Aaron des Y-Chromosoms

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Aaron des Y-Chromosoms ist der angenommene früheste Vorfahre der Kohanim, einer patrilinearen Priesterkaste innerhalb des Judentums und Untergruppe der Leviten. Im jüdischen Tanach wird dieser Vorfahre mit Aaron identifiziert, dem Bruder des Moses.

Die Techniken, die verwendet wurden, um den Aaron des Y-Chromosoms zu finden, wurden zunächst vor allem in Bezug auf die Suche nach dem paternalen Vorfahren aller Menschen popularisiert, dem Adam des Y-Chromosoms.

Hintergrund[Bearbeiten]

Genetisch besitzt jeder Mensch 46 Chromosomen, jeweils 23 von jedem Elternteil. Zwei Chromosomen, X-Chromosom und Y-Chromosom, legen das Geschlecht fest. Frauen haben zwei X-Chromosomen, eins von der Mutter und eins vom Vater. Männer haben ein X-Chromosom von der Mutter und ein Y-Chromosom vom Vater übernommen.

Männer mit gemeinsamen paternalen Vorfahren müssen demnach auch ein gemeinsames Y-Chromosom aufweisen, das nur hinsichtlich bestimmter Mutationen Abweichungen aufweist. Mutationen des Y-Chromosoms treten mit einer verhältnismäßig konstanten Rate auf, die den Wissenschaftlern eine Berechnung erlauben, bis zu welcher Generation die Träger der ähnlichen Y-Chromosomen einen gemeinsamen Vorfahren hatten (siehe molekulare Uhr).

Eine andere Art DNA, mitochondriale DNA (mtDNA), befindet sich nicht auf einem Chromosom, sondern kommt im Zytoplasma des Eies von der Mutter zum Kind. Die mtDNA stammt nahezu immer von der Mutter und bleibt auch – bis auf angesammelte Mutationen – unverändert.

Die Hypothese[Bearbeiten]

Die Zugehörigkeit zum Judentum verläuft traditionsgemäß über die mütterliche Linie. Die Zugehörigkeit zur spezifischen Gruppe der jüdischen Priester (Kohanim) definiert sich jedoch patrilinear. Die Kohanim behaupten die direkte Nachkommenschaft Aarons, des Mosebruders zu sein. Da männliche Kinder das Y-Chromosom immer vom Vater erhalten, lässt sich vermuten, dass alle Kohanim das gleiche Y-Chromosom gemeinsam haben müssten, abgesehen von vernachlässigbaren Mutationen seit Aaron.

Test der Hypothese[Bearbeiten]

Diese Hypothese wurde zunächst von Karl Skorecki und Mitarbeitern in Haifa, Israel, getestet. Dabei entdeckten sie 1997 bei den Kohanim einen auffällig hohen Anteil bestimmter Y-Chromosom-Marker, was als Bestätigung der Hypothese gilt. Andere Studien stützten die Entdeckung und datierten den Ursprung der gemeinsamen DNA auf ungefähr vor 3000 Jahren (mit aus der unterschiedlichen Generationendauer herrührenden Abweichungen).[1] Dies führte zur Entwicklung des Cohen Modal Haplotype (CMH), eines Satzes von Y-Chromosom-Markern (DNA Y-chromosome segment, DYS), die auf den biblischen Aaron zurückgehen könnten.

Cohen Modal Haplotype[Bearbeiten]

Der Cohen Modal Haplotype sieht folgendermaßen aus:

DYS19/DYS394 = 14

DYS388 = 16
DYS390 = 23
DYS391 = 10
DYS392 = 11
DYS393 = 12

Der Cohen Modal Haplotype gehört zur Haplogruppe J (Y-DNA).

Kritik und Erwiderung[Bearbeiten]

Die Entdeckung führte zu hoher Aufregung bei religiösen Kreisen, wo man eine Art „Beweis“ der historischen Wahrheit der Bibel feierte;[2] sie löste andererseits aber auch Kritik aus.[3]

Andere Träger der DNA[Bearbeiten]

Es gibt auch nichtjüdische Populationen, bei denen der Cohen Modal Haplotype in auffälliger Zahl gefunden wurde. So etwa bei Italienern. Denkbarer Zusammenhang ist die geschichtlich belegte Migration vieler jüdischer Sklaven nach Rom (dem heutigen Italien), insbesondere in Verbindung mit dem Bau des Kolosseums. Die in Südafrika und Simbabwe beheimateten Lemba führen ihre Herkunft auf das Judentum zurück. Die genetischen Befunde vor allem im Priesterclan der Lemba bestätigen diese Überlieferung.[4] In einigen Gruppen von Kurden kommt der CMH ebenfalls vor.

Levi des Y-Chromosoms?[Bearbeiten]

Während man annimmt, die Kohanim seien patrilineare Abkömmlinge des Mosebruders Aaron (Aaroniten), gelten die Leviten (die nächste Ebene der jüdischen Priesterschaft) traditionsgemäß als patrilineare Abkömmlinge von Levi, dem Sohn von Jakob und Urgroßvater von Aaron. Folglich müssten auch die Leviten eine gemeinsame Y-Chromosom-DNA aufweisen.

Eine Untersuchung von Männern, die sich zu den Leviten zählten, fand in großer Zahl eindeutige Marker als Hinweis, dass vielfach Nicht-Aaroniten der levitischen Herkunft zuzurechnen sind. Ein bestimmter Marker weist bei den gegenwärtigen osteuropäischen (aschkenasischen) Juden zu über 50 Prozent auf die Leviten, also auf einen gemeinsamen männlichen Vorfahren innerhalb der letzten 2000 Jahre, außerdem auf einen hohen Anteil der Leviten innerhalb der Gruppe der Aschkenasim. Dieser Marker gehört allerdings der Haplogruppe R1a1-Z93 an, einem speziell orientalisch-asiatischen Zweig, dem auch die osteuropäischen Juden (Aschkenasim) einschließlich der deutschen Juden angehören. Im Orient tritt die Haplogruppe R1a1-Z93 (neben anderen) auch bei Iranern, Persern, Pashtunen, Kurden, Arabern sowie im Kaukasus und in Anatolien auf, grob gesagt also bei Orientalen mit indoarischer Herkunft. Auch in der indischen Brahmanenkaste gibt es einen erhöhten Anteil indoarischer Herkunft.[5]

Die Haplogruppe R1a wird mit der Wanderbewegung der Indoeuropäer nach Osten in Verbindung gebracht und steht in direktem Zusammenhang mit der Verbreitung der Schnurkeramiker und der Kugelamphoren-Kultur, kurz gesagt vom Fluss Rhein bis zum Uralgebirge mit Ausdehnung bis nach Asien. Der Zusammenhang der europäischen mit der orientalisch-asiatischen Haplogruppe und ihre Trennung ist noch nicht geklärt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. M. G. Thomas, K. Skorecki u. a.: Origins of Old Testament priests. In: Nature. Band 394, Nr. 6689, Juli 1998, ISSN 0028-0836, doi:10.1038/28083, PMID 9671297, S. 138–140 (englisch).
  2. Rabbi Yaakov Kleiman: The Cohanim - DNA Connection. In: Aish.com: Your Life, Your Judaism. Israel, 12. Januar 2000, abgerufen am 10. Februar 2014 (englisch).
  3. Robert Rosenberg: Doctor finds fault in the contentions that the „Cohen modal haplotype“ designates Israelites and that most Jewish priests have a common ancestor. In: Ariga. Eigene Webseite, 27. Februar 2001, archiviert vom Original am 9. September 2009, abgerufen am 10. Februar 2014 (englisch).
  4. M. G. Thomas, T. Parfitt u. a.: Y chromosomes traveling south: the cohen modal haplotype and the origins of the Lemba–the „Black Jews of Southern Africa“. In: American journal of human genetics. Band 66, Nr. 2, Februar 2000, ISSN 0002-9297, doi:10.1086/302749, PMID 10677325, PMC 1288118 (freier Volltext), S. 674–686 (englisch).
  5. D. M. Behar, M. G. Thomas u. a.: Multiple origins of Ashkenazi Levites: Y chromosome evidence for both Near Eastern and European ancestries. In: American journal of human genetics. Band 73, Nr. 4, Oktober 2003, ISSN 0002-9297, doi:10.1086/378506, PMID 13680527, PMC 1180600 (freier Volltext), S. 768–779 (englisch).