Wandpfeilerkirche

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Bei einer Wandpfeilerkirche handelt es sich um eine Kirche mit einer speziellen Bauform. Man bezeichnet mit diesem Begriff einschiffige gewölbte Kirchenbauten, bei denen wandgebundene Pfeiler an den Längswänden den Innenraum gliedern, insbesondere wenn die Wandpfeiler von den Wänden her in das Kircheninnere hervortreten, so dass an den Längswänden zwischen den Pfeilern einzelne Raumteile entstehen.

Wandpfeilerkirche: Studienkirche Dillingen

Geschichte und Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelalterliche Formen der Wandpfeilerkirche gibt es unter anderem in der südfranzösischen Gotik (Kathedrale von Albi), aber auch in der deutschen Spätgotik ( Katharinenkirche in Brandenburg, Frauenkirche in München).[1]

Die Architektur der nachmittelalterlichen Wandpfeilerkirche hat Vorstufen in der italienischen Renaissance- und Barockarchitektur. Während die mittelalterliche Baukunst mehrschiffige Kirchen bevorzugte, führte Leon Battista Albertis Bau von Sant’Andrea in Mantua die einschiffige, von einem großen Tonnengewölbe bedeckte Saalkirche als neuen Bautypus ein. Um die Wände zu gliedern und eine Abfangung des Querschubs des Gewölbes zu ermöglichen, bildet die Längswand in regelmäßigen Abständen Kapellen mit Quertonnen aus. Dieser Bautypus ermöglichte den ungestörten Blick zum Hochaltar und schuf einen Einheitsraum. Die Weiterentwicklung in der Jesuitenkirche Il Gesù in Rom hatte eine durchschlagende Wirkung auf den Kirchenbau der Neuzeit. Im Grundriss erscheinen die Mauern zwischen den Kapellen wie die von der Außenwand des Baus nach innen gezogenen Wandpfeiler, weswegen sich im deutschen Sprachgebrauch irrtümlich die Bezeichnung der Wandpfeilerkirche eingebürgert hat.[2] Räumlich handelt es sich jedoch nicht um nach innen gezogene Wandpfeiler, sondern um Strebepfeiler außerhalb des zumeist basilikal überhöhten Saalraums, die zugleich die Zwischenwände der gegenüber dem Innenraum deutlich niedrigeren Kapellen bilden. Der Raumeindruck im Inneren ist von einer mit einem durchgehenden Gebälk abgeschlossenen Wand mit Säulenordnung geprägt. Daher sind diese Bauten als Saalkirchen mit Kapellen zu bezeichnen; geläufig wird auch die Bezeichnung „Il-Gesù-Typ“ verwendet.[3]

Die Wandpfeilerkirche im engeren Sinne entwickelte sich nördlich der Alpen aus diesen Vorbildern sowie spätgotischen Raumtypen (Hallenkirchen mit flachen Einsatzkapellen).[4] Insbesondere in der Phase der ersten Übernahme italienischer Renaissance- und Barockformen nördlich der Alpen sowie bei deren starkem Einfluss sind Mischformen möglich (St. Michael in München, Klagenfurter Dom). Die bei der süddeutschen Wandpfeilerkirche im Unterschied zum italienischen Saalbau in voller Höhe aufragende Außenwand ist durch in den Innenraum gezogene Wandpfeiler stabilisiert und gegliedert. Typischerweise auf identischer Höhe setzt über diesen Wandpfeilern sowohl das Hauptgewölbe des Raumes als auch die (Tonnen-)Gewölbe der Abseitenräume zwischen den Pfeilern an, die dadurch in das Hauptgewölbe hineinschneiden. In diesem Fall tragen die Wandpfeiler kein durchgehendes Gebälk, sondern nur kurze Gebälkstücke und treten als einzelne, raumbestimmende Großformen in Erscheinung. Teilweise, insbesondere bei Bauten des sogenannten Vorarlberger Bauschemas können die Wandpfeiler nahezu frei vor der Wand stehen. Damit nähert sich das Raumschema dem der Hallenkirche (Basilika Weingarten). In der Regel sind die Räume zwischen den Wandpfeilern als Kapellen genutzt, bei denen die Altäre nicht an der Außenwand, sondern vor den zum Eingang gerichteten Flanken der Wandpfeiler stehen. Häufig werden die Räume zwischen den Wandpfeilern von Emporen überspannt.

Im süddeutschen und österreichischen Barock gehörte die Wandpfeilerkirche zu den bevorzugten Bautypen für sakrale Gebäude. Der Kirchenbau der Jesuiten spielte mit der Münchner Michaelskirche und der Studienkirche in Dillingen für die Ausbildung und Verbreitung des Bautypus' eine wichtige Rolle. Die im gesamten südlichen deutschsprachigen Raum tätigen Vorarlberger Baumeister verwendeten diesen Bautypus fast durchgehend, weshalb man vom „Vorarlberger Münsterschema“ oder der „Vorarlberger Wandpfeilerkirche“ spricht. Der Bautypus ist jedoch weder von den Vorarlbergern entwickelt worden noch ihren Bauten allein eigentümlich.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früh- und Mischformen

Süddeutscher Typus

„Vorarlberger Münsterschema“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Büchner: Die spätgotische Wandpfeilerkirche Bayerns und Österreichs. Hans Carl, Nürnberg 1964
  • Max Hauttmann: Geschichte der kirchlichen Baukunst in Bayern, Schwaben und Franken 1550-1780. F. Schmidt, München u.a. 1921
  • Stephan Hoppe: Was ist Barock. Architektur und Städtebau Europas 1580-1770. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2003
  • Norbert Lieb: Die Vorarlberger Barockbaumeister. 3. Auflage. Schnell und Steiner, München u. a. 1976
  • Bernhard Schütz: Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben 1580-1780. Hirmer Verlag, München 2000
  • Kai Wenzel: Zimblich viel anguli, so vor Jaren im Pabstumb gebraucht worden. Mitteleuropäische Wandpfeilerkirchen um 1600 im konfessionellen Wettstreit, in: Susanne Wegman, Gabriele Wimböck (Hg.): Konfessionen im Kirchenraum. Dimensionen des Sakralraums in der Frühen Neuzeit, Korb 2007, S. 95–114

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joachim Büchner: Die spätgotische Wandpfeilerkirche Bayerns und Österreichs. Nürnberg 1964
  2. Undifferenzierte Verwendung des Begriffs z.B. bei Wilfried Koch, Baustilkunde, München 1988, S. 250
  3. Stephan Hoppe, Was ist Barock?, Darmstadt 2003, S. 28, 61-63.
  4. Hauttmann, Max, Geschichte der kirchlichen Baukunst, 1921. S. 107–116