Franz Murer

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Franz Murer (* 24. Januar 1912 in St. Georgen ob Murau; † 5. Januar 1994 in Gaishorn am See) war ein österreichischer SS-Führer. Er war einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in Vilnius und unter den Opfern als der „Schlächter von Vilnius“ bekannt.[1][2]

Verbrechen in Vilnius[Bearbeiten]

Murer war der Sohn eines Landwirts. 1938, nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, wurde Murer Mitglied der NSDAP. Er wurde in der NS-Ordensburg Krössinsee ausgebildet. Von 1941 bis 1943 war er in der damals dem Reichskommissariat Ostland eingegliederten Stadt Vilnius als Stellvertreter des Gebietskommissars Hans Hingst „zuständig für jüdische Angelegenheiten“.[3] Vilnius, einst als „Jerusalem des Nordens“ bekannt, hatte eine jüdische Bevölkerung von 80.000 Personen, die während Murers „Zuständigkeit“ auf 600[4] sank. Er war für seinen Sadismus bekannt, da er es genoss, seine Opfer zu verhöhnen. Am 1. Juli 1943 wurde Murer durch den Gestapo-Offizier Bruno Kittel (* 1922, Musiker, Schauspieler, SS-Oberscharführer, siehe auch Ghetto (Film)) ersetzt, der die Aufgabe erhielt, das Ghetto Vilnius aufzulösen.[5][6]

Nürnberger Prozess[Bearbeiten]

In den Zeugenaussagen und Dokumenten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde Murers Beteiligung am Holocaust benannt.

Ghetto Wilna[Bearbeiten]

Die Anklage vernahm den Zeugen Abram Gerzewitsch Suzkewer am 27. Februar 1946.[7]

Aber ich muß sagen, daß die Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung in Wilna dann begann, als der Bezirkskommissar Hans Fincks sowie der Referent für jüdische Fragen, Muhrer,[8] nach Wilna kamen. (am 31. August 1941)
Ungefähr die Hälfte der jüdischen Bevölkerung von Wilna ist nicht bis zum Ghetto gekommen, sondern wurde auf dem Wege erschossen.
Wenn Muhrer ins Ghetto kam und die jüdischen Werkstätten besuchte, befahl er allen Arbeitern, sich auf den Boden zu legen und wie Hunde zu bellen.
Ende Dezember 1941 kam ein Befehl im Ghetto heraus, der den jüdischen Frauen verbot, ein Kind auszutragen.
Muhrer kam in das Spital in der Straße Nr. 6 und sagte den jüdischen Ärzten, daß ein Befehl aus Berlin gekommen sei, der besagte, daß jüdische Frauen nicht mehr gebären dürften, und wenn die Deutschen erführen, daß eine Frau einem Kinde das Leben geschenkt hat, würde das Kind vernichtet werden.
Sie sah, wie ein Deutscher das Kind hielt und ihm etwas unter die Nase schmierte. Sodann warf er das Kind auf das Bett und lachte. Als meine Frau das Kind vom Bett aufnahm, hatte es bereits schwarze Lippen.

Sollte man bei jemanden einen versteckten Juden finden, werden alle Mitbewohner erschossen oder gehängt, so lautete eine Warnung Murers an die litauischen und polnischen Bewohner der Stadt.[9] Die Sängerin Lyuba Levicka ließ er für eineinhalb Kilo geschmuggelte Erbsen sterben.[10]

Sonderaktion 1005 in Ponar[Bearbeiten]

Am 14. August 1946 wurde aus dem Affidavit D-964[11] aus der Zeugenvernehmung des Szloma Gol zitiert. Der Zeuge berichtet darin, dass im Dezember 1943 die Massengräber bei Wilna geöffnet wurden.

„Diese Arbeit, die im Öffnen der Gräber und Aufbauen der Scheiterhaufen bestand, wurde von etwa 80 Wachmannschaften überwacht...Im Verlaufe dieser Arbeit wurden die litauischen Wächter selbst erschossen, wahrscheinlich, damit sie nicht ausplaudern konnten, was gemacht worden war. Der Befehlshaber des gesamten Platzes war der SA-Führer Murer, (der Sachbearbeiter der jüdischen Fragen).“
„Unsere Arbeit bestand darin, Massengräber zu öffnen und Leichen herauszubefördern, um sie dann zu verbrennen. Ich war damit beschäftigt, diese Leichen auszugraben. Mein Freund Belic war mit Sägen und Zurechtmachen von Holz beschäftigt.“
„Wir haben insgesamt 80000 Leichen ausgegraben. Ich weiß dieses daher, weil zwei Juden, die mit uns in der Grube lebten, von den Deutschen dazu angestellt worden waren, diese Leichen zu zählen. Das war die einzige Aufgabe dieser beiden. Die Leichen bestanden aus einem Gemisch von Juden, polnischen Priestern und russischen Kriegsgefangenen.“

Bereicherung[Bearbeiten]

Sir David Maxwell-Fyfe: Euer Lordschaft! Ich möchte nun – ich brauche im Hinblick auf die Erklärung des Zeugen keine Zeit damit zu verlieren, – Dokument D-975, eine zusätzliche Erklärung des Herrn Gol, vorlegen. Das wird GB-598. In diesem Dokument wird der Vorgang beschrieben, wie die Goldzähne aus den Leichen entfernt wurden. Ich möchte nicht auf Einzelheiten eingehen, Euer Lordschaft; es ist schon oft genug behandelt worden, wie das normalerweise vor sich ging. Euer Lordschaft! Ich möchte lediglich feststellen, daß Murer persönlich die Schachteln mitgenommen hat.[12]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Murer wurde eher zufällig 1947 festgenommen und es wurden Ermittlungen beim Landesgericht für Strafsachen Graz wegen seiner Tätigkeit als Gebietskommissar der Stadt Wilna vorgenommen.[13] Murer gab in seinen Einvernahmen an, mit dem Ghetto und den Judenangelegenheiten niemals etwas zu tun gehabt zu haben. Murer wurde im März 1948 gemäß der Moskauer Deklaration, nach der nationalsozialistische Verbrecher am Ort ihrer Verbrechen anzuklagen seien, an die Sowjetunion überstellt, weil Vilnius inzwischen zur Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik gehörte. In Vilnius wurde er am 25. Oktober 1948 wegen der persönlichen Selektion von Juden (wobei er über 5000 in den Tod geschickt haben soll) und wegen der Erschießung von zwei Jüdinnen vom litauischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

1955 wurde Murer entsprechend den Vorgaben des Staatsvertrages an Österreich übergeben. Von der österreichischen Justiz wurde Murer nicht weiter verfolgt. Erst 1962 kam es nach juristischer Intervention von Simon Wiesenthal zu einer neuerlichen Verhaftung und einem Prozess in Graz, der am 19. Juni 1963 mit einem Freispruch endete, was von einem Teil der österreichischen Öffentlichkeit bejubelt wurde. Der Prozessverlauf schlug zu einem Tribunal gegen die überlebenden Opfer um, Beobachter berichteten, dass „die Söhne des Angeklagten jüdische Zeugen verhöhnten“.[14] Im Prozess sagten prominente Fürsprecher, unter anderen solche der ÖVP, zu seinen Gunsten aus. Die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch wurde schließlich 1974 vom Landgericht Graz endgültig abgelehnt, das Verfahren eingestellt.

Franz Murer lebte bis an sein Lebensende[15] in Gaishorn am See, Bezirk Liezen. Murer war zuletzt Bezirksbauernvertreter der ÖVP.

Ein Sohn Murers ist der 1941 geborene FPÖ-Politiker und ehemalige Staatssekretär und Nationalratsabgeordnete Gerulf Murer. 1989 kündigte er an, neutrale Historiker aus Deutschland würden mit einem von ihnen verfassten Buch die Unschuld seines Vaters Franz Murer beweisen.[16]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945. Dort die kaltblütige Ermordung eines Mädchens (S. 83 f), die Prügel einer nackten Frau (S.110 f), der Sadismus gegen einen älteren Mann (S. 111).
  2. Doron Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Historische Studie, Jüdischer Verlag, Frankfurt 2000, ISBN 3-633-54162-4 (Zugleich Diss. phil. Universität Wien 2000). S. 31.
  3. The Search for Major Plagge by Michael Good
  4. Nürnberger Prozesse, Bd. 8, S.340 ff
  5. The Killing Trap by Manus I. Midlarsky
  6. Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945, S. 139 und passim.
  7. Nürnberger Prozesse, Bd. 8, S.335 ff.
  8. Hans Fincks anstelle von Hans Hingst (!). Muhrer (!). Die falsche Schreibung führt zu Murer und Muhrer beim Prozess. Bei der zweiten Aussage wird Murer als SA-Führer bezeichnet. Ein Indiz dafür, dass es den Verteidigern leicht gemacht wurde, immer wieder Fehler der Anklage in dem Zuständigkeitsgestrüpp zwischen der Ministerialbürokratie, Wehrmacht, Partei, der SA und der SS zu finden, siehe auch die Vernehmung des Zeugen Max Jüttner, der so leicht bestreiten kann, dass die SA in Wilna gemordet habe, während es die SS in braunen Hemden war. Die überlebenden Opfer werden dafür verantwortlich gemacht, die verworrenen Organisationsverhältnisse richtig zu beschreiben
  9. Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945, S. 85
  10. Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945, S. 130
  11. Nürnberger Prozesse, Bd. 21, S.178 ff
  12. Nürnberger Prozesse, Bd. 21, S.180
  13. Gabriele Pöschl, Der halbierte Prozess – Die Einstellung eines Teils des Strafverfahrens gegen Franz Murer im Jahr 1955,[1]
  14. Mein Freund Murer. In: Korso. Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark, Juli 2009 (Online)
  15. „In Gaishorn hochbetagt und unbehelligt in den Neunzigerjahren gestorben“ Korso
  16. Korso, ebd., in dem Artikel wird darauf verwiesen, dass eine solche Dokumentation in den zwanzig Jahren seither nicht erschienen ist