Onryō

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Buchillustration von Katsushika Hokusai, Erscheinung eines Onryō (links), 1808

Der Onryō (jap. 怨霊, zu dt. „Rachsüchtiger Geist“ oder auch „Zorniger Geist“) ist ein fiktives Geisterwesen der japanischen Mythologie. Er zählt zur Gruppe der Yūrei und gilt als bösartig.

Beschreibung[Bearbeiten]

Onryō werden als die Seelen Verstorbener beschrieben, die einen besonders langsamen und qualvollen, oft durch Mord oder Krankheit herbeigeführten Tod starben. Das Gefühl der Ungerechtigkeit und der daraus resultierende Drang nach Rache ist im Augenblick des Todes so stark, dass der Geist in dieser Spirale des Zorns und der Ruhelosigkeit gefangen ist und nicht ins Jenseits übergehen kann (oder will). Der Onryō ist für gewöhnlich gestaltlos, kann aber das Aussehen des Verstorbenen, aus dem er entwich, annehmen und sogar handgreiflich werden. Er kann aber auch den eigenen, ehemaligen Körper wie eine Marionette steuern. Manche Onryō sind so stark, dass sie von anderen, noch lebenden Personen Besitz ergreifen können und diese dann meist in den Selbstmord treiben. Auch typisch für die Anwesenheit eines Onryō können verschiedene Poltergeistaktivitäten, wie zerspringendes Glas und umherfliegende Möbel sein. Durch eine aufwändige Zeremonie namens Chinkon-sai (鎮魂祭, zu dt. „Totenmesse“) sowie durch Errichtung eines Schreins soll es möglich sein, einen rachsüchtigen Geist zu läutern und zu besänftigen. Er verwandelt sich dann in einen sogenannten Goryō (御霊, zu dt. „Erlauchter Totengeist“), der nun eine abgestufte Form des Onryō darstellt und nach seiner Läuterung in die Gruppe der Kami erhoben wird.

Tradition[Bearbeiten]

Der Glaube an die Existenz von Onryō entspringt dem traditionellen Shintoismus und kann bis in die Heian-Zeit (794–1185) zurückverfolgt werden. Heute glauben besonders Jugendliche an Onryō und deren gefährlichen Kräfte.

Zu den bekanntesten Überlieferungen eines Onryō gehört jene des Schreins Kitano Tenman-gū des Hofadligen Sugawara no Michizane (845–903) in Heian-kyō (Kyōto). Michizane, auch unter dem Beinamen Tenjin (天神) bekannt, soll durch eine Intrige vom Kaiserhof verbannt worden sein. Noch bevor das Fehlurteil gegen ihn wieder aufgehoben werden konnte, verstarb Michizane. Bald darauf soll Michizane als Onryō in Gestalt eines gehörnten Donnergottes zurückgekehrt sein und den Hofstaat mit Naturkatastrophen und ungewöhnlichen Toden gestraft haben. Daraufhin errichteten die Kyotoer einen Schrein, um Michizane zu besänftigen und sprachen ihm postum alle Ehrungen und Hofrangtitel zu, die ihm zu Lebzeiten verwehrt worden waren. Heute befindet sich, neben Kyōto, auch in Kyūshū ein sogenannter Tenjin-Schrein.

In der chinesischen Mythologie sind ebenfalls „rachsüchtige Geister“, Guī shā (chinesisch 鬼煞) genannt, vertreten. Dem chinesischen Volksglauben nach entstehen diese durch das Ausbleiben oder der absichtlichen Unterlassung einer würdevollen Bestattung des Verstorbenen. Sie sollen als Jīangshī (chinesisch 僵尸Wiedergänger‘) erscheinen.

Moderne[Bearbeiten]

Onryō sind ein häufig thematisiertes und populäres Motiv in japanischen Mangas, Anime und besonders Horrorfilmen. Bekannte Beispiele hierfür sind unter anderem Ju-on, Ringū und Dark Water. In diesen Movies werden Onryō als Frauen in langen, weißen Kleidern und mit knielangen, pechschwarzen Haaren dargestellt. Nach einem gewaltsamen und ungerechten Tod kehren die Frauen als Rachegeist zurück und verfolgen ihre Opfer, bis diese selbst zu Tode kommen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Kuroda Toshio: The world of spirit pacification: Issues of state and religion. In: Japanese Journal of Religious Studies 23/3-4. Nanzan Institute Press, Nagoya 1996, ISSN 0304-1042, S. 321–351.
  • Donald H. Shively, William H. McCullough: The Cambridge History of Japan (= The Cambridge History of Japan: Heian Japan, Bd. 2). Cambridge University Press, Cambridge (UK)1999, ISBN 0521223539, S. 558–564.
  • Roger Goodman, Kirsten Refsing: Ideology and Practice in Modern Japan. Routeledge, London 2002, ISBN 0203035283, S. 91.
  • Ichiro Hori (Author), Joseph M. Kitagawa, Alan L. Miller (Herausg.): Folk Religion in Japan: Continuity and Change (= Haskell Lectures on History of Religions, Bd. 1). University of Chicago Press, Chicago/London 1994, ISBN 0226353346, S. 43–51.
  • Stanca Scholz-Cionca: Aspekte des mittelalterlichen Synkretismus im Bild des Tenman Tenjin im Nô (= Münchener ostasiatische Studien, Bd. 59). Steiner, Stuttgart 1991, ISBN 3515056238, S. 7–9 & 18–20.

Weblinks[Bearbeiten]