al-Farabi

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al-Farabi
Lateinische Übersetzung des Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm von Gerhard von Cremona, B.N.F. fonds lat. 9335, 13. Jh.

Abu Nasr Muhammad al-Farabi (arabisch ‏ابو نصر محمد الفارابي‎, DMG Abū Naṣr Muḥammad al-Fārābī),[1] latinisiert Alpharabius, auch Alfarabi, El Farati, Avenassar (geboren vermutlich um 872 in Otrar, Kasachstan; gestorben 950 zwischen Asqalān und Damaskus, Syrien), war ein muslimischer Philosoph und Gelehrter aus Zentralasien.

Leben[Bearbeiten]

Vor allem über al-Fārābīs Kinder- und Jugendzeit bieten sowohl schriftlich-dokumentarische als auch schriftlich-erzählende Quellen keine eindeutigen Fakten. Sein Geburtsort war Wasidsch im Distrikt Farab an der Nordgrenze Transoxaniens oder die Region Faryab im heutigen Afghanistan. Über seine ethnische Herkunft finden sich in den – zeitlich viel späteren und größerenteils nicht direkt verlässlichen – biographischen Quellen unterschiedliche Angaben, u. a. eine iranische oder türkische Abstammung, wobei die Forschungsliteratur größerenteils letztere wahrscheinlicher findet[2] oder ein abschließendes Urteil für unbegründbar hält.[3] Al-Fārābī gibt an, dass einer seiner philosophischen Lehrer der nestorianische Christ und Anhänger der alexandrischen Schule Yuḥanna ibn Ḥaylān (gest. um 920) war. Da dieser 908 nach Bagdad übersiedelte, wird angenommen, dass auch Fārābī spätestens ab diesem Zeitpunkt sich dort aufhielt.[4] Ferner hatte al-Fārābī Verbindungen zu Abū Bišr Mattā ibn Yūnus, einem Übersetzer und Kommentator der Bagdader Schule christlicher Aristoteliker. Ab 942 lebte Fārābī dann in der Gefolgschaft des späteren Hamdanidenfürsten Saif ad-Daula meist in Aleppo. Im Jahre 950 soll er laut der legendarisch gefärbten Darstellung al-Bayhaqīs (ca. 1097–1169) als Begleiter von Saif ad-Daula auf dem Weg zwischen Damaskus und Asqalān von Straßenräubern erschlagen worden sein.[5]

Werk[Bearbeiten]

Illustration aus Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr, ein šāh-rūd genanntes Saiteninstrument

Er beschäftigte sich mit Logik, Ethik, Politik, Mathematik, Philosophie und Musik. Er kannte unter anderen philosophische Werke von Aristoteles (nebst einigen wichtigen Kommentaren) und Platon, die ihm bereits in persischer oder arabischer Übersetzung vorlagen, und trieb auch die Übersetzung weiterer Texte voran.

Er war der Ansicht, dass die Philosophie nunmehr in der islamischen Welt ihre neue Heimat gefunden habe. Philosophische Wahrheiten hielt er für universell gültig und betrachtete die Philosophen als Propheten, die zu ihren Erkenntnissen mittels göttlicher Inspiration (arab. waḥy) gelangt seien.

Sein Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr (Großes Buch der Musik) gilt als umfassendste Schrift der islamischen Musiktheorie und Musiksystematik. In seinen Schriften zur Musik verband er seine detaillierten Kenntnisse als ausübender Musiker und seine sachliche Präzision als Naturwissenschaftler mit der Logik der Philosophie. Zu von ihm beschriebenen Musikinstrumenten gehören unter anderem das zitherähnliche Saiteninstrument šāh-rūd und die Langhalslaute ṭunbūr al-baghdādī.

Rezeption[Bearbeiten]

In der Wissenschaftsgeschichte des Islams wird al-Fārābī als „Zweiter Lehrer“ nach Aristoteles gesehen. Neben al-Kindi, ar-Rāzi, Avicenna und al-Ghazali ist al-Fārābī einer der wichtigsten Vertreter der islamischen Philosophie. Er gehört mit zu den herausragenden und umfassenden Denkern des 10. Jahrhunderts und gilt als größter Theoretiker der islamischen Musikgeschichte. Es war auch sein Verdienst, dass die griechische Philosophie ihren Weg in das Morgenland fand. Seine Werke wurden über Jahrhunderte immer wieder herangezogen und intensiv diskutiert. Besondere Wirkung, auch in hebräischen und lateinischen Übersetzungen des 11. und 12. Jahrhunderts, entfaltete sein wissenschaftstheoretisches Grundlagenwerk Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm (Buch über die Einteilung der Wissenschaften). Moses ibn Tibbon aus der Übersetzerfamile Ibn Tibbon übersetzte einige seiner Werke ins Hebräische. Wie in ähnlichen Fällen großer Gelehrter wurde al-Farabi gelegentlich vereinnahmt, was z.B. die Zurechnung zur jeweils eigenen Ethnie betrifft.[6]

Literatur[Bearbeiten]

Werke Farabis[Bearbeiten]

Schriften zur Musik (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Kitāb Iḥṣāʾ al-īqāʿāt (Buch der Klassifikation der Rhythmen)
    • Übers. E. Neubauer: Die Theorie vom Īqā, I: Übersetzung des Kitāb al-īqā‘āt von Abū Nasr al-Fārābī’, in: Oriens 34 (1994), S. 103–73.
  • Kitāb fi ’l-īqāʿāt (Buch über Rhythmen)
    • Übers. E. Neubauer: Die Theorie vom Īqā, I: Übersetzung des Kitāb al-īqā‘āt von Abū Nasr al-Fārābī’, in: Oriens 21-22 (1968–9), S. 196–232.
  • Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm (Buch über die Einteilung der Wissenschaften)
  • Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr (Das große Buch der Musik)
    • hrsg. G.A.M. Khashaba, Kairo 1967
    • Übers. R. d’Erlanger: La musique arabe, Bd. 1, Paris 1930, S. 1–306 und Bd. 2 (1935), S. 1–101.

Philosophische und theologische Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Kitāb Iḥṣāʾ al-ʿulūm (Buch der Klassifikation der Wissenschaften)
    • A. González Palencia (Hrsg.): Catálogo de las Ciencias (Textedition, lateinische und spanische Übersetzung), Madrid: Imprenta y Editorial Maestre 2. A. 1953.
    • Franz Schupp: Al-Farabi: Über die Wissenschaften. De scientiis. Nach der lateinischen Übersetzung Gerhards von Cremona, Meiner, Hamburg 2005
  • Mabādiʾ ārāʾ ahl al-madīna al-fāḍila
    • Richard Walzer (Herausgeber und Übersetzer): Al-Farabi on the Perfect State, Clarendon Press, Oxford 1985.
    • Cleophea Ferrari: Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt, Stuttgart: Reclam 2009.
  • Risala fi ’l-ʿaql
    • M. Bouyges (Hrsg.): Epistle on the Intellect, Beirut: Imprimerie Catholique 1938.
  • Kitāb al-Ḥurūf
    • M. Mahdi (Hrsg.): The Book of Letters, Beirut: Dar al-Mashriq 1969.
  • F. W. Zimmermann: Al-Farabi’s Commentary and Short Treatise on Aristotle’s De Interpretatione, Oxford University Press, Oxford 1981.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • E. A. Beichert: Die Wissenschaft der Musik bei Al-Fārābī, Regensburg 1931.
  • Deborah L. Black: Al-Farabi, in: Seyyed Hossein Nasr, Oliver Leaman (Hrsg.): History of Islamic Philosophy. 3 Bände. Routledge History of World Philosophies 5/1, Teil 1, Routledge, London, New York 1996, S. 178–197.
  • Norbert Campagna: Alfarabi – Denker zwischen Orient und Okzident. Eine Einführung in seine politische Philosophie, Berlin 2010, ISBN 978-3-938880-36-4.
  • Majid Fakhry: A history of Islamic philosophy. Studies in Oriental culture 5, Columbia University Press, Longman, New York 1983 (Auszüge), 6. A. 2004, ISBN 0-231-13221-2, S. 111–132 et passim.
  • Henry George Farmer: al-Fārābī, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1 (1952), S. 315f.
  • Henry George Farmer: Al-Fārābī’s Arabic-Latin Writings on Music, Glasgow 1934.
  • M. Galston: Politics and Excellence. The Political Philosophy of Alfarabi, Princeton University Press, Princeton, NJ 1990.
  • Rafael Ramón Guerrero: Apuntes biográficos de al-Fârâbî según sus vidas árabes, in: Anaquel de Estudios Árabes 14 (2003), S. 231–238.
  • Dimitri Gutas (Biography, S. 208–213), D.L. Black, T-A. Druart, G. Sawa, Muhsin Mahdi: Art. Fārābī, in: Ehsan Yarshater et al. (Hrsg.): Encyclopaedia Iranica, Bd. 9, New York 1999, S. 208–229.
  • Muḥsin Mahdī: Alfarabi and the foundation of Islamic political philosophy, University of Chicago Press, Chicago 2010, ISBN 978-0-226-50187-1.
  • Hossein Nasr: Abū Naṣr Fārābī [Introduction], in: Ders. / Mehdi Amin Razavi (Hrsg.): An Anthology of Philosophy in Persia, Bd. 1: From Zoroaster to Umar Khayyam, Oxford University Press, Oxford 1999 (Nachdruck I. B. Tauris, in Zusammenarbeit mit dem Institute of Ismaili Studies, London-New York 2008), S. 134–136.
  • Ian R. Netton: Al-Farabi and His School. Arabic Thought and Culture Series, Routledge, London and New York 1992.
  • Joshua Parens: An Islamic Philosophy of Virtuous Religions. Introducing Alfarabi, State University of New York Press, Albany 2006.
  • D. M. Randel: Al-Fārābī and the Role of Arabic Music Theory in the Latin Middle Ages, in: Journal of the American Musicological Association 29/2 (1976), S. 173–88.
  • David C. Reisman: Al-Fārābī and the philosophical curriculum, in: Peter Adamson / Richard C. Taylor (Hrsg.): The Cambridge Companion to Arabic Philosophy. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 52–71.
  • Ulrich Rudolph: "Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart", C.H.Beck Verlag, München 2008, S. 29–36.
  • William Montgomery Watt: Art. al-Fārābī, in: Encyclopedia of Philosophy, 2. A. Bd. 1 (Artikel textgleich mit 1. A. von 1967), S. 115f.

Weblinks[Bearbeiten]

Primärtexte[Bearbeiten]

 Wikisource: Alfarabius – Quellen und Volltexte (Latein)

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gemäß dem Gelehrtenbiographen adh-Dhahabī, Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Bd. 15, S. 416 (2. Auflage. Beirut 1993), lautet der vollständige Name ‏محمد بن محمد بن طرخان بن أوزلغ التركي الفارابي‎, DMG Muḥammad b. Muḥammad b. Ṭarḫān b. Auzlaġ at-Turkī al-Fārābī. In seinem al-ʿIbar fī ḫabar man ġabar, Band 2. S. 251 (Ed. Fuʾād Sayyid. Kuwait 1961) nennt ihn adh-Dhahabī: Abū Naṣr al-Fārābī, Muḥammad b. Muḥammad b. Ṭarḫān at-Turkī. So auch in der Gelehrtenbiographie von aṣ-Ṣafadī: Das biographische Lexikon des Ṣalāḥaddīn Ḫalīl Ibn-Aibak aṣ-Ṣafadī, Stuttgart u. a. 1962, 106, im Text: Abū Naṣr at-Turkī al-Fārābī (Zeile 7); so auch al-Maqrīzī: al-muqaffā al-kabīr. Bd. 7. S. 147 (Ed. Muḥammad al-Yaʿlāwī. Beirut 1991) mit der Erläuterung: „Ṭarḫān...ist ein nicht arabischer (fremder) Name“; „Auzlaġ: ist ein türkischer Name“; Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Band 1. Brill, Leiden 1943,S. 232; vgl. auch die Angaben in Fußnote 2. Die Authentizität der Nisbe at-Turkī wird von Gutas 1999 bezweifelt, da er den frühesten Beleg bei Ibn Challikān: Wafayāt al-aʿyān, Band 5, S. 153 (Ed. Iḥsān ʿAbbās. Beirut 1968) ausmacht; dessen Darstellung sei geprägt vom Bestreben, Fārābī türkische Ethnizität zuzuschreiben, weshalb er ihm auch diese Nisbe verliehen habe. Die relevante Passage bei ibn Challikān ist z. B. angeführt und übersetzt bei Ameer Ali Syed: Spirit of Islâm, London 2. Aufl. 1922 (diverse Nachdrucke), S. 485f.
  2. Z. B. Fakhry 2004, 111; Schupp 2005, xi; Black 1996, 178; Watt 1967, 115; Farmer 1952; Netton 1992, 5; Shlomo Pines: Philosophy. In: P. M. Holt et al. (Hrsg.): The Cambridge History of Islam. Vol. 2B, Cambridge University Press, Cambridge 1970, S. 780–823, hier S. 794:„...a descendant of a Central Asian Turkish family“; Henri Laoust: Les schismes dans l’Islam, Paris 1965, S. 158: „...né dans le Turkestan, à Fārāb, et sans doute d’origine turque, bien que l’iranisme le revendique aussi...“.
  3. Gutas 1999; Reisman 2005, 53.
  4. Schupp 2005, S. xi.xvi.
  5. Ẓahīr ad-Dīn al-Bayhaqī: Tatimmat siwān al-ḥikma, hrsg. M. Shāfiʿ, Lahore 1932, 16ff. Nach Abdiïlhak Adnan: Farabi, in: İslâm Ansiklopedisi, Istanbul 1945, Bd. 4, S. 451–469, hier 453, könnte dies eine fiktive Übernahme aus der Biographie von al-Mutanabbī sein. Dies hält auch Gutas 1999 für plausibel.
  6. So bemerkt Clifford Edmund Bosworth: „große Persönlichkeiten wie al-Farabi, al-Biruni und ibn Sina wurden von übermäßig begeisterten türkischen Forschern ihrem eigenen Volk zugeordnet“. (Barbarian Incursions: The Coming of the Turks into the Islamic World, in: D.S. Richards (Hrsg.): Islamic Civilization, Oxford University Press, Oxford 1973, S. 1–16, hier S. 2: „[…] great figures […] as al-Farabi, al-Biruni, and ibn Sina have been attached by over-enthusiastic Turkish scholars to their race.“). Die osmanische patriotische Zeitschrift Hürriyet etwa schreibt in ihrem Eröffnungsartikel von 1868, dass die Türken ein Volk gewesen seien, in deren Schulen Fārābīs, Ibn Sinas, Ghazzalis, Zamachsharis Wissen kultivierten.