Michael Marullus

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Michael Tarchaniota Marullus, griechisch Marules (Μαρούλης) (* ca. 1458; † 10. April 1500) war ein humanistischer Gelehrter, lateinischer Dichter und Soldat griechischer Herkunft.

Der Dichtersoldat von Sandro Botticelli, um 1496

Leben[Bearbeiten]

Seine Lebensgeschichte liegt größtenteils im Dunkeln. Höchstwahrscheinlich wurde er in der Nähe des antiken Sparta im Despotat Morea auf der Peloponnes geboren. Vor der ottomanischen Expansion in den 1460er Jahren floh er mit seinen Eltern nach Ragusa in Kroatien, wo er seine Kindheit verbrachte. Von dort zog die Familie weiter nach Italien. Dort reiste Marullus als Verfasser lateinischer Dichtung und glühender Verfechter eines Kreuzzugs gegen die ottomanischen Türken von Stadt zu Stadt. Um sein unterjochtes Vaterland von der Zwangsherrschaft zu befreien, wollte er zu den Waffen greifen und schloss sich dem König von Frankreich an, als dieser einen Kreuzzug plante. Durch seine Dichtung kam Marullus mit einer großen Zahl einflussreicher Persönlichkeiten seiner Zeit in Kontakt, auch mit Päpsten, Königen und Mitgliedern der Familie der Medici. In Florenz heiratete er die gelehrte Alessandra Scala. Am 10. April 1500 ertrank er mit seinem Pferd in dem Fluss Cecina in der Nähe von Volterra.

In der einzigen substantiellen Biographie des Marullus entwirft Carol Kidwell das wahrlich spektakuläre Leben eines Dichtersoldaten, der durch exotische Länder zieht, Gedichte an den Rändern des Schwarzen Meeres verfasst und an einem Feldzug von Vlad III. Drăculea (Dracula) teilnimmt. Doch zeigt Kidwell sich nicht für die manipulativen Strategien in Marullus' "autobiographischen" Gedichten empfänglich. Diese sind von Karl Enenkel mit ihren Implikationen in seinem Kapitel zu Marullus untersucht worden.[1] Enenkel vertritt die Ansicht, dass Marullus wahrscheinlich nicht in Konstantinopel geboren wurde, sondern erst, nachdem die Stadt 1453 vom Osmanischen Reich erobert worden war.

Werke[Bearbeiten]

Marullus verfasste eine reiche Sammlung von Epigrammata in vier Büchern. Seine besten Liebesgedichte wurden von Pierre de Ronsard und anderen nachgeahmt. Außerdem auch eine Sammlung von Hymnen, die Hymni naturales, in denen er das antike Olympische Pantheon feiert, sowie eine Sammlung von Neniae. Seine Institutiones principales, ein Prinzenspiegel, blieben unvollendet. In seinen Werken ist Marullus sowohl antiken Vorbildern wie etwa Vergil als auch humanistischen Dichtern und Gelehrten wie Petrarca verpflichtet. Polizians sexuelle Interpretation des catullischen passer, die er mit Pontanus diskutierte, lehnt er jedoch ab. Neuplatonisches Gedankengut ist insbesondere in den Hymnen zu greifen. Als Bewunderer des römischen Dichterphilosophen Lukrez schlug er einige wertvolle Emendationen vor, die weiterhin in modernen textkritischen Editionen des Lukrez berücksichtigt werden.

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

Editiones principes et veteres

Moderne Edition

  • Michaelis Marulli carmina. A cura di Alessandro Perosa (Zürich, 1951).
  • Michael Marullus: Poems [lat.-engl.]. Translated by Charles Fantazzi (I Tatti Renaissance Library, 54). Cambridge, Ma. / London: Harvard University Press 2012 (xx,475 S.).

Übersetzungen

  • Hymni.
    • Kosmos und Mythos. Die Weltgotthymnen und die mythologischen Hymnen des Michael Marullus. Text, Übersetzung und Kommentar von Christine Harrauer. Wien 1994 (Wiener Studien, Beihefte 21).
    • Drei neapolitanische Humanisten über die Liebe: Antonius Panormita, „Hermaphroditus“; Ioannes Pontanus, „De amore coniugali“; Michael Marullus, „Hymni naturales“. Itinera classica, Bd. 3. Hg. v. Nikolaus Thurn. Verlag Scripta Mercaturae, St. Katharinen 2002, ISBN 3-89590-133-4.
    • „Hymni naturales“. Erste deutsche Gesamtübersetzung: „Hymnen an die Natur“. Einleitung, Text, Übersetzung und Anmerkungen von Otto Schönberger. Königshausen & Neumann, Würzburg 1996, ISBN 3-8260-1186-4 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
    • It. v. Donatella Coppini (Florenz, 1995).
    • Fr. v. Jacques Chomarat (Genf, 1995).
  • Institutiones.
    • Michael Marullus: Institutiones Principales - Prinzenerziehung. Lateinischer Text, Einleitung, erste Übersetzung von Otto Schönberger. Königshausen & Neumann: Würzburg 1997.

Literatur[Bearbeiten]

  • G. Corsinovi: Affinità e suggestioni petrarchesche negli Epigrammata di Michele Marullo. In: Studi di Filologia e Letteratura. 2-3, 1975, S. 155–173.
  • Benedetto Croce: Michele Marullo Tarcaniota: le elegie per la patria perduta ed altri suoi carmi. Bari 1938.
  • Carol Kidwell: Marullus, Soldier Poet of the Renaissance. Duckworth: London 1989.
  • Walther Ludwig: Antike Götter und christlicher Glaube – Die „Hymni naturales“ von Marullo (Berichte aus den Sitzungen der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, Jg. 10, Heft 2). Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 1992, ISBN 3-525-86257-1; dazu die Rezensionen: Jürgen Blänsdorf: Arcadia 29 (1994), S. 199-202; Fidel Rädle: Anzeiger für die Altertumswissenschaft 47 (1994), Sp. 109-111.
  • Eckard Lefèvre, Eckart Schäfer (Hrsg.): Michael Marullus: ein Grieche als Renaissancedichter in Italien (NeoLatina, Bd. 15). Narr: Tübingen 2008, ISBN 978-3-8233-6435-1. dazu die Rezension: Werner J. C. M. Gelderblom In: Bryn Mawr Classical Review. 2009.09.70.
  • A. Piras: La querelle entre Marulle et Politien sur trois passages catulliens. In: Revue des Études Latines. 32 (2004), S. 32–35.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Enenkel: Die Erfindung des Menschen: Die Autobiographik des frühneuzeitlichen Humanismus von Petrarca bis Lipsius. Berlin 2008, S. 368–428 (Kapitel XIV: Todessehnsucht am Schwarzen Meer: Michael Marules' lyrische Autobiographik im "Exilgedicht" ("De exilio suo"; 1489/90; 1497) und anderen Gedichten)