Medikalisierung
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Medikalisierung ist die Bezeichnung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, bei dem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus systematischer medizinischer Erforschung und Behandlung rücken, die vorher außerhalb der Medizin standen. Dieser wurde vor allem Mitte des 18. Jahrhunderts beobachtet und beschrieben, ist aber auch heute noch festzustellen.
Obwohl der Begriff in der wissenschaftlichen Literatur deskriptiv gebraucht wird, also ohne den Vorgang positiv oder negativ zu bewerten, wird mit ihm häufig eine kritische Sicht auf unausgesprochen zugrundeliegende Ideen (Vorstellung von wissenschaftlichem Fortschritt und allgemeiner Machbarkeit), sich ausweitende Gesundheits(vorsorge)systeme und weitergehende gesellschaftliche Folgen ausgedrückt.
Besonders skeptisch werden gesehen:
- die medizinische Behandlung von Angelegenheiten, deren Ursache möglicherweise Probleme von gesellschaftlicher Tragweite sein könnten (z. B. sexuelle Unlust, Kinderlosigkeit)
- das zunehmende Angebot medizinischer Dienstleistungen für die Optimierung der Lebensführung statt nur Behandlung von Leiden (z. B. Anti-Aging-Medizin, kosmetische Chirurgie)
- die Tendenz zur Verantwortungsübertragung an Ärzte und (Selbst-)Entmündigung der Menschen bei kleineren Beschwerden und Fragen des Wohlbefindens sowie bei natürlichen Lebensphänomenen (Geburt, Tod)
Kritik am Medikalisierungsbegriff bezieht sich entsprechend darauf, dass der Begriff nicht nur zur Beschreibung eines historischen oder sozialen Vorgangs diene, sondern a priori auf einseitige Stellungnahme und Beeinflussung angelegt sei. Er ermögliche kein unabhängiges Urteil über die beschriebenen Zustände sondern trage dieses Urteil von vornherein in sich, habe also die Qualität eines politischen Schlagworts und sei als reaktionäre Reaktion selbst Bestandteil des von ihm kritisierten Geschehens.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- Ivan Illich: Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39204-0
- Roy Porter: The patient’s view. Doing medical history from below. Theory and Society 14 (1985) 175–198
- Michael Stolberg: Heilkunde zwischen Staat und Bevölkerung. Angebot und Annahme medizinischer Versorgung in Oberfranken im frühen 19. Jahrhundert. Diss. med. TU-München 1986
- F. Loetz: Vom Kranken zum Patienten – „Medikalisierung“ und medizinische Vergesellschaftung am Beispiel Badens 1750-1850. Stuttgart 1993
- Sami Timimi: Pathological Child Psychiatry and the Medicalization of Childhood, Brunner-Routledge, 2002, ISBN 1583912169
- Irving Kenneth Zola: Gesundheitsmanie und entmündigende Medikalisierung, in: Illich, Ivan U. a., Entmündigung durch Experten, Reinbek bei Hamburg 1979
- "Kampf ums Herz - Neoliberale Reformversuche und Machtverhältnisse in der 'Gesundheits-Industrie'", Themenheft der Zeitschrift "Widersprüche", Heft 94, 2004.
- Peter Conrad: The Medicalization of Society: On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2007

