Abstammungslinie
Abstammungslinie (veraltet: Blutlinie) bezeichnet in der Biologie und der Soziologie die direkte Reihe, in der Vorfahren und ihre Nachkommen miteinander verwandt sind, dabei wird zwischen weiblicher und männlicher Abstammungslinie unterschieden. Eine Abstammungslinie kann in aufsteigender Richtung betrachtet werden: die Vorfahren (Aszendenz), oder in absteigender Richtung: die Nachkommen (Deszendenz).
Soziologie [Bearbeiten]
Abstammungslinien werden in der Familien- und Ethnosoziologie als Vorstellungen, als soziale Konstrukte betrachtet, die festlegen, von welchen Vorfahren ein Mensch seine Abstammung herleitet, wen er zu seiner Abstammungsgruppe und zu seinen Verwandten rechnet und wen nicht. Abstammungslinien und daraus abgeleitete Abstammungsregeln und Heiratsregeln bestimmen die Verwandtschaftsbeziehungen in einer (ethnischen) Gesellschaft und damit Gruppenzugehörigkeiten, soziale Beziehungen, eheliche Wohnsitzregel sowie Rechtsnachfolge und Vererbung.
Abstammungslinien orientieren sich nicht notwendigerweise an biologischer Verwandtschaft; sofern sie das tun, muss es trotzdem nicht immer den Tatsachen entsprechen, vor allem in Bezug auf biologische Vaterschaft (siehe Kuckuckskind) und nur mündlich überlieferte Vorfahrengenerationen (siehe Herkunftssagen). Abstammungslinien sind nicht deckungsgleich zu Verwandtschaftsgruppen, diese enthalten zusätzlich zu den linearen auch alle kollateralen Seitenverwandten, also indirekte Blutsverwandte wie Onkel, Tanten oder Neffen. Nicht enthalten sind Verwandtschaften der eingeheirateten Ehepartner (siehe Affinität).
Die männliche Linie wird als Stammlinie oder Stammreihe bezeichnet, die Abfolge nur über Väter als patrilinear oder agnatisch (vaterrechtlich), die Abfolge nur über die Mütter als matrilinear (mutterrechtlich). Daneben gibt es Mischformen, beispielsweise die in modernen Gesellschaften übliche bilateral-kognatische Abstammung, bei der beide Linien gleichwertig sind, sowie bilineale, ambilineare und parallele Linien (siehe Abstammungsregeln). Entsprechend verschieden sind die Verwandtschaftsbeziehungen und die Wohnsitzregeln für Ehepaare.
Soziologisch und vor allem medizinisch im Hinblick auf vererbbare Krankheiten sind die weibliche und die männliche Abstammungslinie gleich wichtig. Die ältere Genealogie beschränkte sich allerdings oft auf die Erforschung der männlichen Stammreihe, dagegen strebt die moderne Ahnenforschung nach umfangreichen, alle Abstammungslinien berücksichtigenden Ahnenlisten, bei der die Väterlinie keine Sonderstellung hat.
Siehe auch: Abstammungsgruppe (Lineage)
Biologie [Bearbeiten]
In der Genetik (biologische Vererbungslehre) kann die weibliche, maternale Abstammungslinie über die DNA der Mitochondrien ermittelt werden, die männliche, paternale Abstammungslinie über das Y-Chromosom. In beiden Fällen handelt es sich um Abschnitte der DNA, die ohne Veränderung von Generation zu Generation weitervererbt werden: bei weiblichen Individuen von der Mutter zur Tochter, bei männlichen Individuen vom Vater zum Sohn.
Durch die Analyse von Abstammungslinien ist es möglich, die genetische Geschichte einer Spezies zu rekonstruieren. Der Forschungszweig, der sich damit beschäftigt, ist die Archäogenetik (siehe Adam des Y-Chromosoms, Aaron des Y-Chromosoms, Mitochondriale Eva).