Mailänder Kongress von 1880

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Artikel Mailänder Kongress von 1880 und Geschichte der Gehörlosen (nach 1880)#Der Kongress in Mailand 1880 überschneiden sich thematisch. Hilf mit, die Artikel besser voneinander abzugrenzen oder zusammenzuführen (→ Anleitung). Beteilige dich dazu an der betreffenden Redundanzdiskussion. Bitte entferne diesen Baustein erst nach vollständiger Abarbeitung der Redundanz und vergiss nicht, den betreffenden Eintrag auf der Redundanzdiskussionsseite mit {{Erledigt|1=~~~~}} zu markieren. Coyote III (Diskussion) 18:04, 21. Jun. 2013 (CEST)

Der Mailänder Kongress von 1880 (eigentlich „Zweiter internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress“) war ein wichtiger Kongress führender europäischer Gehörlosenpädagogen im September 1880 in Mailand. Die Beschlüsse dieses Kongresses hatten weitreichende, weltweite und etwa ein Jahrhundert lang anhaltende Folgen für das soziale Leben der Gehörlosen, welche von diesen überwiegend negativ empfunden wurden. Der Begriff "Mailänder Kongress" wurde in Gehörlosenkreisen geprägt.

Hintergrund[Bearbeiten]

Gemäß dem Beschluss des „Pariser Congreß zur Verbesserung des Loses der Taubstummen“ vom 30. September 1878 wurde der Zweite internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress in Italien vom 6. bis 11. September 1880 in Mailand statt wie ursprünglich beschlossen in Como durchgeführt.

Organisation[Bearbeiten]

Für das Organisations-Komitee waren vorgesehen: als Ehrenmitglieder Isaac und Eugène Pereire (Paris), als Ehrenpräsident L. Vaïsse (Paris), als Präsident E. Rigaut (Paris), als Vize-Präsidenten Abbé Lambert und E. Grosselin (Paris) und als Sekretäre La Rochelle (Paris) und J. Hugentobler (Lyon) sowie 18 weitere Mitglieder und „correspondierende Mitglieder“ aus Frankreich, Schweden, Italien, der Schweiz, Österreich, Deutschland, den Niederlanden, England und den USA. Taube Lehrkräfte waren weder für das Organisationskomitee noch als Mitglieder zum Kongress eingeladen. F. Rigaut trat jedoch vorzeitig zurück und wurde von Eugène Pereire, dem Enkel von Jacob Rodrigues Pereira, als Präsident ersetzt.

Für den Kongress wurden vom „Lombardischen Institut für Künste und Wissenschaften“ die Räumlichkeiten im Brerá-Palast zur Verfügung gestellt.

Programm[Bearbeiten]

Als „Einzelne Fragen aus dem Programm“ wurden angekündigt:[1]

  1. Welches sind die wesentlichsten Vorzüge der Lautsprache der Gebärdensprache gegenüber oder umgekehrt?
  2. Welches sind die prinzipiellen Unterschiede zwischen den Bezeichnungen reine Lautsprache (méthode orale pure) und gemischte Methode (méthode mixte)?
  3. Wo ist die Grenze zwischen der natürlichen und der methodischen Gebärdensprache?
  4. Verlernen die aus der Schule entlassenen Taubstummen das Sprechen wieder oder ziehen sie im gewöhnlichen Verkehre mit den Hörenden etwa die Zeichensprache der Lautsprache vor? Wenn solche Erscheinungen auftreten, worin liegt ihr Grund?
  5. Wo und inwiefern können Taubstumme klassische Studien machen oder wie wird ihnen der Unterricht höherer Lehranstalten zugänglich? Ist es in einer oberen Abteilung der Taubstummen-Schule oder in einem besonders für sie geschaffenen Institute und sind hierbei die ordentlichen Taubstummen-Lehrer oder aber Lehrer und Professoren der gewöhnlichen sekundären Lehranstalten zu verwerten?

Beschlüsse[Bearbeiten]

Unter anderem wurden folgende Beschlüsse gefasst:[2]

  • "In der Überzeugung der unbestrittenen Überlegenheit der Lautsprache gegenüber der Gebärdensprache, insofern jene die Taubstummen dem Verkehr mit der hörenden Welt wiedergibt und ihnen ein tieferes Eindringen in den Geist der Sprache ermöglicht, erklärt der Kongress: dass die Anwendung der Lautsprache bei dem Unterricht und in der Erziehung der Taubstummen der Gebärdensprache vorzuziehen sei.“
  • „In Erwägung, dass die gleichzeitige Anwendung der Gebärdensprache und des gesprochenen Wortes den Nachteil mit sich führt, dass dadurch das Sprechen, das Ablesen von den Lippen und die Klarheit der Begriffe beeinträchtigt wird, ist der Kongreß der Ansicht: dass die reine Artikulations-Methode vorzuziehen sei.“
  • „In der Erwägung der besonderen Schwierigkeiten des Unterrichts der Taubstummen nach der Artikulationsmethode und gestützt auf die nach dieser Seite hin fast allen Taubstummenlehrer gemachte Erfahrung erklärt der Kongress, dass das günstigste Alter für den Eintritt taubstummer Kinder in die Schule die Zeit vom 8. bis 10. Lebensjahr ist; dass der Schulbesuch wenigstens 7, besser 8 Jahre dauern muss; dass ein Lehrer nach der reinen Artikulationsmethode nicht mehr als 10 Schüler unterrichten kann."

Eine zahlenmäßig kleine Gruppe von Kongressmitgliedern (USA, je einer aus Großbritannien und Schweden), die den Resolutionen nicht zustimmte, führte folgende Gründe ihrer Ablehnung an:

  • Lautsprachlicher Unterricht hat nur bei „Halbtauben“ (gemeint: Spätertauben) Erfolg.
  • Lautsprachlicher Unterricht verlangsamt und vernachlässigt die geistige Bildung der Taubstummen.
  • Lautsprachlicher Unterricht bringt eine unnatürlich klingende Kunstsprache hervor.
  • Lautsprachlicher Unterricht ist teurer.
  • Der Methodenstreit trägt nationalistische Züge und ist daher abzulehnen.

Umsetzung in Frankreich[Bearbeiten]

Der Minister des Innern von Frankreich erließ auf Empfehlung der französischen Kongressteilnehmer am 3. September 1884 ein Rundschreiben. Dieses erklärte die Lautsprachmethode als die allein gültige für die (staatlichen) Schulen Frankreichs. Für die dortigen Fachleute sollten Spezialexamen 1. und 2. Grades eingeführt werden. Die Zahl der Gehörlosenlehrer wurde insgesamt erhöht, die gehörlosen Lehrer wurden durch hörende ersetzt. Alle notwendigen Ausgaben hierfür wurden im Etat eingestellt.

Bewertung des Kongresses und Auswirkungen in Deutschland[Bearbeiten]

Zeitgenössische Bewertungen, bis 1940[Bearbeiten]

Auf dem ersten Deutschen Taubstummenlehrer Kongress in Berlin am 26. September 1884 vertrat Dr. Karl Schneider, der von 1879 bis 1899 dem Taubstummenbildungswesen im Preußischen Unterrichtsministerium vorstand, die Meinung: „Daß nicht vergeblich gearbeitet worden ist, zeigt, daß gegenwärtig in 96 deutschen Anstalten nach der reinen Lautsprachmethode von Angesicht zu Angesicht gesprochen wird. Die Gebärde zieht sich nach einem hundertjährigen Kampf immer mehr zurück. ... Ein Rückschritt ist nicht mehr möglich... Doch müssen wir uns bewußt werden, daß wir noch viel zu arbeiten haben, um dem deutschen Namen Ehre zu machen. Sie wissen, welche Mühe unser Kanzler hat, den Sieg von Sedan zu erhalten. Den Mailänder Sieg zu behaupten, erfordert von uns noch eine Riesenarbeit.“ [3] Auf dem Kongress zu Köln 1889 war zu hören: „Wir können nicht mehr zurück, wir haben das deutsche Artikulationssystem angenommen, wir müssen die Lautsprache zu Ehre bringen.“

Paul Schumann schreibt 1940 in seiner „Geschichte des Taubstummenwesens“ [4]: „Als auf dem Internationalen Kongress von Mailand nach langen Verhandlungen sich die Taubstummenlehrer aus sieben Kulturstaaten der Erde fast einstimmig nicht nur zur Lautsprachmethode, sondern zur reinen Artikulationsmethode, méthode orale pure, unter Ausschluß der Gebärde bekannten - nur von seiten der Amerikaner, und des schwedischen Eckborn machte sich Widerspruch geltend - wurde dies zunächst als „ein großer Sieg auf dem Gebiete der Humanität und der Pädagogik empfunden, dessen Wichtigkeit und weitumfassende Bedeutung nicht kräftig genug hervorgehoben werden kann“ [5] In Wirklichkeit war der Taubstummenbildung damit eine Aufgabe gestellt, zu deren Erfüllung nur an wenigen Plätzen die Mittel und Kräfte gegeben waren, ganz abgesehen davon, ob sie überhaupt richtig gestellt und lösenswert war.[6]

Heutige Auffassung[Bearbeiten]

Diese Beschlüsse des Kongresses werden aus heutiger Sicht wie folgt kommentiert:[7]

  • Die vorgenannten Resolutionen, Erklärungen und Ansichten sind das Ergebnis einer berufsständischen Versammlung und besaßen demnach keinen Gesetzescharakter. Sie übten aber einen Einfluss auf die Regelungen von Ministerien aus. Die Qualität des Sprechens der Schüler wird von den hospitierenden Inspektoren höher bewertet als deren schulisches Wissen.
  • In den „Taubstummenanstalten“ vor und bis nach der Jahrhundertwende wurden alle Hörgeschädigten (Gehörlose, Resthörige, Schwerhörige und teilweise auch Sprachbehinderte) gemeinsam unterrichtet. Eine umfassende methodische Differenzierung war bis dahin nicht oder nur rudimentär vollzogen worden.
  • Eine allumfassende und absolute Ablehnung des Gebärdensprachgebrauchs ist nur partiell erfolgt.
  • Die Resolutionen sind im historischen Kontext zu sehen.
    • Aufkommen übergreifender nationaler Bestrebungen in den Staaten Europas
    • Gesprochene und geschriebene Sprache als Faktor sich abgrenzenden Nationaldenkens
    • Bevölkerungsverdichtung im ausgehenden 19. Jahrhundert
    • Aufkommen der sozialen Frage.

Da taube Lehrkräfte weder für das Organisationskomitee noch als Mitglieder zum Kongress eingeladen waren, wurden sämtliche Beschlüsse ohne den Einbezug der „tauben“ Perspektive gefasst.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Quelle=Organ 1880, Nr. 1, S.26/27 zitiert nach Wolfgang Vater, „Bedeutungsaspekte des Mailänder Kongresses von 1880“
  2. Kongressbericht im „Organ“, Nr. 11. und Nr. 12/1880
  3. Zitate aus: „Geschichte des Taubstummenwesens“, P. Schumann, Diesterweg, Frankfurt a. M. 1940.
  4. Ffm. 1940, S. 409
  5. (Dr. Treibel)
  6. zitiert nach Wolfgang Vater, "Bedeutungsaspekte des Mailänder Kongresses von 1880"
  7. zitiert nach Wolfgang Vater, „Bedeutungsaspekte des Mailänder Kongresses von 1880“