice {
           \voiceTwo
           s2 c, b4 c d2 g, }
       >>
}

\score {
  \new PianoStaff <<
    \new Staff = "upper" \upper
    \new Staff = "lower" \lower
  >>
  \layout {
    \context {
      \Score
      \remove "Metronome_mark_engraver"
    }
  }
  \midi { }
}

Septimvorhalt mit Diminution vor der Auflösung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Sebastian Bach: Air aus BWV 1068, United States Air Force Band Strings, 2000.


\version "2.14.2"

\header {tagline = ##f}

upper = \relative c'' {
  \clef treble 
  \key d \major
  \time 4/4
  \tempo 8 = 100

         { fis1 ~ \tweak NoteHead.color #red fis8 b16 g \appoggiatura fis8 \tweak NoteHead.color #green e16 d cis d cis4 \appoggiatura b8 a4}
}

lower = \relative c {
  \clef bass
  \key d \major
         { d8 d' cis cis, b b' a a, g g' gis gis, a a' g g,}
}

\score {
  \new PianoStaff <<
    \new Staff = "upper" \upper
    \new Staff = "lower" \lower
  >>
  \layout {
    \context {
      \Score
      \remove "Metronome_mark_engraver"
    }
  }
  \midi { }
}

Sus-chord versus added tone chord[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

sus2- und add9-Akkord

In einem sus2-Akkord tritt die Sekunde an die Stelle der Terz. In einem add9-Akkord dagegen wird einem Dreiklang eine None hinzugefügt.[4]

Sus4 ohne Auflösung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jazz entdeckte die spezielle Klangqualität von sus4-Akkorden, deren Quarte nicht aufgelöst wird. Ein prominentes Beispiel aus der Experimentierphase mit diesem Klang ist Maiden Voyage von Herbie Hancock, das ausschließlich aus solchen sus4-Akkorden besteht. Bei einer solchen Verwendung erscheint der Begriff „Vorhalt“ nicht mehr angemessen: Vielmehr etabliert sich der Klang als eine selbständige Qualität (siehe Quartenakkord).

Sus-Akkorde und Pentatonik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders gut eignen sich sus4- und sus2-Akkorde in pentatonischen Stücken, da sie Bestandteil dieser Skala sind.

Quellen und Literatur (chronologisch)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Früher Beleg für „freier Vorhalt“: Dommer 1862, S. 118. Notenbeispiele nach Louis/Thuille 1907, S. 31.
  2. Louis/Thuille 1907, S. 31; 7. Auflage (1920), S. 47. Siehe auch Amon 2015, S. 93.
  3. Levine 1989, S. 23f.
  4. Jungbluth 2001, S. 12.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]