Die Arbeitslosen von Marienthal

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Letzter Rest der früheren Arbeitersiedlung (2008 restauriert)

Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit (1933) ist der Titel einer Untersuchung von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel zu den Folgen von Arbeitslosigkeit, die zu den Klassikern der empirischen Soziologie gehört. Die Studie zeigte die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt.

Die Untersuchung[Bearbeiten]

Heute gilt das von einem Team rund um Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld ausgeführte Projekt als Meilenstein in der Entwicklung der empirischen Sozialforschung (vgl. auch: Teilnehmende Beobachtung, Feldforschung) und als Musterbeispiel der Theoriebildung in Kombination von quantitativen, qualitativen, vorgefundenen und erhobenen Daten. Auch wenn diese Konzepte jünger sind als die Arbeit über die Arbeitslosen von Marienthal, wurden hier – unter dem Begriff Soziographie – Grundsteine für diese Methoden gesetzt.

Die Arbeitersiedlung Marienthal liegt in Gramatneusiedl, einem Ort in der Nähe Wiens. Nach der Schließung einer Fabrik, nach deren Inbetriebnahme die Gemeinde gegründet worden war, entstand jäh eine umfangreiche Arbeitslosigkeit. Otto Bauer, der damals führende Mann der österreichischen Sozialdemokratie schlug Lazarsfeld und Zeisel vor, eine Studie über dieses Thema durchzuführen und nannte auch den Ort Marienthal.

Um Zugang zu den Menschen in Marienthal zu gewinnen, haben die Autoren dieser Studie nicht nur Kontakt zu politischen und gesellschaftlichen Gruppen und Vereinen gesucht, sondern auch Kleidersammlungen, ärztliche Sprechstunden, Erziehungsberatungen, Turn- und Zeichenkurse durchgeführt. Ziel war es, die Menschen für das Forschungsprojekt zu gewinnen. Zugleich diente jedes dieser Mittel (inkl. der in dieser Hinsicht ethisch fragwürdigen Sprechstunden) auch dazu, durch teilnehmende Beobachtung Informationen über die Marienthaler Bevölkerung zu erlangen.

Für jede Familie in Marienthal wurden Katasterblätter angelegt, auf denen die verschiedenen Beobachtungen und Interviews festgehalten wurden, vom ordentlichen oder ungeordneten Zustand der Wohnung beim Besuch wegen der Kleidersammlung bis hin zu Dingen, die bei der Erziehungsberatung, beim Arztbesuch oder bei der Beobachtung im „Arbeiterheim“ besprochen wurden. Es wurden etwa dreißig ausführliche Interviews geführt, einige Journale über die Zeiteinteilung angefertigt und Essenslisten erstellt. Die amtliche Statistik wurde ebenfalls herangezogen. Lotte Schenk-Danzinger hatte großen Anteil an diesen Arbeiten.[1] In dem Arbeitsteam sind aber offenbar Spannungen persönlicher und politischer Art aufgetreten, sodass Danzinger in der Publikation nicht als Co-Autorin berücksichtigt wurde [2]

Das veröffentlichte Ergebnis der Studie gibt einen breiten und tiefgehenden Überblick in das Leben mit der damaligen Form von Arbeitslosenunterstützung, ohne baldige Aussicht auf Beschäftigung. Insbesondere wird nachgezeichnet, wie sich aufgrund der Hoffnungslosigkeit durch die Arbeitslosigkeit das Zeitbudget verändert. Wenn eigentlich eine Aufgabe zu erfüllen wäre, wird sie trotzdem liegen gelassen. Es fehlt die Zeiteinteilung, das feste Raster, eine Tagesstruktur.

Auswirkungen der Studie[Bearbeiten]

Durch eine vom jeweiligen Stand des Forschungsprozesses bestimmte Kombination qualitativer mit quantitativen Methoden der Sozialforschung (Beobachtung, Strukturierte Beobachtungsprotokolle, Haushaltserhebungen, Fragebögen, Zeitverwendungsbögen, Interviews, Gespräche und gleichzeitige Hilfestellungen) ist diese 1933 erstveröffentlichte Arbeit methodisch richtungsweisend – auch wenn ihre Rezeption im deutschsprachigen Raum erst Jahre bzw. Jahrzehnte später erfolgte. Die Gruppe österreichischer Forschungssoziologen wies am Beispiel der von der niedergegangenen Textilindustrie geprägten Kleinstadt Marienthal in ihrer Feldforschungsuntersuchung erstmals in dieser Form, Präzision und Tiefe sozio-psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit nach und zeigte im Hauptergebnis, dass Arbeitslosigkeit nicht (wie bis dahin meist erwartet) zur aktiven Revolution, sondern vielmehr zur passiven Resignation führt.

Die Arbeitslosen von Marienthal ist aber nicht nur eine mit vielen Beispielen illustrierte dichte empirische Beschreibung, sondern auch eine sozialtheoretisch anregende Arbeit mit Blick auf die vier Haltungstypen der auch innerlich Ungebrochenen, der Resignierten, der Verzweifelten und der verwahrlost Apathischen – wobei lediglich der erste Typus noch „Pläne und Hoffnungen für die Zukunft“ kannte, während die Resignation, Verzweiflung und Apathie der drei anderen Typen „zum Verzicht auf eine Zukunft führte, die nicht einmal mehr in der Phantasie als Plan eine Rolle spielt“. Als entscheidende Dimension erwies sich die Fähigkeit, „für die Zukunft Pläne und Hoffnungen“ bewahren und entwickeln zu können, also eine grundlegende Dimension humanen Gestaltungsvermögens nicht zu verlieren: die Antizipation möglicher Entwicklungen.

Der von Marie Jahoda geschriebene Forschungsbericht wird in der Buchausgabe (1975) durch einen in den 1950er Jahren geschriebenen „Vorspruch“ von Lazarsfeld, in dem die Studie in ihrem Verhältnis zu damaligen und zeitgenössischen Strömungen der Soziologie eingeordnet wird, und den für die Bucherstausgabe geschriebenen methodischen Anhang von Zeisel zur Geschichte der Soziografie ergänzt.

Nach den Autoren der Studie sind in Wien im 17. Bezirk Hernals die Marie-Jahoda-Gasse, im 21. Bezirk Floridsdorf die Lazarsfeldgasse und im 22. Bezirk Donaustadt die Schenk-Danzinger-Gasse benannt.

Verfilmung[Bearbeiten]

Audio[Bearbeiten]

  • „Marienthal – eine Ortschaft erinnert sich“: Radiosendung in der Reihe „Memo“ 1981, Ö1 (ORF).
  • „Marienthal Revisited“. Radiokolleg Teil 1,2,3; 2008, Ö1 (ORF).

Textausgabe[Bearbeiten]

  • Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Hirzel, Leipzig 1933. Erste Neuauflage: Allensbach 1960; als Buch erschienen im Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-10769-0

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Albrecht: Zukunftsperspektiven: Arbeitslosigkeit – Subjekt- und Realanalyse; in: Forum Wissenschaft, 24 (2007) 1, S. 61–63 ([2])
  • Reinhard Müller: Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie. Studienverlag Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7065-4347-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marienthal (Gramatneusiedl) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Fotos

Fußnote[Bearbeiten]

  1. Gertrude Wagner: Über den Anteil von Lotte Schenk-Danzinger an der Marienthal-Studie. Wien, 24. Februar 1984, auf der Webseite des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich.
  2. Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Hirzel, Leipzig 1933. (Erste Neuauflage: Allensbach 1960; als Buch erschienen im Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-10769-0.)
  3. [1] Abruf 13. Mai 2009