Omphalos
Der Omphalos (griech.: „ὀμφαλός“, „Nabel“) war ein phallischer Stein im Adyton des Apollon-Tempels in Delphi. Er war mit Wollgirlanden (Agrenon) überzogen und markierte den „Nabel der Welt“.
Der Omphalos soll der Sage nach als Meteor vom Himmel gefallen sein. Er wurde im Heiligtum des Apollon verehrt. Ursprünglich war er vermutlich ein Opferstein der Göttin Gaia und markiert die Stelle, an der sich die von Zeus im äußersten Westen und im äußersten Osten entsandten Adler in der Mitte der Welt getroffen haben. Unter ihm befindet sich angeblich das Grab des Dionysos. Mit „Omphalos“ wurde später auch der auf dem Forum Romanum aufgestellte Umbilicus bezeichnet. Dieser Stein galt den Römern als Mittelpunkt der Welt.
Neben Apollo werden auch Asklepios-Statuen mit dem Omphalos dargestellt. Möglicherweise liegt eine Übertragung des Attributs von Apollo vor.
In Delphi befand sich auch der Stein, den Rhea dem Mythos zufolge statt des neugeborenen Zeus ihrem Gatten Kronos zum Verschlingen gab und den Kronos später ausspuckte. Der Stein des Kronos wurde ähnlich wie der Omphalos und andere Baityloi verehrt und kann daher mit diesem verwechselt werden.
Als Omphalos-Schale bezeichnet man in der antiken Keramik einen Typ von flachen runden Schalen, die mit einem Mittelbuckel versehen sind und als Opferschalen dienten. Davon abgeleitet wird gelegentlich die zentrale Aufwölbung von Schalen auch späterer Kunstepochen als Omphalos benannt; sie hatten oft nur noch dekorativen Sinn oder dienten als Widerlager für den Standring zugehöriger Kannen.
Kosmologischer Ursprung: Sowohl die mythologische, die allegorischen Bildhaftigkeiten des Omphalos-Steins als auch die griechische oder römische Bezeichnung lassen den Omphalos als ursprüngliches Sinnbild der Himmelsachse erkennen, wie es bereits im europäischen Neolithikum weit verbreitet war. Urformen sind Dolmenmenhire mit ideografischen Sinnbildern des rotierenden Kosmos oder beispielsweise auch der heute gestürzte und zerborstene Altarstein von Stonehenge. Mutmaßlich sind viele der europaweit verbreiteten megalithischen Einzelmenhire als örtlich fixierte kosmische Symbolik des Himelspfeilers zu betrachten, etwa der gewaltige "Grand Menhir brise", die schon damals den jeweiligen Kultgemeinschaften als Zentrum der Welt gegolten haben dürften. Der delphische Omphalos belegt diese ursprünglich kosmologische Bedeutung zweifelsfrei durch sein hohles Inneres und das aufgelegte Gitternetz aus verknoteten Wollgirlanden. Als glockenartig hohles Gebilde entspricht er sinnbidlich der über das Erdrund gestülpten Allglocke. Die kreuzweise angelegten Girlanden auf seiner Außenhaut entsprechen astronomischen Großkreisen zur Orientierung und Einteilung des Himmelszeltes. Die Kreuzungsstellen der großkreise aber wurden als Knoten dargestellt und ebenso verstanden. Aus seiner durch das schräge Gitternetz noch verstärkten Ähnlichkeit mit einem Koniferenzapfen lässt sich der Omphalos-Zapfen auch als Weltei verstehen, als Symbol kosmischer Samung bzw. himmelsgöttlicher Selbstzeugung aus dem Zentrum des Universums heraus. Pivot (franz. Zapfen) bezeichnet noch heute einen ebensolchen Lagerzapfen, um den ein Kran, Bagger oder ein Geschütz gedreht werden kann.** Die französische Bezeichnung basiert also eindeutig noch auf der alten kosmischen Vorstellung vom Himmelspfeiler als Zentrumsachse des sichtbar kreisenden Kosmos.
Delphi war auch nicht von ungefähr Orakelstätte. Der Ursprung seines Orakles lag, wie vermutlich schon im südenglischen "Stonehenge" der Bronzezeit, unter anderem im Bemühen um die seherische Vorhersage von Finsternissen. Die wiederum entspringen dem diametrischen Knotenumlauf der Mondbahn um die Himmelsachse entlang der Ekliptik. Darauf verweist die Mythologie zum Orakel. Apollon, der Lichtgott erschlug das alte delphische Ungeheuer Python, einen schlangenförmigen Drachen (lat.: draco). Der war das althergebrachte, bronzezeitliche Sinnbild der sinusförmigen Ekliptik mit ihren zwei drakonitischen Finsternisknoten - Drachenkopf und Drachenschwanz. Apollon übernahm fortan die Hüterfunktion des Orakels von Delphi. Er und seine Zwillingsschwester Artemis (jungfräuliche Göttin der (Finsternis-?)Jagd und Mondgöttin) sind die beiden Lichtgötter, die häufig mit einem Krobylos genannten Haarknoten dargestellt wurden. Auch der Krobylos ist Sinnbild der Bahnknoten. Apollons Stellvertreter während seiner Abwesenheit aber wurde Dionysos, Gott des Weines und der Lebensfreude, aber auch des geistigen Rausches bzw. generell zeitweiliger geistiger Verwirrung/Umnachtung/Verfinsterung. In dieser finsternisbezogenen Funktion zeigt sich entweder eine ursprüngliche Bedeutung als Gott der Finsternisse bzw. seine spätere antike Zuordnung zu den Finsternisphänomen. Die begründet nicht nur sein vermeintliches Grab unter dem Omphalos von Delphi, sondern auch seine teriomorphen Erscheingen als Stier (Sinnbild der Himmelsdrehung) bzw. als Raubkatze (spätere Sinnbilder für Finsternisse oder für den reißenden Jäger der Finsternisdämonen) und ebenso seine allegorischen fähigkeiten des Bindens, Knotens und Haltens. Derselbe Finsternisaspekt kommt ebenso in seiner Vereinigung mit der kretischen Göttin Ariadne zum Tragen, Halbschwester des kretischen Minotaurus, der die personifizierte Finsternis darstellt. Die Verwendung von schwarzen und weißen Steinen für die Orakelsprüche in Delphi belegen ihrerseits die ursprüngliche Bedeutung des Heiligtums für die Finsternisvorhersage. Der Name der Orakelstätte dürfte sich im Übrigen von dem unvorhersehbaren Auf- und Abtauchen Schiffe begleitender Delphine herleiten - möglicherweise ein minoisches Sinnbild für Orakeln. Man vergleiche dazu die Delphindarstellungen im Palast von Knossos der minoischen Kultur, im so genannten "Megaron der Königin".*** Den Raum schmückt ein Delphinfresko, auf welchem 5 Delphine sinnbildlich um ein unsichtbares Zentrum kreisen. Er enthielt zudem eine Art Bassin oder Wanne, vermutlicher Aufenthaltsort von Schlangen, und diente womöglich einer Schlangenpriesterin im Dienste der "Potnia labirintoijo" als Orakelstätte, bevor die neuen mykenischen Herren den geflügelten Löwen, den Greif als Sinnbild der beiden Finsternisknoten einführten und die Wände mit ihren Symbolen übertünchten. Entweder die Schlangenpriesterin, wahrscheinlicher aber die Göttin des Labyrinths selbst sehen wir vermutlich in der berühmten minoischen Fayenceplastik einer barbusigen Frauenfigur, mit großen, drohend blickenden Augen, in den erhobenen Händen je eine Schlange und mit einer hockenden Katze auf ihrer kreisrunden Kopfbedeckung (Original: archäologisches Museum Heraklion, Kreta). Die zwei Schlangen sind minoische Sinnbilder der Eklptik mit den zwei Finsternisknoten als Schlangenhäupter (vergl. oben: Python). Die Katze auf dem Kopf diente sowohl als Gleichnis für "Sehen in der Finsternis", wie ihr Platz auf dem Kopf, als Sitz des menschlichen Verstandes, hier speziell die sinnbildliche Verbindung zum "hellseherischen, also orakelnden Wissen um die Finsternisse" herstellt. Für die seherischen Qualitäten der Dame sprechen sicher auch ihre aufgerissenen Augen. Der rotationskörperähnliche Volantrock der Göttin und ihre Schürze mit Rautensymbolik weisen sie fast zwingend als Himmelsgöttin aus, als weibliches Sinnbild der Allsäule. (Ähnliche weibliche Gottheiten als Sinnbild der Allsäule unter einer doppelten Schlangenhörnerkrone und der Doppelaxt, flankiert von zwei Löwen oder greifen, finden sich auf minoischen bzw. mykenischen Siegelsteinen. Sie begründen vermutlich den antiken Mythos vom kretischen Minotaurus.) Ihre kreisrunde Kopfbedeckung mit schwarzen Kreisen daran symbolisiert wohl ergänzend die himmlische Rotation der finsteren Knotenpunkte. Sie war allem Anschein nach jene minoische Göttin der finsternisgebärenden Ekliptik, deren Wesensmerkmale später mit dem finsternismythologischen Kreis um König Minos, seinem Weib Pasiphae, dem Minotaurus, Ariadne und Dionysos an die patriachalisch dominierte Göttermythologie der Griechen angepasst wurde. Das häufige minoische Sinnbild des Kultpfeilers unter dem Doppelaxtsymbol entsprach gleichermaßen wie die "Schlangengöttin" dem Himmelspfeiler unter dem kosmischen Sinnbild der Himmelsdrehung - ebenso, wie der griechische Omphalos oder der Djed-Pfeiler der Ägypter.
Aus all diesen Aspekten leitet sich einerseits zwingend das hohe Alter der delphischen Orakelstätte und der kultische Ursprung seines Prinzips vom kosmischen Zentrum auf Erden ab. Andererseits aber lassen bereits diese wenigen Belege eine, zumindest in der alten Welt, einheitliche und etwa gleichzeitige Entwicklung ähnlicher kosmologischer Vorstellungen erahnen, deren Ursprung überall zwischen 5. u. 4. Jt. v. Chr. zu suchen ist. In jener Zeit, als die Ekliptik mitten zwischen den Hörnern des Sternbildes "Tauros" (gr.: Stier) verlief. Für die Menschen jener Zeit muss es gerade bei diesem markanten Sternbild so ausgesehen haben, als hätten übernatürliche Mächte die Sterne eigens so an den Himmel gesetzt, dass der Mond ausgerechnet zwischen den beiden Hörnern des Stieres bei seinen allnächtlichen Umläufen hin und her pendelte. Diese damalige astronomische Besonderheit begründete allenthalben den kosmologischen Stierkult, der sich bei den Sumerern und Babyloniern, bei den Ägyptern, Minoern und Mykenern, den kleinasiatischen Hochkulturen, den Donaukulturen wie auch den neolithischen Kulturen im mittleren und westlichen Europa zweifelsfrei nachweisen lässt. In seiner Folge entstand schließlich auch die kosmische Idee vom Himmelspfeiler, an den der den Himmel scheinbar drehende Himmelsstier gebunden war. Diesem Gleichnis wiederum entspringt das später kosmologisch weiter ausgebaute Sinnbild des Omphalos. Selbst noch in der mittelalterlichen Runenmythologie mit dem Silbenzeichen "ti" oder der heiligen "Irminsul", dem Weltenbaum der vorchristlichen Germanenstämme reflektiert die Idee von der auf der Erde fußenden Allsäule und sie hat sich wohl bis heute in den ländlichen Traditionen des Maibaumschmückens und des kreisenden Tanzes drum herum an langen Bändern erhalten.
Literatur [Bearbeiten]
- Lexikon der Kunst, Bd. 3, Leipzig 1975, S. 631
- Wahrig: "Fremdwörterlexikon", Stichwort: Pivot, S. 769, dtv München, 2. Auflage 2009
J. Lesley Fitton: "Die Minoer" - Megaron der Königin mit Delphinfresko, Abb. S. 107, "Schlangengöttin" Abb. Farbtafel S. 96 (ff), Theiss, Stuttgart 2004 Britta Verhaagen: "Die uralten Götter Europas und ihr Fortleben bis heute", Irminsul, SS. 180 - 185, Grabert, Tübingen 1999
Weblinks [Bearbeiten]
- Orakel am Nabel der Welt (Version vom 13. September 2007 im Internet Archive)
- File:Schlangengöttin Kreta asb 2004 PICT3388.JPG - Wikimedia ...