Zuchtwertschätzung

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Unter Zuchtwertschätzung (ZWS) versteht man verschiedene normierte Verfahren, um in der Tierzucht den Genotyp eines Individuums anhand des Phänotyps dieses Individuums und seiner Familie abschätzen und von Umweltfaktoren abgrenzen zu können.

Vorgehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zuchtwert beschreibt, welche Wirkung die Gene eines Tieres auf ein einzelnes Phänotyp-Merkmal haben, wenn diese mit den Genen anderer Tiere kombiniert werden und durchschnittliche Umweltverhältnisse herrschen. Ein Zuchtwert von 100 beschreibt eine durchschnittliche Vererbung des bewerteten Merkmals, höhere Zuchtwerte stehen für eine Vererbung, bei der das Merkmal verstärkt wird, niedrigere Zuchtwerte für eine Merkmalsabschwächung.[1] Vergleicht man den Zuchtwert eines Tieres mit dem durchschnittlichen Zuchtwert der gesamten Population, wird ersichtlich, ob dieses Tier in der Zucht verwendet werden sollte und welcher Zuchtwert bei seinen potentiellen Partnern tolerierbar ist.

Das zur Zuchtwertschätzung verwendete statistische Verfahren ist die Best Linear Unbiased Prediction (BLUP). Es ist mathematisch komplex und beinhaltet die Lösung von Gleichungssystemen mit Hunderten von Unbekannten.

Prinzipiell sieht das Vorgehen so aus, dass zur Bestimmung des Zuchtwerts eines Individuums betrachtet werden:

  • Der Phänotyp des Individuums
  • Der Phänotyp seiner Elterntiere
  • Der Phänotyp seiner Voll- und Halbgeschwister
  • Der Phänotyp seiner Nachkommen

Aus diesen Phänotypen kann mittels BLUP eine Zahl berechnet werden, die als Zuchtwert bezeichnet wird.

Idealerweise berechnet sich der Zuchtwert aus den Phänotypen des Tieres und seiner Familie gemäß obiger Liste. Das verwendete Berechnungsverfahren erlaubt aber die Bestimmung eines Zuchtwerts auch dann, wenn keine vollständigen Informationen zum Phänotyp aller relevanten Individuen vorliegen. Im Extremfall ist es also auch möglich, einen Zuchtwert zu schätzen, ohne den Phänotyp des Tieres zu kennen, dessen Zuchtwert geschätzt wird.

Aus dieser Vorgehensweise wird auch deutlich, dass der Zuchtwert eines Individuums sich ändern kann, sobald neue Informationen zu Phänotypen bei ihm selbst und seiner Verwandtschaft verfügbar werden.

Anwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anwendung der Zuchtwertschätzung ist grundsätzlich dann sinnvoll, wenn der betrachtete Phänotyp einem komplexen Erbgang folgt und auch durch die Umwelt beeinflusst werden kann. Der Phänotyp sollte dabei bevorzugt eine möglichst hohe Heritabilität aufweisen.

Nutztiere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Nutztieren wird die Zuchtwertschätzung vor allem bei der Selektion auf Leistungsmerkmale angewendet. Bei landwirtschaftlichen Nutztieren dient sie der Selektion auf Fruchtbarkeit, Milchleistung und Fleischzuwachs; bei Pferden wird sie auch auf das Preisgeld bei Wettkämpfen angewendet. Bei der Honigbiene gehen Honigertrag, Sanftmut, Wabensitz, Schwarmneigung und Varroa-Index in den Zuchtwert ein.[2]

Heimtiere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Hunden ist die Zuchtwertschätzung insbesondere bei der Bekämpfung von polygenen Erbkrankheiten verbreitet, so etwa bei der Hüftgelenksdysplasie, der Ellbogendysplasie und verschiedenen Augenerkrankungen wie beispielsweise Collie Eye Anomaly.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tierzucht und allgemeine Landwirtschaftslehre für Tiermediziner Kräusslich, Brem; Enke 1997; ISBN 3-432-26621-9
  • Christian Fürst, Jörg Dodenhoff, Christa Egger-Danner, Reiner Emmerling, Henning Hamann, Dieter Krogmeier und Hermann Schwarzenbacher: Zuchtwertschätzung beim Rind - Grundlagen, Methoden und Interpretationen, 2015 (online als pdf)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reiner Beuing: Zuchtwertschätzung in der Hundezucht (pdf; 67 kB)
  2. Länderinstitut für Bienenkunde Hohen Neuendorf: Zuchtwertergebnisse für ausgewählte Königinnen