Der Vogel Greif

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Der Vogel Greif ist ein Märchen (ATU 610, 570, 513B, 461). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 3. Auflage von 1837 an Stelle 165 (KHM 165) in alemannischem Dialekt. Otto Sutermeister übernahm es 1869 in seine Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz als Nr. 28 Der Vogel Gryf.

Inhalt[Bearbeiten]

Des Königs einzige Tochter ist krank und soll sich der Prophezeiung nach an Äpfeln gesund essen. Wer ihr welche bringt, soll sie heiraten dürfen. Ein Bauer schickt seinen ältesten Sohn, dann den zweiten mit schönen roten Äpfeln hin. Unterwegs spricht sie ein eisernes Männchen an und fragt, was sie mitführen. Sie antworten „Fröschebein“ und „Schweineborsten“, was es dann auch ist, als sie es dem König zeigen, der sie fortjagt. Der Jüngste namens dummer Hans will unbedingt auch hin, ist ehrlich zum Männchen und heilt die Königstochter mit Äpfeln. Der widerwillige König fordert einen Nachen, der zu Land besser geht als zu Wasser. Während die Brüder vorgeben, Holzgerät zu machen, ist Hans wieder dem Männchen gegenüber offen und hat Erfolg. Nun muss er hundert Hasen hüten, ohne einen zu verlieren. Er widersteht auch, als die Magd einen borgen will. Die schickt die Königstochter, ihm einen abzunehmen, aber das Männchen gibt Hans ein Pfeifchen, womit er es zurückholt. Schließlich fordert der König eine Feder vom Vogel Greif. Unterwegs schläft Hans in einem Schloss, wo der Schlüssel zur Geldkiste vermisst und einem, wo ein Heilmittel für die kranke Tochter gesucht wird. Ein Mann trägt ihn über ein Wasser und sucht Erlösung von seinem Amt. Die Frau des Greifen versteckt ihn unter dessen Bett. Er reißt dem Schlafenden nachts drei Federn aus. Seine Frau beruhigt ihn jeweils und entlockt ihm die Antworten: Der Schlüssel liege im Holzhaus, eine Kröte habe sich aus den Haaren der Kranken ein Nest gebaut, und der Fährmann müsse nur mal einen Passagier im Wasser abstellen. Für die Antworten erhält Hans Reichtümer. Da will der König auch zum Vogel Greif. Der Fährmann lässt ihn ertrinken. Hans wird König.

Herkunft und Vergleiche[Bearbeiten]

Die Brüder Grimm hatten das Märchen von Hieronymus Hagenbuch und Friedrich Schmid über Wilhelm Wackernagel. Sie nennen als nahe verwandt Nr. 13 bei Müllenhoff und ein dänisches bei Etlar S. 129. Schiffe zu Wasser und zu Lande (Schiefner S. 611) seien vielleicht der Sonnenwagen.

Die gegensatzmotivierte Handlung kombiniert Elemente aus verschiedenen Märchentypen. Vgl. KHM 29 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren, KHM 125 Der Teufel und seine Großmutter, KHM 57 Der goldene Vogel, KHM 75a Vogel Phönix, KHM 64 Die goldene Gans, KHM 97 Das Wasser des Lebens, KHM 91 Dat Erdmänneken. Ein Text aus Grimms Nachlass von 1840 enthält nur eine ähnliche Hasenepisode.[1] Zum Träger über das Wasser am Weltende vgl. Christophorus. Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron IV,6 Die drei Kronen, IV,8 Die sieben Täublein, V,9 Die drei Zitronen. Vgl. Der Hasenhüter und die Königstochter in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch.

Das Konglomeratmärchen ist besonders in Nord- und Mitteleuropa bekannt. Janet Lynn Sutherland bemerkt eine Häufung heilkräftiger und fruchtbarkeitssteigernder Symbole, z.B. das Fröschebein der Brüder, die vielleicht den wahren Wert der Dinge verkennen.

Carl Gustav Jung erwähnt das Märchen in seiner Abhandlung Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen als Beispiel, dass der alte Weise auch als Zwerg erscheinen kann. Unter es chlis isigs Manndle sei wohl ein eisernes Männchen, kein Eismännchen zu verstehen. Der Text wimmele von phonetischen Fehlern. [2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 694-700. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 256, S. 505-506. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Uther, Hans-Jörg: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Berlin 2008. S. 342-346. (de Gruyter; ISBN 978-3-11-019441-8)
  • Sutherland, Janet Lynn: Früchte: Die heilenden F. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. S. 443-447. Berlin, New York, 1987.
  • Dégh, Linda: Hasenhirt. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 6. S. 558-563. Berlin, New York, 1990.
  • Bies, Werner: Phönix. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 10. S. 1021-1035. Berlin, New York, 2002.
  • Neumann, Siegfried: Schiff zu Wasser und zu Lande. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 11. S. 1421-1427. Berlin, New York, 2004.
  • Scherf, Walter: Das Märchenlexikon. Zweiter Band L-Z. S. 1277-1280. München, 1995. (Verlag C. H. Beck; ISBN 3-406-39911-8)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Der Vogel Greif – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rölleke, Heinz (Hg.): Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm. 5. verbesserte und ergänzte Auflage. Trier 2001. S. 45, 109. (WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier; ISBN 3-88476-471-3)
  2. Jung, Carl Gustav: Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen. In: C.G. Jung. Gesammelte Werke. Neunter Band. Erster Halbband. Olten, 1976. S. 238-239. (Walter-Verlag; ISBN 3-530-40797-6)