Le père Duchesne

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Frontseite der Nummer 25 des père Duchesne. Der Titel lautet: « L'indignation du père Duchesne contre l'indissolubricité du mariage et sa motion pour le divorce. » (deutsch: „Die Empörung des Père Duchesne gegen die Unauflöslichkeit der Ehe und sein Gesetzesvorstoß für die Scheidung.“)

Unter dem Titel « Le père Duchesne » (deutsch: „Vater Duchesne“) erschienen während der Französischen Revolution mehrere Einzelschriften und Periodika. Am weitaus bedeutendsten war die von Jacques-René Hébert 1790–1794 herausgegebene Zeitung im Sinne des radikalisierten Flügels der Cordeliers.

Der Ofensetzer père Duchesne war eine beliebte Figur des vorrevolutionären Volkstheaters, die mit derber Sprache und ruppigen Umgangsformen den „kleinen Mann“ verkörperte und in der sich die städtischen Kleinbürger und Arbeiter wiedererkannten. Ab Februar 1789 erschien sie in Texten namens Le plat de Carnaval oder Voyage du père Duchesne à Versailles beziehungsweise La colère du père Duchesne à l'aspect des abus. Auch unregelmäßig herausgegebene Pamphlete benutzen die Figur des Ofensetzers, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Ab 1790 publizierten dann der Postangestellte Antoine Lemaire und der Abbé Jean-Charles Jumel wiederholt unter dem Namen des père Duchesne, jedoch gelang erst Hébert mit seiner im September 1790 herausgegebenen Zeitung ein bedeutender Einfluss auf das politische Geschehen und ein großer publizistischer Erfolg; die Auflage betrug bis zu dreißigtausend Exemplaren.

Zu Beginn umfasste die beim Drucker Tremblay hergestellte Zeitung acht Seiten im Kleinformat (Oktav) und erschien drei Mal pro Woche, womit sie Jean-Paul Marats L'Ami du peuple vergleichbar war. Le pére Duchesne war nicht datiert und erst ab Januar 1791 nummeriert. Inklusive der ersten dreißig Nummern im Jahr 1790 erschien Héberts Zeitung 385 Mal. Ab Nummer 138 (Juni 1792) trennte sich dieser von Tremblay, der daraufhin wenige Nummern eines eigenen père Duchesne herausgab. Die Vignette selbst zeigte auf den ersten dreizehn Nummern einen Mann mit Pfeife im Mund und einem Tabacksäckchen, dahinter zwei Malteserkreuze, danach als Kopie eines anderen père Duchesne einen säbelbewehrten und die Axt über einem Priester schwingenden Mann mit Schnurrbart, dem die Worte beigefügt sind « memento mori » (deutsch: „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst.“) Die erste Seite jeder Nummer trug einen Titel, der oft mit « La grande colère du père Duchesne… » (deutsch: „Die große Wut des Père Duchesne…“) oder « La grande Joie du père Duchesne… » (deutsch: „Die große Freude des Père Duchesne…“) begann, woraufhin sich der Text mit einem aktuellen Thema befasste.

Die erste Phase der Zeitung zeigte diese noch als verfassungstreu. Zwar wurden Königin Marie Antoinette und der papsttreue Abbé Maury angegriffen (wie auch der journalistische Rivale Marat), jedoch nicht König Louis XVI. und Marquis de La Fayette, der Chef der Nationalgarde. Erst ab Frühjahr/Sommer 1791 und anschließend mit Einführung der Republik änderte sich der Tonfall. Die Programmatik des père Duchesne beinhaltete den Sturz aller Monarchien und die Einführung der Weltrepublik, die Verfolgung und Auslöschung aller internen und externen Revolutionsfeinde sowie die Entchristianisierung des Staates. Die Zeitung wurde ein eigentliches Kampfblatt der radikalen Jakobiner, ein Instrument und ein Antreiber des Terreur zugleich. Ihren Erfolg verdankte die Zeitung nicht zuletzt der von Hébert mehr und mehr eingesetzten groben, mit vulgären Flüchen wie z.B. « foutre! » (deutsch: „Scheiße, Verdammt!“) durchsetzten Sprache. Die Zeitung wurde auf der Straße mit dem Satz « Il est bougrement en colère aujourd'hui le père Duchesne! » (deutsch: „Er hat heute wieder eine Scheißwut, der Père Duchesne!“) ausgerufen, und der Konkurrenz gleichnamiger Journale begegnete sie mit dem gleich bleibenden Motto: « Je suis le véritable père Duchesne, foutre! » (deutsch: „Ich bin der wahre Père Duchesne, verdammt nochmals!“) Die dezidiert revolutionären Ansichten des pére Duchesne kamen in einem bisher ungekannten volkstümlichen Idiom daher, das insbesondere die Sansculotten als „Fußvolk“ der Revolution und die einfachen Soldaten des neuen Massenheeres erreichen sollte; ein nicht unerheblicher Teil der Auflage wurde von der Regierung auf Staatskosten der Armee zur Verfügung gestellt.

Ab Herbst 1793 gerieten Hébert und seine Zeitung in zunehmenden Konflikt mit dem Wohlfahrtsausschuss, der erst mit Héberts Hinrichtung am 24. März 1794 endete; dessen am 13. März 1794 letztmals erschienener père Duchesne fand keine Fortführung, aber es wurden einige Parodien unter diesem Titel produziert wie « La grande colère du père Duchesne, en voyant tomber sa tête par la fenêtre nationale » (deutsch: „Die große Wut des Père Duchesne, als er seinen Kopf aus dem Nationalfenster fallen sah.“) Das Konzept des père Duchesne hatte noch eine Zeitlang Nachahmer wie in Saint-Venants « Moustache sans peur » (deutsch: „Furchtloser Schnauzbart.“) Außerhalb Paris' erschienen in Lyon dreißig Nummern eines père Duchesne. Im 19. Jahrhundert lebte der Titel wieder auf, insbesondere während der Februarrevolution von 1848 und der Pariser Kommune von 1871, jedoch sprachlich leicht verändert als Le père Duchêne.

Quellen[Bearbeiten]

  • Jacques-René Hébert; Albert Soboul (Vorwort): Le Père Duchesne 1790-1794 par Jacques-René Hébert. Paris 1969.
  • Jacques-René Hébert; Peter Priskil (Hg.): Den Papst an die Laterne, die Pfaffen in die Klapse! - Schriften zu Kirche und Religion - 1790 - 1794. Ahriman, Freiburg 2003, ISBN 3-89484-600-3.

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul d’Estrée: Le père Duchesne. Hébert et la commune de Paris (1792-1794). Ambert, Paris 1908.
  • Gérard Walter: Hébert et le père Duchesne. J.B. Janin, Paris 1946.

Weblinks[Bearbeiten]