Wissensallmende

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Als Wissensallmende bezeichnet man gemeinsames Gut (Gemeingut) der modernen Informationsgesellschaft.

Als moderne Allmende – im übertragenen Sinn abgeleitet von der mittelalterlichen Wirtschaftsform Allmende – werden heute andere gemeinsam genutzte Ressourcen angesehen. Dazu zählen z. B. Freie Software wie das Computer-Betriebssystem Linux oder die Wikipedia (Kollektive Intelligenz, Open Content).

Bei dieser Form von Allmenden, die auf Informationen als Ressource basieren, kommt die Allmendeproblematik nicht zum Tragen: Informationen verlieren nicht an Wert, wenn sie häufiger genutzt werden.

Begriffsherkunft[Bearbeiten]

Der Begriff Wissensallmende kam vor allem seit Mitte der 1990er Jahre auf.[1] In Deutschland wurde er unter anderem von Volker Grassmuck im Jahre 2000 in einer Workshop-Präsentation mit dem Titel Die Wissens-Allmende eingeführt.[2] In Anlehnung an das althochdeutsche Wort Allmende wird auf den historischen und in der Schweiz auch modernen Hintergrund Bezug genommen. Grassmuck beruft sich vor allem auf die Thesen des Karlsruher Philosophen Helmut F. Spinner sowie des Rechtswissenschaftlers Lawrence Lessig. 2012 wurde das Konzept auf der ersten internationalen Konferenz zur Wissensallmende (First Thematic Conference on the Knowledge Commons) weiter ausgearbeitet.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist der Begriff der Wissensallmende nicht korrekt, weil Wissen bei freiem Zugang ein öffentliches Gut darstellt, d. h. gerade keine Nutzungsrivalität vorliegt. Für das Gut „Wissen“ kann sich sogar genau das gegenteilige Problem ergeben: Werden hier Eigentumsrechte definiert, so können Nachfrager von der Nutzung ausgeschlossen werden (Wissen als Club-Gut). Dies vermindert den produktiven Einsatz des Wissens. Hier kann es unter Umständen sinnvoll sein, einen freien Zugang zu gewährleisten. Dabei ist aber zu beachten, dass eben dadurch auch der Anreiz zur Produktion neuen Wissens beeinträchtigt werden kann.

Wissensallmende ist auch der Name einer Arbeitsgemeinschaft der Organisation Attac, die unter anderem das Recht auf freien Zugang zu Wissen propagiert.

Gemeingut und Information[Bearbeiten]

Die Wissensallmende bildet auch den geistigen Bezugsrahmen für Freie Software und die Open-Source- sowie Open-Content-Bewegung. Der für die freie Software wesentliche Punkt ist die Abkopplung der Ideenwirtschaft von der normalen Güterwirtschaft (Spinner 1994), die in Beziehung gesetzt werden kann mit dem so genannten Wissenskommunismus der Wissenschaft (vgl. Robert K. Merton): Mit seiner Veröffentlichung wird das Wissen zum Gemeingut der Forschungsgemeinschaft. Es kann von Kollegen frei nachvollzogen, überprüft und weiterentwickelt werden und in der Lehre frei der Reproduktion der Wissensträger in der nächsten Generation dienen. Durch diese fruchtbaren Bedingungen im »Sondermilieu« der Wissenschaften können die parallelen, kollektiven Bemühungen Ergebnisse hervorbringen, die kein Einzelner und kein einzelnes Team produzieren könnten. Der einzelne Wissenschaftler erhält im Wissenskommunismus als Anerkennung für die von ihm erarbeiteten Erkenntnisse keine Geldzahlungen – um von dieser Notwendigkeit freigestellt zu sein, alimentiert ihn der Staat –, sondern ein symbolisches Entgelt in Form von fachlicher Reputation, wie sie sich z. B. an der Zahl der Einträge im Citation Index ablesen lässt. Statt eines Monopolverwertungsrechts, wie es das Patentsystem für Erfindungen von industriellem Wert gewährt, steht hier das Recht auf Namensnennung im Vordergrund.

Auch die Ideologie von Richard Stallman beruft sich auf diese jahrhundertealte Tradition der Wissenschaft:

„Der fundamentale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin, einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen. Dieser gute Wille, die Bereitschaft, unserem Nächsten zu helfen, ist genau das, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie lebenswert macht.“

Richard Stallman

Als Musterbeispiele für derartige Entwicklungen gelten das Internet, die Unix-Derivate *BSD und GNU/Linux, das GNU-Projekt sowie schließlich die Entstehung freier und Open-Source-Software. Auch die Wikipedia ist hier als ein Vertreter der Open-Content-Szene einzuordnen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. die Diskussion und Literaturangaben in: Charlotte Hess, Elinor Ostrom: Artifacts, Facilities, And Content: Information as a Common-pool Resource, Workshop in Political Theory and Policy Analysis, 2001.
  2. Workshop: Wizards of OS. Information want to be Free auf der Interface 5, 7/2000.