Arzneistoff
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Ein Arzneistoff ist ein pharmazeutischer Wirkstoff, der im oder am menschlichen oder tierischen Körper zur Heilung, Linderung, Verhütung oder Erkennung von Krankheiten dient. Ein Arzneistoff (Synonym: Pharmawirkstoff) ist in Kombination mit einem oder mehreren pharmazeutischen Hilfsstoffen ein Bestandteil eines Arzneimittels. Es gibt auch Arzneistoffe die z. B. lediglich durch das Pressen einer Tablette ohne Zusatz irgendwelcher Hilfsstoffe direkt als Fertigarzneimittel verwendet werden. Arzneistoffe sind diejenigen Bestandteile eines Arzneimittels, die ursächlich für dessen Wirksamkeit sind. Neben natürlich vorkommenden Arzneistoffen (Naturstoffe) werden auch ihre partialsynthetischen Abkömmlinge und totalsynthetisch hergestellte chemische Arzneistoffe verwendet. Auch gentechnisch hergestellte Arzneistoffe gewinnen an Bedeutung, Stichwort: Weiße Biotechnologie.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Naturstoffe
Naturstoffe sind Stoffe, die von lebenden Organismen wie Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen produziert werden. Die ersten Arzneimittel bestanden ausschließlich aus Naturstoffen und auch heute erfreuen sich Arzneimittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen (Phytopharmaka), insbesondere in der Selbstmedikation, großer Beliebtheit.
Einige Naturstoffe werden nicht aus biologischem Material extrahiert, sondern synthetisch bzw. teilsynthetisch oder biotechnologisch hergestellt, da dies schneller, sicherer und kostengünstiger sein kann. Die komplexe Struktur vieler Naturstoffe verhindert in den meisten Fällen eine effiziente Totalsynthese (Erythromycin,Taxol, Insuline, etc.). Naturstoffe sind in vielen Anwendungsgebieten (Antibiotika, Zytostatika, Immunsuppressiva) als Leitstrukturen der Pharmakologie unverzichtbar.
[Bearbeiten] Synthetische Stoffe
Synthetisch hergestellte Wirkstoffe sind in der heutigen Therapie die am weitesten verbreiteten Wirkstoffe. Der Bedeutung der Enantiomerenreinheit der synthetisch hergestellten Wirkstoffe wird zunehmend die gebührende Beachtung eingeräumt[1], denn die beiden Enantiomeren eines chiralen Arzneistoffes zeigen fast immer eine unterschiedliche Pharmakologie und Pharmakokinetik. Das wurde früher aus Unkenntnis über stereochemische Zusammenhänge oft ignoriert[2]. Die Gesamtheit aller auf synthetischem Wege zugänglichen Arzneistoffe wird auch als Chemical Space bezeichnet.
[Bearbeiten] Gentechnische Stoffe
Gentechnisch erzeugte Wirkstoffe werden mit Hilfe von Mikroorganismen (Bakterien, Hefen) oder Säugetierzellen in großen Fermentern biotechnologisch produziert. Es gibt auch neue Versuche, die Wirkstoffe direkt von Säugetieren (z. B. in der Milch) oder Pflanzen (z. B. in den Früchten) produzieren zu lassen. Die ersten bekannten gentechnischen Wirkstoffe waren naturidentisch aufgebaut. Allerdings ist man heute dazu übergegangen, die Wirkstoffe gentechnisch so abzuwandeln, dass sie noch gezielter wirken. So wirkt z. B. eine gentechnisch abgeänderte Version des Hormons EPO, das Darbepoetin α (Aranesp), gezielter gegen Blutarmut. Derzeit sind drei Prozent der zugelassenen Wirkstoffe gentechnischen Ursprungs, allerdings sind von den jährlich neu eingeführten Wirkstoffen mittlerweile 15 bis 25 Prozent gentechnischen Ursprungs.
[Bearbeiten] Stoffverzeichnisse
Das traditionelle Verzeichnis der gebräuchlichen Arzneistoffe ist das Arzneibuch. Darin werden die Spezifikationen (qualitative und quantitative Grenzwerte) und die Prüfmethoden für die einzelnen Arzneistoffe in detaillierten Monographien beschrieben.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht in fortlaufenden Listen die von ihr vergebenen, empfohlenen Freinnamen (International Nonproprietary Names, INN) für Arzneistoffe. In Deutschland existiert der amtliche Arzneimittel-Stoffkatalog (ASK) als Synonym- und Verweisregister für die in Deutschland für Fertigarzneimittel zu verwendenden Arzneistoffnamen (Anlage zum § 3 der Arzneimittel-Bezeichnungsverordnung, AMBezV).
Eine umfangreiche Stoffsammlung stellt die Pharmazeutische Stoffliste dar, die basierend auf Daten der ABDA-Datenbank Angaben zu Charakterisierung, Stoffklassifikation und Anwendungsgebiet vieler weltweit medizinisch und pharmazeutisch relevanten Stoffen enthält.[3]
Fertigarzneimittel sind im Arzneibuch aus systematischen Erwägungen heraus grundsätzlich nicht erfasst. In Arzneimittelverzeichnissen wie der Roten Liste[4] ist die Zusammensetzung von Fertigarzneimitteln inklusive der Angabe der Menge des enthaltenen Arzneistoffes, das Anwendungsgebiet, die Dosierung, der Hersteller, der Preis und andere Details verzeichnet.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Hermann J. Roth, Christa E. Müller und Gerd Folkers: Stereochemie & Arzneistoffe, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 1998, ISBN 3-8047-1485-4.
- ↑ E. J. Ariëns: Stereochemistry, a basis for sophisticated nonsense in pharmacokinetics and clinical pharmacology, European Journal of Clinical Pharmacology 26 (1984) 663-668.
- ↑ ABDA-Arzneistoffe bei DIMDI
- ↑ Rote Liste® 2008, Verlag Rote Liste® Service GmbH, Frankfurt am Main, ISBN 978-3-939192-20-6.
[Bearbeiten] Weiterführende Literatur
- Pharmaceutical Substances, Axel Kleemann, Jürgen Engel, Bernd Kutscher und Dieter Reichert, 4. Auflage (2000), Thieme-Verlag Stuttgart, ISBN 978-1-58890-031-9.
- Arzneistoffsynthese, Hermann Josef Roth und Axel Kleemann, erschienen im Thieme-Verlag Stuttgart (1982), ISBN 978-3-136-32901-6.
- Arzneistoffgewinnung, Axel Kleemann und Hermann Josef Roth, erschienen im Thieme-Verlag Stuttgart (1983), ISBN 3-136-38501-2.
- Organic-Chemical Drugs and Their Synonyms, Martin Negwer und Hans-Georg Scharnow, Wiley-VCH, Weinheim, (2007), ISBN 3-527-30247-6.
[Bearbeiten] Weblinks
- Arzneistoffe in der Umwelt (UmweltWissen - Bayerisches Landesamt für Umwelt; PDF-Datei; 416 kB)