Waza (Berta)

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Waza-Orchester im Gebiet Komosha südwestlich des Blauen Nil in der westlichen Tiefebene Äthiopiens

Waza ist eine endgeblasene Naturtrompete der Berta an der Grenze von Sudan und Äthiopien. Ein waza-Trompeten-Ensemble besteht aus zehn bis zwölf Musikern, von denen jeder einen Ton produziert. Trompetenmusik genießt die höchste Wertschätzung in der Berta-Gesellschaft und wird bei öffentlichen Ereignissen und großen Familienfeiern aufgeführt.

Bauform und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die waza der Berta in der sudanesischen Provinz an-Nil al-azraq und der äthiopischen Verwaltungsregion Benishangul-Gumuz besteht aus einem dicken konischen Rohr aus mehreren, langoval gewachsenen Kürbissen. Deren Fruchtschalen härten beim Trocknen zu Kalebassen aus, die an beiden Seiten aufgeschnitten werden, sodass annähernd zylindrische Röhren entstehen. Die einzelnen Segmente lassen sich mit zunehmendem Durchmesser passgenau ineinanderschieben. Zur Stabilisierung dienen zwei oder mehr Holzleisten, die außen angelegt und durch Umwicklungen an mehreren Stellen fixiert werden. Die Gesamtlänge beträgt zwischen 50 und 180 Zentimeter.

Die Bauform der Kalebassentrompete ist einzigartig. Die benachbarten äthiopischen Oromo kennen eine Metalltrompete turumba, die Kaffa eine hoora aus Holz und die Aari (Shankilla) ein quer geblasenes Kuhhorn, das nur solo gespielt wird.[1]

Ensembles aus mehreren, einen Ton produzierenden Blasinstrumenten gehören ansonsten zur Tradition der zentralafrikanischen Bandas. Bei den Dakpa, einer Untergruppe der Bandas besteht das Orchester aus 13, mbaya genannten Trompeten aus Holz, die zwischen etwa 30 und 170 Zentimeter lang sind.[2] Teil der höfischen Zeremonialmusik in Uganda war ein Ensemble aus mehreren Quertrompeten (amakondere). Manche der aus Kürbis und Tierhorn bestehenden amakondere besitzen ein Fingerloch und können zwei Töne hervorbringen. Sie wurden früher nur bei bedeutenden Anlässen wie der Amtseinführung eines neuen Herrschers (Omukama) geblasen.[3] Vergleichbare Ensembles hatten auch an den Höfen anderer Reiche im Zwischenseengebiet rituelle Funktionen. In Südafrika gab es vereinzelt Ensembles mit mehreren Antilopenhörnern phalaphala. Beim Rohrflötentanz tshikona der Venda in Südafrika produzieren bis zu 20 Eintonflöten (nanga) die Melodie.

Spielweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Waza-Spieler bei einem großen Straßenfest in Äthiopien.

Ein waza-Orchester setzt sich aus zehn Trompetenspielern zusammen, die in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt werden und von denen jeder nur einen Ton produzieren kann. Die erste Trompete leitet das Orchester, sie wird wazalu genannt, von waza alu, „Kopf der Waza“. Gelegentlich kommen noch zwei kleinere Trompeten hinzu, die mušāhir heißen. Die Trompeten werden mit der linken ausgestreckten Hand von unten gehalten, die rechte Hand greift über das obere Ende des Rohrs. Die Musiker produzieren selbst den begleitenden Rhythmus, indem Spieler eins bis fünf mit Aststücken (bali), die über ihren rechten Schultern hängen, auf ihre Trompeten schlagen. Die anderen verwenden hierzu Kuhhörner (bulung). Der siebte Trompeter bringt die Kalebassenrassel asoso (oder asezaghu) zum Einsatz. Vier bis sechs Tänzerinnen tragen Rasseln (atitish) an den Beinen, die aus den getrockneten Kapseln der gleichnamigen Baumfrucht bestehen. Damit sorgen sie für den Taktschlag, zeitweilig bilden sie den Chor.

Zu Beginn singt eine Frau ein- oder zweimal ein Lied, damit sich die Trompeter in die Melodie einfinden können. Dann setzt der wazalu-Spieler ein, indem er den Grundschlag mit dem Aststück (bali) vorgibt und nachfolgend seinen Trompetenton in einer rhythmischen Folge spielt. Der zweite Trompeter organisiert durch seine Tonfolge eine kreuzrhythmische Struktur, die von den weiteren Spielern nochmals überlagert wird. Entscheidend ist der Einsatzpunkt der Trompeter, der bei neuen Stücken mehrmals geübt werden muss. Die beiden Gruppen sind nach hoch und tief klingenden Instrumenten unterteilt, sie spielen nicht immer exakt zusammen. Dennoch entsteht ein fließender Rhythmus, den Gerhard Kubik mit Swing verglich[4].

Kulturelle Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Musik der Berta lässt sich in fünf Kategorien einteilen: Lieder zur Unterhaltung werden mit der fünfsaitigen Leier abangaran begleitet. Mehrere Flöten (bolo) prägen den Musikstil bolo shuru. Die Musik der Flöten bal (bol) und der Kesseltrommeln naggaro (negero) wird bal naggaro (bol negero) genannt. Ein typisches bal naggaro-Ensemble besteht aus 19 Flöten und einer Kesseltrommel, zu denen noch zwei waza kommen können.[5] Zum hokke-Erntefest gehören eigene Tanzlieder.

Einen besonderen Rang nehmen die waza-Orchester ein, die ursprünglich Statussymbole der Herrscher waren und nur zu rituellen Anlässen aufspielten. In dieser Funktion stehen die Kalebassentrompeten der Berta mit den langen schlanken Trompeten in Beziehung, die im nördlichen islamisierten Afrika zur Repräsentation des Königs oder des Stammesoberhauptes dienen und dessen Anwesenheit ankündigen. Hierzu gehören unter anderem die Metalltrompete kakaki der Hausa, die zwei Meter lange Messingtrompete kankangui in Benin, die malakat aus Holz oder Metall in Äthiopien und die marokkanische nafir aus Messing oder Kupfer. Alle genannten Trompeten sind ventillos und bringen maximal zwei Töne hervor.

Heute stellen die Aufführungen der waza-Orchester ein feierliches Ereignis für die Dorfbevölkerung dar und finden meist nach Sonnenuntergang auf dem zentralen Platz statt.

Diskografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Music of the Berta from the Blue Nile, Sudan. CD herausgegeben von Artur Simon. Museum Collection Berlin / Wergo. SM 17082, 2002
  • Sudan II – Music of the Blue Nile Province; The Ingessana and Berta Tribes. CD der UNESCO Collection, Bärenreiter/Musicaphon BM 30 SL 2313, 1986

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Artur Simon: Ein Beispiel zur Musik der Berta am Blauen Nil, Sudan (2002). In: Ders.: Ethnomusikologie. Aspekte, Methoden und Ziele. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2008, S. 78–80
  • Artur Simon: Sudan. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Vol. 24. Macmillan Publishers, London 2001, S. 656

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Instruments, musical. In: Siegbert Uhlig (Hrsg.): Encyclopaedia Aethiopica. Bd. 3. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, S. 170
  2. Jos Gansemann, Barbara Schmidt-Wrenger: Zentralafrika. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 9. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1982, S. 172
  3. Royal Court Music from Uganda 1950 & 1952. Ganda, Nyoro, Ankole. Aufnahmen von Hugh Tracey. International Library of African Music, Rhodes University, Grahamstone, Südafrika. CD 1998, Titel 18, 19
  4. Gerhard Kubik: Theory of African Music. Bd. 2, University of Chicago Press, London 2010, S. 51
  5. Timkehet Teffera: The Role of Traditional Music Among East African Societies: The Case of Selected Aerophones. In: ICTM Study Group on Folk Musical Instruments. Proceedings from the 16th International Meeting. Tautosakos darbai XXXII, Vilnius 2006, S. 36–49, hier S. 40