Dispositiv

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die soziologische Bedeutung des Begriffs. Für den Begriff in der BWL siehe Dispositive Daten.
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Als Dispositiv (von frz. disposition, Entscheidung, Anordnung oder Anweisung) begreift man in der Soziologie im Anschluss an Michel Foucault eine Gesamtheit bestimmter begrifflich fassbarer Vorentscheidungen, innerhalb derer sich die Diskurse und die sozialen Interaktionen entfalten können, die in sprachpragmatisch relevanten Aspekten der Erfassung, Beschreibung und Gestaltung der Lebenswelt einer Gesellschaft Ausdruck finden. Foucault nennt es „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architektonische Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst.“ (Foucault, Dispositive der Macht[1]). Foucault entwickelte den Begriff im Rahmen seiner Diskursanalyse, vergleichbar damit ist etwa der Begriff eines historischen a priori. Grundlegend ist die Annahme, dass Verhalten, um als soziale Handlung wahrgenommen werden zu können, den Regeln des Dispositivs genügen muss, gerade auch als negativ oder unnormal bewertetes Verhalten.

Die von Foucault aufgezählten historischen Gegebenheiten betrachtet er als „Elemente“ des Gesamtdispositivs, das eine historische Einheit darstellt: Seine Geltung ist räumlich und zeitlich begrenzt und daran gebunden, dass seine Regeln befolgt und seine Institutionen benutzt werden. Dabei können einzelne Elemente auch Teil mehrerer Dispositive sein und auf ein neues Dispositiv vererbt werden, denn „Das Dispositiv ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft ist.“ (Foucault, Dispositive der Macht[2]) Dieses Netz kann als Entscheidungsraster verstanden werden, das die Überzeugungen der beteiligten Personen im Sinne der Wissenssoziologie hervorbringt und reguliert.

Ein an Foucault anschließender und erweiterter Dispositivbegriff wird von Gilles Deleuze vorgeschlagen, der die Dynamik und Ereignishaftigkeit innerhalb von Dispositiven in den Vordergrund stellt.[3]

Dispositiv, Diskurs und Wirklichkeit[Bearbeiten]

Foucault analysierte Dispositive vor allem unter dem Aspekt der Machtverteilung und in ihrer Rolle als Herrschaftsinstrumente, und spricht dabei insbesondere vom Sicherheitsdispositiv und vom Sexualitätsdispositiv. Dabei ist nicht entscheidend, welche Elemente das Dispositiv ausmachen, sondern wie die Elemente die alltäglichen Diskurse und Praktiken bestimmen, die wieder Gegenstände und soziale Tatbestände hervorbringen, die entweder das alte Dispositiv reproduzieren oder ein neues hervorbringen.

Nach Foucault „bilden“ Diskurse „systematisch die Gegenstände“, von denen sie sprechen oder handeln.[4] Sie stellen Überzeugungen bereit, nach denen Wirklichkeit gestaltet wird, indem sie mit Autorität bestimmte Formen und Inhalte von Überzeugungen und Problemen aus der Vergangenheit in die Gegenwart transportieren. Damit gestalten Diskurse unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln grundlegend. Durch den Diskurs werden nicht nur die Gegenstände geordnet und bewertet, sondern auch entschieden, was überhaupt als Gegenstand in Frage kommt, d. h., die erfahrbare Wirklichkeit kann sich in der Diskurstheorie nur in den diskursiv gültigen Formen zeigen. Das Dispositiv stellt die Verflechtung der diskursiven Elemente, d. h. das, was zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft als denk- und sagbar gilt, mit sozialen Praktiken und Gegenständen dar, die für diese Praktiken von Bedeutung sind.

Beispiel[Bearbeiten]

Am Beispiel archäologischer Artefakte lässt sich die Vorstellung von Dispositiven erklären: Gegenstände, deren Gebrauch und Zweck uns nicht mehr bekannt sind, geben uns Rätsel auf. Wozu wurden sie benutzt? Wer konnte – und durfte – sie gebrauchen? Wie oft ist der Gegenstand verändert worden, bis er seine endgültige Form erreicht hat? Wie viele diskursive Praktiken mussten durchlaufen werden, bevor man sich einigte, den Gegenstand so und nicht anders zu gestalten? Es gab eine Zeit, in der er evident war – wichtig oder sogar überlebensnotwendig. Heute sagt er uns nichts mehr. Das damalige Sprechen über seinen Zweck, sein Eingebundensein in ein bestimmtes System des Denkens und der Vorstellung von Welt fehlt uns heute – dieser Diskurs ist erloschen. Mit ihm verschwand die besondere Theorie der Position des Menschen in der Welt, in deren Zusammenhang der Gegenstand relevant war.

Literatur[Bearbeiten]

  • Giorgio Agamben: Was ist ein Dispositiv? Diaphanes-Verlag, Zürich-Berlin, 2008, ISBN 978-3-03-734042-4.
  • Andrea D. Bührmann / Werner Schneider: Vom Diskurs zum Dispositiv: Eine Einführung in die Dispositivanalyse transcript-Verlag, Bielefeld, 2008.
  • Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Merve, Berlin, 1978 (Neuaufl. 2000), ISBN 3-920986-96-2.
  • Michel Foucault: Archäologie des Wissens. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt a.M, 1988.
  • Gilles Deleuze: Was ist ein Dispositiv? In: François Ewald/Bernhard Waldenfels (Hrsg.): Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1991, S. 153–162.
  • Carsten Lenk: Das Dispositiv als theoretisches Paradigma der Medienforschung. Überlegungen zu einer integrativen Nutzungsgeschichte des Rundfunks. In: Rundfunk und Geschichte, 1996, Ausgabe 22, S. 5-17.
  • Siegfried Jäger: Dispositiv. In: Marcus S. Kleiner (Hrsg.): Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag, 2001, S. 72–89.
  • Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 2004, ISBN 3-89771-732-8.
  • Spieß, Constanze / Kumiega, Lukasz / Dreesen, Philipp: Mediendiskursanalyse.Diskurse – Dispositive – Medien – Macht. Aus der Reihe: Theorie und Praxis der Diskursforschung. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Hoffarth, Britta / Kumiega, Lukasz / Caborn Wengler, Joannah (2011): Raum-Bildung-Politik. Forschende Verortungen des Dispositiv-Begriffs. Aus der Reihe: Theorie und Praxis der Diskursforschung. VS-Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Merve, Berlin, 1978 (Neuaufl. 2000), ISBN 3-920986-96-2, S. 119 f
  2. Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Merve, Berlin, 1978 (Neuaufl. 2000), ISBN 3-920986-96-2, S. 119 f
  3. Gilles Deleuze: Was ist ein Dispositiv? In: François Ewald/Bernhard Waldenfels (Hrsg.): Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1991, S. 153–162
  4. Michel Foucault: Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1981, S. 74