Hauptkirche Sankt Katharinen (Hamburg)

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Hauptkirche Sankt Katharinen in Hamburg
Stereoskopie Nummer 871 als Ansichtskarte mit Blick über den Nikolaifleet in Richtung St. Katharinen;
Knackstedt & Näther, um 1900
Sankt Katharinen (2004)

Sankt Katharinen ist eine der fünf Hamburger Hauptkirchen. Ihr Turmschaft aus dem 13. Jahrhundert gilt nach dem Leuchtturm von Neuwerk als das zweitälteste aufrecht stehende Bauwerk Hamburgs[1]. Sie liegt gegenüber der Speicherstadt an der Straße Bei den Mühren und ist herkömmlich die Kirche der Seeleute.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Kirche, erstmals in einer Urkunde von 1256 erwähnt, war der Mittelpunkt der Gemeinde auf den Elbinseln Grimm, Cremon, Brook, Wandrahm und Kehrwieder. Der Neubau des Langhauses wurde um 1450 abgeschlossen. In den Jahren 1566 bis 1568 erfolgte eine farbige Fassung der Turmfassade durch den zu der Zeit in Hamburg ansässigen Maler Daniel Freese. Von dem Künstler stammte auch das Gemälde Urteil Salomonis als Pfeilerbekleidung. Die dreischiffige gotische Pseudobasilika mit Chorumgang hat eine gegenüber dem Turm nach Norden verschobene Achse. Das Mittelschiff besitzt eine Höhe von 29 Metern.

Bis ins 16. Jahrhundert hatten die Schiffe einzelne Dächer, die von einem gemeinsamen Dach abgelöst wurden. Wegen des schlechten Baugrundes der Elbmarsch hat es zahlreiche Setzungen gegeben, die durch Maueranker abgefangen werden mussten, einer zeigt die Jahreszahl 1660. Während der Fastnachtsflut am 14. Februar 1648 wurde der Turm zerstört. Der 1657 errichtete barocke Turmhelm mit mehreren Stufen trägt die Krone der heiligen Katharina. Sie wurde der Sage nach aus dem Goldschatz Klaus Störtebekers hergestellt.

Nach weitgehender Zerstörung während eines Bombenangriffs am 30. Juli 1943 blieben im Wesentlichen nur noch die Außenmauern und der Turmschaft erhalten. In den Jahren 1950 bis 1956 erfolgte die Rekonstruktion durch das Architekturbüro Hopp & Jäger aufgrund von Geldmangel der Gemeinde allerdings nur ungenügend. 1957 war der zerstörte, 116,7 Meter hohe Turm durch eine Stahlkonstruktion in der Form des 17. Jahrhunderts wiederhergestellt.

Als dem städtebaulichen Projekt HafenCity nahegelegene und zuständige Kirche, wird sie seit dem Jahr 2007 umfassend saniert. Neben dem Neuaufbau der Strebepfeiler, dem Austausch von Mauerwerk, der Erneuerung des Kupferdachs wird auch die Wiederherstellung der 1943 zerstörten Orgel betrieben.

Ausstattung[Bearbeiten]

Die Innenausstattung der Kirche ist großteils neu geschaffen. Die Kreuzigung Christi ist eine Malerei des Hamburger Malers Wilm Dedeke um 1500. Zwei Holzplastiken stammen aus dem 14. Jahrhundert und wurden neu erworben, sind aber aus süddeutscher Schule. Ebenfalls nicht erhalten blieben die 1908 von dem Hamburger Künstler und Heidemaler Hermann de Bruycker gestalteten Fenster. Für die Kirche schuf die Malerin Ingeborg zu Schleswig-Holstein 1984 bis 1986 den Bilderzyklus Weg ins Licht aus 24 Tafelbildern sowie zwölf Rosetten für den Obergaden.

Das Geläut besteht aus fünf Glocken mit den Schlagtönen f0, c1, e1, g1 und a1. Die große Glocke wurde im Jahre 1626 von Hans Nuessel gegossen und wiegt 6.500 kg. Sie ist die größte erhaltene Glocke des Gießers und erklingt in der Regel nur solistisch am Karfreitag und zu Beerdigungen. Die vier kleineren Glocken wurden im Jahre 1957 von Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg gegossen.

Die Anbauten entsprechen dem ursprünglichen Charakter, sind aber in moderner Form ergänzt. Die barocken Türportale stammen aus alten Hamburger Kaufmannshäusern.

Turmhaube[Bearbeiten]

Der Plauener Zimmerer Peter Marquart schuf die barocke Haube, sein Bruder Joachim Marquart den Turmaufbau der Marienkirche (Zwickau). Einen baugleichen Kirchturm der Werkstatt Marquart hat die Petrikirche (Riga).

Orgeln[Bearbeiten]

Hauptorgel[Bearbeiten]

Flentrop-Orgel von 2013

Erste Hinweise auf eine Orgel gibt es um 1400, als ein Balgtreter erwähnt wird. Für das Jahr 1433 ist eine Kapitalaufnahme für die Orgel nachgewiesen. Marten de Mare nahm 1520 einen Umbau vor.[2] 1534 ist von einer kleinen Orgel die Rede, die im 16. Jahrhundert mehrfach umgebaut wurde und zu ihrer Zeit als das bedeutendste Instrument Hamburgs galt. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde sie auf insgesamt 58 Register auf vier Manuale erweitert. Führende Orgelbauer wie Hans Scherer der Ältere, Gottfried Fritzsche und Friedrich Stellwagen hatten bis dahin das Instrument erweitert und gewartet.

Anfang des 18. Jahrhunderts war Johann Sebastian Bach mehrmals Gast in St. Katharinen, da er die Orgel sehr schätzte. Bis heute bekannt ist sein Orgelkonzert im Jahre 1720 vor den Honoratioren der Stadt; sein Orgelwerk Fantasie und Fuge g-moll geht auf dieses Ereignis zurück.

„In der St. Catharinenkirchenorgel in Hamburg sind gar 16 Rohrwerke. Der seel. Capelmeister Hr. J.S.Bach in Leipzig, welcher sich einstmals 2 Stunden lang auf diesem, wie er sagte, in allen Stücken vortrefflichen Werke hat hören lassen, konnte die Schönheit und Verschiedenheit des Klanges dieser Rohrwerke nicht genug rühmen. […] Der seel. Kapellmeister Bach in Leipzig, versicherte eine ähnliche gute und durchaus vernehmliche Ansprache bis ins tiefste C, von dem 32füßigen Principale, und der Posaune im Pedale der Catharinenorgel in Hamburg: er sagte aber auch, dies Principal wäre das einzige so groß von dieser guten Beschaffenheit, das er gehöret hätte.“

Johann Friedrich Agricola: Musica Mechanica Organoedi. Berlin 1768[3]

Von der historischen Orgel, die 1943 weitgehend zerstört wurde, blieben zunächst 1016 Pfeifen erhalten. Beim Orgelneubau im Jahr 1962 fanden noch 520 Pfeifen aus 20 Registern Verwendung.[4] Diese bilden zusammen mit Fotos von der äußeren Anlage und einer vor 1943 erstellten Dokumentation den Ausgangspunkt für eine wissenschaftlich verantwortete Rekonstruktion des Instruments. Die Orgel wurde durch die Firma Flentrop im Jahr 2013 fertiggestellt, die das verlorene Pfeifenwerk, die Spielanlage und den historischen Prospekt rekonstruierte. Anhand einer erhaltenen Maßzeichnung und alter Fotos rekonstruierte das Atelier von Christiane Sandler in Augsburg das Schnitzwerk. Das Rückpositiv war bereits am Ostersonntag 2009 in einem ersten Bauabschnitt eingeweiht worden. Ab September 2012 wurden die drei anderen Manualwerke und die Pedaltürme eingebaut. Die Kirchengemeinde brachte für das Projekt, das von der 2005 gegründeten „Stiftung Johann Sebastian – eine Orgel für Bach“ flankiert wurde, 3,2 Millionen Euro an Spenden auf.[4] Die Einweihung erfolgte am 9. Juni 2013.

Der Prospekt ist von der Übergangszeit von der Spätrenaissance zum Frühbarock gezeichnet. In der Emporenbrüstung befindet sich das Rückpositiv in verkleinerter Gestalt des Hauptwerks. Beide Gehäuse werden durch einen runden Mittelturm und spitze Ecktürme geprägt. Zwischen den Türmen sind zweigeschossige Flachfelder angebracht. Zwei mächtige polygonale Pedaltürme, die von Posaunen blasenden Engeln bekrönt werden, flankieren die Manualwerke. Alle Pfeifenfelder weisen geschnitztes Schleierwerk auf und werden von reich profilierten Gesimskränzen abgeschlossen. Die Disposition gibt den Zustand wieder, wie sie Johann Mattheson 1720 mitteilte. Zudem wurden zwei aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhaltene Register und eine Octava 4′ (OW) integriert, sodass die Orgel über 61 Register verfügt.[5]

I Rückpositiv CD–d3
1. Principal 8′
2. Gedackt 8′
3. Quintadena 8′
4. Octave 4′
5. Hohlflöte 4′
6. Blockflöte 4′
7. Quintflöte 11/3
8. Sifflöt 1′
9. Scharf VIII
10. Sesquialtera II
11. Regal 8′
12. Oboe d'amore 8′
13. Schalmey 4′
II Hauptwerk CD–d3
14. Principal 16′
15. Quintadena 16′
16. Bordun 16′
17. Oktave 8′
18. Spitzflöte 8′
19. Flauto traverso 8′
20. Octave 4′
21. Oktave 2′
22. Rauschpfeife II
23. Mixtur X
24. Trompete 16′
25. Trompete 8′
III Oberwerk CD–d3
26. Prinzipal 8′
27. Hohlflöte 8′
28. Viola di gamba 8′[Anm. 1]
29. Flöte 4′
30. Octava 4′
31. Nasat 22/3
32. Waldflöte 2′
33. Gemshorn 2′
34. Scharf VI
35. Trompete 8′
36. Zincke 8′
37. Trompete 4'
IV Brustwerk CD–d3
38. Principal 8′
39. Octave 4′
40. Quintadena 4′
41. Waldpfeife 2′
42. Scharf VII
43. Dulcian 16′
44. Regal 8′
Pedal CD–d1
45. Principal 32′
46. Principal 16′
47. Subbaß 16′
48. Octave 8′
49. Gedackt 8′
50. Octave 4′
51. Nachthorn 4′
52. Rauschpfeife II
53. Mixtur V
54. Cimbel III
55. Groß-Posaun 32′
56. Posaune 16′
57. Dulcian 16′
58. Trompete 8′
59. Krummhorn 8′
60. Schalmey 4′
61. Cornet-Baß 2′
Anmerkungen
  1. Aus dem 18. Jahrhundert übernommen.

Chororgel[Bearbeiten]

Detlef Kleuker schuf im Jahr 1984 eine Chororgel, die als Begleitinstrument für das liturgische Geschehen im Chor eingesetzt wird. Der Prospekt in Form eines K erinnert die Namen der Kirche, des Orgelbauers und des Sponsoren Otto Krahn. Bei einer Überholung im Jahr 2001 durch OBM Erbslöh wurde das ursprüngliche Cornet im SW aufgeteilt (in Quinte und Terz) und die Pedal-Posaune 16′ durch eine Trompete 8′ ersetzt, sodass die Orgel nun über 15 Register verfügt, die auf zwei Manuale und Pedal verteilt sind. Zudem erhielt die Orgel eine wohltemperierte Stimmung.[6]

I Hauptwerk C–g3
1. Prinzipalflöte 8′
2. Praestant 4′
3. Blockflöte 2′
4. Mixtur V 4′
5. Trompete en chamade 8′
Tremulant
II Schwellwerk C–g3
6. Gedackt 8′
7. Flûte harmonique 4′
8. Quinte 22/3
9. Prinzipal 2′
10. Terz 13/5
11. Cymbal III
12. Hautbois 8′
Tremulant
Pedal C–f1
13. Subbass 16′
14. Gemshorn 8′
15. Trompete 8′
  • Koppeln: II/I, I/P, II/P

Kirchenmusiker[Bearbeiten]

Berühmte Organisten wie Heinrich Scheidemann und Johann Adam Reincken waren in Sankt Katharinen angestellt und veranlassten eine Erweiterung der Orgel. Als Director musices wirkte Georg Philipp Telemann ab 1721 in Hamburg. Von 1931 bis zur Zerstörung 1943 war Engelhard Barthe (1906–1977) Organist, nach dem Wiederaufbau 1956 wurde Thomas Dittmann (1931–1998) berufen, der die Chorarbeit in dieser Kirche neu begründete. 1994 übernahm Andreas Fischer dieses Amt, der sich für die Rekonstruktion der historischen Orgel einsetzte.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Julius Faulwasser: Die St. Katharinen-Kirche in Hamburg, Gust. W. Seitz Nachf., Besthorn Gebr., Hamburg 1896. Titelseite
  • Peter Stolt: Liberaler Protestantismus in Hamburg - im Spiegel der Hauptkirche St. Katharinen. Verlag Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2006, ISBN 3-935413-11-4. (= Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs, 25.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ältestes Gebäude Hamburgs (Kirche Sinstorf)
  2.  Günter Seggermann: Die Orgeln in Hamburg. Christians, Hamburg 1997, ISBN 3-7672-1272-2, S. 117.
  3.  Hans-Joachim Schulze (Hrsg.): Dokumente zum Nachwirken Johann Sebastian Bachs 1750-1800. Bärenreiter, Kassel 1984, S. 739 (Bach-Dokumente 3). Online unter stiftung-johann-sebastian.de, S. 8 (PDF-Datei; 327 kB), gesehen 1. Januar 2013.
  4. a b Die Welt vom 5. Juni 2013: Eine neue Orgel aus dem Barock, gesehen 9. Juni 2013.
  5. flentrop.nl: „Eine Orgel für Bach“ (PDF-Datei; 276 kB), gesehen 18. Januar 2013.
  6. Chororgel in Sankt Katharinen, gesehen 18. Januar 2014.
  7. Hauptkirche St. Katharinen (Hg.): St. Katharinen. Die Hauptkirche und ihr Viertel – eine Wiederentdeckung. Elbe-&-Flut-Ed./Junius, Hamburg 2013, ISBN 978-3-88506-026-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Katharinen, Hamburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

53.5458333333339.9941666666667Koordinaten: 53° 32′ 45″ N, 9° 59′ 39″ O