Der Kapitän geht als Letzter von Bord

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Der Kapitän und seine Soldaten verbleiben auf der sinkenden HMS Birkenhead, während Frauen und Kinder ein Rettungsboot besteigen (Gemälde von Thomas Hemy um 1892)

Der Kapitän geht als Letzter von Bord oder der Kapitän geht mit seinem Schiff unter ist eine maritime Regel und Tradition, laut der ein Kapitän beim Untergang des Schiffes bis zuletzt die Verantwortung für Schiff, Besatzung und Passagiere trägt und diese retten muss.

Schifffahrt[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Phrase wurde 1912 durch den Untergang der Titanic bekannt, existierte aber schon mindestens elf Jahre zuvor.[1]

Das Konzept ist eng mit einer anderen im 19. Jahrhundert niedergeschriebenen Regel verwandt: „Frauen und Kinder zuerst!“ Beide verkörpern das Ideal der Ritterlichkeit, infolgedessen von den oberen Klassen Ehre, Dienst und Respekt für die Benachteiligten verlangt wurde.

Praxis[Bearbeiten]

Das Konzept bedeutet wörtlich, dass der Kapitän die letzte Person ist, die ein Schiff verlässt, bevor dieses sinkt oder vollkommen zerstört wird, und dass er, wenn er nicht in der Lage ist, seine Besatzung und die Passagiere zu retten, auch auf die Rettung seines eigenen Lebens verzichten muss. Im Seerecht ist die Anwesenheit des Kapitäns von höchster Bedeutung, unabhängig vom Zustand des Schiffes, sodass das Verlassen des Schiffes rechtliche Konsequenzen insbesondere für das Bergerecht Fremder hat. Selbst wenn der Kapitän in einer Notlage das Schiff verlässt, endet seine Verantwortung dafür nicht, und er ist verpflichtet, zu seinem Schiff zurückzukehren, sobald die Gefahr nachlässt.

Wenn ein militärischer Kapitän ein Schiff in Kriegszeiten verlässt, kann dies wie Fahnenflucht oder Meuterei als Kapitalverbrechen geahndet werden, sofern er das Schiff anschließend nicht versenkt oder das Sinken abwartet. In vielen Ländern gelten das „vorzeitige Verlassen des Schiffs durch die Schiffsführung“ und das „Zurücklassen Hilfsbedürftiger“ als strafbare Handlungen (z.B. italienischer Codice della Navigazione §§ 303, 1097).[2][3][4]

Im deutschen Strafrecht kann sich der Kapitän wegen Totschlags durch Unterlassen (§§ 212, 13 StGB) und Unterlassener Hilfeleistung (§ 323c StGB) strafbar machen, da er eine Garantenstellung gegenüber seinen Passagieren hat, die sich aus seerechtlichen Vorschriften ergibt. Dabei ist es jedoch nicht erforderlich, dass er im Wortsinne als Letzter auf dem Schiff bleibt. Es genügt, wenn er alles Mögliche unternimmt, um seine Passagiere zu retten, ohne sich selbst in Lebensgefahr zu bringen.[5]

Beispiele[Bearbeiten]

Kapitän blieb bis zum Schluss[Bearbeiten]

Das Segelschiff Bounty sank während des Hurrikans Sandy.
  • 12. September 1857: William Lewis Herndon, dem Kapitän des sinkenden Postdampfers Central America, gelang es, trotz eines Orkans noch sämtliche an Bord befindlichen Frauen und Kinder sowie 44 männliche Passagiere auf die Brigg Marine bringen zu lassen, bevor diese durch den Sturm abgetrieben wurde. Kapitän Herndon verblieb mit den restlichen Passagieren auf dem Schiff und ging mit diesem unter.
  • 15. April 1912: Edward Smith, der Kapitän der Titanic, wusste wenige Minuten nach der Kollision mit einem Eisberg, dass das Schiff nicht zu retten war, aber tat alles in seiner Macht Stehende, um eine Panik zu vermeiden. Als das Schiff sank, ging er in Richtung Brücke und starb vermutlich kurz danach unter nicht geklärten Umständen.[6] Seine letzten überlieferten Worte waren: „Be British“ („seid britisch“).
  • 5. Juni 1942: Konteradmiral Tamon Yamaguchi blieb während der Schlacht um Midway an Bord des beschädigten Flugzeugträgers Hiryū und der Kommandant des Schiffes, Kapitän Kaku, folgte seinem Beispiel.
  • 9. Dezember 1971: Mahendra Nath Mulla, der Kapitän der indischen Fregatte Khukri blieb mit mindestens 194 Besatzungsmitgliedern an Bord, als diese innerhalb von 2 Minuten sank.
  • 29. Oktober 2012: Robin Walbridge, der Kapitän der 1961 vom Stapel gelaufenen Bounty, blieb an Bord des kenternden Schiffes, während 14 Besatzungsmitglieder gerettet wurden.[7]

Kapitän blieb nicht bis zum Schluss[Bearbeiten]

Die auf Grund liegende Costa Concordia. Im Rumpf steckt noch ein Stück des Felsens, mit dem das Schiff kollidierte.
  • 4. August 1991: Einige Offiziere des sinkenden Kreuzfahrtschiffs Oceanos verließen dieses in einem der ersten Rettungsboote. 225 Menschen mussten zurückbleiben, darunter auch Senioren und Kinder, weil die verbliebenen Rettungsboote nicht mehr zugänglich waren. Kapitän Yiannis Avranas war bei der späteren Luftrettung einer der ersten, die sich vom Deck des nunmehr mit 40 Grad Schlagseite liegenden Schiffs von einem Helikopter hochziehen ließen.[8][9]
  • 13. Januar 2012: Francesco Schettino, der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia, verließ sein Schiff vor Abschluss der Evakuierung. Er wurde von den italienischen Behörden in Untersuchungshaft genommen[10] und mehrerer Vergehen (u. a. fahrlässige Körperverletzung und Tötung sowie unterlassene Hilfeleistung durch das vorzeitige Verlassen des Schiffs) angeklagt. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft.[11][12][13][14] Am 23. September 2013 hat der Generalstaatsanwalt am Berufungsgericht Florenz Einspruch gegen den durch Schettinos Anwälte gemäß Art. 444 der italienischen Strafprozessordnung möglichen Vorschlag einer Strafzumessung von 40 Monaten Freiheitsstrafe erhoben.[15]
  • 16. April 2014: Der Kapitän der sinkenden RoRo-Fähre Sewol, der 68-jährige Lee Joon-seok, verließ das Schiff offenbar 30 bis 40 Minuten nachdem es in Schräglage geraten war. Die Besatzung hatte die Passagiere nach Absetzen des Notrufs aufgefordert, in ihre Kabinen zurückzukehren. Die 174 Geretteten, darunter die meisten Besatzungsmitglieder und der Kapitän, hatten sich etwa eine halbe Stunde, nachdem das Schiff in Schräglage geraten war, dieser Aufforderung widersetzt. Von den 46 Rettungsbooten an Bord der Sewol wurde nur eines zu Wasser gelassen.

Luftfahrt[Bearbeiten]

Notwasserung des US-Airways-Flugs 1549 auf dem Hudson River

Das Konzept wurde in der Luftfahrt explizit auf den diensthabenden Piloten (Pilot in Command) übertragen.[16]

Chesley Sullenberger, der Pilot des US-Airways-Flugs 1549, war die letzte Person, die das auf dem Hudson River erfolgreich notgewasserte Flugzeug verließ, nachdem er zwei Mal das gesamte Flugzeug nach potentiell verbliebenen Insassen durchsucht hatte.

Es sind Fälle bekannt (z.B. Korean Air Lines Flug 015), in denen der Kapitän sich sogar aus Angst seine Ehre zu verlieren weigerte, das verunglückte Flugzeug zu verlassen.

Eisenbahn[Bearbeiten]

Bei der Eisenbahn sind der Zugführer und der Lokomotivführer für die Sicherheit ihrer Fahrgäste verantwortlich.

Der Triebfahrzeugführer André Tanguy forderte kurz vor dem bevorstehenden Eisenbahnunfall am Gare de Lyon über die Sprechanlage des Zuges die Fahrgäste wiederholt auf, den Zug sofort zu verlassen. Als er den auf ihn zu kommenden Zug sah, blieb er gleichwohl am Mikrofon und wiederholte seine Warnung. Er rettete damit vielen Fahrgästen das Leben. Er selbst überlebte den Aufprall nicht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Esser, Susanne Bettendorf: Muss der Kapitän als Letzter von Bord? In: Neue Zeitschrift für Strafrecht 2012, S. 233–237.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. "...for if anything goes wrong a woman may be saved where a captain goes down with his ship." The Night-hawk: a Romance of the '60s, p. 249, Alix John, Frederick A. Stokes Company, New York, 1901.
  2. Codice della navigazione: 'Abbandono della nave in pericolo', abgerufen am 26. Februar 2013
  3. Codice della navigazione: 'Abbandono di nave o di aeromobile in pericolo da parte del comandante', abgerufen am 26. Februar 2013
  4. Christoph Drösser: Stimmt's? Muss ein Kapitän als Letzter das sinkende Schiff verlassen? ...fragt Johannes Meißner aus Berlin.
  5. Esser, Bettendorf: Muss der Kapitän als Letzter von Bord? NStZ 2012, S. 233–237.
  6. Testimony of Charles Herbert Lightoller
  7. "Witness recounts Claudene Christian’s last minutes on Bounty," Beverly Ware, South Shore Bureau, Herald News, February 15, 2013.
  8. Als erster von Bord - Die Havarie der "Oceanos" offenbarte: Unter Schiffsführern wird Heldentum rar. Der Spiegel 33/1991.
  9. Marike Frick: Besser mit untergehen. Mare No. 79, April 2010. Abgerufen am 8. Dezember 2013.
  10. Dario Thuburn: Captain arrested, 41 missing after Italian cruise disaster. 14. Januar 2012. Archiviert vom Original am 15. Januar 2012. Abgerufen am 15. Januar 2012. 
  11. "Costa Concordia"-Fall: Staatsanwaltschaft arbeitet an Deals mit Angeklagten, Spiegel Online v. 15. Mai 2013
  12. Schettino chiede il patteggiamento, la Procura dice no, iltirreno.it vom 15. Mai 2013
  13. „Costa Concordia“: Schettino drohen 20 Jahre Haft, orf.at vom 15. Mai 2013
  14. Concordia, il gup di Grosseto ha rinviato a giudizio Schettino, Corriere del Mezzogiorno, 22. Mai 2013
  15. Schettino chiede di risalire a bordo e attacca il timoniere. La procura generale impugna i patteggiamenti iltirreno.it, 23. September 2013
  16. CFR Title 14 Part 1 Section 1.1. U.S. Federal Government. Abgerufen am 6. Dezember 2010.
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