Berufsberatung

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Die Berufsberatung zielt darauf ab, Jugendliche und Erwachsene entsprechend ihren Fähigkeiten, Interessen und ihrem Charakterbild oder ihren Persönlichkeitseigenschaften zu beraten und bei der Berufswahl zu unterstützen. Berufsberatung wird von Schülern, Studenten, Schul- oder Studienabbrechern, Berufstätigen mit Weiterbildungswünschen und Hochschulabsolventen in Anspruch genommen.

Leistungen und Methoden[Bearbeiten]

Berufsberatung wird überwiegend als meritorisches Gut angeboten. Leistungen der öffentlichen Berufsberatung (in Deutschland z.B. der Bundesagentur für Arbeit, in der Schweiz der kantonalen Berufsberatungszentren) sind für die Nutzer kostenlos. Private kommerzielle Organisationen können ihre Dienstleistungen in Rechnung stellen. So bezahlen Erwachsene z. T. bestimmte Sonderleistungen wie Testabklärungen selbst (Bsp. Kanton Zürich). In Deutschland, Österreich und vor allem in der Schweiz gibt es, ergänzend zu den öffentlichen Dienstleistungen, auch private Angebote.

Die Berufsberatung bietet den Ratsuchenden Folgendes an:

  • unabhängige individuelle Beratung zur beruflichen Orientierung und Entscheidungsfindung[1]
  • Gruppenberatung zu vereinbarten Themen
  • Beratung und Informationen über Studiengänge
  • Studienfeldbezogene Beratungstests in verschiedenen Studiengebieten
  • Beratung und Informationen über schulische und betriebliche Ausbildungsberufe
  • Berufsorientierungsveranstaltungen an Schulen oder nach Vereinbarung
  • Berufskundliche Veranstaltungen im BIZ
  • Informationsveranstaltungen in den Hochschulen
  • Sprechstunden in den Schulen
  • Sprechstunden in den Hochschulen in Zusammenarbeit mit der ZSB (Zentrale Studienberatung)
  • Zeitschriften und Bücher über Berufswahl
  • Beratung über weiterführende Schulen, die zu den beruflichen Zielen führen können
  • Vermittlungsvorschläge für Ausbildungsstellen nach einer Eignungsklärung
  • Psychologische Eignungsuntersuchung
  • geleitete Selbsterkundungsprogramme
  • Erkundungen der Berufs- und Arbeitswelt (Betriebsbesichtigungen/-praktika)

Bei vielen Beratungsträgern sind Interessenorientierungstests im Einsatz, die zum großen Teil auf dem RIASEC-Modell von John L. Holland basieren.[2]

Online-Berufsberatung[Bearbeiten]

Online-Berufsberatung ist noch nicht sehr verbreitet, doch nimmt ihre Bedeutung in Ländern mit dezentralisierter Siedlungsstruktur zu. Eine kostenlose Online-Beratungsplattform für Frauen bietet z.B. der Kreis Borken an.[3] Eine zunehmende Bedeutung haben auch webbasierte Selbsttests und Online-Tests, die in den Berufsinformationszentren (BIZ) der Bundesagentur für Arbeit angeboten werden. In der Schweiz stellt das SDBB eine Online-Plattform für die Beratung zur Verfügung[4].

Berufsberatung in verschiedenen Ländern[Bearbeiten]

Ein weltweit agierender Dachverband von Berufsberatern ist die IAEVG (International Association for Educational and Vocational Guidance) oder AIOSP (Association internationale d'orientation scolaire et professionelle) auf deutsch: IVBBB - Internationale Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung.

Deutschland[Bearbeiten]

Den Großteil der Beratung zur beruflichen Laufbahn übernimmt in Deutschland die Bundesagentur für Arbeit. Sie ist gesetzlich dazu verpflichtet (§ 29 SGB III). Seit der Abschaffung des Beratungsmonopols der Bundesagentur im Jahre 1998 gibt es jedoch auch kommerzielle Berufsberatung und Bewerbungstraining von Trägern der freien Jugendpflege (Jugendhilfe). Die Professionalität der Beratung ist durch gesetzliche Mindeststandards nicht gesichert. In Deutschland hat der Deutsche Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V. (DVB) Qualitätsstandards definiert. Berufsberater/innen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen und die Qualitätsstandards einhalten, können sich in einem BBR-Berufsberatungs-Register eintragen lassen[5]

Durch die Bundesagentur für Arbeit wird die Beratung von Jugendlichen ohne Hochschulzugangsberechtigung vom Team U25 (Personenkreis unter 25 Jahre) übernommen. Die akademische Beratung erfolgt durch Berater für akademische Berufe. Hier geht es unter anderem darum, Kenntnisse, Interessen, Fähigkeiten und (Lebens-)Ziele mit in Frage kommenden Studiengängen in Einklang zu bringen. Mit Absolventen werden mögliche Strategien zum Einstieg in den Arbeitsmarkt erarbeitet.

In Köln wurde im September 2011 die bundesweit erste Karriereberatung für Hauptschüler ins Leben gerufen. Das derzeit auf ehrenamtlicher Basis arbeitende Büro ist Ansprechpartner für Hauptschulabgänger, Eltern und Lehrer in allen Fragen der Berufswahl und möglicher Karrierechancen. Der Initiator der Karrieberatung Peter Kolakowski wurde für sein Engagement für Hauptschulabgänger im November 2011 von der Caritas-Stiftung ausgezeichnet.[6]

Nach dem strukturellen Umbau der Bundesagentur gibt es keine gesonderte Abteilung „Berufsberatung“ mehr. Sie ist jetzt in die allgemeine Arbeitsvermittlung eingegliedert und auf unterschiedliche Organisationseinheiten aufgeteilt. Für die Berufsberatung sowie Vermittlung Jugendlicher in Ausbildung ist das Team U25 zuständig. Allerdings ist für die Ausbildungsvermittlung erwerbsfähiger hilfebedürftiger Jugendlicher, die dem Rechtskreis SGB II angehören, nunmehr das Jobcenter (Dienststelle für Arbeitslosengeld II) zuständig.

Das Berufsinformationszentrum (BIZ) ist an die Berufsberatung der Bundesagentur angegliedert. Sie kann auch ohne vorhergehende Beratung zur Selbstsuche benutzt werden. Ratsuchende haben dort die Möglichkeit durch Medien sich über die einzelnen Berufe zu informieren. So liegen meist für alle anerkannten Berufe Videoporträts zu dem Berufsbild vor. Auch andere Medien sind vorhanden.

Kritik (Deutschland)[Bearbeiten]

Die Berufsberatung in Deutschland gilt als institutionell zersplittert.[7] Neben der Arbeitsagentur beraten auch Handwerkskammern, kommunale Stellen und Bildungsträger, Arbeitgeber (auf Jobmessen) sowie (kostenpflichtig) private Berater.

Nur schwach entwickelt sind bisher Ansätze zur Leistungsmessung und vor allem zur langfristigen Wirkungsüberprüfung der Berufsberatung, z.B. mit Hilfe des „Social Return on Investment“-Ansatzes. Schon aus methodischen Gründen ist es schwierig, den Lenkungseffekt einer einmaligen Beratung von dem anderer Einflussgrößen auf die Berufswahl zu isolieren. Bei fast allen bisherigen Evaluationsversuchen[8] wird nur die subjektive und kurzfristige Zufriedenheit mit der Beratungssituation gemessen. Bei einem allerdings nicht repräsentativen Test im Jahr 2010 war die Unzufriedenheit mit der Beratung der Agentur am größten, die mit der durch kommunale Stellen am höchsten.[9]

Schweiz[Bearbeiten]

In der Schweiz fällt die Berufsberatung in die Hoheit der einzelnen Kantone. Das Schweizerisches Dienstleistungszentrum Berufsbildung -Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (SDBB) übernimmt dabei eine koordinierende Funktion[10]. Es existieren einige Verbände für Berufsberater und Berufsberatung[11]. Die akademische Berufsberatung ist dabei gesondert organisiert[12]. Die Fachgruppe Diagnostik des SDBB ist für die diagnostische Qualitätssicherung in diesem Bereich verantwortlich. Neue oder neu adaptierte diagnostische Verfahren aus dem In- und Ausland werden mit „Labels“ bewertet, die den Benützern Hinweise über mögliche Anwendungsbereiche und qualitative Möglichkeiten und Grenzen geben[13][14].

Frankreich[Bearbeiten]

In Frankreich sind die im Staatsdienst beschäftigten Berufsberater in der Association des conseillers d'orientation - psychologues de France organisiert.

USA[Bearbeiten]

In den USA sind Schul-Counselors im National Board for Certified Counselors und/oder in der National Career Development Association organisiert. Ein international vergebenes Zertifikat ist der Global Career Development Facilitator.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits lange vor der Institutionalisierung der Berufsberatung äußerten visionäre Gelehrte Ideen zur beraterischen Begleitung einer planvollen und optimierbaren Berufswahl. Der deutsche Geograph und Universalgelehrte Johann Gottfried Gregorii alias MELISSANTES schilderte nicht nur Beispiele beruflicher Beratung im Barock,[15] sondern empfahl bereits im Jahr 1715 die Wahl des Berufes nach sorgfältiger Selbstexploration. Die Berücksichtigung von Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit sollte mit dem persönlichen Temperament nach der Temperamentenlehre des Hippokrates abgeglichen werden.[16] Die selbstreflexorische Deutung des Erkenne dich selbst in Anlehnung an das Orakel von Delphi diente Gregorii als philosophische Basis für seine Idee. Er schrieb die Aufgaben der Berufs- und Lebensberatung hauptsächlich den Pädagogen zu.

In Deutschland war seit 1902 die Auskunftsstelle für Frauenberufe unter Leitung von Josephine Levy-Rathenau die erste selbständige Berufsberatungseinrichtung auf deutschem Boden.

Zu den Begründern der modernen Berufsberatung in den USA zählt vor allem Frank Parsons, der - basierend auf einer pragmatistischen Erziehungstheorie - sich in Boston für die Verbesserung der beruflichen Bildung von Jugendlichen engagierte und im Jahr 1908 zum ersten Mal systematisch die Prozeduren der Berufsberatung beschrieben hat. Sein Hauptwerk Choosing a Vocation[17] wurde erst nach seinem Tod 1909 veröffentlicht. Zu den Eckpfeilern der Berufsberatung zählen seit Parsons

  1. ein klares Verständnis der eigenen Neigungen, Fähigkeiten, Ressourcen und Grenzen
  2. die Kenntnis der Anforderungen und Bedingungen des beruflichen Erfolgs, der Chancen, Risiken und Belohnungen in verschiedenen Tätigkeitsfeldern
  3. eine Abwägung dieser beiden Gruppen von Faktoren und ggf. das abschließende Matching, d.h. die Zuordnung zu einem Beruf.

Parsons nahm weiterhin an, dass die Selbstauskunft der zu Beratenden im Rahmen von Beratungsgesprächen die wichtigste und valideste Informationsquelle für den Berater ist. Im Gegenteil dazu konzentrieren sich online Angebote zum Thema Berufsberatung auf einen beruflichen Test.

In den USA wurden auch weitere wichtige Beiträge zur Theorie und Methodik der Berufsberatung entwickelt (z.B. von John L. Holland,[18] Edgar Schein, Donald E. Super,[19] Vernon G. Zunker). Es gibt in den USA eigene Masterstudiengänge für Career Counselors.

in der Kopenhagener Erklärung vom November 2002 werden angesichts zunehmender Verwerfungen auf den internationalen Arbeitsmärkten auch für die Berufsberatung allgemein gehaltene Ziele proklamiert, die jedoch weltweit kaum realisiert sind. Watts und Sultana haben in einer Studie von 2004 die Strategien der Berufsberatung im internationalen Vergleich analysiert. Die Berufsberatung in Deutschland erscheint in diesem Vergleich quantitativ gut ausgebaut, jedoch in institutioneller Hinsicht wenig transparent.[20].

Seit einiger Zeit gibt es auch Beratung für ausscheidende Mitarbeiter, siehe Outplacement.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • IAEVG (International Association for Educational and Vocational Guidance)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. W. Sarges, G. Birkhan & G.-H. Klevenow (1989). Analyse der beruflichen Einzelberatung - Bedarf, Vermittlung und Funktion von Informationen. Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, BeitrAB 134. Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit.
  2. Christian Bergmann (1992): Schulisch-berufliche Interessen als Determinanten der Studien- bzw. Berufswahl und -bewältigung: Eine Überprüfung des Modells von Holland. In: A. Krapp & M. Prenzel (Hrsg.), Interesse, Lernen, Leistung. Neuere Ansätze der pädagogisch-psychologischen Interessenforschung, Münster: Aschendorff, S. 195-220
  3. http://www.womens-careers.info/base/page/about.php?PHPSESSID=2ee73bd36f5f06edfd56c5c5c3f769c4
  4. Online-Berufsberatungsportal des SDBB
  5. Berufsberatungsregister des DVB
  6. Geteilter Reichtum - St.Severiner Bildungspaten verschenken ihre Berufserfahrung, in: Pfarrbrief St. Severin 3/2011; http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/st-severin-koeln/Pfarrbrief/Pfarrbrief_2011-3/Thema06_Geteilter_Reichtum.html
  7. Bildungs- und Berufsberatung: Bessere Verzahnung mit der öffentlichen Politik. Published by OECD Publishing 2004. E-Book: ISBN 978-92-64-01583-8. Siehe auch Plant, Peter; Watts, Tony: OECD-Gutachten zur Berufsberatung - Deutschland. Länderbericht. In: Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste der Bundesanstalt für Arbeit, (2002) 38, S. 2677-2698. Volltext unter http://doku.iab.de/ibv/2002/ibv3802_2677.pdf
  8. Siehe z.B. http://www.arbeitsagentur.de/nn_173062/Dienststellen/RD-SAT/Gotha/AA/Presse/Presseinformationen/2011/017-2011.html Gute Zeugnisse für den Berufsberater. Presse Info 017/2011 der BA
  9. http://www.sueddeutsche.de/geld/berufsberatung-zweifelhafte-ratschlaege-von-der-arbeitsagentur-1.830800 Zugriff 26. November 2011
  10. SDBB Schweiz
  11. Übersicht Verbände und Vereinigungen für Berufsberatung Schweiz
  12. Vereinigung der Fachleute für Beratung und Information im Mittel- und Hochschulbereich
  13. Homepage der Fachgruppe Diagnostik des SDBB
  14. Vorhandene Testlabels der FG Diagnostik des SDBB
  15. Carsten Berndt, MELISSANTES : ein Thüringer Polyhistor und seine Berufsbeschreibungen im 18. Jahrhundert ; Leben und Wirken des Johann Gottfried Gregorii (1685 - 1770) als Beitrag zur Geschichte von Geographie, Kartographie, Genealogie, Psychologie, Pädagogik und Berufskunde in Deutschland ; [ein Thüringer Geograph und Universalgelehrter (1685 - 1770)], Rockstuhl, Bad Langensalza 2013, 2. Erweiterte Auflage, ISBN 978-3-86777-636-3, E-Book [ePUb], ISBN 978-3-86777-637-0 E-Book [Mobiocket], S. 118-126
  16. MELISSANTES, Der curieuse Affectenspiegel ..., Frankfurt und Leipzig 1715
  17. Parsons, Frank: Choosing a Vocation. Boston: Houghton Mifflin 1909
  18. John L. Holland (1997): Making Vocational Choices. A Theory of Vocational Personalities and Work Environments. Psychological Assessment Resources Inc. ISBN 0-911907-27-0.
  19. Wendy A. Patton & Jan Lokan (2001): Perspectives on Donald Super’s Construct of Career Maturity. International Journal for Educational and Vocational Guidance 1(1/2), pp. 31-48.
  20. Watts, A., & Sultana, R. (2004), Career guidance policies in 37 countries: Contrasts and common themes, International Journal for Educational and Vocational Guidance, 4, 105–122