Märchen

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Dieser Artikel behandelt das Märchen im Allgemeinen; zu Werken mit diesem Titel siehe Das Märchen.

Märchen (Diminutiv zu mittelhochdeutsch maere = „Kunde, Bericht, Nachricht“) sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen. Märchen sind eine bedeutsame und sehr alte Textgattung in der mündlichen Überlieferung (Oralität) und treten in allen Kulturkreisen auf. Im Gegensatz zum mündlich überlieferten und anonymen Volksmärchen steht die Form des Kunstmärchens, dessen Autor bekannt ist. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff Märchen insbesondere durch die Sammlung der Brüder Grimm geprägt.

Im Unterschied zur Sage und Legende sind Märchen frei erfunden und ihre Handlung ist weder zeitlich noch örtlich festgelegt. Allerdings ist die Abgrenzung vor allem zwischen mythologischer Sage und Märchen unscharf, beide Gattungen sind eng verwandt. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Märchen Dornröschen, das etwa von Friedrich Panzer als märchenhaft ‚entschärfte‘ Fassung der Brünnhilden-Sage aus dem Umkreis der Nibelungensage betrachtet wird. Dabei kann man die Waberlohe als zur Rosenhecke verniedlicht und die Nornen als zu Feen verharmlost ansehen.

Charakteristisch für Märchen ist unter anderem das Erscheinen phantastischer Elemente in Form von sprechenden und wie Menschen handelnden Tieren, von Zaubereien mit Hilfe von Hexen oder Zauberern, von Riesen und Zwergen, Geistern und Fabeltieren (Einhorn, Drache usw.). Nach der schriftlichen Fixierung der Volksmärchen setzte eine mediale Diversifikation ein (Bilder, Illustrationen, Übersetzungen, Nacherzählungen, Parodien, Dramatisierungen, Verfilmungen, Vertonungen usw. usf.), die nun an die Stelle der mündlichen Weitergabe trat. Insofern ist die ‚Rettung‘ der Märchen etwa durch die Brüder Grimm zwar einerseits begrüßenswert, aber andererseits setzt dies auch der mündlichen Weitergabe eines mono-medialen Texttyps ein jähes Ende.

Märchenforschung[Bearbeiten]

Die vergleichende Märchenforschung wurde von den Brüdern Grimm begründet und von Theodor Benfey später im 19. Jahrhundert weitergeführt. Antti Aarne kategorisierte 1910 die Märchen nach ihren wesentlichen Erzählinhalten; daraus entstand der heute noch in der internationalen Erzählforschung gebräuchliche Aarne-Thompson-Index. (Im Deutschen wird oft die Abkürzung AaTh verwendet, um Verwechslungen mit AT für Altes Testament zu vermeiden). Der russische Philologe Wladimir Jakowlewitsch Propp leistete 1928 mit seiner strukturalistischen Untersuchung über die Morphologie des Märchens einen wichtigen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Märchenforschung. Dem fügte Eleasar Meletinsky wichtige Einsichten zur Abgrenzung von Märchen und Mythos hinzu.[1]

Allen Märchen liegt eine feste Handlungsstruktur zu Grunde, unabhängig von ihrem Inhalt. Diese Struktur erfüllt bestimmte Funktionen, die mit „archetypischen“ Akteuren verbunden sind (Held, Gegenspieler, Helfer usw.) und ist schon in der Antike aufzufinden.[2]

In jüngerer Zeit werden Märchen auch mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen aus der Anthropologie, Oral History, aus verschiedenen Einzeldisziplinen, Psychoanalyse u. a. untersucht.

Gut und Böse werden im Märchen scharf getrennt, meist in Form von guten und bösen Figuren. Inhaltlich steht ein Held im Mittelpunkt, der Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen muss. Oft ist der Held eine vordergründig schwache Figur wie ein Kind oder der jüngste Sohn. Am Ende eines Märchens wird das Gute extrem belohnt und das Böse extrem bestraft. Als Beispiele hierfür je ein Zitat aus zwei der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm:

„Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.“

Die Sterntaler

„Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an seinem Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite, da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten, da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft.“

Aschenputtel

Ursprung und frühe Textfixierung der Märchen[Bearbeiten]

Märchen sind sehr alt und reichen weiter als alle anderen literarischen Formen in der Menschheitsgeschichte zurück; sie können nach verschiedenen Typen klassifiziert und versuchsweise verschiedenen Zeitaltern zugeordnet werden. Zu den ältesten Märchen gehören die Zaubermärchen. Sie weisen Erzählstrukturen auf, wie wir sie auch aus antiken griechischen und lateinischen Mythenerzählungen kennen (Götter- und Heldensagen), deren Erzählmaterial ebenfalls weit vor den Gebrauch der Schrift als Überlieferungsweg zurückreicht.

Allzu vereinfachende Thesen wie die von Benfey, die europäischen Märchen seien indischen Ursprungs, gelten als überholt, da sich identische Märchenmotive in extrem weit auseinanderliegenden und einander ganz fremden Kulturen finden. Gerade dieser Umstand ist eine der faszinierendsten Beobachtungen in der Märchenforschung. Carl Gustav Jung versuchte, das mit der Annahme eines „Kollektiven Unbewussten“ der Menschheit zu erklären.

Als erster großer europäischer Volksmärchensammler und -nacherzähler gilt der Italiener Giambattista Basile, dessen Sammlung Il Pentamerone in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erschien. Selbstverständlich finden sich zahlreiche Motive seiner Märchen auch in den Märchen der Grimms. Ähnliches gilt für die erste größere französische Volksmärchensammlung von Charles Perrault aus dem Jahr 1697 mit dem Titel Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités: contes de ma Mère l’Oye. Freilich tragen beide Sammlungen stark die Handschrift ihrer Herausgeber, vor allem die Perraults. Aber auch die Volksmärchen der Brüder Grimm sind sprachlich überarbeitet und alle weiteren europäischen Märchensammlungen des 19. Jahrhunderts in der internationalen Nachfolge der Grimms ebenfalls. Völlig unberührt gelassene Fassungen aus mündlicher Überlieferung gibt es erst im 20. Jahrhundert.

Volksmärchen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Volksmärchen

Bei Volksmärchen lässt sich kein bestimmter Urheber feststellen. Die mündliche Weitergabe war für lange Zeit die ausschließliche und ist bis heute die natürliche Form der Überlieferung. Dennoch hat auch die schriftliche Überlieferung seit ihren Anfängen auf die traditionelle mündliche Erzählweise miteingewirkt, denn schon im Mittelalter fanden Märchen Eingang in die schriftliche Literatur. Mit der Möglichkeit des Buchdrucks seit dem Ende des 15. Jahrhunderts hat die schriftliche Verbreitung naturgemäß eine größere Bedeutung bekommen. Aufgrund der mündlichen Erzähltradition treten Volksmärchen in vielen teils sehr unterschiedlichen Varianten auf, die desto zahlreicher sind, je älter und je weiter verbreitet ein Märchen - d.h. eine im Wesentlichen gleiche Kombination von Handlungseinheiten - ist. Umgekehrt zeigen auch ganz unterschiedliche Märchen selbst in weit voneinander entfernten Erzähltraditionen und über Sprachgrenzen hinweg, auffällig viele Gemeinsamkeiten in den einzelnen Handlungsmotiven, das heißt in den kleinsten isolierbaren Handlungseinheiten. Dies hat zum Aarne-Thompson-Index geführt, einer umfangreichen Liste von Märchentypen und einer systematischen Katalogisierung der Handlungseinheiten. Das Märchen ist somit (wie beispielsweise auch das Volkslied) eine Literaturform, die weder Originale noch Nachahmungen kennt; selbst ein Begriff wie „Veränderung“ bezogen auf ein Märchen, das einem anderen ähnelt, ist inadäquat; die Gesamtheit der Volksmärchenliteratur ist prinzipiell von der Permutation der Handlungseinheiten gelenkt, kein konkretes Märchen X ist von einem andern konkreten Märchen Y „abhängig“, wie das in der schriftlich tradierten Literatur in der Regel der Fall ist. (In der Dichtung Faust bezieht sich Goethe erkennbar auf das Puppenspiel vom Doktor Faust, aber das arabische Märchen Der Fischer und der Geist ist nicht Vorlage des deutschen Volksmärchens Der Geist in der Flasche; beide Märchen verwenden nur eine identische zentrale Handlungseinheit.) Siehe auch Intertextualität.

Deutsche Märchen[Bearbeiten]

In Deutschland wird mit dem Begriff Märchen in erster Linie die Volksmärchensammlung Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1812) assoziiert, jedoch gibt es zahlreiche weitere Sammlungen deutscher Volksmärchen.

Französische Märchen[Bearbeiten]

In Frankreich wurde die erste Märchensammlung 1697 von Charles Perraults Histoires ou Contes du temps passé avec des moralités angelegt und der Ausdruck „contes de fée“ (Feengeschichten) geprägt, von dem sich das englische „fairy tales“ ableitet. Das Element des Zauber- und Fabelhaften tritt hier schon in der Namensgebung zum Vorschein. Es sind jedoch nicht nur Zauberwesen (göttlichen oder teuflischen Ursprungs), welche die Märchenwelt so phantastisch machen, sondern Gegenstände mit magischer Wirkung, die den Märchenhelden von großem Nutzen sind oder das Verzaubertwerden in ein Tier, eine Pflanze, deren Symbolgehalt man hinterfragen kann. Desgleichen spielen hin und wieder Versteinerungen eine Rolle, die sich ebenso tiefenpsychologisch deuten lassen, wie Erlösungen durch die Tränen eines mitfühlenden Menschen.

Indische Märchen[Bearbeiten]

Die indischen Märchen können auf eine sehr lange und vielgestaltige Tradition zurückblicken. Zu den bedeutendsten indischen Märchensammlungen gehört die ungefähr 2000 Jahre alte Märchensammlung namens Panchatantra. Der Indologe Johannes Hertel hat wichtige wissenschaftliche Beiträge Anfang des 20. Jahrhunderts zur Erschließung der Panchatantra geleistet. Die Panchatantra soll teilweise in die Erzähl- und Märchensammlung Tausendundeine Nacht eingegangen sein.

Weitere Beispiele europäischer Märchen[Bearbeiten]

Die russischen Volksmärchen von Alexander Nikolajewitsch Afanassjew, die englischen Märchen von Joseph Jacobs und die norwegischen Volksmärchen von Peter Christen Asbjørnsen.

Kunstmärchen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kunstmärchen

Bei den Kunstmärchen handelt es sich um bewusste Schöpfungen von Dichtern und Schriftstellern. Bisweilen greifen sie Motive der Volksmärchentradition auf, meist werden aber neuartige fantastische Wundergeschichten erfunden, die mit dem Volksmärchen aber dennoch durch den Aspekt des Wunderbaren und Unwirklichen verbunden bleiben. Ihr Inhalt wird überwiegend durch die Weltanschauung und die Ideen einer individuellen Person getragen und unterliegt den Einflüssen der Literaturströmungen. In der Romantik erreichte das Kunstmärchen einen frühen Höhepunkt und erhielt entscheidende Impulse für seine weitere Entwicklung. In der Frühromantik lag der Akzent auf sehr künstlichen Schöpfungen, die die Grenzen der herkömmlichen Märchen hinter sich ließen und sich somit dem unbefangenen Märchenleser nicht mehr so leicht erschlossen. Das änderte sich jedoch wieder mit den Dichtern der Spätromantik, die den einfachen Märchenton bevorzugten.

Der am meisten gelesene Verfasser von Kunstmärchen im 19. Jahrhundert war Wilhelm Hauff (1802–1827). Seine Märchenbücher Die Karawane, Der Scheich von Alexandria und Das Wirtshaus im Spessart erschienen in drei aufeinanderfolgenden Jahren und spielen, wie die Titel schon verraten, vor unterschiedlichem Hintergrund. Während er in den ersten beiden Bänden die Handlung in den Orient verlegt, dient im letzteren der rauere Norden als Schauplatz. All seine Märchen kennzeichnet das Abenteuer, was aus seiner eigenen Begeisterung für die Fremde zu erklären ist.

Zu den beliebtesten Märchendichtern zählt der Däne Hans Christian Andersen (1805–1875). Angeregt wurde er durch die Brüder Grimm und die deutschen Kunstmärchen. Zunächst ist in seinen Märchen noch eine deutliche Anlehnung an das Volkstümliche zu erkennen, doch schon bald entwickelte er seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Im Gegensatz zu den Volksmärchen, die grundsätzlich an einem unbestimmten Ort spielen, beschrieb er sorgfältig den Schauplatz seiner Geschichten und achtete auf die Nähe zur kindlichen Weltauffassung. Seine Erzählungen weisen eine einfache und ungekünstelte Sprache auf und wirken durch einen eindringlichen Erzählton. Es ging ihm darum, das Wunderbare in die Wirklichkeit des Alltags hineinzuholen, ohne dass eine Kluft zwischen beidem entsteht, wie es bei den Romantikern oft der Fall war. In Dänemark wie in Deutschland sah man in Andersens Erzählungen in erster Linie Märchen für Kinder. Das allerdings widersprach seinem eigenen Selbstverständnis, denn er selbst verstand sich als Autor für alle Altersklassen.

Sozialkritischen Hintergrund haben die Märchen von Oscar Wilde (1854–1900), die ganz im Sinne der Romantik Idealbilder im Widerstreit zu grausamen Realitäten entwerfen oder aus der Sicht des ausgebeuteten Opfers den Egoismus und die Oberflächlichkeit der Herrschenden anprangern.

Edith Nesbit (1858-1924) entführt ihre kindlichen Leser aus einer realen Situation in eine Zauberwelt und am Ende wieder zurück in die Realität. In ihrem letzten Werk "Meereszauber" verfolgte sie friedenspädagogische Absichten. Im gleichen Stil entführt Gerdt von Bassewitz (1878-1923) in "Peterchens Mondfahrt" seine Leser aus der Kinderstube in eine himmlische Welt mit Fantasy-Charakter. Beeindruckend sind die Begrüßungsballaden der allegorischen Naturgeister im Schloss der Nachtfee.

Selma Lagerlöf (1858-1940) erhielt für ihren Märchenroman "Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" 1909 den Nobelpreis für Literatur. Einen ähnlichen Hintergrund haben Carlo Collodis (1826-1890) Abenteuer von Pinocchio. In beiden Fortsetzungsgeschichten wird ein unartiges Kind durch schmerzliche Erfahrungen erzogen.

Christel Jacobi, * 7. November 1912 in Insterburg/Ostpreußen, † 2. Januar 1993 in Piding/Bad Reichenhall, schrieb Märchen im Stile der Grimm'schen Volksmärchen: Erschienen sind 1964 "Die Quellfrau" und 1976 "Das Goldkorn", außerdem 1988 vier märchenhafte Handpuppenspiele "Kaspers abenteuerliche Reisen durch die Jahreszeiten".

Rafik Schami (*1946) schachtelt seine orientalischen Märchen "Der ehrliche Lügner", "Erzähler der Nacht" und "Der Wunderkasten" ähnlich jenen aus 1001 Nacht in Rahmengeschichten.

Roland Kübler verfasste philosophische Märchenromane für Erwachsene: "Die Farben der Wirklichkeit", "Mondsteinmärchen", "Traumsegel", "Traumfeuer".

Um Ethik und Moral geht es auch in den neoromantischen Fabeln, Parabeln, allegorischen und mythischen "Märchen im Spiegel der Zeit" (ShakerMedia) von Marion Wolf (*1950) - teils für Kinder, teils für Erwachsene.

Im weitesten Sinne zu den Kunstmärchen können auch die in neuerer Zeit entstandenen Fantasy-Geschichten gerechnet werden. Auch die Science-Fiction-Filmreihe Star Wars weist typische charakteristische Merkmale eines Märchens auf, wie beispielsweise die fehlenden oder äußerst ungenauen Orts- und Zeitangaben („Es war einmal vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxis…“), die Gleichstellung von Adligen und Bürgerlichen oder das Happy End.

Märchenparodien[Bearbeiten]

Bei Märchenparodien handelt es sich um Parodien bekannter Märchen. Die Handlung weicht dabei mehr oder weniger stark von der des ursprünglichen Märchens ab. Manchmal bezieht sich die Parodie auf ein einziges Märchen und manchmal auf mehrere gleichzeitig. Bekannte Märchenparodien sind:

Literatur

Filme

Hörspiele

Märchensammler[Bearbeiten]

Meisterliche Märchenerzähler, die Märchen sammeln, gibt es vermutlich, seit es Märchen gibt. Sie trugen zur Entstehung, Überlieferung von Märchen und Märchensammlungen maßgeblich bei.

Zu den bekanntesten Märchensammlern gehören der Italiener Giambattista Basile (1575-1632), der Franzose Charles Perrault (1628–1703), Benedikte Naubert (1756–1819), die Brüder Grimm (1785–1863)/(1786–1859), Ernst Moritz Arndt (1769–1860), Ludwig Bechstein (1801–1860), der Norweger Peter Christen Asbjørnsen (1812-1871), der Russe Aleksandr Nikolajewitsch Afanassjew (1826-1871) sowie der Schweizer Pädagoge Otto Sutermeister (1832–1901). Eine Sammlung orientalischer Märchen enthalten die Geschichten aus 1001 Nacht. Die von Friedrich von der Leyen begründete Reihe ''Die Märchen der Weltliteratur'' stellt Märchen aus aller Welt vor.

Märchenerzähler[Bearbeiten]

Zu den frühen Märchenerzählern können unter anderem die Barden gezählt werden und setzen damit eine Erzählkultur fort, die bereits in einem frühen indogermanischen Sprach- und Kulturraum angelegt gewesen sein muss.

Bei den Berbern in Nordafrika gibt es die kulturell bedeutsame Erzähltradition bis heute.

Die meisten Märchenerzähler der Gegenwart sammeln alte Volksmärchen und setzen sich für deren Erhaltung und die Tradition des Erzählens ein. Bekanntheit im deutschsprachigen Raum haben insofern u. a. die Deutschen Klaus Adam, Mario Eberlein, Frank Jentzsch, Frieder Kahlert, Elsa Sophia von Kamphoevener, Christian Peitz und Michaele Scherenberg, die Österreicher Eva Jensen, Norbert Julian Kober, Michael Köhlmeier, Erwin Stammler, Folke Tegetthoff, und Helmut Wittmann und die Schweizer Jürg Steigmeier und Hasib Jaenike erlangt. Im internationalen Bereich sind Naceur Charles Aceval (Algerien), Radha Anjali (Indien), Eth Noh Tec (Japan), Heather Forest (USA), Huda al Hilali (Irak), Jankele Ya'akobson (Israel), Saddek El Kebir (Algerien), Laura Kibel (Italien) und Antonio Sacre (Kuba) zu nennen. Im süddeutschen Raum wurde 1999 ein Bildungsträger mit dem Namen Goldmund e. V. gegründet, der Geschichtenerzähler ausbildet. Schulen für Märchenerzähler gibt es mittlerweile einige, z.B. die Märchenschule RosenRot in München oder das Märchenzentrum Dornrosen in Nürnberg oder die Mutabor Märchenstiftung in Lützelflüh. In Deutschland wurde 1956 in Rheine/ Westfalen die Europäische Märchengesellschaft e.V. (EMG) gegründet, die mit ihren mittlerweile 2.500 Mitgliedern zu den größten literarischen Gesellschaften zählt und seit einigen Jahrzehnten u.a. Kurse zur Märchenkunde und zum Märchenerzählen anbietet.

Eine Sonderform des Märchenerzählers ist der fahrende Mundwerker bzw. Bänkelsänger, ein Vertreter des „fahrenden Volkes“. Fahrendes Volk war in Deutschland bis in die 1930er Jahre anzutreffen. Diese Mundwerker zogen umher und erzählten gegen Entgelt Moritaten und/oder sangen Bänkellieder.

Festivals und Freizeitparks[Bearbeiten]

Von 1988 bis 2006 fand in Graz alljährlich Europas größtes Erzählkunstfestival Die lange Nacht der Märchenerzähler (GRAZERZÄHLT) statt. Seit 2007 findet diese Veranstaltung in Niederösterreich unter dem Namen fabelhaft statt[3].

In Berlin finden seit 1990 jährlich im November die Berliner Märchentage statt.

Außerdem gibt es Märchenwälder und Märchenzoos, das sind Ansammlungen von Dioramen mit kleinen Figuren und Lautsprechern, die (meist gegen Münzeinwurf) Märchen erzählen. Ein traditionsreicher Märchenzoo ist zum Beispiel der Märchenzoo Blauer See (Ratingen).

Seit 1985 finden im Park von Schloss Philippsruhe in Hanau, der Geburtsstadt der Gebrüder Grimm, die Brüder Grimm Märchenfestspiele statt. Die Besucherzahlen der Festspiele überschritten 2006 zum ersten Mal die Millionengrenze.

Die Festspiele Balver Höhle veranstalten seit 1991 alljährlich die Reihe Balver Märchenwochen.

Eine Veranstaltung für Kinder und Familien ist das Festival der besten deutschsprachigen Märchen- und Geschichtenerzähler,[4] das seit 2005 immer am ersten Wochenende im Juli in Neukirchen-Vluyn am Niederrhein unter der Schirmherrschaft Ursula von der Leyens ausgetragen wird. 16 Erzählerinnen und Erzähler aus dem deutschsprachigen Europa stellen sich im Wettbewerb dem Publikum und einer Jury.

2009 hatte Marburg für einige Monate einen Grimm-Dich-Pfad mit überdimensionalen Märchenfiguren und Informationen zu den dazugehörenden Märchen in der Stadt installiert. Diese sollen in erweiterter Form zur 200-Jahr-Feier der Kinder- und Hausmärchen wieder angebracht werden.[5]

Auf der dänischen Insel Bornholm findet seit über zehn Jahren zwischen Juni und September das Bornholmer Märchenfestival statt. Jeweils 14 Märchenerzähler erzählen in der Alten Strandvogtei deutschsprachige Märchen, Mythen und Sagen. Initiator des Festivals ist Eduard Dahlmann.

2012 gründete Eduard Dahlmann den Rügener Märchensommer, der nun alljährlich auf der Insel Rügen stattfinden wird. Die Erzählstätte 2012 war das Grundtvighaus in Sassnitz, 2013 geht der Rügener Märchensommer nach Bergen auf Rügen. Aufführungsstätte dort ist das Sagen- und Märchenhotel.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Commons: Märchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Kurt Ranke (Begründer), Rolf Wilhelm Brednich, Hermann Bausinger (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. de Gruyter, Berlin u. a. 1977–, bisher (2010) 13 Bände, ISBN 3-11-005805-7.
  • Helga Arend, André Barz (Hrsg.): Märchen – Kunst oder Pädagogik? Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2009, ISBN 978-3-8340-0569-4 (Schriftenreihe Ringvorlesungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn 9).
  • Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bände. Verlag de Gruyter, Berlin u. a. 1927–1942 (Unveränderter photomechanischer Nachdruck. ebenda 1987, ISBN 3-11-011194-2).
  • Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 20. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-423-35028-8 (dtv. Dialog und Praxis 35028).
  • Rudolf Erbler (Rudi alias „Das letzte Einhorn?“) Märchen - Gut oder schlecht für Kinder? (PDF; 109 kB) 2006.
  • Michael Küttner: Vom Geist aus der Flasche. Psychedelische Handlungselemente in den Märchen der Gebrüder Grimm. Pieper's MedienXperimente, Löhrbach 1999, ISBN 3-930442-42-6 (Edition RauschKunde), (Zugleich: Gießen, Univ., 1993: Psychedelische Handlungselemente in den Märchen der Brüder Grimm.).
  • Günter Lange (Hrsg.): Märchen – Märchenforschung – Märchendidaktik. 2. Auflage, Nachdruck. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2007, ISBN 978-3-89676-939-8 (Schriftenreihe Ringvorlesungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn 2).
  • Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. (1947). 10. Auflage 1997. Tübingen/Basel: Francke, 1997.
  • Max Lüthi: Märchen. Bearbeitet von Heinz Rölleke. 9. durchgesehene und ergänzte Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-476-19016-1 (Sammlung Metzler 16).
  • Doris Mauthe-Schonig, Bruno Schonig, Mechthild Speichert: Mit Kindern lesen im ersten Schuljahr. Anfangsunterricht mit den Geschichten von der kleinen weißen Ente. 4. unveränderte Auflage. Beltz, Weinheim u. a. 1993, ISBN 3-407-62305-4 (Beltz-Praxis).
  • Doris Mauthe-Schonig: „Die kleine weiße Ente hat einen Traum …“. Psychoanalytische Anmerkungen zu einem Grundschulunterricht, in dem regelmäßig Geschichten erzählt werden. In: Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik. 7, 1995, ISSN 0938-183X, S. 13–32.
  • Burkhard Meyer-Sickendiek: Die Angst im Märchen. In: Burkhard Meyer-Sickendiek: Affektpoetik. Eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen. Königshausen und Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3065-6, S. 287–318.
  • Stefan Neuhaus: Märchen. Francke, Tübingen u. a. 2005, ISBN 3-8252-2693-X (UTB 2693).
  • Almut-Barbara Renger: Zwischen Märchen und Mythos. Die Abenteuer des Odysseus und andere Geschichten von Homer bis Walter Benjamin. Eine gattungstheoretische Studie. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, ISBN 3-476-01986-1 (Zugleich: Heidelberg, Univ., Diss., 2000), Inhaltsverzeichnis.
  • Walter Scherf: Märchenlexikon, Digitale Bibliothek Band 90, Directmedia Publishing Berlin 2004, ISBN 3-89853-490-1.
  • Joachim Vaross: Achim, der Märchenkönig erzählt. Neue Märchen zur Winter- und Weihnachtszeit.Oculus-Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-942567-01-5.
  • Oskar Ruf: Die esoterische Bedeutung der Märchen. Mit einem Vorwort von Ruediger Dahlke. Knaur, München 1992, ISBN 3-426-86007-4.
  • Michael Maar: Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind. Berenberg Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-937834-53-5.
  • Frederik Hetmann: Märchen und Märchendeutung. Erleben & Verstehen. Königs Furt Verlag, Klein Königsförde/Krummwisch 1999, ISBN 3-933939-02-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Märchen – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Almut-Barbara Renger: Zwischen Märchen und Mythos: die Abenteuer des Odysseus und andere Geschichten von Homer bis Walter Benjamin. Eine gattungstheoretische Studie, Stuttgart [u.a.]: Metzler, 2006, S. 106-128
  2. Almut-Barbara Renger: Zwischen Märchen und Mythos: die Abenteuer des Odysseus und andere Geschichten von Homer bis Walter Benjamin. Eine gattungstheoretische Studie, Stuttgart [u.a.]: Metzler, 2006, S. 106–128, 145–248.
  3. Link zum Erzählkunstfestival Fabelhaft
  4. Festival der besten deutschsprachigen Märchen- und Geschichtenerzähler
  5. Grimm-Dich-Pfad reloaded. Info der Stadt Marburg, abgerufen am 8. Oktober 2011