Weißenseer Arbeitskreis

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Der Weißenseer Arbeitskreis (Kirchliche Bruderschaft in Berlin) war eine im Jahr 1958 entstandene Gruppe von evangelischen Theologen in der DDR, die für eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Staat eintraten und von Gegnern als SED-treu[1] bezeichnet werden. Er wurde von der DDR-Staatssicherheit gefördert[2] bzw. beeinflusst.[3] Anlass der Gründung als freie innerkirchliche Vereinigung war ein bruderrätlicher Kontext verschiedener Personen, die in der Frontalopposition des Berlin-Brandenburgischen Bischofs Otto Dibelius gegen die SED keinen Ausweg sahen.[4] Zu den Gründern gehörten die Theologen und inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit Gerhard Bassarak und Hanfried Müller.

Die Angehörigen des Weißenseer Arbeitskreises knüpften theologisch an Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer an. Sie betonten dabei die kritische Haltung gegen die Kirche als Institution und die Ablehnung der traditionellen Verbindung der Kirche mit weltlicher Macht. Zu politischem Engagement sei stattdessen der einzelne Christ aufgerufen. Hanfried Müller formulierte eine Kritik der traditionellen „Religiosität“, der er eine weltoffene „Christusgläubigkeit“ entgegenstellte. Der Arbeitskreis trat mit wenigen öffentlichen Stellungnahmen hervor, in denen er u. a. die Vorherrschaft der Säuglingstaufe in Frage stellte, die Vereinbarkeit von Konfirmation und Jugendweihe begründete und für die Eigenständigkeit der Evangelischen Kirchen der DDR gegenüber Westdeutschland eintrat. Leitgedanke war die Auffassung, dass die Kirche der (auch nichtchristlichen) Gesellschaft zu dienen, nicht Herrschaftsansprüche zu stellen habe.

Als die Konferenz der Evangelischen Landeskirchen innerhalb der DDR 1961 in Übereinstimmung mit der EKD feststellte, Christen dürften sich nicht dem Absolutheitsanspruch einer Ideologie unterwerfen, formulierte der Weißenseer Arbeitskreis eine andere Position.[5] Seine „Sieben Sätze von der Freiheit der Kirche zum Dienen“ von 1963 empfahlen den evangelischen Christen, an der Erfüllung der Aufgaben der politischen Ordnung der Gesellschaft mitzuarbeiten.[6]

Die staatsnahe Haltung der Weißenseer und ihre Distanzierung von Aktivitäten oppositioneller Geistlicher war der SED einerseits willkommen, andererseits rief ihre geistige Unabhängigkeit auch Misstrauen hervor. Da die SED prinzipiell Religion als rückständiges Überbleibsel einschätzte, wirkte das offensive Eintreten von Theologen für die sozialistische Gesellschaft, verbunden mit souveräner geistiger Aneignung der marxistischen Theorie, irritierend. Überdies hatte die Weißenseer Gruppe zu der Blockpartei CDU ein gespanntes Verhältnis. In den 1980er Jahren nahm die Mitgliederzahl der Organisation ab, weil im Zuge der krisenhaften Entwicklung der DDR auch bei links orientierten Theologen das Vertrauen in den Staat schwand.

Von 1982 bis 2006 gab der Weißenseer Arbeitskreis in unregelmäßigen Abständen die Zeitschrift Weißenseer Blätter (WBl) heraus.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rainer Eckert: Strukturen, Umfeldorganisationen und Geschichtsbild der PDS (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.horch-und-guck.info, Horch und Guck, Heft 15/1995
  2. Gerhard Besier: Kirche, Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert, De Gruyter Oldenbourg, 2000, ISBN 978-3-486-70191-3, S. 80
  3. Ein Diener des Herrn – und ein Bote der Stasi. In: welt.de. 5. Juli 2007 .
  4. Cornelia von Ruthendorf-Przewoski: Der Prager Frühling und die evangelischen Kirchen in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-55775-4, S. 149.
  5. Richard Herzinger: Die frühen Jahre der Angela Merkel. Ein neues Buch weckt Zweifel, dass die Kanzlerin von der Indoktrination in der DDR ganz unberührt blieb. Doch entdeckt man schon in ihren frühen Jahren die vertrauten Züge der Pragmatikerin wieder. 12. Mai 2013, abgerufen am 23. Juni 2018.
  6. M. Leiner/M. Trowitzsch, Karl Barths Theologie als europäisches Ereignis, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-56964-1, S. 114–115.