Overstolzenhaus

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Haus der Overstolzen (1230)

Das Kölner Overstolzenhaus gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt Köln, ist das älteste erhaltene Patrizierhaus Deutschlands und wurde überwiegend als Wohnhaus genutzt. Es liegt etwas versteckt in der Rheingasse 8, Altstadt-Süd.

Geschichte[Bearbeiten]

Overstolzenhaus (Lithografie um 1843 von August Schott)

Das romanische Patrizierhaus mit den markanten Stufengiebeln wurde etwa 1230 von Blithildis Overstolz errichtet. Die Entstehungszeit ist bauhistorischen Untersuchungen zufolge um 1230 anzunehmen.[1] Blithildis (* 1175, † 1290) war die Tochter des Stammvaters der Dynastie, Gottschalk Overstolz. Sie hatte den Ritter Werner von der Schuren geheiratet, der den Namen Overstolz bei der Hochzeit mit Blithildis angenommen hatte. Nachdem er den Aufstieg ins Schöffenkollegium erreicht hatte, baute er dieses Haus mit seiner Frau zur Erinnerung und zur wirtschaftlichen Nutzung durch seine Handelsfamilie. Werner Overstolz war damit ein Mitglied der Overstolzen, einer reichen Kaufmannsfamilie, die im Krieg zwischen den Kölner Bürgern und der Kirche eine wichtige Vermittlerrolle spielte.

Das Haus hieß damals in den Schreinsbüchern bis 1257 „Haus zur Scheuren“ (ad horreum) und besaß damit den ursprünglichen Namen des Ritters Werner von der Schuren, für dessen gesellschaftlichen Aufstieg der Stammvater Gottschalk die Weichen gestellt hatte.[2] Werner und Blithildis vermachten das Haus 1255 ihrem Sohn Johannes Overstolz (* 1195, nach † 1255); die Besitzer haben nachfolgend anscheinend nur im Erbgang gewechselt und offensichtlich teilweise auf eine „Anschreinung“ – also Eintragung in den Schreinsbüchern – verzichtet.[3]

Häufige Eigentümerwechsel[Bearbeiten]

Das Overstolzenhaus gehörte prominenten Eigentümern aus der Kölner Oberschicht. Johannes von der Schuren (jetzt Overstolz) hinterließ es 1269 seinem gleichnamigen Sohn, dessen Kinder das – jetzt wieder „Haus von Schuren“ heißende - Bauwerk 1337 an Everhard Hardevust veräußerten.[4] Hardevust verband es mit den Nachbarhäusern Rheingasse Nr. 4-6. Zunächst blieb es in den Reihen Kölner Patrizierfamilien wie Friedrich Wallrave (1424), Johann von der Reven (ab 1437), für 10558 oberländische Gulden erwarb es Johann Blitterswich (ab 1457), Johann von Merle (ab 1458), danach ging es durch eine Enkelin an die Familie Hardenrath. Philipp Brassard erwirbt es 1628 und verkauft es 1668 wieder. Es folgte Franz Sebastian Georg Freiherr von Leykam (* 5. August 1754, † 23. August 1821), der kurfürstlich Kölnische Gesandte und Rat.[5] Er heiratete 1783 in Köln Maria Sibilla Theresia zum Pütz (* 7. Juni 1754 Köln, † 3. Juni 1784 Mainz), der Erbin des Patriziers Everhard zum Pütz, welcher den Jabachschen Besitz in Köln geerbt hatte.[6] Es folgten die Eigentümer Jacob Wilhelm Mumm (*1779, † 1836), Friedrich Wilhelm Bemberg (* 1711, † 1806) und der Bauunternehmer Burrenkopf.

Bei Herrn von Leykam drohte dem Overstolzenhaus der Abriss. Als jedoch im Oktober 1794 die Franzosen gegen Köln anrückten, setzte sich der Eigentümer von Leykam nach Prag ab, und so blieb der alte Prachtbau stehen.[7] Der letzte Eigentümer Burrenkopf plante ebenfalls 1838 den Abriss zu Gunsten eines Neubaus, doch der Rat der Stadt Köln beschloss am 13. März 1838 den Erwerb, der im Mai 1838 genehmigt wurde.[8] Sie beauftragte den Stadtbaumeister Johann-Peter Weyer mit Umbau und Restauration, während der Maler Michael Welter die Ausschmückung der Räume übernahm. Die Stadt stellte es der Industrie- und Handelskammer zu Köln zur Verfügung, die es zwischen 1843 und 1932 teilweise der Kölner Börse überließ. Am 5. Mai 1893 bezog das Kunstgewerbemuseum einige Räume des Overstolzenhauses, bevor das Museum am 2. Mai 1900 sein neues Museumsgebäude am Hansaplatz einweihen konnte. Zwischen 1899 und 1900 fanden innere Umbauten statt, 1907 erfolgte eine Erweiterung unter dem Stadtbaumeister Hans Verbeek. Am 30. Mai 1942 führten Bombenangriffe zu einem Feuer, die das Haus weitgehend zerstörten. Nach erheblicher Kriegszerstörung waren von der straßenseitigen Fassade lediglich das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss erhalten. Am 21. April 1955 beschloss der Rat der Stadt Köln den aufwändigen Wiederaufbau zu einem repräsentativen Bauwerk.

Gestaltung[Bearbeiten]

Das Overstolzenhaus ist 19,50 Meter lang, 14,50 Meter breit, die Spannweite des breiteren Seitenschiffs beträgt 7,50 Meter. Das gut erhaltene Bauwerk ist ein hervorragendes Beispiel der Romanik in Deutschland. Das Haus besteht aus einem zweischiffigen Keller, zwei Wohngeschossen und vier Speichergeschossen. Empfangs- und Verwaltungsräume des Overstolzenhauses lagen auf unteren Geschossen. Darüber, hinter glaslosen und reich verzierten Fenstern, befand sich der prächtige Festsaal. In einem Raum ist noch eine romanische Wandmalerei erhalten, eines der seltenen Beispiele für Schmuck aus dieser Epoche mit profanem Inhalt: ritterliche Turnierszenen. Den krönenden Abschluss erfährt die Fassade des Gebäudes durch ihren imposanten Treppengiebel. Das Overstolzenhaus ist das einzig erhaltene romanische Patrizierhaus in Köln und zugleich das größte und architektonisch schönste in Deutschland.

Die straßenseitige Fassade war im Gegensatz zur Hofseite aufwändig mit unterschiedlich geformten und verzierten Fenstern sowie einem Stufengiebel gestaltet. Im Erdgeschoss gab es eine asymmetrische Aufteilung: auf der linken Seite waren zwei große Rundbogenfenster, in der Mitte befand sich der Kellerzugang mit einem kleinen Fenster darüber, dann ein den Keller und den Eingangsraum belichtendes geteiltes Stockfenster und schließlich eine Tür mit horizontalem Sturz.

Heute weist das baulich veränderte Erdgeschoss eine Reihe von fünf rechteckigen Fenstern unter Rundbogenblenden mit eingestellten Säulen auf. Im Obergeschoss gibt es fünf, ursprünglich mit Holzläden verschließbare Doppelarkadenfenster mit schlanken Säulen und Blattkapitellen. Über ihnen befinden sich kleine Rundfenster. Eine sog. Kleeblattblende bildet eine durchgehende Umrahmung.

Heutige Nutzung[Bearbeiten]

Seit Oktober 1990 wird das Overstolzenhaus von der neugeschaffenen Kunsthochschule für Medien Köln genutzt, während ein Nebengebäude die Deutsche Gesellschaft für Photographie beherbergt.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Overstolzenhaus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

50.934216.960501Koordinaten: 50° 56′ 3″ N, 6° 57′ 38″ O

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Johann Peter Weyer/Ulrich Bock/Werner Schäfke, Kölner Alterthümer, Band 1, 1993, S. 246
  2. Anita Wiedenau, Romanischer Wohnbau im Rheinland, 1979, S. 38
  3. Hans Reykers, Im Schatten von St. Gereon, 1960, S. 131
  4. Johann Peter Weyer/Ulrich Bock/Werner Schäfke, Kölner Alterthümer, Band 1, 1993, S. 246
  5. 1781–1785 (Mainz), 1785–1794 (Den Haag) und 1794–1803 am Reichstag zu Regensburg
  6. Deutsches Geschlechterbuch, Band 152, 1970, S. 443
  7. Helmut Signon, Wie war zu Köln es doch vordem ...: Geschichte und Geschichten aus zwei Jahrtausenden am Rhein, 1972, S. 104
  8. Ernst Weyden, Das Haus Overstolz zur Rheingasse genannt Tempelhaus, 1842, S. 39