Koro (Psychologie)

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Dieser Artikel erläutert die Störung Koro; für die Abkürzung siehe Koronarangiographie (Begriffsklärung).

Koro (malaiisch, etymologisch strittig, vielleicht „schrumpfend“ oder „Schildkröte(nkopf)“) beschreibt eine vorrangig in Indonesien und Malaysia vorkommende psychische Störung. Die Störung besteht in der irrationalen Vorstellung, dass der eigene Penis schrumpfe oder sich in den eigenen Körper zurückziehe und man davon sterbe. Eine tatsächliche Penisretraktion geschweige denn eine Todesgefahr bestehen dabei nicht. In China wird diese Suo yang (Mandarin) oder Shuk yang/ S(h)ook yong (Kantonesisch, „schrumpfender Penis“) genannt. Im Westen wird übergreifend von Syndrom der genitalen Retraktion (SGR) oder genital retraction syndrome gesprochen. Da das Syndrom eine psychische Störung darstellt und meist als Angststörung aufgefasst wird, wird auch der präzisere Terminus genital-retraction anxiety disorder[1] benutzt.

Symptomatik[Bearbeiten]

Suo Yang kann unter Bezug auf die äußeren Schamlippen oder die weibliche Brust auch bei Frauen auftreten. Die Störung betrifft in der Regel aber Männer. Die Betroffenen reagieren mit massiver Panik, begleitet von der Vorstellung, sterben zu müssen. Typische angstbezogene Symptome wie Kälteschauer, Blässe, Schwitzen, Unruhe treten auf. Charakteristisch ist auch das Festhalten oder Ziehen des Penis mit den Händen oder unter Zuhilfenahme von speziellen Geräten.

Kultureller Hintergrund[Bearbeiten]

In China ist das Syndrom mitverursacht von der Vorstellung, dass das Gleichgewicht von Yin und Yang gestört sei, etwa infolge von als ungesund betrachteten sexuellen Handlungen wie z. B. Sex mit Prostituierten, Masturbation, Pollution. Diese Faktoren begünstigten einen Verlust des Yang, welches das Schrumpfen des Penis nach sich ziehe. Die sexuelle Dimension fehlt bei Koro in Indonesien. Zudem werden dort ausschließlich andere Männer als Assistenten z. B. zur Durchführung von Massagen bei der Genesung der vermeintlichen Krankheit beauftragt, während bei Suo Yang Frauen bevorzugt werden.

Nichtkulturgebundene Formen[Bearbeiten]

Auch in westlichen Ländern treten SGR-artige Phänomene vereinzelt auf. Sie werden etwa als koro-like symptom (KLS) bezeichnet, wenn sich eine Einbettung an spezifische kulturelle Kontexte nicht nachweisen lässt. KLS-Phänomene stellen keine eigenständigen Syndrome dar, sondern sind als Symptome einer psychischen oder somatischen (etwa urologischen) Grunderkrankung aufzufassen oder auf die Einwirkung psychotroper Substanzen zurückzuführen. Sie sind in der Regel nicht mit Todesangst verbunden, und es werden keine mechanischen Hilfsmittel verwendet, um die Retraktion zu unterbinden.

Epidemien[Bearbeiten]

Gelegentlich tritt SGR als Massenphänomen auf, so etwa 1967 in Singapur. In der Presse wurde damals berichtet, dass Fleisch von Schweinen, die gegen Schweinepest geimpft worden waren, genitale Retraktion auslösen solle. Es kam nicht nur zum Einbruch des Schweinefleischabsatzes, sondern auch zu hunderten von SGR-Fällen. Der Singapore Medical Association und dem Gesundheitsministerium gelang es schließlich mit Hilfe der Presse, die Bevölkerung vom irrationalen Charakter der Panik zu überzeugen. Es wurden 469 Fälle dokumentiert.

Auch außerhalb des chinesischen Kulturkreises sind SGR-Epidemien untersucht worden, so 1976 in Thailand (2000 Fälle), 1982 in Indien und 1990 in Nigeria.

Kategorisierung[Bearbeiten]

Koro und Suo Yang zählen zu den kulturgebundenen Syndromen und sind so Forschungsgegenstand beispielsweise der Ethnomedizin. In der ICD-10 ist Koro unter F48.8, „Sonstige neurotische Störungen“, einzuordnen. Im DSM-IV wird die kulturgebundene SGR-Form als typisches culture-bound syndrome gelistet. In der Wissenschaft wird das Syndrom zumeist als Angststörung angesehen, jedoch wurden als mögliche Klassifikationen auch somatoforme Störung, Wahn, Depersonalisation oder Zwangsstörung angeführt.

Literatur[Bearbeiten]

  • R. W. Freudenmann, C. Schönfeldt-Lecuona: Das Syndrom der genitalen Retraktion aus Sicht der transkulturellen Psychiatrie. In: Der Nervenarzt. Band 76. 2005, S. 569–580.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Wen-Shing Tseng: Handbook of cultural psychiatry. Academic Press, San Diego 2001, S. 217.