Cædmon

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Cædmon-Denkmal in Whitby

Cædmon war ein englischer Dichter des späten 7. Jahrhunderts. Er ist der erste namentlich bekannte Dichter der englischen Literatur und einer von nur zwölf altenglischen Dichtern, deren Namen überliefert sind. Cædmons Werdegang wird in der Historia ecclesiastica gentis Anglorum des Beda Venerabilis geschildert; Bedas Bericht zufolge war er ein einfacher Hirte, dem in einem Traum die Gabe der Dichtkunst verliehen wurde.

Von seinem Werk sind nur neun stabende Langzeilen eines Schöpfungshymnus erhalten. Sie gelten neben den Runeninschriften auf dem Kreuz von Ruthwell und dem Runenkästchen von Auzon als ältestes Zeugnis der altenglischen Sprache.

Leben[Bearbeiten]

Bedas Bericht[Bearbeiten]

Laut Beda war Cædmon ein Hirte des nordenglischen Doppelklosters Streonæshalch (die heutige Klosterruine ist unter dem Namen Whitby Abbey bekannt). Als sich eines Abends die Mönche des Klosters mit Harfenspiel und Gesang unterhielten, zog er sich betrübt zurück, weil er keine Lieder kannte, und legte sich neben seinen Tieren schlafen. Im Traum trat „jemand“ (quidem) an ihn heran und forderte ihn auf, den „Anfang der Geschöpfe“ (principium creaturarum) zu besingen. Zunächst weigerte er sich, dichtete aber letztlich ein kurzes Lobgedicht auf Gott und seine Schöpfung.

Als er am nächsten Morgen erwachte, erinnerte er sich an dieses Traumgedicht und dichtete sodann noch einige zusätzliche Zeilen. Nachdem er anderen über die Gabe berichtet hatte, die ihm im Traum verliehen worden war, wurde er von der Äbtissin des Klosters vernommen, die zu dem Schluss kam, dass Cædmon tatsächlich eine Gottesgabe erhalten habe. Um sicher zu sein, trug sie ihm auf, ein weiteres Gedicht zu schreiben. Als Cædmon am nächsten Morgen das verlangte Gedicht tatsächlich vorlegte, wurde seine Berufung endgültig anerkannt. Er legte das Klostergelübde ab und wurde so ein Laienbruder der Abtei. Die Äbtissin hielt die anderen Mönche an, ihn in Lehre und Geschichte der Kirche zu unterrichten, die er in wohlklingende Verse fassen sollte. Beda zufolge schuf Cædmon ein umfangreiches dichterisches Werk. Nach einem langen und gottesfürchtigen Leben starb er friedlich. Als er seinen Tod nahen fühlte, wurde er auf seine Bitte im klösterlichen Hospiz gebettet, sammelte seine Freunde um sich und verschied kurz vor der Lesung der Nokturnen.

Datierung[Bearbeiten]

Beda gibt in seiner Schilderung von Cædmons Leben keine Daten an. Das Gelübde soll er in fortgeschrittenem Alter abgelegt haben; zumindest einen Teil seiner Zeit als Mönch soll in die Zeit gefallen sein, als die Heilige Hilda dem Kloster als Äbtissin vorstand (657–680). Kapitel 25 des IV. Buches der Historia ecclesiastica lässt den Schluss zu, dass Cædmon etwa zu der Zeit (his temporibus) starb, als in der Coldingham Abbey ein Großfeuer ausbrach. Die Angelsächsische Chronik gibt das Jahr 679 für dieses Ereignis an, Beda datiert es hingegen mindestens zwei Jahre später; das nächste datierbare Ereignis in seiner Historia ist Ecgfrith Irlandfeldzug im Jahr 684. Es ist jedoch möglich, dass sich die betreffende Stelle in Bedas Chronik nicht auf Cædmons Tod, sondern vielmehr allgemein auf sein Wirken bezieht. Anhand dieser Hinweise lässt sich der Beginn von Cædmons Schaffenszeit zu einem Zeitpunkt zwischen den Jahren 657 und 680, sein Todesdatum auf die Jahre 679 bis 684 eingrenzen.

Namenforschung[Bearbeiten]

Beda schrieb, dass (Alt-) Englisch Cædmons „eigene“ Sprache war, doch nach Erkenntnissen der modernen Sprachwissenschaft ist sein Eigenname keltischen Ursprungs (Proto-Walisisch *Cadṽan, Britannisch *Catumandos); mithin ist es wahrscheinlich, dass er selbst Kelte oder doch zumindest zweisprachig war. Einige Forscher vermeinen auch Ähnlichkeiten zwischen Cædmons Hymnus zur altirischen Dichtung ausgemacht zu haben und deuten dies als Hinweis auf seine keltische Herkunft.

Andere Forscher vermuten hingegen, Bedas Bericht über den dichtenden Mönch sei als Allegorie und Cædmons Name somit als sprechender Name zu lesen; in dieser Theorie wird der Name als Abwandlung von Adam Kadmon gedeutet.

Andere mittelalterliche Quellen[Bearbeiten]

Die einzige weiter gehende Erwähnung Cædmons findet sich in der auf das 10. Jahrhundert datierten altenglischen Übersetzung von Bedas Historia. Diese enthält einige Details, die über den Bericht in der lateinischen Ursprungsfassung hinausgehen. So soll Cædmon vor seiner Vision Scham darüber empfunden haben, dass er des Singens unkundig war; außerdem heißt es in der Übersetzung, dass Hildas Kopisten Cædmons Verse „von seinen Lippen“ (æt muðe) niederschrieben. Diese Abweichungen zu Bedas Bericht lassen aber keineswegs den Schluss zu, dass es eine von Beda unabhängige englische Überlieferung von Cædmons Geschichte gab.

Der Heliand[Bearbeiten]

Eine Anspielung auf Cædmon findet sich in zwei zusammengehörigen lateinischen Texten im Umkreis des altsächsischen Heliand-Epos. Diese Schriften, eine Praefatio (Vorrede) samt Versus de Poeta (Über den Dichter), berichten über die angeblichen Ursprünge der altsächsischen Bibelepik (von der nur der Heliand und der Rest einer Genesis überliefert ist) in Worten, die dem Bericht Bedas über Cædmon gleichen und stellenweise sogar im Wortlaut übereinstimmen. Laut der Praefatio wurde das altsächsische Gedicht im Auftrag Kaiser Ludwigs des Frommen von einem Dichter geschrieben, der nichts vom Dichten verstand, bis ihm in einem Traum aufgetragen wurde, die Regeln des Göttlichen Rechts in volkssprachige (also sächsische, nicht lateinische) Dichtung zu fassen. Die Versus de Poeta schildern diesen Traum detaillierter; demnach war der Dichter vor seiner Berufung ein Hirte; die Vision ereilte ihn, als er eines Abends nach getaner Arbeit einschlief.

Diese beiden Texte sind nur in einer Ausgabe des Flacius Illyricus aus dem 16. Jahrhundert überliefert, doch anhand grammatikalischer und semantischer Analysen kann davon ausgegangen werden, dass sie im Mittelalter, möglicherweise schon im 12. Jahrhundert, verfasst wurden.

Werk[Bearbeiten]

Bedas Bericht zufolge schuf Cædmon ein umfangreiches Werk volkssprachiger (also altenglischer) religiöser Dichtung. Im Gegensatz zur Dichtung der Heiligen Aldhelm von Sherborne und Dunstan schrieb er ausschließlich über religiöse Themen, darunter laut Beda Schöpfungslieder, Übersetzungen aus dem Neuen wie dem Alten Testament, und Lieder über die „Schrecken des Jüngsten Tages und der Hölle, und die Freuden des Himmelsreichs“.

Von diesem Werk sind nur die ersten neun Zeilen seines Erstlingswerks erhalten, also des Gedichts, das zu schreiben ihm in seinem Traum aufgetragen wurde. Andere volkssprachliche Gedichte, die inhaltlich Bedas Beschreibung von Cædmons Werken entsprechen, sind im so genannten Cædmon-Manuskript erhalten, doch gilt es aufgrund stilistischer Unterschiede zu Cædmons Hymnus als sehr unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich von Cædmon verfasst wurden.

Das einzig erhaltene Werk Cædmons ist somit das neunzeilige Fragment eines Schöpfungsliedes. Es ist in 21 Manuskriptkopien überliefert und ist somit nach dem Totenlied des Beda das meistbezeugte Gedicht der altenglischen Literatur.

Die älteste bekannte Manuskriptkopie von Cædmon Hymnus findet sich im „Moore Bede“, datiert um 737
(Cambridge, Kk.5.16, f. 128v):
Nu scylun hergan    hefaenricaes uard Nun lasst uns den Bewahrer des himmlischen Königreiches preisen
metudæs maecti    end his modgidanc die Macht des Schöpfers und seine Gedanken
uerc uuldurfadur—    sue he uundra gihuaes   das Werk des glorreichen Vaters, wie von jedem der Wunder
eci dryctin    or astelidæ der ewige Herr den Anbeginn schuf.
he aerist scop    aelda barnum Er schuf zuerst für die Söhne der Menschen
heben til hrofe    haleg scepen den Himmel als Dach, der heilige Schöpfer,
tha middungeard    moncynnæs uard dann Mittelerde der Bewahrer der Menschheit,
eci dryctin    æfter tiadæ der ewige Gott, später machte,
firum foldu    frea allmectig die Erde für die Menschen, der allmächtige Herr.

Literatur[Bearbeiten]

  • Th. M. Andersson: The Cædmon fiction in the "Heliand" Preface. In: Publications of the Modern Language Association 89, 1974, S. 278–84.
  • C.J.E. Ball: Homonymy and polysemy in Old English: A problem for lexicographers. In: Problems of Old English lexicography: studies in memory of Angus Cameron, ed. A. Bammesberger. Eichstätter Beiträge, 15. Pustet, Regensburg 1985, S. 39–46.
  • J. B. Bessinger Jr.: Homage to Cædmon and others: A Beowulfian praise song. In: Old English Studies in Honour of John C. Pope. Ed. Robert B. Burlin, Edward B. Irving, Jr. and Marie Borroff. 91–106. University of Toronto Press, Toronto 1974, S. 91–106.
  • B. Colgrave, R. A. B. Mynors: Bede’s Ecclesiastical history of the English people. OUP, Oxford 1969.
  • V. Day: The influence of the catechetical "narratio" on Old English and some other medieval literature. In: Anglo-Saxon England 3, 1975, S. 51–61.
  • E. v. K. Dobbie: The manuscripts of "Cædmon’s Hymn" and "Bede’s Death Song" with a critical text of the "Epistola Cuthberti de obitu Bedae". In: Columbia University Studies in English and Comparative Literature 128. Columbia, New York 1937.
  • D. Dumville: "Beowulf" and the Celtic world: The uses of evidence. In: Traditio 37, 1981, S. 109–160.
  • D. W. Fritz: Cædmon: a traditional Christian poet. In: Mediaevalia 31, 1969, S. 334–337.
  • D. K. Fry: Caedmon as formulaic poet. In: Oral literature: Seven essays. Ed. J.J. Duggan. Scottish Academic Press, Edinburgh 1975, S. 41–61.
  • D. K. Fry: Old English formulaic statistics. In: In Geardagum 3, 1979, S. 1–6.
  • I. Gollancz: The Cædmon manuscript of Anglo-Saxon biblical poetry: Junius XI in the Bodleian Library. British Academy, Oxford 1927.
  • D. H. Green: The Carolingian lord: semantic studies on four Old High German words: "Balder", "Frô", "Truhtin", "Hêrro". Cambridge University Press, Cambridge 1965.
  • C. B. Hieatt: Cædmon in context: Transforming the formula. In: Journal of English and Germanic Philology 84, 1985, S. 485–497.
  • D. R. Howlett: The theology of Caedmon’s Hymn. In: Leeds Studies in English 7, 1974, S. 1–12.
  • K. W. Humphreys, A. S. C. Ross: Further manuscripts of Bede’s "Historia ecclesiastica", of the "Epistola Cuthberti de obitu Bedae", and further Anglo-Saxon texts of "Cædmon’s Hymn" and "Bede’s Death Song". In: Notes and Queries 220, 1975, S. 50–55.
  • C. A. Ireland: The Celtic background to the story of Caedmon and his Hymn. Unpublished Ph.D. diss. UCLA, California 1986.
  • K. Jackson: Language and history in early Britain. Edinburgh University Press, Edinburgh 1953.
  • F. Klaeber: Die Christlichen Elemente im Beowulf. In: Anglia 35, 1912, S. 111–136.
  • G. A. Lester: The Cædmon story and its analogues. In: Neophilologus 58, 1974 S. 225–237.
  • J. S. Miletich: Old English "formulaic" studies and Cædmon’s Hymn in a comparative context. In: Festschrift für Nikola R. Pribic. Ed. Josip Matesic and Erwin Wendel. Selecta Slav. 9, Hieronymus, Neuried 1983, S. 183–194.
  • B. Mitchell: Cædmon’s Hymn line 1: What is the subject of scylun or its variants? In: Leeds Studies in English 16, 1985, S. 190–197.
  • L. Morland: Cædmon and the Germanic tradition. In: De Gustibus: Essays for Alain Renoir. Ed. John Miles Foley, J. Chris Womack, and Whitney A. Womack. Garland Reference Library of the Humanities 1482, Garland, New York 1992, S. 324–358.
  • Geoffrey I. NeedhamCaedmon. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 4, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1981, ISBN 3-11-006513-4, S. 305–308.
  • D. P. O’Donnell: A Northumbrian version of "Cædmon’s Hymn". (Northumbrian "eordu" recension) in Brussels, Bibliothèque Royale MS 8245–8257, ff. 62r2-v1: Identification, edition, and filiation. In: Beda Venerabilis: Historian, monk, and Northumbrian. Ed. L. A. J. R. Houwen and A. A. MacDonald "Mediaevalia Groningana" 19, Forsten, Groningen 1996, S. 139–165.
  • D. P. O’Donnell: Cædmon’s Hymn, A multimedia study, edition, and witness archive. In: SEENET A. 7, D. S. Brewer, Cambridge 2005.
  • C. O’Hare: The story of Cædmon: Bede’s account of the first English poet. In: American Benedictine Review 43, 1992, S. 345–57.
  • K. O’B O’Keeffe: Visible song: Transitional literacy in Old English verse. In: Cambridge Studies in Anglo-Saxon England 4, Cambridge University Press, Cambridge 1990.
  • J. Opland: Anglo-Saxon oral poetry: A study of the traditions. Yale University Press, New Haven 1980.
  • P. Orton: The transmission of the West-Saxon versions of "Cædmon’s Hymn": A reappraisal. In: Studia Neophilologica 70, 1998, S. 153–164.
  • F. Palgrave: Observations on the history of Cædmon. In: Archaeologia 24, 1832, S. 341-342.
  • C. Plummer: Venerabilis Baedae: Historia ecclesiastica gentis anglorum, historiam abbatum, epistola ad Ecgberctum una cum historia abbatum. Oxford 1896.
  • L. Pound: „Cædmon’s dream song“. In: Studies in English philology: A miscellany in honor of Frederick Klaeber, Ed. Kemp Malone and Martin B. Ruud, University of Minnesota Press, Minneapolis 1929, S. 232–239.
  • U. Schwab: Cædmon. Testi e Studi: Pubblicazioni dell’Istituto di Lingue e Letterature Germanische, Università di Messina. Peloritana Editrice, Messina 1972.
  • A. H. Smith: Three Northumbrian poems: Cædmon’s Hymn, Bede’s Death Song and the Leiden Riddle. With a bibliography compiled by M.J. Swanton. Revised edition. Exeter Medieval English Texts and Studies. University of Exeter Press, Exeter 1978.
  • D. Whitelock: The Old English Bede. Sir Israel Gollancz Memorial Lecture, 1962. In: Proceedings of the British Academy 48, 1963, S. 57–93.
  • Charles Leslie Wrenn: The poetry of Cædmon. Sir Israel Gollancz Memorial Lecture, 1945. In: Proceedings of the British Academy 32,1945, S. 277–295.