Baralong-Zwischenfall

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Als Baralong-Zwischenfall (engl. Baralong Incident) wird die Versenkung des deutschen U-Boots U 27 durch die britische U-Boot-Falle HMS Baralong am 19. August 1915 in den Gewässern südlich der irischen Stadt Queenstown (heute Cobh) bezeichnet. Dabei wurden alle überlebenden Besatzungsmitglieder des deutschen U-Boots von der Mannschaft der britischen U-Boot-Falle getötet, was zu einem monatelangen Notenwechsel zwischen der Reichsregierung und der Regierung des Vereinigten Königreiches führte. Unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs konnte der Tathergang allerdings nie zufriedenstellend geklärt werden, weshalb der Baralong-Zwischenfall auch nie offiziell als Kriegsverbrechen eingestuft worden ist.

Ausgangslage[Bearbeiten]

Schon bald nach Kriegsbeginn im August 1914 wurde britischerseits eine Seeblockade über das Deutsche Reich verhängt, die wirtschaftlichen Druck ausüben sollte und deutscherseits als völkerrechtswidrig empfunden wurde. Die kaiserliche Marine sah zu diesem Zeitpunkt die Einsatzmöglichkeiten der wenigen hochseefähigen U-Boote vor allem im Kampf gegen alliierte Kriegsschiffe und Truppentransporter. Nach den ersten spektakulären Erfolgen Weddigens und Hersings zog die britische Admiralität ihre Schiffe aus den gefährdeten Gebieten zurück und verlegte sich auf das Abriegeln der Nordseezugänge. Auf deutscher Seite fand aufgrund der ausbleibenden U-Boot-Erfolge gegen Kriegsschiffe ein Umdenken statt, so dass Handelsschiffe in den Fokus der Seekriegsführung gerieten. SM U 17 versenkte am 20. Oktober 1914 das erste Handelsschiff, den englischen Dampfer Glitra, – mit Konterbande an Bord – nach der Prisenordnung. Bis Jahresende wurden nur zwei weitere Handelsschiffe (ebenfalls nach Prisenordnung) versenkt. Am 22. Februar 1915 befahl die deutsche Reichsregierung den (ebenfalls angeblich völkerrechtswidrig) uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen Handelsschiffe Krieg führender und neutraler Staaten innerhalb eines definierten Sperrgebiets um die britischen Inseln. Nachdem SM U 20 unter Kapitänleutnant Walther Schwieger am 7. Mai 1915 das britische Passagierschiff RMS Lusitania mit 1.198 Toten versenkt und heftige diplomatische Verwicklungen ausgelöst hatte, wurde der U-Boot-Krieg schließlich am 18. September 1915 eingeschränkt und generell Passagierschiffe sowie alle neutralen Schiffe von Versenkungen ausgenommen. Der Schwerpunkt des U-Boot-Kriegs wurde vorerst ins Mittelmeer verlegt.

Tathergang[Bearbeiten]

HMS Baralong
Illustration des Geschehens laut Schilderung des Baralong-Kapitäns

Am 19. August 1915 patrouillierte das deutsche U-Boot SM U 27 unter Kapitänleutnant Bernhard Wegener ca. 70 Seemeilen südlich von Queenstown auf der Suche nach feindlichen Schiffen. Das U-Boot hatte den mit Maultieren für die britische Armee beladenen Frachter Nicosian gestoppt und bereitete dessen Versenkung gemäß Prisenordnung vor. Die Besatzung der Nicosian hatte bereits ihr Schiff verlassen und befand sich in Rettungsbooten neben ihrem Schiff, als ein weiteres kleines Handelsschiff unter US-amerikanischer Flagge näher kam und Anstalten machte, die Besatzung der Nicosian aufzunehmen. Da das zweite Schiff zunächst durch die Nicosian verdeckt wurde, konnte es von der deutschen U-Boot-Besatzung erst gesehen werden, als es nur noch 600 Meter entfernt war. Derart nahe herangekommen, entpuppte sich das Schiff als die britische U-Boot-Falle HMS Baralong und versenkte SM U 27 auf kurze Entfernung mit 34 Schuss. Die zwölf überlebenden U-Boot-Fahrer wurden anschließend im Wasser schwimmend bzw. an Bord der Nicosian auf Befehl des britischen Kommandant der HMS Baralong, Lieutenant Commander Godfrey Herbert, erschossen. Dafür liegen mehrere eidesstattliche Erklärungen amerikanischer Besatzungsangehöriger vor. Unklar blieb jedoch vor allem das Geschehen im Maschinenraum der Nicosian, in dem vier Deutsche starben. Einem möglichen Szenario zufolge, geschah dies bei dem Versuch der Deutschen, die Nicosian doch noch durch das Öffnen der Bodenventile zu versenken.

Folgen[Bearbeiten]

In Deutschland führte der Vorfall nach dem Bekanntwerden durch die US-amerikanische Presse zur Entrüstung und der Forderung, Herbert wegen Mordes zu verurteilen, was Großbritannien ablehnte. Herbert erhielt die übliche Versenkungsprämie für ein U-Boot von 100 £ und soll zeitlebens eine Vergeltung der Deutschen gefürchtet haben. Die Vereinigten Staaten versuchten indes zu klären, ob die Baralong zum Zeitpunkt des Angriffs noch die US-amerikanische Flagge führte. Nach manchen Aussagen wurde sie erst eingeholt, nachdem die Baralong bereits das Feuer auf das U-Boot eröffnet hatte. Die USA bekräftigten, dass ihre Flagge auch im Falle einer Kriegslist nur gemäß dem Kriegsrecht geführt werden dürfe.

Während des Zweiten Weltkriegs sollte der Regisseur Helmut Käutner einen Propagandafilm über den Baralong-Fall drehen. Das deutsche Oberkommando der Marine erreichte aber schließlich den Stopp des Vorhabens, da es die Einschätzung Käutners und der Filmgesellschaft Terra teilte, auch die deutsche Seite könne dadurch diskreditiert werden.

Vergleichbare Zwischenfälle[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas Botting: Die Unterseeboote. Bechtermünz, Eltville 1992, ISBN 3-86047-032-9.
  • Bodo Herzog: Deutsche U-Boote 1906–1966. Karl Müller Verlag, Erlangen 1993, ISBN 3-86070-036-7, S. 127.
  • Joachim Schröder: Die U-Boote des Kaisers. Die Geschichte des deutschen U-Boot-Krieges gegen Großbritannien im Ersten Weltkrieg. Bernard & Graefe, Bonn 2003, ISBN 3-7637-6235-3.
  • Paul Kemp: Die deutschen und österreichischen U-Boot Verluste in beiden Weltkriegen. Urbes, Gräfelfing vor München 1998, ISBN 3-924896-43-7, S. 14f.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. P. Kemp: Die deutschen und österreichischen U-Boot Verluste in beiden Weltkriegen. Urbes, Gräfelfing vor München 1998, S. 15f.