Parlamentswahlen in Georgien 2008

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Parlamentswahl 2008
 %
70
60
50
40
30
20
10
0
59,2
(-7,8)
17,7
(+10,5)
8,7
(n. k.)
7,4
(+1,8)
3,8
(n. k.)
7,0
(-8,1)
Sonst.
2004

2008

Vorlage:Wahldiagramm/Wartung/Anmerkungen
Anmerkungen:
b Vergleichswert 2004: Rechte Opposition
Vorlage:Wahldiagramm/Wartung/KEINFEHLER-Parameter angegeben

Die Parlamentswahlen in Georgien 2008 fanden am 21. Mai 2008 statt. Die Partei des regierenden Präsidenten Micheil Saakaschwili gewann 119 der 150 Parlamentssitze, womit sie über eine Dreiviertelmehrheit im Parlament verfügte.

Vorverlegung des Wahltermins[Bearbeiten]

Nach massiven Protesten der Opposition gegen Präsident Saakaschwili im November 2007, die bis zur Verhängung des Ausnahmezustandes durch den Präsidenten führten, erklärte sich dieser bereit, im Januar 2008 vorgezogene Präsidentschaftswahlen durchzuführen. Bei den Präsidentschaftswahlen am 6. Januar 2008, die Saakaschwili erneut gewann, hatten die Wähler auch über 2 Volksentscheide zu entscheiden: zum einen ging es um die Frage, ob der Wahltermin für die Parlamentswahlen vom Oktober 2008 auf Mai 2008 vorverlegt werden sollte und zum anderen war die Frage zu beantworten, ob Georgien sich um eine Aufnahme in die NATO bemühen sollte. Beide Volksentscheide wurden von jeweils mehr als 75 % der Wähler positiv beantwortet.[1][2][3] Aus diesem Grund erfolgten die Parlamentswahlen schon am 21. Mai 2008.

Die Parteien und Koalitionen, Situation vor der Wahl[Bearbeiten]

Bei der Wahl standen auf der einen Seite die Partei des Präsidenten Micheil Saakaschwili, die Vereinte Nationale Bewegung gegen den Vereinten Nationalrat, ein Oppositionsbündnis aus insgesamt neun Parteien, das von Lewan Gatschetschiladse angeführt wurde.

Im April 2008 offenbarte sich ein tiefgreifendes Zerwürfnis in der Regierungspartei Vereinte Nationale Bewegung (ENM). Parlamentspräsidentin Nino Burdschanadse und ihre Anhänger wurden bei der Zusammensetzung der ENM-Kandidatenliste ausgebootet. 2004 durften sie noch 20 der Listenplätze besetzen, 2008 deutlich weniger. Burdschandse trat daraufhin nicht mehr als Kandidatin zu den Parlamentswahlen an und erklärte: "Ich habe versucht, jene neuen Gesichter auf die Kandidatenliste zu bringen, die nach meiner Auffassung wirklich sehr nützlich für unser Land wären, die sich weiteren wichtigen Reformen verpflichtet fühlen, neue, humanere Strategien einführen würden. Ich bin sicher, dass ohne dringende, und bedeutsame Neuheiten es in vielerlei Hinsicht schwierig wird, das Land effektiv weiterzuentwickeln." [4]

Zwar war ganz Georgien zur Wahl aufgerufen. De facto konnten jedoch in den Regionen Südossetien und Abchasien keine bzw. nur ganz vereinzelt Stimmen abgegeben werden, da diese Gebiete nicht unter der Kontrolle der georgischen Zentralregierung standen. Auch wegen des erneut aufgeflammten Konfliktes um Abchasien, fanden die Wahlen in sehr angespannter Stimmung statt.[5] Präsident Saakaschwili rief seine Landsleute angesichts der drängenden innen- und außenpolitischen Probleme des Landes zu nationaler Geschlossenheit auf. Der Ablauf der Wahl wurde von mehr als 500 internationalen, eigens angereisten Beobachtern verschiedener Organisationen kritisch begleitet.[6]

Unregelmäßigkeiten während der Wahl[Bearbeiten]

Am 29. Mai 2008 gab die Zentrale Wahlkommission Georgiens bekannt, dass die Wahlergebnisse in 27 Wahllokalen annulliert werden sollen, da dort gravierende Unregelmäßigkeiten während der Wahl aufgetreten seien. Zusätzlich waren durch richterliche Anordnung die Wahlergebnisse in 12 weiteren Wahllokalen für ungültig erklärt worden.[7] Damit sind 39 der etwa 3600 Abstimmungslokale ungültig. Die Republikanische Partei Georgiens forderte darüber hinaus auch die Annullierung der Wahlergebnisse im Bezirk Batumi.

Direkt nach der Wahl, internationale Reaktionen[Bearbeiten]

Erste Meinungsumfragen direkt nach der Wahl zeigten, dass die regierende Partei von Präsident Micheil Saakaschwili, die Vereinte Nationale Bewegung die Wahl mit einer eindeutigen Mehrheit gewonnen hatte. Die Wahlergebnisse wurden jedoch von der Opposition schon vor Bekanntwerden der ersten Wahlprognosen als manipuliert bezeichnet und die Opposition rief zu Protesten auf.[8][9] Lewan Gatschetschiladse, der Führer des Oppositionsbündnisses kündigte an, dass die Opposition geschlossen das neugewählte Parlament boykottieren werde. Dies wurde jedoch von einzelnen Parteiführern des Oppositionsbündnisses abgelehnt.[10]

In ersten Reaktionen auf den Wahlausgang begrüßten verschiedene Länder[11], unter anderem auch der Sprecher des Auswärtigen Amts[12] und EU-Kommissar für Außen- und Sicherheitspolitik Javier Solana[13] die weitgehend gewaltfrei und im Großen und Ganzen ohne größere Unregelmäßigkeiten abgelaufene Wahl.

Die offiziellen Ergebnisse[Bearbeiten]

Sitzverteilung im neu gewählten georgischen Parlament.

Die zentrale Wahlkommission Georgiens gab am 5. Juni die offiziellen Endergebnisse bekannt.[14][15]
Die Wahlbeteiligung lag bei 53,9%, 56.099 Stimmen waren ungültig. Es galt eine 5%-Sperrklausel. In 71 von 75 Wahlkreisen errang die Partei von Saakaschwili die Mehrheit der Stimmen. In den Wahlkreisen Zageri und Qasbegi (Stepanzminda) waren Kandidaten der Republikanischen Partei, die aber mit 3,8% landesweit nicht die 5-Prozent-Hürde überspringen konnte, erfolgreich. Auch in 8 von 10 Wahlkreisen der Hauptstadt Tiflis, in der etwa ein Viertel aller Georgier lebt, erhielt die Partei von Saakaschwili die meisten Stimmen. In zwei Wahlkreisen von Tiflis (Wake and Didube) war das 9-Parteien-Oppositionsbündnis erfolgreich. Verglichen zum Landesdurchschnitt erhielt das Oppositionsbündnis in Tiflis deutlich höhere Stimmenanteile.[16]

Parteien und Allianzen mit politischen Führern Wählerstimmen % Wahlkreis-
mandate
Sitze %
Vereinte Nationale Bewegung (Micheil Saakaschwili)
ერთიანი ნაციონალური მოძრაობა
1.050.237 59,18% 71 119 79,3%
Neun-Parteien-Oppositionsbündnis (Lewan Gatschetschiladse)
გაერთიანებული ოპოზიცია (ეროვნული საბჭო, მემარჯვენეები)
314.668 17,73% 2 17 11,3%
Christdemokraten (Giorgi Targamadse)
გიორგი თარგამაძე – ქრისტიან-დემოკრატები
153.634 8,66% 0 6 4,0%
Georgische Arbeiterpartei (Schalwa Natelaschwili)
შალვა ნათელაშვილი – საქართველოს ლეიბორისტული პარტია
132.092 7,44% 0 6 4,0%
Republikanische Partei Georgiens (David Usupaschwili)
საქართველოს რესპუბლიკური პარტია
67.037 3,78% 2 2 1,3%
Wahlblock "Allianz für das Recht"
მემარჯვენე ალიანსი, თოფაძე–მრეწველები (მ.გ.ს., ერთობა, ე.დ.პ.)
15.839 0,93% 0 0 -
Christlich-Demokratische Allianz
ქრისტიანულ-დემოკრატიული ალიანსი (ქდა)
15.852 0,89% 0 0 -
Politische Bürgerunion
ქართული პოლიტიკა
8.231 0,46% 0 0 -
Wahlblock georgische Traditionalisten und Frauenpartei
ტრადიციონალისტები – ჩვენი საქართველო და ქალთა პარტია
7.880 0,44% 0 0 -
Politische Union georgischer Sportler
საქართველოს სპორტსმენთა კავშირი
3.308 0.19% 0 0 -
Nationale radikaldemokratische Partei ganz Georgiens
სრულიად საქართველოს რადიკალ-დემოკრატთა ნაციონალური პარტია
3.180 0,18% 0 0 -
Partei "Unser Georgien"
ჩვენი ქვეყანა
2.101 0,12% 0 0 -
Gesamt 1.850.407 100.0% 75 150 100,0%

Die Stimmenanteile nach Wahlbezirken[Bearbeiten]

Die folgenden Karten zeigen die Wählerstimmen der 4 größten Parteien in den einzelnen Wahlbezirken.

Entwicklung nach der Wahl, Konstituierung des neuen Parlaments[Bearbeiten]

Am 13. Juni 2008 erklärten zwölf gewählte Oppositionspolitiker, unter ihnen der Führer des Neun-Parteien-Oppositionsbündnisses Lewan Gatschetschiladse, dass sie aus Protest gegen die Unregelmäßigkeiten bei der Wahl ihre Parlamentsmandate nicht wahrnehmen würden. Unter den 12 gewählten Abgeordneten befinden sich auch die in den Tifliser Wahlkreisen Vake und Didube gewählten Davit Gamkrelidse und Davit Saganelidse, weswegen in diesen Wahlkreisen im Laufe des Jahres Nachwahlen abgehalten werden müssen. Fünf weitere der 17 gewählten Abgeordnete des Oppositionsbündisses haben jedoch diese Totalopposition abgelehnt und wollen ihre Mandate wahrnehmen.[17] Auch die Christdemokraten kündigten nach Gesprächen mit der Regierungspartei an, konstruktiv im neuen Parlament mitarbeiten zu wollen.[18]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Georgia to hold early elections BBC News, 8. November 2007
  2. Plebiscites Election.ge. 21. März 2008
  3. Parliamentary Elections Set for May 21. Election.ge. 21. März 2008
  4. Transitions online: Webarchiv vom 28. August 2008 der eingelagerten Webseite: An Iron Lady Exits, For Now vom 16. Mai 2008.
  5. Georgians vote amid high tension BBC, abgerufen 21. Mai 2008
  6. Wahlbeobachter unter verschärfter Beobachtung (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung Tagesschau, abgerufen am 22. Mai 2008
  7. 39 Polling Stations Annulled, Civil.ge, abgerufen am 31. Mai 2008
  8. Parlamentswahl in Georgien (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[3] [4] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung Tagesschau, abgerufen am 21. Mai 2008
  9. Georgian poll 'result' disputed BBC, abgerufen 21. Mai 2008
  10. Chances for Unanimous Opposition Boycott Shrink, Civil.ge, abgerufen 23. Mai 2008
  11. First International Reaction on Georgia’s Polls, Civil.ge, abgerufen 23. Mai 2008
  12. Germany Hails Georgian Polls, Civil.ge, abgerufen 23. Mai 2008
  13. Solana Hails ‘Peaceful Conduct’ of Polls, Civil.ge, abgerufen 24. Mai 2008
  14. Zentrale Wahlkommission Georgiens (PDF-Datei; 300 kB), abgerufen am 6. Juni 2008
  15. CEC Releases Final Vote Tally Civil.ge, abgerufen 7. Juni 2008
  16. Interaktive Wahlkarte. Civil.ge, abgerufen 24. Mai 2008
  17. Opposition Leaders Move to Renounce MP Mandates, Civil.ge, Meldung vom 13. Juni 2008, abgerufen 13. Mai 2008
  18. Ruling Party, Christian-Democrats Reach Agreement, Civil.ge, Meldung vom 12. Jun 2008, abgerufen 13. Mai 2008