Ereignisgesteuerte Prozesskette
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Die Ereignisgesteuerte Prozesskette (EPK) ist ein Modell zur Darstellung von Geschäftsprozessen einer Organisation bei der Geschäftsprozessmodellierung. Sie wurde 1992 von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von August-Wilhelm Scheer an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken im Rahmen eines Forschungsprojektes mit der SAP AG zur semiformalen Beschreibung von Geschäftsprozessen entwickelt. Die Methode wurde im Rahmen der Architektur Integrierter Informationssysteme (ARIS) zur sichtenorientierten Modellierung von Geschäftsprozessen entwickelt und ist wesentliches Element des ARIS-Konzepts.
EPK stellen Arbeitsprozesse in einer semiformalen Modellierungssprache grafisch mit Syntaxregeln dar. Dadurch sollen betriebliche Vorgänge systematisiert und parallelisiert werden, um Zeit und Geld einsparen zu können. Da innerhalb des Prozesses Entscheidungen auf Basis von Bedingungen und Regeln getroffen werden, gibt es in der EPK Verknüpfungsoperatoren („und“, „oder“, „exklusivoder“). Das Grundmodell der Ereignisgesteuerten Prozeßkette umfasst neben diesen Operatoren auch Ereignisse und Funktionen. Dazu werden Objekte in gerichteten Graphen mit Verknüpfungslinien und -pfeilen in einer 1:1-Zuordnung verbunden (Ausnahme bei logischen Verknüpfungen). In einer solchen Verknüpfungskette wechseln die Objekte sich in ihrer Bedeutung zwischen Ereignis und Funktion ab, d.h. sie bilden eine alternierende Folge, die zu einem bipartiten Graphen führt. Wesentliches Kennzeichen ist die Abbildung der zu einem Prozeß gehörenden Funktionen in deren zeitlich-logischer Abfolge.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] erweiterte Ereignisgesteuerte Prozesskette (eEPK)
Eine erweiterte Form der Modellierungsmethode EPK stellt die erweiterte Ereignisgesteuerte Prozesskette (eEPK) dar. Die in der EPK dargestellten logischen Abläufe eines Geschäftsprozesses werden anhand der eEPK um die Elemente der Organisations-, Daten und Leistungsmodellierung erweitert.So kann bspw. jede Funktion zusätzlich mit einem Informationsobjekt verbunden werden, aus dem Informationen geladen oder in das Informationen gespeichert werden.
Beispielsweise können hier zusätzliche Informationen über Ausführende, unterstützende Systeme, verwendete Daten, erzeugte Dateien usw. ergänzt werden, die die Verbindung zu anderen Modellsichten des ARIS-Hauses herstellen. Des Weiteren werden Informationsobjekte verwendet (z. B. Datenbanken, Kundendaten), welche Einfluss auf Funktionen haben (verändern) oder Informationen von ihnen holen können.
Die Fähigkeiten der EPK werden bei der erweiterten EPK im Wesentlichen um die Elemente und Beziehungen des Funktionszuordnungsdiagramms ergänzt. Im Rahmen der eEPK ist es dann zusätzlich möglich Abbildung von Datenflüssen, Organisationseinheiten oder Anwendungssystemen zu erstellen.
Die dadurch zusätzlich möglichen Beziehungen von Funktionen zu den weiteren Elementen werden auch als nicht strukturbildende Beziehungen bezeichnet, weil sie weder die funktionale Aufbaustruktur noch die Ablaufstruktur einer Organisation beschreiben. Die Kanten, die zwischen den grafischen Objekten bestehen, werden in der eEPK als Rollen verstanden. Beispielsweise stellt eine Kante zwischen einer Organisationseinheit und einer Funktion die Rolle einer Organisationseinheit im Hinblick auf die Funktionsausführung dar(z.B. „führt aus“, „ist fachlich verantwortlich“, usw.).
[Bearbeiten] Einsatzgebiete
EPKs können für verschiedene Aufgaben eingesetzt werden:
- Evaluation und Implementierung von Standardsoftware
- Darstellung von Abläufen bei Eigenentwicklungen
- Prozessoptimierung beim Business Process Reengineering
- Analyse und Optimierung von Geschäftsprozessen im Rahmen des Process Performance Management
- Veranschaulichung von Abläufen bei Anwenderschulungen
- Geschäftsprozessmodellierung (Standard in kleinen und mittleren Unternehmen)
- Prozesskostenrechnung
- Modellierung von BPEL-Prozessen [1]
- Simulation von Workflows
- Prozessdokumentation nach ISO 900x
Erweiterte Ereignisgesteuerte Prozessketten (eEPKs) mit ihrer freien Platzierung der Elemente auf der Zeichenfläche werden in ganz ähnlicher Weise verwendet und können die gleichen Sachverhalte darstellen wie Vorgangskettendiagramme (VKDs) mit ihrer spaltenweise Sortierung der Elemente.
[Bearbeiten] Vorteile und Nachteile der Ereignisgesteuerten Prozesskette
[Bearbeiten] Vorteile
- Ereignisgesteuerte Prozessketten bieten durch die freie Platzierung der Elemente auf der Zeichenfläche Vorteile bei der Darstellung von alternativen oder parallelen Abläufen und bei Rückschleifen sowie bei der Ausnutzung der vorhandenen Zeichenfläche.
- Beschreibung standardisierter Abläufe möglich
- Sehr umfangreiche Tool-Unterstützung
- Große Nähe zu Standard-Softwaresystemen
[Bearbeiten] Nachteile
- Bei der Erkennung von Organisationsbrüchen (Wechsel der Organisationseinheit), Systembrüchen (Wechsel des Anwendungssystems) oder Datenbrüchen(Wechsel des Datenträgers oder Datenformats) sind Ereignisgesteuerte Prozessketten gegenüber Vorgangskettendiagrammen im Nachteil, weil Vorgangskettendiagramme eine spaltenweise Sortierung der Elemente nach Typen bieten.
- Probleme bei der Abbildung kreativer und komplexer Tätigkeiten
- Probleme bei der Modellierung von Überwachungs- und Kontrolltätigkeiten
- Erfassung rein formaler Strukturen und Abläufe
[Bearbeiten] Siehe auch
Allgemein:
- Entity-Relationship-Modell
- Organigramm
- Funktionsbaum
- Unified Modeling Language (UML), speziell Aktivitätsdiagramm
- Business Process Modeling Notation (BPMN, Industriestandard der OMG)
- Wertschöpfungskettendiagramm (WKD)
- Funktionszuordnungsdiagramm (FZD)
- Vorgangskettendiagramm (VKD)
- ARIS (Architektur integrierter Informationssysteme)
Software zur Umsetzung:
[Bearbeiten] Literatur
- Jörg Becker, Martin Kugeler, Michael Rosemann: Prozessmanagement – Ein Leitfaden zur prozessorientierten Organisationsgestaltung. 6. überarbeitete und erweiterte Auflage, Springer, Berlin 2008, ISBN 3-540-79248-1.
- G. Keller, M. Nüttgens, A.-W. Scheer: Semantische Prozeßmodellierung auf der Grundlage Ereignisgesteuerter Prozeßketten (EPK). Erschienen in der Reihe: Veröffentlichungen des Instituts für Wirtschaftsinformatik. A.-W. Scheer (Hrsg.). Heft 89, Saarbrücken 1992.
- August-Wilhelm Scheer: ARIS – Modellierungsmethoden, Metamodelle, Anwendungen. 4. Auflage, Springer, Berlin 2001, ISBN 3-540-41601-3.
- August-Wilhelm Scheer: ARIS – Vom Geschäftsprozess zum Anwendungssystem. 4. Auflage, Springer, Berlin 2002, ISBN 3-540-65823-8.
- August-Wilhelm Scheer: ARIS-House of Business Engineering: Von der Geschäftsprozessmodellierung zur Workflow-gesteuerten Anwendung: vom Business Process Reengineering zum Continuous Process Improvement. Erschienen in der Reihe: Veröffentlichungen des Instituts für Wirtschaftsinformatik. A.-W. Scheer (Hrsg.). Heft 133, Saarbrücken 1996.
- Josef L. Staud: Geschäftsprozessanalyse: Ereignisgesteuerte Prozessketten und objektorientierte Geschäftsprozessmodellierung für Betriebswirtschaftliche Standardsoftware. 3. Auflage, Springer, Berlin 2001, ISBN 3-540-24510-3.
[Bearbeiten] Einzelnachweise
[Bearbeiten] Weblinks
- Das Web-basierte Geschäftsprozess-Modellierungstool Oryx, das u.a. EPKs unterstützt
- bflow* - Ein Open Source Werkzeug für die Modellierung von EPKs auf der Basis des Eclipse-Frameworks
- Werkzeug für EPKs für Eclipse - mit Literaturverweisen
- GI-Arbeitskreis "Geschäftsprozessmanagement mit Ereignisgesteuerten Prozessketten" - mit Literaturverweisen
- Erstveröffentlichung von Keller/Nüttgens/Scheer zum Konzept der Ereignisgesteuerten Prozesskette (EPK)
- Werkzeugunabhängiges Format für Ereignisgesteuerte Prozessketten Modelle / EPC Markup Language (EPML)
- Erläuterung der Modellierung von EPKs (DOC-Dokument in ZIP-Archiv)
- Visio Shapes zur Modellierung von EPKs
- Dia-Objekte zur Modellierung von EPKs
- Fragen zu EPK-Modellierumg - ARIS User Forum
- [3]

