Karl Lempp

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Karl Lempp (* 21. Januar 1881 in Heilbronn; † 31. Juli 1960 in Stuttgart) war ein deutscher Arzt, der in Stuttgart während der Zeit des Nationalsozialismus maßgeblich an der Kinder-„Euthanasie“ in Württemberg mitgewirkt hatte.

Herkunft und beruflicher Werdegang[Bearbeiten]

Lempp stammte aus einer württembergischen Beamten- und Pfarrerfamilie. Ab 1913 war er als „Stadtarzt“ in Stuttgart tätig. 1915 gründete er das Städtische Kinderheim, aus dem später das Städtische Kinderkrankenhaus entstand und wurde dort der erste Chefarzt. Seit der Gründung des Städtischen Gesundheitsamts Stuttgart 1928 war er gleichzeitig zu seiner Funktion als Chefarzt dessen stellvertretender Leiter.[1]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Lempp war von 1933 bis zum Kriegsende Mitglied der NSDAP. Außerdem gehörte er dem Nationalsozialistischer Deutscher Ärztebund, Reichsbund der Deutschen Beamten, NS-Volkswohlfahrt und dem Nationalsozialistischer Altherrenbund (NS-Studentenkampfhilfe) an.

Lempp wurde „1943 von T4 zum Kindermord angeworben“.[2] Nach Aussagen seiner Oberärztin Magdalena Schütte Anfang der 1960er Jahre habe Lempp sich nur zum Schein in der Aktion T4-Zentrale einweisen lassen, Kindertötungen zugestimmt und todbringende Medikamente im Kriminaltechnischen Institut des SD bestellt.[3]

20 Jahre nach Kriegsende wurden die Unterlagen des Städtischen Kinderkrankenhauses vernichtet, sodass Karl-Horst Marquart 2009 nur noch die Totenscheine von 506 Kindern auswerten konnte. Er deutet 52 Todesfälle, bei denen „schwere angeborene Leiden“ diagnostiziert wurden, für die es aber keine medizinisch plausiblen kausalen Zusammenhang mit einem natürlichen Tod gibt, als „Euthanasie“-Todesfälle. Ein Drittel starb an Lungenentzündung, was auf die Verabreichung von einer Überdosis Luminal hindeutet, die einen Dämmerschlaf mit anschließender Lungenentzündung verursacht. Unter den 52 Todesfällen sind sechs Kinder mit der dubiosen Diagnose „Idiotie“, darunter zwei Kinder, die zum Zeitpunkt der Diagnose erst zwei Jahre alt waren. In diesem Alter kann eine derartige Diagnose nicht gestellt werden, es muss sich also um Fälschungen handeln.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Vom 15. Mai bis 18. Juli war Lempp auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung in Haft. Diese verdächtigte ihn, an den Euthanasie-Verbrechen im Städtischen Kinderkrankenhaus beteiligt gewesen zu sein. Er wurde jedoch nie angeklagt, obwohl er 1947 als „Obermedizinalrat Dr. Lempp, Stuttgart, Leiter des Kinderkrankenhauses“ auf einer Liste der Militärregierung, über 24 „Personen, die als strafrechtlich verantwortlich angesehen werden“, steht. Im selben Jahr wurde er entnazifiziert, aber zu einer Zahlung von 2000 RM an einen Wiedergutmachungsfonds verurteilt. Er behielt seine Position als Leiter des Städtischen Gesundheitsamts bis 1949. 1950 wurde er pensioniert.

Lempp war verheiratet und hatte zwei Söhne.

Nachwirkung[Bearbeiten]

Im Jahr 2009 versuchte der Enkel von Karl Lempp wegen eines Kapitels über seinen Großvater die Veröffentlichung des Buches Stuttgarter NS-Täter durch eine einstweilige Verfügung zu stoppen und ging gegen den Verlag und gegen den Autor des Kapitels über Karl Lempp, Karl-Horst Marquart, vor. Am ersten Prozesstag zog er seine Klage zurück.[4][5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. 2. aktual. Auflage. Fischer, Frankfurt 2007. ISBN 978-3-596-16048-8
  • Karl-Horst Marquart: Karl Lempp. Verantwortlich für Zwangssterilisierungen und „Kindereuthanasie“. In: Hermann G. Abmayer (Hrsg): Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2. Auflage 2009, ISBN 978-3-89657-136-6, S. 100–107. (PDF)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl-Horst Marquart: Karl Lempp. Verantwortlich für Zwangssterilisierungen und „Kindereuthanasie“. In: Hermann G. Abmayer (Hrsg): Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2. Auflage 2009, S. 101.
  2. zitiert bei: Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 365.
  3. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 365.
  4. Neue Rheinische Zeitung: Enkel eines "Stuttgarter NS-Täters" macht überraschenden Rückzieher - Vorwurf der Zwangssterilisierung
  5. Klage gegen Buch zurückgezogen