Qadar

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Qadar (arabisch ‏قدر‎ ‚Zumessung, Maß, Menge‘) ist ein Begriff aus dem Vokabular des Korans, der in den mittelalterlichen islamischen Diskussionen über den Freien Willen und die Prädestination eine zentrale Rolle spielte. Er wird häufig mit den Wörtern Vorsehung, Schicksal oder Vorherbestimmung übersetzt, allerdings bezeichnet er vor allem einen Akt der quantitativen Festlegung. Al-Dschurdschānī definierte Qadar in seinem Kitāb at-Taʿrīfāt als „die Verbundenheit des essentiellen Willens mit den Dingen in ihren spezifischen Zeiten und die Bindung einer jeden Situation der Individuen an eine bestimmte Zeit und Ursache“.[1]

Umstritten war die Frage, ob auch Menschen ein eigenes Vermögen zum Qadar besitzen. Diejenigen, die dem Menschen ein solches Vermögen zuschrieben, wurden Qadariten genannt.

Im Koran[Bearbeiten]

Der Begriff Qadar erscheint an zwölf Stellen im Koran (Sure 2:236, 13:17, 15:21, 20:40, 23:18, 33:38, 42:27, 43:11, 54:49, 77:22). So richtet zum Beispiel an einer Stelle aus frühmekkanischer Zeit Gott die folgenden Worte an die Menschen: „Schufen wir euch nicht aus verächtlichem Wasser und brachten es dann zu einem sicheren Platz in einem festgesetzten Maß (qadar maʿlūm)?“ (Sure 77:22, Übers. H. Bobzin). Und an einer Stelle aus mittelmekkanischer Zeit heißt es: „Wir haben alles in einem (begrenzten) Maß (qadar) erschaffen“ (Sure 54:49, Übers. R. Paret). Qadar bezeichnet im Koran auch einen von Gott festgelegten Zeitpunkt. So erinnert zum Beispiel Gott in Sure 20 seinen Propheten Mose mit folgenden Worten an seinen Lebensweg: „Dann verweiltest Du (viele) Jahre bei den Leuten von Madjan. Hierauf kamst du, Mose, zu einer festgesetzten Zeit (ʿalā qadarin)“ (Sure 20:40, Übers. Paret). Auch das zugehörige arabische Verb qadara, yaqdiru wird in diesem quantitativen Sinne im Koran verwendet. So heißt es in Sure 13:26: „Gott teilt (yaqdiru) die Lebensgüter (rizq) reichlich zu, an wen er will.“

In Sure 45:24ff. setzt sich der Koran mit der altarabischen Vorstellung auseinander, derzufolge die zerstörerische Zeit (dahr) über das Schicksal der Menschen bestimmt und allem Sterblichen ein unausweichliches Ende bereitet. Diese Macht wird nun stattdessen Gott zugesprochen, der die Zukunft und die Endlichkeit der Menschen in einer himmlischen Urschrift festgehalten habe. Für die politisch-theologische Diskussion war die Stelle von Sure 33 besonders bedeutsam, an der die von Mohammeds Umgebung kritisierte Eheschließung mit Zainab bint Dschahsch mit dem Qadar-Begriff gerechtfertigt wird. Gottes Befehl dazu sei qadar maqdūr (Sure 33:38). Paret übersetzt den Passus mit „Was Gott befiehlt, hat Maß und Ziel“, Bobzin mit „Gottes Befehl ist verhängtes Geschick“.

In der islamischen Theologie[Bearbeiten]

Diskussionen über den Qadar kamen schon in der Umayyadenzeit auf. Ibn Qutaiba behauptete, dass der erste, der das Qadar-Problem erörtete, Maʿbad al-Dschuhanī (st. 703) gewesen sei,[2] allerdings sind von ihm keine bestimmten Aussagen zu diesem Thema überliefert. Auch das al-Hasan al-Basrī (st. 728) zugeschriebene Sendschreiben zum Qadar ist nach dem heutigen Stand der Forschung nicht authentisch.[3]

Allerdings überliefert Ibn Qutaiba eine Anekdote, derzufolge die Umayyaden ihre Unrechtstaten mit dem Qadar Gottes rechtfertigten und al-Hasan diese Auffassung empört zurückwies:

„Sie fragten: ‚Oh Abū Saʿīd (d.i. al-Ḥasan), diese Fürsten haben das Blut von Muslimen vergossen und eignen sich ihre Güter an; sie tun (verschiedenerlei) und sagen: Unsere Taten geschehen nur gemäß Gottes Bestimmung (qadar).‘ Al-Ḥasan erwiderte: ‚Die Feinde Gottes lügen.‘“

Zit. Watt/Marmura 93 nach Ibn Qutaiba al-Maʿārif.

Offensichtlich bekam al-Hasan wegen dieser Aussage politische Schwierigkeiten, denn ein späterer Traditionarier, Ayyūb as-Sichtiyānī, wird mit den Worten zitiert: „Ich tadelte al-Hasan immer wieder wegen der Qadar-Frage, so dass ich ihm Angst vor den Behörden einjagte und er sagte: ‚Von nun an werde ich mich da raushalten.‘“[4] Al-Hasans jemenitischer Zeitgenosse Wahb ibn Munabbih (st. 728) soll ein eigenes „Buch über den Qadar“ (Kitāb al-Qadar) abgefasst, dies aber später bereut haben. Das Buch ist nicht erhalten.[5]

Das früheste erhaltene eigenständige Werk zum Thema ist das Kitāb al-Qadar des Traditionariers Dschaʿfar ibn Muhammad al-Firyābī (st. 913).[6] Es besteht aus 447 Einzelüberlieferungen über Aussagen von Muslimen der ersten drei Generationen zur Frage der Prädestination, die jeweils mit einem Isnad eingeleitet werden. So wird hier zum Beispiel dem Prophetengefährten ʿAbd Allāh ibn ʿAbbās die Aussage zugeschrieben: "Wer beim Qadar die gebührenden Grenzen überschreitet, hat den Bereich des Glaubens verlassen"[7]

Wenig später widmete Abū l-Hasan al-Aschʿarī (st. 935) das fünfte Kapitel seines Kitāb al-Lumaʿ („Buch der Schlaglichter“) der Diskussion des Qadar. Darin trug er die Auffassung vor, dass der Mensch seine Handlungen nicht selbst festlegt, sondern sie nur „erwirbt“, während Gott sie erschafft. Diejenigen, die diese Lehre ablehnten, bezeichnete er als Qadarīya. Al-Aschʿarī erklärt das gegenüber einem imaginären Qadariten mit folgenden Worten: „Weil ihr über die von euch erworbenen Handlungen behauptet, dass ihr sie festlegt und für euch festgelegt macht, und nicht Euer Schöpfer“ (anna-kum tuqaddirūna-hā wa-tafʿalūna-hā muqaddaratan la-kum dūna ḫāliqi-kum).[8] Umgekehrt verwahrt er sich in seinem Kitāb al-Ibāna („Buch der Darlegung“) gegen die Anwendung der Qadarīya-Bezeichnung für die eigene Gruppe[9]:

„Die Qadariten glauben, dass wir den Namen Qadar verdienen, weil wir sagen, dass Gott das Böse und den Unglauben bestimmt (qaddara) hat, und wer immer den Qadar bestätigt (yuṯbit), ist ein Qadarit, und nicht jene, die ihn nicht bestätigen. Ihnen ist zu entgegnen: Der Qadarit ist derjenige, der bestätigt, dass der Qadar sein eigener und nicht der seines Herrn ist, und dass er selbst und nicht sein Schöpfer seine Handlungen bestimmt. Das ist der richtige Sprachgebrauch…“

Sowohl al-Aschʿarī als auch Ibn Qutaiba bezeichnen diejenigen, die bekräftigen, dass der Qadar von Gott ist, als „Leute der Bekräftigung“ (ahl al-iṯbāt). Der diesbezügliche Sprachgebrauch ist in der sunnitischen Theologie allerdings nicht einheitlich, denn asch-Schahrastānī verwendete den Begriff später umgekehrt für diejenigen, die bekräftigen, dass der Qadar derjenige des Menschen ist.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Arabische Quellen
  • Ǧaʿfar ibn Muḥammad al-Firyābī: Kitāb al-Qadar. Ed. ʿAmr ʿAbd al-Munʿim as-Salīm. Dār Ibn Ḥazm, Beirut, 2000.
Sekundärliteratur
  • L. Gardet: Art. "al-Ḳaḍāʾ wa-l-ḳadar" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. IV, S. 365a-367b, hier besonders S. 365b-366b.
  • Richard J. McCarthy: The Theology of al-Ash'ari. Beirut: Imprimerie Catholique 1953. S. 53-75.
  • Hasan Qasim Murad: "Jabr and qadar in early Islam: a reappraisal of their political and religious implications" in Abdullah Saeed (ed.): Islamic political thought and governance; Vol. 1: Roots of Islamic political thought: key trends, basic doctrines and development. London [u.a.]: Routledge 2011. S. 182-196.
  • W. Montgomery Watt, Michael Marmura: Der Islam II. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte. Stuttgart u.a. 1985. S. 72-115.
  • Ali Ghandour: "Die Freiheit Gottes und des Menschen: Zur Theorie des kasb in der ašʿarītischen Theologie" In: Jahrbuch für islamische Theologie und Religionspädagogik Band 2, Hrsg. v. Ahmad Milad, Khorchide, Mouhanad Karimi, Freiburg im Breisgau, 2014.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. as-Sayyid asch-Scharīf al-Dschurdschānī: Kitāb at-Taʿrīfāt. Ed. Gustav Flügel. Leipzig 1846. S. 30, Zeile 6-7. Online verfügbar: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10249383_00198.html
  2. Vgl. Josef van Ess: "Maʿbad al-Ǧuhanī" in R. Gramlich: Islamwissenschaftliche Abhandlungen. Fritz Meier zum sechzigsten Geburtstag. Wiesbaden 1974. S. 49-77.
  3. Vgl. Suleiman Ali Mourad: Early Islam between Myth and History. Al-Ḥasan al-Baṣrī (d. 110H/728CE) and the Formation of his Legacy in Classical Islamic Scholarship. Leiden: Brill 2006. S. 218-239.
  4. Zit. Watt/Marmura 93.
  5. Vgl. dazu Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1. Band: Qur’ānwissenschaften, Hadīṯ, Geschichte, Fiqh, Dogmatik, Mystik bis ca. 430 H. Leiden 1967. S. 590.
  6. Vgl. dazu Sezgin 166.
  7. Mā ġalā aḥadun fī l-qadar illā ḫaraǧa min al-īmān, zit. nach al-Firyābī 172.
  8. Vgl. McCarthy 74, arab. Text 52.
  9. Vgl. Watt/Marmura 113
  10. Vgl. Watt/Marmura 114.