Rainer Eckert (Historiker)

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Rainer Eckert (* 16. Januar 1950 in Potsdam) ist ein deutscher Historiker, Politikwissenschaftler und war bis Ende September 2015 Museumsdirektor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eckert legte 1968 das Abitur in Potsdam ab. 1968 stimmte er bei der Abstimmung über die „sozialistische Verfassung“ der DDR mit nein und wurde bei einer Protestaktion gegen die Sprengung der Potsdamer Garnisonkirche „polizeilich zugeführt“. Seinen Studienplatz als Geschichtslehrer gab er nach der Aggression des Warschauer Paktes gegen die Tschechoslowakei am 21. August 1968, gegen die er demonstriert hatte, aus politischen Gründen zurück. Nach einer einjährigen Arbeit als Archivhilfskraft studierte er von 1969 bis 1972 Archivwissenschaft und Geschichte an der Ostberliner Humboldt-Universität. 1972 wurde er als Folge politischer Verfolgung von der Universität verwiesen und mit Haus- und „Berlinverbot“ belegt. Er war drei Jahre als Arbeiter, Inventursachbearbeiter und Lagerverwalter in einem Berliner Baubetrieb (VEB Wasserstraßenbau Berlin) tätig. In dieser Zeit ermittelte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen „staatsfeindlicher Hetze“ und „staatsfeindlicher Gruppenbildung“ im Rahmen des „Operativen Vorgangs Demagoge“ gegen ihn und versuchte ihn erfolglos zur Mitarbeit zu erpressen. Noch 1988 schätzte ihn das MfS als „Staatsfeind“ ein. 1975 legte Eckert als Fernstudent das Diplom ab und begann nach persönlicher Vermittlung durch die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe eine Tätigkeit als Bibliothekskraft, dann als wissenschaftlicher (Hilfs-)Arbeiter in der Abteilung Information/Dokumentation des Zentralinstitutes für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Er arbeitete außerhalb der offiziellen Arbeitszeit an einer Dissertation zum Thema der Widerspiegelung der nationalsozialistischen Judenverfolgung in der Exilpublizistik der Tschechoslowakei, deren Abbruch 1982 aus politischen Gründen erzwungen wurde. In dieser Zeit endete ebenfalls seine Mitarbeit an einem international angelegten Handbuch der historischen Nachschlagewerke, da das MfS notwendige Auslandsreisen verhinderte. Eckert lehnte mehrfach ab in die SED einzutreten oder Mitglied der Kampfgruppen der Arbeiterklasse oder der Zivilverteidigung zu werden. 1984 wurde er neben der Berufstätigkeit mit einem Thema zur deutschen Besatzungspolitik in Griechenland im Zweiten Weltkrieg promoviert. Von 1988 bis 1990 war er Mitarbeiter im Forschungsbereich Deutsche Geschichte 1917–1945 und ab 1990 in der Projektgruppe Deutsche Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert des nunmehrigen Institutes für Deutsche Geschichte. Von Oktober 1990 bis Dezember 1991 war Eckert stellvertretender Direktor dieses Institutes. 1992 bis 1996 arbeitete er als Hochschulassistent bei Heinrich August Winkler am Lehrstuhl für Neueste Geschichte des Institutes für Geschichtswissenschaften der Berliner Humboldt-Universität. Ab 1. Januar 1997 wurde Eckert Leiter der Projektgruppe Leipzig, ab Juni 1998 des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und von 2001 bis Ende September 2015 Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Ab 1998 lehrte er Politische Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. 2001 folgte die Habilitation; bis 2003 war Eckert Privatdozent an diesem Institut, anschließend Privatdozent am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig und von 2006 bis 2015 dort außerplanmäßiger Professor für politische Wissenschaften.

Eckert veröffentlicht zur Geschichte des Nationalsozialismus, zur Emigration aus dem „Dritten Reich“, zur Geheimdienstproblematik in deutschen Diktaturen, zur Auseinandersetzung mit ihnen nach 1945 und 1989, zur Geschichte der Humboldt-Universität, zur Geschichtswissenschaft der DDR beziehungsweise Ostdeutschlands nach 1989, zu Opposition und Widerstand in der DDR und zum Geschichtsbild der PDS.[1] Dazu kommen Texte zur Friedlichen Revolution, zur Musealisierung von Zeitgeschichte sowie zur nationalen und internationalen Geschichtspolitik. Er ist u.a. stellvertretender Vorsitzender des Internationalen wissenschaftlichen Beirat der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung[2], Mitglied im Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur[3], im Stiftungsrat der Stiftung Ettersberg, der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD und des wissenschaftlichen Beirates der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau. Eckert war Mitglied der beratenden Expertenkommissionen des Freistaates Sachsen zur Ausrichtung des Doppeljubiläums „20 bzw. 25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ und des Archivs Bürgerbewegung Leipzig. Das Archiv erhielt 2014 zusammen mit Leipziger Bürgerrechtlern den Deutschen Nationalpreis.

Er erhielt verschiedene Auszeichnungen. So wurde er 2009 mit dem Bundesverdienstkreuzes am Bande ausgezeichnet[4] und ist Träger der Sächsischen Verfassungsmedaille. 2014 erhielt er die Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarnosc-Zentrums in Danzig.[5] Dazu kamen 1991 der Förderpreis des Bundesministers für Forschung und Technologie für DDR-Wissenschaftler, 2004 (zusammen mit anderen) der „Bürgerpreis zur deutschen Einheit“, 2009 die Ehrenurkunde der SPD für die Mitglieder der ostdeutschen Sozialdemokratie in ihrer Gründungsphase (zusammen mit anderen) und im gleichen Jahr der Leipziger Tourismuspreis. Dazu kam im November 2014 eine Auszeichnung für die Gründer der ostdeutschen Sozialdemokratie.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • [Mitarbeit] Akademie der Wissenschaften der DDR, Zentralinstitut für Geschichte, Abteilung Information u. Dokumentation: Jahresberichte für deutsche Geschichte, NF 30./31. Jg. 1978/79-NF 39. Jg. 1987, Berlin 1981–1989.
  • [Mitarbeit bzw. Redaktion] Akademie der Wissenschaften der DDR, Zentralinstitut für Geschichte, Abteilung Information u. Dokumentation: Auswahlbibliographie geschichtswissenschaftler Arbeiter aus der DDR/Geschichtsforschung in der DDR, Berichtsjahr 1977–1988, Berlin 1978–1989.
  • mit Alexander von Plato, Jörn Schütrumpf (Hrsg.): Wendezeiten – Zeitenwände. Zur „Entnazifizierung“ und „Entstalinisierung“. Ergebnisse, Hamburg 1991.
  • mit Wolfgang Küttler, Gustav Seeber (Hrsg.): Krise – Umbruch – Neubeginn. Eine kritische und selbstkritische Dokumentation der DDR-Geschichtswissenschaft 1989/1990. Klett-Cotta, Stuttgart 1992.
  • Vom „Fall Marita“ zur „wirtschaftlichen Sonderaktion“. Die deutsche Besatzungspolitik in Griechenland vom 6. April 1941 bis zur Kriegswende im Februar/März 1943. (= Europäische Hochschulschriften: R. III Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. 521). Lang, Frankfurt am Main u. a. 1992.
  • mit Dieter Dowe (Hrsg.): Von der Bürgerbewegung zur Partei. Die Gründung d. Sozialdemokratie in der DDR. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1993.
  • mit Ilko-Sascha Kowalczuk, Isolde Stark (Hrsg.): Hure oder Muse? Klio in der DDR. Dokumente und Materialien des Unabhängigen Historiker-Verbandes. Berliner Debatte, Berlin 1994.
  • mit Ulrike Poppe, Ilko-Sascha Kowalczuk (Hrsg.): Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR. Links, Berlin 1995.
  • mit Ilko-Sascha Kowalczuk, Ulrike Poppe (Hrsg.): Wer schreibt die DDR-Geschichte? Ein Historikerstreit um Stellen, Strukturen, Finanzen u. Deutungskompetenz. Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg, Berlin 1995.
  • mit Bernd Faulenbach (Hrsg.): Halbherziger Revisionismus: Zum postkommunistischen Geschichtsbild der PDS. Olzog, München/ Landsberg am Lech 1996.
  • Arbeiter in der preußischen Provinz: Rheinprovinz, Schlesien u. Pommern 1933 bis 1939 im Vergleich. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1997.
  • mit Ulrike Poppe, Ilko-Sascha Kowalczuk (Hrsg.): "Mit uns zieht die neue Zeit...": Die SED zwischen Kriegsaende u. Mauerbau. Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg, Berlin 1998.
  • Emigrationspublizistik und Judenverfolgung: Das Beispiel Tschechoslowakei. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2000.
  • mit Bernd Lindner (Hrsg.): Klopfzeichen. Kunst und Kultur der 80er Jahre in Deutschland. Faber und Faber, Leipzig 2002.
  • mit Bernd Faulenbach (Hrsg.): Auf dem Weg zur Zivilgesellschaft? Mythos und Realität der 60er und 70er Jahre in Ost und West. Klartext, Essen 2003.
  • mit Uwe Schwabe (Hrsg.): Von Deutschland Ost nach Deutschland West. Oppositionelle oder Verräter? Forum, Leipzig 2003.
  • mit Uwe Schwabe (Hrsg.): Andreas Pausch: Waffendienstverweigerung in der DDR … das einzig mögliche vor dem Volk noch vertretbare Zugeständnis. Archiv Bürgerbewegung, Leipzig 2004.
  • mit Uwe Schwabe (Hrsg.): Yvonne Liebing: All you need is beat. Jugendsubkultur in Leipzig, 1957–1968. Forum, Leipzig 2005.
  • Antitotalitärer Widerstand und kommunistische Repression. Auswahlbibliographie mit CD. Forum, Leipzig 2006 (Inhalt).
  • mit Uwe Schwabe (Hrsg.): Enrico Heitzer: Widerstand in Altenburg. Forum, Leipzig 2007.
  • mit Kornelia Lobmeier: Schwerter zu Pflugscharen: Geschichte eines Symbols. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2007.
  • Was stimmt? DDR: Die wichtigsten Antworten. (Herder Spektrum, Band 5735). Herder, Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-05735-9.
  • mit Martin Sabrow, Monika Flacke, Klaus-Dietmar Henke, Freya Klier, Roland Jahn, Tina Krone, Peter Maser, Ulrike Poppe, Hermann Rudolph (Hrsg.): Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007.
  • Kommunistische Diktatur in der DDR und 20 Jahre Erinnerungsarbeit: Eine Auswahlbibliographie zu Widerstand, Opposition und politischer Repression. Metropol, Berlin 2011.
  • DDR: Wissen was stimmt. Hörbuch. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
  • Widerstand und Opposition in der DDR. Von den Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus zur Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur. Version: 1.0, In: Docupedia-Zeitgeschichte. veröffentlicht am 2. Dezember 2013.
  • Opposition, Widerstand und Revolution: Widerständiges Verhalten in Leipzig. Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 2014.
  • Trotzdem bleiben Probleme, in: Eckhard Jesse, Thomas Schubert (Hrsg.): Friedliche Revolution und Demokratie: Perspektiven nach 25 Jahren. Ch. Links, Berlin 2014, S. 185-198.
  • Zeitzeugen-/Mauerfälleprojekt: 25 Jahre Friedliche Revolution, VNG-Gruppe, Leipzig 2014.
  • Mitherausgeber: Europäische Diktaturen und ihre Überwindung: Schriften der Stiftung Ettersberg. - 21-23, Böhlau Verlag, Köln; Weimar; Wien, 2015–2017.
  • Mit Ulrich Brieler (Hrsg.): Unruhiges Leipzig: Beiträge zu einer Geschichte des Ungehorsams in Leipzig (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig; 12), Universitätsverlag, Leipzig 2016, ISBN 978-3-96023-049-6.
  • Unter Mitarbeit von Maria Bien, Saskia Paul, Andreas Parnt und Andreas Pausch: Bibliographie Bibliographie zu Opposition, Widerstand und politischer Repression in SBZ und DDR / Hrsg.: Archiv Bürgerbewegung Leipzig. - Leipzig, 2016. = Online-Edition.
  • "Geschichtsort `Runde Ecke` Leipzig". - Leipzig, 2016.
  • Revolution in Potsdam: Eine Stadt zwischen Lethargie, Revolte und Freiheit. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.horch-und-guck.info/hug/fileadmin/templates/pdf/HuG-15-S.01-15.pdf
  2. Information der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung
  3. Beleg auf der Seite der Stiftung, abgerufen am 3. November 2012.
  4. Angaben der Ordenskanzlei des Bundespräsidialamtes
  5. Botschaft der Republik Polen in Berlin: Deutsch-polnische wissenschaftliche Konferenz in Leipzig unter der Schirmherrschaft des polnischen Botschafters, 8. April 2014 (abgerufen am 9. Januar 2016)