Donnervogel (Mythologie)

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Donnervogel auf einem Totempfahl der Kwakwaka'wakw
Das Universum der Anishinabe mit dem Donnervogel „animikii-binesiwag" im Zentrum[1]
Der „Vogelmann“ der Mississippi-Kultur bezieht sich vermutlich auf den Donnervogel
Eine mögliche Erklärung des Mythos ist der zeitliche Zusammenhang zwischen Vogelzug und Gewittersaison
Donnervogel-Emblem der Air Demonstration Squadron der United States Air Force

Der Begriff Donnervogel (englisch: Thunderbird) stammt aus der nordamerikanischen indigenen Mythologie, die mit diesem Fabelwesen einen gewaltigen und mächtigen Vogel assoziiert. Er ist eines der wenigen Elemente der indianischen Mythologie, die bei nahezu allen indigenen Völkern Nordamerikas zu finden ist. Viele Totempfähle der Nordwestküstenkultur und bildliche Darstellungen bei vielen anderen Ethnien zeugen davon.[2]

Beschreibung[Bearbeiten]

In der Sprache der Lakota heißt dieses Fabelwesen „Wakinyan“, was so viel wie „heilige Schwingen“ bedeutet. Die Spannweite seiner Flügel soll die doppelte Länge eines Kanus betragen. Mit dem Schlag seiner Flügel löst er Stürme aus und ballt die Wolken zusammen. Der Donner ist das Geräusch seines Flügelschlages und Blitze sind leuchtende Schlangen, die er mit sich trägt. In den Masken der Ureinwohner wird er vielfarbig dargestellt, mit zwei gedrehten Hörnern auf dem Kopf und manchmal mit einem zahnbewehrten Schnabel.

Je nach Darstellung ist der Donnervogel ein Einzelwesen oder eine Gattung. Immer aber ist er intelligent, mächtig und zorngeladen. Alle Darstellungen stimmen darin überein, dass man ihn tunlichst nicht verärgern sollte. In den Mythen der Ureinwohner an der amerikanischen Pazifikküste lebt der Donnervogel auf dem Gipfel eines Berges und ist ein Götterbote und Diener des großen Geistes.

Die kanadischen Ureinwohner erzählen von einer Gattung Donnervogel, deren Angehörige sich in Menschen verwandeln konnten, indem sie ihren Schnabel wie eine Maske abnahmen und aus ihrem Federkleid schlüpften. Es gibt Geschichten von Donnervögeln, die in menschliche Familien eingeheiratet haben, und Familien, die ihren Ursprung auf solche Ehen zurückführen. Eine andere Geschichte erzählt von reinrassigen Donnervogel-Clans, die an der Nordspitze Vancouvers in menschlicher Gestalt lebten. Ihre Herkunft geriet bei den benachbarten Stämmen schnell in Vergessenheit und als einer dieser Stämme sie eines Tages überfiel und zu versklaven versuchte, legten sie ihr Federkleid wieder an und verwandelten sich zurück in Donnervögel, um Rache zu nehmen.

Bei den Kwakiutl, Haida und Tlingit der Westküste ist der Donnervogel mit Walen assoziiert, die er mit Hilfe der mythischen Lichtschlagen tötet und frisst. In zwei- und dreidimensionalen Darstellungen durch Künstler dieser Völker wird der Donnervogel mit weit ausgebreiteten Schwingen und einem hakenartigen Schnabel sowie meist mit einem eingerollten Fortsatz am Kopf gezeigt. In den Klauen hält er gelegentlich einen Wal oder ein Walgerippe.

In Nordamerika gab es seit der Inbesitznahme durch Siedler immer wieder Sichtungen von gewaltigen Flugtieren. So hat sich vor allem in den nördlicher gelegenen US-Bundesstaaten eine wahre Sichtungswelle ergeben.

Mythologische Interpretation[Bearbeiten]

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss interpretiert den Donnervogel als Symbol für die mythisch-logische Verbindung zwischen dem alljährlichen Vogelzug und der Gewittersaison: In jedem Jahr kommen die ersten Gewitter zur gleichen Zeit wie die Zugvögel und enden gleichfalls, wenn die Zugvögel wieder gen Norden fliegen. Die Donnervögel sind in diesem Sinne die Herrscher der Himmelswelt. Mit ihren Augen erzeugen sie die Blitze, ihre Sprache ist das Donnergrollen und die herannahende Wolkenfront repräsentiert ihre Körper. Auf diese Weise entsteht eine symbolische Erklärung für den Wechsel der Jahreszeiten und die Verbindung zwischen Himmel und Erde mit einer eingängigen Personifizierung für die Kräfte, die diese Phänomene verursachen.[3]

Übertragene Bedeutung[Bearbeiten]

Die US Air Force hat ihre Kunstflugzeugstaffel nach dem Donnervogel benannt. Siehe USAF Thunderbirds.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The universe of the Ojibwe / Anishinaabeg. A Glossary by Zhaawano Giizhik. Abgerufen am 9. April 2014.
  2. The Thunderbird Myth: Thunderbird and Trickster von Steve Mizrach abgerufen am 14. März 2011
  3. Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Übersetzung von Hans Naumann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968.

Literatur[Bearbeiten]

  • Mark A. Hall: Thunderbirds. Americas Living Legends of Giant Birds. Mark A. Hall Publications - Paraview Press, New York NY 2004, ISBN 1-931044-97-X.
  • Hilary Stewart: Looking at Indian Art of the Northwest Coast. Douglas & McIntyre, Vancouver - Toronto / Univ. of Washington Press, Seattle 1979, ISBN 0-88894-229-X.

Weblinks[Bearbeiten]