Ereignis

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Ein Ereignis (von althochdeutsch irougen, neuhochdeutsch eräugen = vor Augen stellen, zeigen[1]) ist das Auftreten eines beobachtbaren Geschehens; beobachtbar, weil es sich um ein Geschehen handelt, das im ursprünglichen Sinne des Wortes vor Augen tritt, eräugt werden kann.

Ereignis im Versicherungsrecht[Bearbeiten]

Ereignis ist versicherungsrechtlich der Auslöser, der die Leistungspflicht des Versicherers begründet. Bestandteil des Begriffs Schaden ist das ihn auslösende Ereignis; ein schädigendes Ereignis löst den Versicherungsfall aus. Beim Ereignis handelt es sich um zufällig eintretende, also nicht vorhersehbare Vorkommnisse, deren negative Folgen zu einem Schaden führen. Ereignis ist ein Geschehensablauf,[2] als dessen Folge die Schädigung unmittelbar entstanden ist. Ereignis ist nach § 1 Allgemeine Versicherungsbedingungen für die Haftpflichtversicherung (AHB) ein plötzlicher und heftiger Geschehensablauf, der in seiner Gesamtheit nicht objektiv voraussehbar ist. Als Schadensereignis im Sinne des § 5 Nr. 1 AHB ist das vor dem Schadenseintritt liegende äußere oder innere Geschehen zu verstehen, von dessen Beginn an der Schadenseintritt in hohem Maße wahrscheinlich ist. Nach § 7 Abs. 2 StVG haftet der Fahrzeughalter nicht bei einem unabwendbaren Ereignis (höhere Gewalt). Dies ist ein Vorfall, der selbst dann nicht zu vermeiden ist, wenn die größtmögliche Sorgfalt angewendet wird. Damit geht der verkehrsrechtliche Sorgfaltsbegriff weit über den des § 276 BGB hinaus.[3] Unabwendbar ist ein Ereignis, das „weder auf einem Fehler in der Beschaffenheit des Fahrzeugs noch auf einem Versagen seiner Verrichtungen beruht“ (§ 7 Abs. 2 Satz 1 StVG). Unabwendbar kann auch auf das Verhalten des Verletzten oder eines Tieres zurückzuführen sein. Unfall ist ein von außen auf den Menschen einwirkendes, schädigendes, plötzliches Ereignis. Das Ereignis ist versicherungsrechtlich immer ein negativer Vorgang, positive Vorkommnisse wie das „freudige Ereignis“ (als Umschreibung einer bevorstehenden Geburt) werden hiervon nicht erfasst.

Ereignis in der Ontologie[Bearbeiten]

In der modernen Philosophie wird zumeist in zwei verschiedenen Kontexten von „Ereignis“ gesprochen:

  • Zum ersten im Kontext der Kontinentalphilosophie bei Existentialisten und Phänomenologen, darunter z. B. Martin Heidegger und diverse französische Philosophen, ebenso im Poststrukturalismus. In dieser Verwendung meint Ereignis, Ereignishaftigkeit u. ä. einen singulären und instantanen Akt, der für Sein, Handeln, Moral oder Erkennen konstitutiv ist. In Alain Badious Werk ist Ereignis der Schlüsselbegriff. Er ist das Unberechenbare, Unvorhersehbare, dasjenige, was sich in keiner Weise einer bereits bestehenden Ordnung einfügen oder sich aus ihr ableiten lässt. Es ist kein Element der Menge von Elementen, die eine gegebene Situation ausmachen, es ist nicht benennbar, nicht präsentierbar, nichts Mögliches. Es ist eine Singularität, die die jeweilige Situation und alle darauf folgenden in ihrer Bedeutung grundsätzlich ändert.[4]
  • In einem zweiten Kontext, der systematischen Ontologie, wie sie vor allem im Anschluss an Klassiker der analytischen Ontologie betrieben wird, ist damit ein Objekt gemeint, das sich nicht wie ein Gegenstand, sondern wie ein Prozess verhält. Ereignisse in diesem Sinne werden meist nicht als instantan, sondern als zeitlich ausgedehnt verstanden.

Von einigen Theoretikern wird dabei vertreten, dass im Grunde die gesamte Ontologie nicht auf Gegenständen, sondern Ereignissen fußen sollte, beispielsweise, indem argumentiert wird, dass eine wechselseitige Reduzierbarkeit besteht, man aber Ereignisse ohnehin für eine funktionierende Ontologie benötigt und also ohne Gegenstände auskommt oder, indem argumentiert wird, dass damit ontologische Probleme des qualitativen Wandels bei Objektpersistenz besser zu behandeln sind. Ein klassischer Vertreter einer solchen Ereignisontologie ist beispielsweise Alfred North Whitehead, ein jüngerer Klassiker Donald Davidson.

Die philosophische Konzeption von Ereignissen als eigener Sorte von Entitäten in der Welt, insbesondere nach Donald Davidson hat einen starken Einfluss auf linguistische Darstellungen der Semantik von Verben genommen, und führte zum Entstehen der sog. Ereignissemantik.

Ereignis in der Systemtheorie[Bearbeiten]

In der soziologischen Systemtheorie bezeichnet Ereignis die zeitpunktbezogene, nicht bestandsfähige Einheit der Differenz von Vorher/Nachher in autopoietischen Systemen. Nach dem Ereignis ist etwas anderes möglich als vorher. Genau dieser Unterschied verleiht den Systemelementen trotz fehlender Dauerhaftigkeit ihre operative Anschlussfähigkeit im Zeitablauf.[5] Beispielsweise bestehen Worte nur zum Zeitpunkt des Sprechens und sind danach sofort wieder vergangen. Haben nacheinander gesprochene Worte eine Anschlussfähigkeit, dann ergeben sie einen zusammengehörenden Satz. Der Satz kann nur dann entstehen, wenn die einzelnen Ereignisse (hier: Worte) keine dauerhafte Existenz haben.

Ereignis in der Relativitätstheorie[Bearbeiten]

In der Relativitätstheorie wird ein durch Ort und Zeit festgelegter Punkt der Raumzeit als Ereignis bezeichnet. Die gesamte Beschreibung der Realität fußt auf diesen Ereignissen – was für einige Interpreten eine Ereignisontologie begünstigt.

Ereignis in der Psychologie[Bearbeiten]

Das Ereignis in der Psychologie ist die Erfahrung; das ist das im Gedächtnis registrierte und fortan verfügbare Geschehen einer Situation, in der ein Individuum lebt. Die Speicherung des Ereignisses ist subjektiv und damit im Gedächtnis die Grundlage für Lernprozesse, zum andern für die menschliche Entwicklung grundsätzlich. Diese Entwicklung (siehe Entwicklungspsychologie) ohne Erfahrung(en) (bzw. Ereignisse) ist nicht denkbar bzw. möglich. Ein menschlicher Organismus ist davon abhängig, Erfahrungen zu machen, insbesondere in der frühen Kindheit; andernfalls erleidet er (Existenz gefährdende) Schädigungen (siehe dazu René A. Spitz).

Ereignis in der Medizin[Bearbeiten]

In der Medizin wird der Begriff Ereignis vorwiegend im Zusammenhang mit einem unerwünschten oder nachteiligen Geschehen im Rahmen einer Behandlung verwendet: man spricht dann häufig von einem unerwünschten Ereignis (UE). Vielfach findet man auch in der deutschsprachigen Literatur die englische Entsprechung »adverse event« oder »AE«. Unerwünschte Ereignisse werden eingeteilt nach den Common Toxicity Criteria (CTC).

Der Begriff des unerwünschten Ereignisses wird in zwei Bereichen der Medizin, der Qualitätssicherung und der Arzneimittelforschung, unterschiedlich definiert:

  • In der Qualitätssicherung ist ein UE ein schädliches Geschehen, das eher auf der Behandlung denn auf der Erkrankung beruht.[6] Es kann vermeidbar oder unvermeidbar sein. Die Vermeidung und Verringerung von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen (VUE) ist zentraler Bestandteil der Verbesserung der Patientensicherheit. UEs in der Qualitätssicherung können sowohl Patienten als auch Beschäftigte im Gesundheitswesen betreffen.[7] Ein kritisches Ereignis ist in der Qualitätssicherung in der Medizin als ein Ereignis definiert, das zu einem unerwünschten Ereignis führen könnte oder dessen Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht.[6]
  • In der Arzneimittelforschung werden alle UEe während der Teilnahme an einer klinischen Studie, unabhängig von ihrem möglichen ursächlichen Zusammenhang oder dem Ausmaß ihres Schadens, aufgezeichnet. UEs werden nur für Probanden oder Patienten erfasst. Der Erfassungszeitraum beschränkt sich nicht auf die Dauer der eigentlichen Behandlung; er umfasst auch eventuelle Vorbereitungs- und Nachbeobachtungsperioden. Die Aufzeichnung enthält eine u.a. eine Einschätzung des behandelnden Arztes zum Zusammenhang mit der Behandlung sowie zur Ausprägung des UE. Die gesetzlichen Vorgaben legen fest, ob ein UE schwerwiegend ist oder nicht (siehe auch: Schwerwiegendes UE).[8] Die gesetzliche Definition eines schwerwiegenden Ereignisses im Zusammenhang mit einem Medizinprodukt wurde in §2 Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung (MPSV) aufgenommen.[9]

Siehe auch: Unerwünschtes Arzneimittelereignis

Ereignis in der Chemie[Bearbeiten]

Die Entdeckung einer chemischen Reaktion im Rahmen von labortechnischen Versuchsserien, bei denen chemische Bindungen ein bisher nicht existentes, neues Produkt hervorrufen.

Ereignis in der Mathematik[Bearbeiten]

Der Begriff „Ereignis“ (auch Zufallsereignis) ist in der Wahrscheinlichkeitstheorie angesiedelt. Als Ereignis wird eine Teilmenge der Ergebnismenge eines Zufallsexperiments bezeichnet, der eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zwischen 0 und 1 zugeordnet werden kann. Beispiel: Das Zufallsexperiment sei das „Werfen mit einem regulären 6er Würfel“. Die Ergebnismenge besteht aus {1, 2, 3, 4, 5, 6} und setzt sich aus allen möglichen Ergebnissen, d.h. Ausgängen des Zufallsexperiments, zusammen. Die Teilmenge {1, 3, 5} der Gesamtmenge bildet dann das Ereignis: „Werfen einer ungeraden Zahl“.

Astronomisches Ereignis[Bearbeiten]

Ein astronomisches Ereignis ist ein am Himmel zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindendes Phänomen. Manche astronomischen Ereignisse treten mit hoher Regelmäßigkeit ein, wie die Mondphasen. Andere astronomische Ereignisse unterliegen keinen direkten Periodizitäten, wie Okkultationen durch Planeten. Nicht alle astronomischen Ereignisse können vorausgesagt werden.

Ereignis in der Informatik[Bearbeiten]

Unter einem Ereignis (englisch event) versteht man in der ereignisorientierten Programmierung eine Begebenheit, die – über ein Event-Handler-Programm – eine Aktion und (in deren Folge) ggf. eine Zustandsveränderung auslöst. Diese Ereignisse können Benutzereingaben (Mausklick, Taste, Spracheingabe, Geräteanschluss, …) oder Systemereignisse (Zeitpunkt, Fehler, Datenveränderung, Sensor, …) sein.

Ereignis bez. Veranstaltungen[Bearbeiten]

Das Ereignis wird seit dem Jahrtausendwechsel in der englischen Version „Event“ immer häufiger verwendet. Als Beispiele gelten Eventmanager, Eventtechniker, Eventsafety, Eventversicherung usw.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Wikiquote: Ereignis – Zitate

Literatur[Bearbeiten]

Philosophische Ontologie
Analytische Philosophie und Ereignissemantik
  • Donald Davidson: The Logical Form of Action Sentences. In: Nicholas Rescher (Hrsg.): The Logic of Decision and Action. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 1967.

Psychologie

  • René A. Spitz: Hospitalismus I und II. In: Günther Bittner, Edda Harms: Erziehung in früher Kindheit. München 1985, S. 89–122.
Kunst
  • Dominic E. Delarue, Johann Schulz und Laura Sobez (Hrsg.): Das Bild als Ereignis. Zur Lesbarkeit spätmittelalterlicher Kunst mit Hans-Georg Gadamer. Winter Verlag, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8253-6036-8

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ereignis – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. nach Duden Herkunftswörterbuch Etymologie der deutschen Sprache. ISBN 3-411-20907-0.
  2. Hansrudolf Hartung, Die Allgemeine Haftpflichtversicherung, 1957, S. 37
  3. Alfred Müringer, Haftung im Straßenverkehr, 1999, S. 27
  4. http://www.peter-zeillinger.at/download/05_Zeillinger_Badiou+Paulus_Ereignis_als_Norm.pdf
  5. C. Baraldi, G. Corsi, E. Esposito: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Frankfurt am Main 1997, S. 42f.
  6. a b Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin: Glossar Patientensicherheit. 2006, Zugegriffen am 27. September 2008.
  7. Europarat: Recommendation on management of patient safety and prevention of adverse events in health care. 2006, Zugegriffen am 27. September 2008.
  8. Bundesministerium der Justiz: GCP-Verordnung vom 9. August 2004 (BGBl. I S. 2081), zuletzt geändert durch Artikel 4 der Verordnung vom 3. November 2006 (BGBl. I S. 2523). 2006, Zugegriffen am 28. August 2008.
  9. Text der MPSV