Melle (Deux-Sèvres)

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Melle
Melle (Frankreich)
Melle
Region Poitou-Charentes
Département Deux-Sèvres
Arrondissement Niort
Kanton Melle
Koordinaten 46° 13′ N, 0° 9′ W46.221944444444-0.145135Koordinaten: 46° 13′ N, 0° 9′ W
Höhe 87–174 m
Fläche 9,76 km²
Einwohner 3.667 (1. Jan. 2011)
Bevölkerungsdichte 376 Einw./km²
Postleitzahl 79500
INSEE-Code
Website http://www.ville-melle.fr/

Melle ist eine französische Gemeinde mit 3667 Einwohnern (Stand 1. Januar 2011) im Département Deux-Sèvres in der Region Poitou-Charentes.

Geographie[Bearbeiten]

Die kleine Ortschaft liegt knapp 60 Kilometer südwestlich von Poitiers an der Via Turonensis, dem westlichsten der vier Jakobswege in Frankreich. Bis Bordeaux sind es noch etwa 200 km. Das Gemeindegebiet wird vom Fluss Béronne in Nord-Süd-Richtung durchquert, an der südlichen Gemeindegrenze verläuft die Légère.

Geschichte[Bearbeiten]

Melle hieß in der Antike Metullum − ein Name, der entweder vom keltischen Wort metl ('Anhöhe' oder 'Einfriedung') hergeleitet wird, der aber auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem lateinischen Begriff metallum aufweist. So ist denn auch bereits für die römische Zeit die Förderung von Blei- und Silbererz (Galenit) nachgewiesen. Das Silbervorkommen nutzten auch die Merowinger und Kapetinger; sie betrieben bereits im frühen Mittelalter in der Stadt eine bedeutende Münzprägestätte und sicherten ihr damit über Jahrhunderte einen dauerhaften Wohlstand. Geprägt wurden vor allem Obolus und Denarius. Das nebenbei anfallende Blei wurde über Jahrhunderte zum Eindecken von Kirchen und Kathedralen gebraucht. Ab dem Hochmittelalter wurden die Minen nur noch sporadisch betrieben und gerieten in Vergessenheit, bis sie im Jahre 1830 wiederentdeckt wurden.

Gleichzeitig partizipierte Melle am regen Pilgerstrom nach dem noch beinahe 1200 km entfernten Santiago de Compostela. Aus dieser Blütezeit stammen die drei bedeutenden romanischen Kirchen, die von der ehemaligen Bedeutung der Stadt zeugen.

Während des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) zwischen England und Frankreich kam Melle vorübergehend (1363-1370) unter englische Herrschaft. In der Zeit der Hugenottenkriege wurde der Ort belagert und in Mitleidenschaft gezogen − der königliche Statthalter wurde gehängt. Katharina von Medici traf ihren Neffen, den späteren französischen König Heinrich IV., im Jahre 1586 in Melle.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Wichtigster Wirtschaftsfaktor ist die Landwirtschaft und hier vor allem die Viehzucht. Früher wurden auch Esel und Maultiere gezüchtet, die jedoch im Rahmen der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft nicht mehr benötigt werden.

Ansonsten prägen Handwerk und Kleinhandel das Wirtschaftsleben der Kleinstadt. Aus der Produktion von Zucker und Äthylalkohol im 19. Jahrhundert ging im 20. Jahrhundert ein mittelständisches Chemiewerk hervor.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr 1975 1982 1990 1999 2006 2010
Einwohner 4.402 4.119 4.003 3.845 3.659 3.657

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Kirchen[Bearbeiten]

St-Hilaire[Bearbeiten]

Hauptartikel: St-Hilaire de Melle

St-Savinien[Bearbeiten]

Kirche Saint-Savinien

Die älteste romanische Kirche von Melle heißt St-Savinien und stammt aus dem späten 11. oder beginnenden 12. Jahrhundert. Sie liegt auf einem Hügel im Stadtzentrum. Ihr Name bezieht sich auf den hl. Savinien, einen der Erzbischöfe von Sens. St-Savinien ist eine einschiffige Saalkirche mit Querhaus. Sie diente ursprünglich als Schlosskapelle einer Burg, die selber aber in der Revolution restlos zerstört wurde. 1965 ist der Bau restauriert worden. Er strahlt noch eine große archaische Strenge aus, die hochliegenden Fenster sind − wie fast immer in der frühen Romanik − klein und schlank, die Mauern wirken außerordentlich massiv.

Im Jahr 1801 hat man die Kirche trotz ihres Alters zum Gefängnis umfunktionalisiert und das blieb sie bis 1926. Heute dient sie als Ausstellungsraum und Konzertsaal für das Musikfestival.

Das Schiff mit seinem klarem rechteckigen Grundriss besitzt keine steinerne Einwölbung. Auf den unverputzt gebliebenen Wänden aus Bruchsteinmauerwerk, ohne Pfeilervorlagen oder ähnliche Strukturen, ruht der − ehemals vielleicht offene − Dachstuhl, von dem nur noch einige, das Schiff waagerecht überspannenede Zuganker aus Holz zu sehen sind. Er ist im 19. Jahrhundert unterseitig mit einer im Querschnitt rundbogenförmigen Holzschalung verkleidet worden, und täuscht somit ein echtes Tonnengewölbe vor.

Vierung, Querhaus und Chorapsis haben dagegen steinerne Gewölbe. Die Vierung ist von einer sehr hoch in den Turm hinaufreichenden Kuppel eingewölbt. Sie ruht unmittelbar auf einem oktogonalen, gleichseitigen Tambour, der wiederum von vier Trompen unterstützt wird, die vom Achteck in die Form des Vierecks darunter überleiten. Bei genauem Hinsehen kann man erkennen, dass die weiß getünchte Kuppel acht radiale Grate besitzt, die nach oben hin immer flacher werden. Im Scheitel der Kuppel gibt es eine kreisförmige Aussparung, die von einer ringförmigen Einfassung von Keilsteinen eingerahmt wird.

Die weitgehend schmucklose Westfassade stammt eventuell noch aus dem ausgehenden 11. Jahrhundert und unterscheidet sich von den Kirchen der Umgebung: Massive Strebepfeiler stützen den Bau und rahmen zwei hohe seitliche Blendarkaden. Das Portal hat ein dachförmiges − leider bereits stark verwittertes − Tympanon, welches auf eine möglicherweise auvergnatische Bauschule verweist (vgl. Prioratskirche Thuret). Es zeigt Christus in einer runden Mandorla, seitlich begleitet von zwei Löwen. Das linke Kapitell zeigt ein Bestiarium mit stehenden Löwen, das rechte Flechtbandwerk.

Die Kirche hat noch ein zweites Portal, welches ins südliche Querhaus führt; es hat − wie im Poitou üblich − kein Tympanon, dafür aber schöne Archivoltenbögen. Interessant ist auch der Chorbereich von außen: Die große Chorapsis wird von vertikalen Diensten gegliedert und ist kaum dekoriert. Auch der zweigeschossige Vierungsturm ist vollkommen schmucklos.

St-Pierre[Bearbeiten]

Kirche Saint-Pierre

Die dreischiffige Kirche St-Pierre, die dritte romanische Kirche des Ortes stammt ebenfalls aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Trotz ihrer drei Schiffe gehört sie zu den kleineren Kirchen; sie hat keinen Umgangschor, sondern lediglich eine Hauptapsis mit zwei Nebenapsiden, deren Fenster von außen aufwendig mit plastischen Dekorationsbändern umgeben sind. Die Joche des Langhauses mit seinen Spitztonnengewölben werden von schweren Gurtbögen getrennt.

Zwei Kapitelle, eins mit der Darstellung eines Dornausziehers und ein anderes mit einer schönen − an burgundische Arbeiten erinnernden − Darstellung der Grablegung Christi sind besonders hervorzuheben. Die übrigen zeigen zumeist Rankenwerk, Vögel etc.

Das Südportal gleicht in seinem Aufbau dem Nordportal von St-Hilaire − allerdings sind die Archivolten leicht angespitzt. In der Nische über dem Portal sitzt Christus auf seinem Thron, umgeben von Figurenresten, die als Jungfrau Maria und Johannes gedeutet werden.

Weitere Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Melle weist zusätzlich zu den weithin bekannten Kirchen noch andere Sehenswürdigkeiten auf:

Hôtel de Ménoc; im Hintergrund der Vierungsturm von St-Savinien
  • Das Hôtel de Ménoc stammt in Teilen noch aus dem 15. Jahrhundert; im 19. Jahrhundert fanden Umbauten statt. Es dient heute als Gerichtsgebäude.
  • Das ehemalige Gebäude des Couvent des Capucins (Kapuzinerkloster) stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert und dient heute der Stadtverwaltung.
  • Der sogenannte Temple war das ehemalige Gotteshaus der Protestanten von Melle und liegt unmittelbar am ehemaligen protestantischen Friedhof.
  • Das Lavoir de Loubeau genannte Waschhaus vom Ende des 18. Jahrhunderts mit seinem langgestreckten Becken erhielt im 20. Jahrhundert ein Dach. Das Lavoir de Villiers genannte Waschhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hat ein ovales Becken.
  • Das Musée des Motocyclettes Monet et Goyon zeigt Kleinmotorräder aus den Jahren 1920 bis 1950.
  • Im Marché de Melle, einer historischen Markthalle aus dem 19. Jahrhundert, werden an Markttagen Gemüse sowie Fleisch-, Fisch- und Brotwaren angeboten.
  • Die Mines d'argent, die mittelalterlichen Blei- und Silbererzminen unterhalb der Stadt wurden im Jahre 1830 wiederentdeckt. Sie gehören zu den wenigen − in Teilen begehbaren − mittelalterlichen Bergwerken Europas. Außerdem kann das uralte Handwerk der Münzprägerei nachempfunden werden.
  • Das Arboretum ist ein Baumlehrpfad entlang einer stillgelegten Eisenbahnstrecke.
  • In der Innenstadt sind diverse neuere Kunstwerke (Kunst im öffentlichen Raum) verteilt. Der Pont aux Roses ist eine rosafarbene, nirgendwohin führende acht Meter lange metallene Brückenskulptur, die − aufgrund der enormen Kosten nicht ohne kritische Stimmen − im Jahr 2002 auf einem zentralen Platz der Stadt aufgestellt wurde. Daneben befindet sich eine Brunnenanlage mit dem Mosaik „Bestiaire Imaginaire“.

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Melle ist partnerschaftlich verbunden mit dem deutschen Melle in Niedersachsen und mit der rumänischen Kleinstadt Hațeg.

Berühmte Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thorsten Droste: Das Poitou. Westfrankreich zwischen Poitiers und Angoulême - die Atlantikküste von der Loire bis zur Gironde. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-4456-2, S. 150ff.
  • Dorothee Seiler: Saint-Hilaire in Melle und die romanischen Hallenkirchen des Poitou. Tuduv-Verlag, München 1993, ISBN 3-8316-7489-2.
  • WHC Nomination Documentation (PDF, 93 MB), Bewerbungsunterlagen für die Ernennung zum Welterbe, hier: Abschnitt „Melle, Eglise Saint-Hilaire“

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Melle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien