Libet-Experiment

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Libet-Experiment wurde die Messung des zeitlichen Abstands bekannt, der zwischen Nervenaktivität im Gehirn, die einer bestimmten Handbewegung einleitend vorausgeht, und dem erst danach erfolgenden Bewusstwerden der dazu gehörenden Handlungsentscheidung liegt. Der Physiologe Benjamin Libet führte die Versuchsreihen 1979 durch. Ihre Bedeutung für die Philosophie des Geistes war Gegenstand lebhafter Diskussionen. Noch heute wird das Experiment häufig in der Debatte über das Konzept der menschlichen Willensfreiheit angeführt.

Versuchsaufbau und -durchführung[Bearbeiten]

Libets Ausgangspunkt war ein EEG-Experiment, das Hans Helmut Kornhuber und Lüder Deecke 1965 veröffentlicht hatten.[1] Es zeigte, dass bei einer einfachen Handbewegung zwischen einer bestimmten einleitenden Nervenaktivität im Motorkortex und ihrer tatsächlichen Ausführung etwa eine Sekunde verstreicht. Libets Alltagserfahrung war, dass die empfundene Zeit zwischen Handlungsabsicht und -ausführung sehr viel kürzer war.

Libets Experiment: (0) Ruhe, bis (1) das Bereitschaftspotential gemessen wird, (2) der Proband wird seiner Entscheidung bewusst und merkt sich die Position des roten Punktes und (3) handelt.

Ziel seines Versuchs war es daher, möglichst exakt festzustellen, wann der Proband eine bewusste Handlungsentscheidung trifft, wann die dazugehörige einleitende Nervenaktivität im motorischen Kortex erfolgt, und wann die betreffende Muskulatur tatsächlich aktiv wird. Ein Elektromyogramm (EMG) erlaubte eine genaue Messung der Muskelaktivität. Auch für die Messung des Bereitschaftspotentials im Kortex existierte mit dem EEG eine etablierte Methode.

Nicht ganz so einfach war die Feststellung des genauen Zeitpunkts der bewusst erlebten Handlungsentscheidung. Denn jede Zeichengebung des Probanden hierzu wäre durch die dabei unvermeidliche und relativ variable Reaktionszeit zwangsläufig ungenau gewesen. Libet entschied sich deshalb dafür, seine Versuchspersonen auf eine schnell laufende Uhr blicken zu lassen, die er durch einen Lichtpunkt auf einem Oszilloskop realisierte, der innerhalb von 2,56 Sekunden einen vollständigen Kreis beschrieb. Nach einer Handbewegung sollten die Probanden dann die Stellung der Uhr zu dem Zeitpunkt nennen, bei dem sie den bewussten „Drang“ („urge“) oder Wunsch verspürten, die Hand zu bewegen.

Um die Exaktheit dieses Verfahrens zu überprüfen, wurde in einem Vorexperiment eine Hautpartie der Probanden elektrisch gereizt. Danach sollten sie mittels der Oszilloskop-Uhr den Zeitpunkt der Stimulierung angeben. Hierbei ergab sich eine hinreichend geringe Variation mit einer mittleren Abweichung von ~50 ms gegenüber dem realen Zeitpunkt des Reizes.

Vor dem eigentlichen Versuch wurden die Probanden gebeten, einen völlig beliebigen Zeitpunkt zu wählen, um die rechte Hand zu bewegen („at any time they felt the urge or wish to do so“)[2], sowie sich den Stand der Uhr zu jenem Zeitpunkt zu merken. In einem Teil der Versuche sollten sie einer auftretenden Handlungsabsicht möglichst spontan nachkommen, in einem anderen Teil sollten sie zwischen Handlungseinfall und willentlicher (anzugebender) Ausführung bis zu einer Sekunde verstreichen lassen, die Bewegung also gewissermaßen vorausplanen.

Ergebnis[Bearbeiten]

Bei der Auswertung der Messergebnisse wurde der Nullpunkt der Zeitskala stets auf den Beginn der Muskelaktivierung gelegt, der anhand des EMG zweifelsfrei festzustellen war. Relativ zu diesem Bezugspunkt wurden die Zeitabstände von jeweils 40 EEG-Aufzeichnungen eines Probanden gemittelt. Eine solche Durchschnittsbildung ist üblicherweise nötig, um derartige Daten zuverlässig auswerten zu können.

Relativ zu dem definierten Nullpunkt des Beginns der Muskelaktivität waren die gemessenen Zeiten im Mittel wie folgt:

  • Bei −1050 ms trat das Bereitschaftspotential auf, wenn der Proband eine Vorausplanung der Bewegung berichtete;
  • Bei −550 ms setzte das Bereitschaftspotential von spontanen Handlungen ein;
  • Der berichtete Zeitpunkt der willentlichen Entscheidung für die unmittelbar anschließende Handlung lag in beiden Fällen gleichermaßen bei −200 ms.

Das Bemerkenswerte an diesem Ergebnis war, dass der Zeitpunkt, zu dem die willentliche Entscheidung bewusst wurde, in jedem Fall deutlich nach dem Zeitpunkt lag, an dem im motorischen Kortex eine, für die Bewegung charakteristische, einleitende Nervenaktivität bereits begonnen hatte. Da das Vorexperiment sichergestellt hatte, dass die Ungenauigkeiten der Zeitangaben der Versuchspersonen erheblich kleiner waren als die maßgebliche Zeitverzögerung der empfundenen Willensentscheidung, so folgte daraus, dass letztere die Aktivierung des Motorkortex nicht kausal hatte verursachen können.

Versuch von Haggard und Eimer[Bearbeiten]

Libets Ergebnisse sorgten für eine kontroverse Diskussion, in deren Verlauf unter anderem bemängelt wurde, dass die Versuchspersonen keine Möglichkeit hatten, eine echte Entscheidung zu treffen, sondern lediglich den Zeitpunkt einer bereits vor dem Starten der Uhr beschlossenen Bewegung festzulegen.

Der Neurophysiologe Patrick Haggard und der Psychologe Martin Eimer wiederholten daher 1999 den Versuch in abgewandelter Form. Sie führten eine Handlungsalternative ein (der Proband sollte erst während des Versuchs entscheiden, ob er den rechten oder den linken Zeigefinger bewegen wollte) und maßen das für die gewählte Bewegung spezifisch lateralisierte (in linker oder in rechter Gehirnhälfte) Bereitschaftspotential.

Auch im Versuch von Haggard und Eimer lag die Aktivierung des Motorkortex im Mittel vor dem berichteten Zeitpunkt der bewussten Handlungsentscheidung.[3] Dennoch wurden weiterhin methodische Einwände vorgebracht: Der mittlere Zeitpunkt der berichteten Handlungsentscheidung in Libets Versuchen und verschiedenen Nachfolge-Experimenten variierte stark; auch innerhalb der jeweiligen Versuche waren die Unterschiede zwischen den Probanden beträchtlich. So lag die berichtete Willensentscheidung bei Haggard und Eimer bei zwei von acht Personen vor dem lateralisierten Bereitschaftspotential.

Erklärt wurden diese Abweichungen einerseits dadurch, dass eine Willensentscheidung kein ausreichend exakt beschreib- und datierbares Ereignis sei, um von den Probanden einheitlich berichtet zu werden. Andererseits sei bekannt, dass die Datierung von Eindrücken unterschiedlicher Sinnesmodalitäten von der Aufmerksamkeit abhängig ist: Reize, auf die die Aufmerksamkeit konzentriert ist, werden relativ zu anderen Reizen vordatiert. Derartige Effekte könnten auch die Zuverlässigkeit der Ablesungen der Uhr durch die Probanden beeinträchtigt haben.

Interpretation Libets[Bearbeiten]

Libet selbst folgerte zunächst aus seinen Resultaten, dass der Entschluss zu handeln von unbewussten Gehirnprozessen gefällt werde, bevor er als Absicht ins Bewusstsein dringe; die bewusste Entscheidung sei somit nicht ursächlich für die Handlung. Dadurch sah er die Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen in Frage gestellt.

Kurz darauf ging Libet zu der These über, dass es ein Zeitfenster von zirka 100 ms gebe, innerhalb dessen der bewusste Wille eine bereits eingeleitete Handlung noch verhindern könne (Veto- oder Kontroll-Funktion des Willens). In diesem Sinne könne das Bewusstsein „willensbestimmte Ergebnisse selektieren und unter ihre Kontrolle bringen“.[4] Er untermauerte diese Position mit weiteren Experimenten, die zeigten, dass ein Bereitschaftspotential nicht zwingend zu einer Handlung führt, sondern bis zirka 50 ms vor der Muskelaktivierung noch abgebrochen werden kann. Die angeführten 100 ms errechnete er aus den 200 ms von der bewussten Entscheidung bis zur Muskelaktivierung, abzüglich der 50 ms, innerhalb derer die Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist, sowie korrigiert um die 50 ms, die sich im Vorexperiment als systematischer Ablesefehler der Uhr ergeben hatten.

Libet mutmaßte in der Folge, dass das Veto selbst nicht unbewusst eingeleitet werde, sondern unmittelbar auf bewusster Ebene stattfinde. Diese Vermutung stützte er jedoch nicht auf experimentelle Befunde. Zur Begründung verwies er stattdessen darauf, dass ihn alternative Annahmen zu Schlussfolgerungen über die Willensfreiheit führen würden, die er für unbefriedigend hielte. Unter Verweis auf die verbietende Formulierung vieler sozialer Regeln („Du sollst nicht...“) sah er aufgrund seiner Mutmaßung die moralische Verantwortlichkeit des Menschen wiederhergestellt.[5]

Kritik an dieser Interpretation[Bearbeiten]

Einige Kritiker finden Libets Interpretation nicht radikal genug und gehen über sie hinaus. So stützt sich der Biologe Gerhard Roth unter anderem auf das Libet-Experiment und seine Nachfolge-Versuche, wenn er behauptet: „Das bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn ‚perfiderweise‘ dem Ich die entsprechende Illusion verleiht.“[6]

Andere Stimmen weisen dagegen darauf hin, dass der Versuchsaufbau weder konzipiert wurde, um Aussagen zu Willensfreiheit und moralischer Verantwortlichkeit treffen zu können, noch dazu geeignet ist.

Manche Kritiker meinen, dass alltäglichen Willenshandlungen nicht unbedingt eine Handlungsabsicht vorausgehe. Dass die Probanden überhaupt eine solche Absicht berichteten, sei auf die Versuchsanweisung zurückzuführen und die hohe Varianz der angegebenen Zeitpunkte (siehe oben) weise darauf hin, dass diese Absicht nicht klar greifbar sei.

So vertreten etwa Bennett und Hacker[7] die Auffassung, dass es charakterisierendes Merkmal einer Willensentscheidung sei, dass sie unter Kontrolle der Person erfolge. Das Verspüren einer Handlungsabsicht oder eines Handlungswunsches sei hierfür weder ein notwendiges noch ein hinreichendes Kriterium. Als Beispiele führen sie das Ergreifen eines Stifts an, um etwas niederzuschreiben; dieses sei willkürlich, aber nicht von der Absicht begleitet, den Stift aufzuheben. Einem Niesen gehe dagegen ein entsprechendes Bedürfnis voraus, dennoch würde man es als unwillkürlich bezeichnen. Folglich ermögliche das Libet-Experiment keine Aussagen über Willensentscheidungen.

Andere Kritiker würden nicht einmal soweit gehen. So argumentieren etwa Batthyany[8] und Mele[9], dass der aus philosophischer Sicht grundlegende Denkfehler in Libets Experiment darin bestünde, spontan auftretende Verlangen und mentale Verursachung, bzw. Willensfreiheit gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung widerspreche aber dem, was traditionelle philosophische und auch zeitgenössische kognitionspsychologische Modelle der Willensfreiheit besagen. Batthyany weist vor allem darauf hin, dass die Anweisungen an Libets Versuchspersonen lauteten, diese sollten „spontan auf einen Bewegungsdrang warten“ und den Zeitpunkt ihrer vorvereinbarten Bewegung nicht bewusst vorplanen[10], die Versuchspersonen mit anderen Worten lediglich gebeten worden seien, eine passive Rolle gegenüber ihren spontanen Bewegungsdrängen einzunehmen. Drang und spontanes Verlangen seien aber, so Batthyany, nicht Ausdruck bewusster mentaler Verursachung. Insofern sei Libets Experiment ontologisch und kausaltheoretisch neutral – denn nicht einmal der interaktionistische Dualismus würde vorhersagen, dass spontane Verlangenserlebnisse, die ohne bewusste Vorplanung zustandekommen, durch bewusste mentale Verursachung hervorgerufen würden. Komplexen Handlungen gehe zudem eine Planungsphase voraus, die zeitlich zweifellos vor dem ersten Bereitschaftspotential der Ausführung liege.

Folgt man diesen Argumentationen, sind die philosophischen Implikationen der Ergebnisse von Libet bzw. Haggard und Eimer gering.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Hans H. Kornhuber und Lüder Deecke: Hirnpotentialänderungen bei Willkürbewegungen und passiven Bewegungen des Menschen: Bereitschaftspotential und reafferente Potentiale. In: Pflügers Arch Physiol (1965), 281, S. 1-17. doi:10.1007/BF00412364 PDF
  2. Benjamin Libet: Do we have a free will? In: Journal of Consciousness Studies, 5, 1999, S. 49.
  3. Patrick Haggard und Martin Eimer: On the Relation between Brain Potentials and the Awareness of Voluntary Movements. Experimental Brain Research 126:128–133, 1999.
  4. Benjamin Libet: Unconscious cerebral initiative and the role of conscious will in voluntary action. In: Cignition, 88, 1985, S. 528.
  5. Benjamin Libet: Haben wir einen freien Willen? In: Christian Geyer (Hrsg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente. Suhrkamp, 2004, S. 268ff. ISBN 3-518-12387-4
  6. Gerhard Roth: Aus Sicht des Gehirns. Suhrkamp, 2003, S.180. ISBN 3-518-58383-2
  7. M. R. Bennett und P. M. S. Hacker: Philosophical Foundations of Neuroscience. Blackwell Publishing, 2003, S.228ff. ISBN 1-4051-0838-X
  8. Alexander Batthyany: Mental Causation and Free Will after Libet and Soon: Reclaiming Conscious Agency In: Alexander Batthyany und Avshalom Elitzur. Irreducibly Conscious. Selected Papers on Consciousness, Universitätsverlag Winter Heidelberg 2009, S.135ff.
  9. Alfred R. Mele: Decisions, Intentions, Urges, and Free Will: Why Libet Has Not Shown What He Says He Has. In: Joseph Keim Campbell, Michael O'Rourke und Harry S. Silverstein Explanation and Causation: Topics in Contemporary Philosophy, 2007, MIT Press, S.228ff.
  10. Libet, B.; Wright, E. W.; Gleason, C. A.. Readiness potentials preceding unrestricted spontaneous pre-planned voluntary acts, 1983, Electroencephalographic and Clinical Neurophysiology 54: 322–325.

Weblinks[Bearbeiten]