Biopharmazeutisches Klassifizierungssystem

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Das Biopharmazeutische Klassifizierungssystem (englisch: Biopharmaceutics Classification System, BCS) teilt Arzneistoffe hinsichtlich ihrer zu erwartenden Bioverfügbarkeit ein. Es ermöglicht eine Prognose darüber, ob Ausmaß und Geschwindigkeit der Resorption nach oraler Gabe eher durch die physikalischen Eigenschaften des Arzneistoffes oder eher durch physiologische Gegebenheiten bestimmt sind. Dem Konzept liegt zugrunde, dass die orale Bioverfügbarkeit eines Wirkstoffes im Wesentlichen von seiner Löslichkeit und seinem Permeationsvermögen bestimmt wird.

Das BCS wurde Mitte der 1990er Jahre in den USA durch Gordon Amidon entwickelt und publiziert und ist inzwischen Bestandteil sowohl einer US-FDA (Food and Drug Administration) Richtlinie als auch einer Leitlinie der europäischen Arzneimittelagentur zur Beurteilung der Bioäquivalenz von Arzneimitteln. Unter bestimmten Voraussetzungen können pharmazeutische Unternehmer basierend auf dem BCS im Rahmen der Zulassung von Generika oder von Produktlinienerweiterungen den Verzicht auf die ansonsten verpflichtend erforderliche Durchführung von in vivo-Studien zur Ermittlung der Bioäquivalenz begründen (sogenannter Biowaiver).

Einteilung von Arzneistoffen in BCS-Klassen
Klasse Löslichkeit [A 1] Permeationsvermögen [A 2] Resorption Stoffbeispiel(e)
I hoch hoch gute Resorption, nur kontrolliert durch die Geschwindigkeit der Magenentleerung Metoprolol
II niedrig hoch die Resorption wird durch die Löslichkeit und/oder der Lösungsgeschwindigkeit der Arzneistoffes kontrolliert Glibenclamid, Ibuprofen, Diclofenac
III hoch niedrig die Resorption ist unabhängig von physikalischen Arzneistoffeigenschaften Cimetidin
IV niedrig niedrig Geschwindigkeit und Ausmaß der Resorption sind von Fall zu Fall zu betrachten

Erläuterungen zur Tabelle:

  1. Die Löslichkeit wird als hoch bewertet, wenn der Arzneistoff sich in seiner höchsten therapeutischen Einzeldosis in 250 Milliliter Wasser des physiologischen pH-Bereichs von 1 bis 8 vollständig auflösen lässt.
  2. Ein hohes Permeationsvermögen liegt vor, wenn der Arzneistoff zu mehr als 90 % resorbiert wird. In der Praxis wird zur Beurteilung häufig der „Permeabilitätskoeffizient“ Papp (Einheit: 10-6 cm·sec-1) herangezogen, der im CaCo-2-Zellmodell anhand der Permeation durch die Membran von Adenocarcinomzellen ermittelt wird. Ein Papp größer als 10 geht mit einer Resorption von über 90 % einher. Ein Papp kleiner als 0,1 bedeutet eine niedrige Resorptionsquote.

Quellen[Bearbeiten]

  • Amidon G.L., Lennernäs H., Shah V.P., Crison J.R. A Theoretical Basis For a Biopharmaceutics Drug Classification: The Correlation of In Vitro Drug Product Dissolution and In Vivo Bioavailability. Pharm Res 1995. Mar;12(3):413-20. PMID 7617530
  • Waterbeemd H., Lennernäs H., Artursson P. (editors), Drug bioavailability: estimation of solubility, permeability, absorption and bioavailability, Wiley-VCH, Weinheim, Germany. 2003. ISBN 3-527-30438-X
  • Möller H., Potthast H. Biopharmazeutische Charakterisierung von Arzneistoffen und Fertigarzneimitteln. Pharm. Ztg. 144 (1999) 1640.
  • Bekanntmachung über die Zulassung nach § 21 des Arzneimittelgesetzes (Bioverfügbarkeit/Bioäquivalenz) vom 18. Dezember 2002. BAnz. vom 25. März 2003 5296

Weblinks[Bearbeiten]