AN602

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Kernwaffentest
AN602 / Zar-Bombe
maßstabgerechtes Modell der Zar-Bombe im Sarower Atombombenmuseum
maßstabgerechtes Modell der Zar-Bombe im Sarower Atombombenmuseum
Informationen
Nation Sowjetunion 1955Sowjetunion Sowjetunion
Testort Insel Nowaja Semlja
Datum 30. Oktober 1961
11:32 Uhr Moskauer Zeit
Testart Oberirdischer Test
Testhöhe 4000 Meter
Waffentyp Wasserstoffbombe
Sprengkraft 50–60 MT
Ort der Explosion
Tu-95
Der Bomber, der die Zar-Bombe abwarf, steht heute im Museum der Luftstreitkräfte

Die AN602 war die stärkste jemals gezündete Wasserstoffbombe und erzeugte die größte jemals von Menschen verursachte Explosion.

Der Deckname lautete Wanja. Fälschlicherweise wird sie oft auch als RDS-220 oder RN202 (РДС-202 и РН202)[1] bezeichnet. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verbreitete sich der Name Zar-Bombe (russisch Царь-бомба/ Zar-Bomba), abgeleitet vom Herrschertitel Zar.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Bombe wurde am 30. Oktober 1961 um 11:32 Uhr Moskauer Zeit über dem Testgelände in der Mitjuschikabucht auf der Insel Nowaja Semlja gezündet. Sie wurde von einem modifizierten Tupolew-Tu-95W-Bomber[2] in über 10.000 Metern Höhe abgeworfen und durch einen Fallschirm abgebremst, um dem Flugzeug ausreichend Zeit zum Verlassen des Testgebietes zu geben. Um die Bombe transportieren zu können, waren die Klappen des Bombenschachtes entfernt worden.[3] Die Explosion fand in einer Höhe von etwa 4.000 m statt. Der Feuerball der Explosion berührte den Erdboden, der Atompilz erreichte kurzzeitig eine Höhe von ungefähr 64 km; die stabile Endhöhe dürfte zwischen 40 km und 50 km betragen haben. Die von der Bombe erzeugte Druckwelle war so stark, dass sie noch bei ihrer dritten Umrundung der Erde messbar war.

Die Sprengkraft der Bombe betrug – je nach Quelle – 50 bis 60 Megatonnen TNT-Äquivalent und war damit 4000-mal so stark wie die der Hiroshima-Bombe Little Boy, deren Sprengkraft auf etwa 13 Kilotonnen TNT-Äquivalent geschätzt wird. Sie war auch etwa drei- bis viermal so stark wie Castle Bravo, der stärkste Kernwaffentest der USA.

Die von einem Team um den späteren Dissidenten Andrej Sacharow konstruierte Bombe wog 27 Tonnen, war acht Meter lang und maß zwei Meter im Durchmesser.

Aufbau[Bearbeiten]

Die Zar-Bombe hatte ein dreistufiges Design, das für eine Sprengkraft von 100 Megatonnen ausgelegt war. Für den Test wurde aber auf die Hälfte der Sprengkraft verzichtet, um den radioaktiven Niederschlag um 97 % zu reduzieren, indem der Mantel der dritten und möglicherweise auch der zweiten Spaltstufe, dessen 238Uran durch die schnellen Neutronen der Wasserstoff-Stufen gespalten worden wäre (siehe Kernwaffentechnik), stattdessen vermutlich aus Blei bestand. In Relation zu ihrer Sprengkraft wurde diese Bombe damit zur „saubersten“ jemals eingesetzten Atombombe. Vollständig geladen hätte die Bombe die weltweite radioaktive Belastung durch Kernwaffentests um etwa 25 Prozent erhöht.

Eine große Herausforderung bei der Konstruktion dieser Bombe war auch die Herstellung des Fallschirms, der die 27 Tonnen schwere Bombe nach dem Abwurf trug.

Sprengkraft[Bearbeiten]

Zerstörungswirkung der Zar-Bombe über einer Karte von Paris: Der rote Kreis umfasst die Zone totaler Zerstörung (Radius: 35 km), der gelbe Kreis den Feuerball (Radius: 3,5 km).

Kurze Zeit nach dem Test schätzten die Vereinigten Staaten die Sprengkraft der Zar-Bombe auf etwa 57 Megatonnen TNT-Äquivalent. Diese Angabe wurde 30 Jahre lang beibehalten und gleichermaßen von westlichen und sowjetischen Quellen zitiert. Sollte diese Zahl stimmen, wäre diese Differenz von 14 Prozent zwischen geschätzter, erwarteter und tatsächlich eingetretener Sprengkraft keine außerordentliche Abweichung. Zum Beispiel variierten die Schätzungen zur Stärke der Hiroshima-Bombe von 12 bis 16 Kilotonnen, eine Differenz von 33 Prozent. Noch größer war das Missverhältnis von Vorhersage und tatsächlicher Sprengkraft bei der Explosion der Feststoff-H-Bombe Castle Bravo. Diese war mit etwa 15 Megatonnen etwa zweieinhalbmal so hoch wie ursprünglich angenommen.

In seinen Memoiren (1970) schreibt Chruschtschow (Seite 71): „Unsere Wissenschaftler berechneten im Vorfeld, dass die Kraft der Bombe 50 Millionen Tonnen TNT gleichkommen würde. Jedenfalls theoretisch. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Explosion äquivalent zu 57 Millionen Tonnen war.“ Dennoch findet sich in allen seit 1991 erschienenen russischen Quellen die Zahl 50 Megatonnen.

Da die von den USA höher geschätzte Sprengkraft eine umso spektakulärere Demonstration der sowjetischen Fähigkeiten im Bereich der Kernwaffen darstellte, gab die Sowjetunion danach die höhere anstatt der von den eigenen Experten berechneten Zahl an.

Durch die immense Explosion umrundete die Druckwelle etwa zweieinhalb mal den Globus. Die dritte Wiederankunft der Druckwelle am Ursprungsort war hingegen nur noch mit hochempfindlichen Barographen messbar. Da mit dem Druck auch die Dichte schwankte, wurde die atmosphärische Welle als langsame vertikale Komponente von Seismographen registriert, deren träge Masse veränderlichen Auftrieb erfuhr.

Obwohl die Bombe in relativ großer Höhe gezündet wurde, regte die Explosion auch mehrere Arten seismischer Wellen an, Stärke 5,0-5,25. P-Wellen waren sogar auf der dem Testgebiet entgegengesetzten Erdseite messbar. Insgesamt handelte es sich um die stärkste jemals vom Menschen verursachte Geoaktivität.

Die Menge des chemischen Sprengstoffs TNT, die eine Energie vergleichbar der Zar-Bombe freisetzen würde, hätte als Kugel einen Durchmesser von 400 Metern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Johannes Paulmann, Daniel Leese, Philippa Söldenwagner (Hrsg.): Ritual – Macht – Natur. Europäisch-ozeanische Beziehungswelten in der Neuzeit. Überseemuseum, Bremen 2005, ISBN 3-89946-040-5, (TenDenZen Sonderband).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. S. J. Zaloga: The Kremlin's Nuclear Sword. Smithsonian Institution Press, Washington and London 2002, S. 51-52
  2. http://www.fas.org/nuke/guide/russia/bomber/tu-95.htm
  3. Rainer Göpfert: „Maria“ und „Tatjana“ – Die Erprobung von Atomwaffen durch die Luftstreitkräfte der UdSSR. In: Flieger Revue Extra Nr. 36. PPVMedien, Bergkirchen 2012, ISSN 2194-2641. S. 18

73.54464854.704189Koordinaten: 73° 32′ 41″ N, 54° 42′ 15″ O