Liste der Fluchttunnel in Berlin während der deutschen Teilung

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Übersichtskarte der Fluchttunnel, deren Lage bekannt ist

Die Liste der Fluchttunnel in Berlin während der deutschen Teilung enthält die 39 bekannten Tunnelprojekte, die zwischen 1961 und 1973 gegraben wurden. Mindestens 254 Personen konnten auf diesem Weg aus der DDR fliehen. Während der Tunnelfluchten kam es zu mindestens vier Todesfällen und über 200 Verhaftungen. Etwa die Hälfte der Projekte konnten keine erfolgreichen Fluchten ermöglichen.

Statistik[Bearbeiten]

Die Tunnel wurden von beiden Richtungen unter der Grenze hindurch gegraben. Dabei gab es neun Tunnel aus Richtung Osten und 30 aus Richtung Westen. Die aus dem Osten gegrabenen Tunnel waren erfolgreicher. Nur durch einen der 9 Tunnel gelang keine Flucht. Im Schnitt flohen neun Flüchtlinge pro aus dem Osten gegrabenen Tunnel, während die Anzahl der Flüchtlinge pro Tunnel aus dem Westen bei unter 6 lag. Bei Tunneln aus dem Osten kam es im Schnitt zu mindestens 4,3 Verhaftungen und bei West-Tunneln mindestens 4,9. Die tatsächliche Anzahl der Verhaftungen wird höher liegen, da die Akten der Staatssicherheit nicht vollständig sind.

Unter den Erbauern bildeten sich mehrere Gruppen heraus, die mehrfach Tunnel gruben. Dazu gehörten die Gruppen um Hasso Herschel, um Harry Seidel und Fritz Wagner, um Wolfgang Fuchs und um Detlef Girrmann. Unter den Gruppen gab es Kooperationen.

Das Umfeld der Bernauer Straße wurde am häufigsten für die Tunnel ausgesucht. Auch die Heidelberger Straße war häufiger Ausgangspunkt der Tunnel.

Liste[Bearbeiten]

Die Angaben gehen auf die Untersuchung von Marion Detjen zurück.[1] Angegeben sind das Datum des Durchbruchs oder der Aufgabe, der Startort, die Richtung Ost oder West, der Name der Initiatoren und Erbauer und die Anzahl der gelungenen Fluchten. Verhaftungen und Todesfälle sind im Feld Bemerkungen angegeben.

Nummer Datum Ort Startpunkt Erbauer Flüchtlinge Bemerkungen
01  Sep. 1961 Friedhof Pankow West-Berlin 2 junge West-Berliner 20 Angelegt, um die Freundinnen der Erbauer aus der DDR zu holen.
02 12. Okt. 1961 Nahe Bahnhof Düppel DDR 14 Jugendliche 05 9 Fluchtwillige wurden verhaftet.
03 07. Dez. 1961 genauer Ort unbekannt West-Berlin unbekannt 05
04 20. Dez. 1961 genauer Ort unbekannt Ost-Berlin unbekannt 04
05 24. Jan. 1962 Von Glienicke/Nordbahn nach Berlin-Frohnau Glienicke/Nordbahn (DDR) Familie Becker 28
06  Jan. 1962 S-Bahnhof Wollankstraße West-Berlin Studenten der TU Berlin, Gebrüder Franzke
Hauptartikel: Fluchttunnel Wollankstraße
Der Tunnel stürzte während der Arbeiten ein, was zu einer Absenkung des Bahnsteigs über ihm führte.
07  Jan. 1962 Kiefholzstraße West-Berlin Harry Seidel
08 22. Feb. 1962 Heidelberger Straße 28/29 West-Berlin Gebrüder Franzke Drei Kuriere und ein Flüchtling wurden festgenommen.
09  Mär. 1962 Heidelberger Straße 75 West-Berlin Harry Seidel, Fritz Wagner, u. a. 35 bis 57 Beim Versuch einer Einsatzgruppe des MfS, die Tunnelorganisatoren festzunehmen, wurde Heinz Jercha tödlich getroffen.
10 05. Mai  1962 Von Glienicke/Nordbahn nach Berlin-Frohnau Glienicke/Nordbahn (DDR) Familie Thomas 12 sog. "Thomas-Tunnel"
11  Mai  1962 Heidelberger Straße 28/29 West-Berlin Harry Seidel, Fritz Wagner u. a.
12  Juni 1962 Heidelberger Straße 75 West-Berlin Harry Seidel, u.a. 18 bis 55
13 18. Juni 1962 Baustelle des Springer-Verlags, Zimmerstraße 56 West-Berlin Rudolf Müller u. a. 04 Ein Kurier wurde verhaftet und der Grenzsoldat Reinhold Huhn von Rudolf Müller erschossen.
14 28. Juni 1962 Heinrich-Heine-Straße West-Berlin Siegfried Noffke u. a. Der Tunnel wurde entdeckt und Siegfried Noffke beim Zugriff erschossen. Ein weiterer Fluchthelfer wurde schwer verletzt und festgenommen.
15 13. Juli 1962 Schwedter Straße Ost-Berlin Eine Familie 07
16 07. Aug. 1962 Kiefholzstraße 388 West-Berlin Harry Seidel, Fritz Wagner, später Hasso Herschel, die Girrmann-Gruppe u. a. Der Tunnel wurde durch IM „Hardy“ verraten und über 50 Fluchtwillige und fünf Kuriere wurden verhaftet.
17  Sep. 1962 Neukölln West-Berlin unbekannt
18 14. Sep. 1962 Bernauer Straße 79 West-Berlin Domenico Sesta, Luigi Spina, Hasso Herschel 29
Hauptartikel: Tunnel 29
Der Tunnel war Vorlage für den 2001 veröffentlichten Fernsehfilm Der Tunnel. Es kam zu keiner Verhaftung.
19 1962-09Herbst 1962 Boyenstraße West-Berlin Wolfgang Fuchs u. a.
20 1962-09Herbst 1962 Bernauer Straße West-Berlin Girrmann-Gruppe
21 1962-09Herbst 1962 Adalbertstraße West-Berlin Wolfgang Fuchs u. a.
22  Okt. 1962 Heidelberger Straße West-Berlin Harry Seidel u. a., später auch die Girrmann-Gruppe 02 Die Staatssicherheit entdeckte den Tunnel nach Hinweisen durch IM „Hardy“. Mehrere Fluchtwillige und ein Kurier wurden verhaftet.
23  Nov. 1962 Kleinmachnow West-Berlin Harry Seidel u. a. Beim Tunneldurchbruch wurden mindestens 18 Flüchtlinge, zwei Kuriere und Harry Seidel festgenommen.
24  Nov. 1962 unbekannt West-Berlin Bodo Posorski Nach der Entdeckung durch die Staatssicherheit wurden mehrere Fluchtwillige und Kuriere festgenommen.
25  Feb. 1963 Bernauer Straße 79[2] West-Berlin Hasso Herschel u. a. Nach der Entdeckung durch die Staatssicherheit wurden mindestens 20 Fluchtwillige und drei Kuriere festgenommen.
26 10. Mär. 1963 Von Glienicke/Nordbahn nach Hermsdorf Glienicke/Nordbahn (DDR) Familie Aagard u.a. 13 Der Tunnel wurde im Frühjahr 2011 archäologisch rekonstruiert.[3]
27  Mär. 1963 Schwedter Straße 86 West-Berlin Wolfgang Fuchs u.a.
28 23. Mai  1963 Kremmener Straße 15 Ost-Berlin Jugendliche Etwa 30 Personen wurden von der Staatssicherheit festgenommen.
29  Juli 1963 Bernauer Straße West-Berlin Helmut Karger
30  Jan. 1964 Bernauer Straße 97 West-Berlin Wolfgang Fuchs u.a. 03 bis 4 Nachdem drei oder vier Mädchen durch den Tunnel flohen, entdeckten die Grenztruppen den Tunnel und machten ihn durch Handgranaten unbrauchbar.[4]
31  Feb. 1964 Treptow West-Berlin unbekannt Nach der Entdeckung durch die Staatssicherheit wurden mehrere Fluchtwillige und ein Kurier festgenommen.
32  Sep. 1964 unbekannt West-Berlin unbekannt
33  Okt. 1964 Bernauer Straße 97 West-Berlin Wolfgang Fuchs, Reinhard Furrer u.a. 57
Hauptartikel: Tunnel 57
Der längste, tiefste und teuerste bekannte Fluchttunnel wurde von der Staatssicherheit entdeckt. Bei einem Feuergefecht wurde der Grenzsoldat Egon Schultz versehentlich von einem Kameraden erschossen.
34  Dez. 1964 unbekannt West-Berlin unbekannt
35 01. Mai  1965 Bernauer Straße West-Berlin unbekannt
36   1970 Bernauer Straße 78 West-Berlin unbekannt
37 25. Feb. 1971 Bernauer Straße West-Berlin Hasso Herschel Mindestens 40 Personen wurden festgenommen.
38 09. Jan. 1972 Checkpoint Charlie Ost-Berlin 3 Flüchtlinge 03
39 09. Aug. 1973 Waldmüllerstraße DDR 2 Familien 09

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Fluchttunnels in Berlin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  •  Dietmar Arnold, Sven-Felix Kellerhoff: Die Fluchttunnel von Berlin. 2. Auflage. Propyläen / List Taschenbuch, Berlin 2011 (Erstausgabe 2009), ISBN 978-3-548-60934-8.
  •  Marion Detjen: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-834-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Marion Detjen: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-834-3, S. 442–448.
  2. siehe Maria Nooke: Der verratene Tunnel : Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin, Edition Temmen, Bremen 2002, ISBN 3-86108-370-1, eigenes Buch über diesen Tunnel
  3. Informationen zum Aagard-Tunnel in Glienicke/Nordbahn
  4. Bodo Müller 2000: Faszination Freiheit: die spektakulärsten Fluchtgeschichten, Ch. Links Verlag, S. 211