Rabbinisches Judentum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das rabbinische Judentum war eine rabbinische Strömung, die sich nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) zur Hauptströmung des Judentums entwickelte und ab ca. 200 n.Chr. maßgeblich Ritus und Theologie prägte.

Kennzeichnend für diese Bewegung ist zum einen die Anerkennung der Autorität weniger Rabbinen als maßgeblich für die Auslegung der heiligen Schriften und zum anderen die nach der Zerstörung des Tempels notwendige neue Kultordnung, die nicht mehr in der Opferung von Tieren sondern im Feiern von Gebetesgottesdiensten besteht. Mit dem 11. Jahrhundert war die Verständigung über Inhalte und Umfang der Schriftkorpora grundsätzlich abgeschlossen und damit der Grundstein des heute gelebten Judentums gelegt.

Die Zeit der Konzilidierung[Bearbeiten]

Taldmudstudenten

Die Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 war ein tiefgreifender Einschnitt in die jüdische Geschichte[1], sodass an dieser Stelle, trotz der nicht sofort sichtbaren Änderungen innerhalb des Judentums, die Geschichte des rabbinischen Judentums sowohl in der Selbst- als auch in der Fremddarstellung beginnt. Durch die Zerstörung geschahen zwei Dinge, die eine Neuorientierung des Judentums notwendig machten: Zum einen wurde der bis dahin vorhandene Zentralpunkt des Kults zerstört und damit auf der einen Seite die Legitimation bestimmter Gruppen, beispielsweise der bisherigen Priester Priester oder der Sadduzäer, und auf der anderen Seite auch eine Neuordnung des kultischen Lebens notwendig. Bis in das Jahr 70 war der gesamte Kult des Judentums, legitimiert durch die alttestamentliche Theologie, auf den Tempel und auf Jerusalem ausgerichtet.

Die zweite maßgebliche Änderung betrifft die politische Ebene: Zwar war schon nach dem Tod des Herodes die Verwaltung von Judäa von Rom aus organisiert worden. Nach der Niederlage wurde jedoch Jerusalem, im Gegensatz zu Caesarea Maritima, nun Haupttruppenstützpunkt der römischen Truppen. Hinzu kam, dass durch den Krieg ca. ein Drittel aller Juden getötet worden waren und darüber hinaus der gesamte Landbesitz der Juden an Rom übergingen.[2]

Die rabbinische Tradition schreibt Jochanan ben Sakkai den Beginn der nun eintretenden Neuorientierung zu.

Jochanan ben Sakkai und das Zentrum Jabne[Bearbeiten]

Jochanan ben Sakkai, Bildfeld an der großen Knesset-Menora

Im Jahr 70 ließ sich Jochanan ben Sakkai aus Jerusalem schmuggeln und gründete in Jabne ein jüdisches Lehrhaus[3], das den Grundstein für die rabbinische Theologie legte. Die überlieferten Schriften lassen aus heutiger Sicht keine scharfe Trennung zwischen Legende und Geschichte nicht mehr trennen, allerdings ist es unumstritten, dass ben Sakkai zahlreiche Männer um sich scharte, die aus allen vor der Zerstörung des Tempels wichtigen Gruppen innerhalb des Judentums bestanden: Priester, Schriftgelehrte. Zudem weitere Personen, die sich darum bemühten jüdisches Leben ohne Tempel nun neu zu denken.[4] Der Überlieferung gemäß beschäftigen er und die anderen frühen Rabbinen vor allem um Fragen von Ritus und Liturgie, die nun ohne Tempel neu gestaltet werden mussten. Allerdings kann eine Prägung des zeitgenössischen Judentums nicht nachgewiesen werden. Die eigentliche Bedeutung der Schriften aus dieser Zeit wurde erst in der Rückschau deutlich.[5]

Ab ca. 80 n.Chr. übernahm Gamaliel_II. die Führungsrolle in der Jabne-Gruppe, was verschiedene Konsequenzen hatte: Zum einen hatte Gamaliel durch Herkunft eine bessere Stellung innerhalb des Judentums und zum zweiten haftete an ihm nicht der Makel der Flucht aus Jerusalem. Darüber hinaus sind auch ab dieser Zeit verschiedene Versuche nachweisbar, das Verhältnis zwischen den Juden und den Römern zu bessern, beispielsweise durch Besuche in Syrien oder durch eine halbwegs offizielle Gesandtschaft nach Rom.[6]

Der Bar Kochba Aufstand[Bearbeiten]

Hauptartikel: Bar-Kochba-Aufstand

Durch die Niederschlagung des Aufstands wurden die Juden ähnlich beeinflusst, wie schon nach dem Ende des zweiten jüdisch-römischen Krieges im Jahre 70 n.Chr. Neben den großen Verlusten haben die Römer allerdings dieses mal den Juden außerdem den Zugang zu Jerusalem verboten und über den Trümmern des zweiten Tempels eine Jupiterstatue errichtet.[7] Als einprägende Neuerung ist dieses mal festzustellen, dass viele Juden in das benachbarte Syrien in die Diaspora zogen, was zum einen den Effekt hatte, dass die Rabbinen eine ausgeprägte Theologie der Vorzüge Israels entwickelten und zum anderen, dass die Juden nun in Judäa eine Minderheit waren, sodass sich das Zentrum des jüdischen Lebens nach Galiläa verlagerte, wo sie immer noch in der Mehrheit waren.

Neuanfang in Uscha[Bearbeiten]

Da Jabne als Ort im nun verwaisten Judäa als Zentrum jüdischen Lebens nicht mehr geeignet war, wurde Uscha in Galiläa der neue Ort des rabbinischen Judentums. Die Neuanfänge orientierten sich zunächst an den Arbeiten von Jabne. Insbesondere wurde das Verhältnis zu Rom. Die wichtigste inhaltliche Neuerung aus dieser Frühphase ist die Festlegung der mündlichen Tora.

Das Judentum im christlichen Umfeld[Bearbeiten]

Der nächste große Einschnitt für das Judentum war das Aufkommen des Christentums, zunächst im römischen Reich und später in ganz Europa.

Die Christianisierung des römischen Reiches[Bearbeiten]

Ab 324 erfolgte unter Konstantin eine Wende in der römischen Religionspolitik, die zu einer Privilegierung des Christentums zur Folge hatte. Neben den allgemeinen Folgen ist hier vor allem erwähnenswert, dass Christen sich in Palästina und besonders in der Küstenregion ausbreiteten. Hinzu kam ein ausgeprägtes christliches Pilgerwesen in die Stätten des Urchristentums.[8] Ein Ergebnis dieses Pilgerwesens war die Errichtung von Kirchen in Bethlehem (Geburtskirche) und Jerusalem (Grabeskirche). Zwar wurde dadurch ein wirtschaftlicher Aufschwung geschaffen, allerdings hatte diese Entwicklung auch zur Folge, dass die Juden mehr und mehr Fremde im eigenen Land wurden.[9]

Die Entstehung der mündlichen Thora[Bearbeiten]

Mischna, Ordnung Sera'im, Ausgabe Wilna 1921, Titelseite

Bereits seit dem babylonischen Exil wird eine Auslegung der Tora durch Schriftgelehrte angenommen werden(s. dazu (Esra 7,10 EU))[10], die die Theologie des Judentums maßgeblich bestimmte. Nach der Zerstörung des Tempels wurde diese Literaturgattung wichtiger, sodass ab ca. 220 eine anerkannte und verbindliche Form vorlag.

Siehe auch[Bearbeiten]

Jüdische Geschichte (Spätantike)

Jüdische Geschichte

Literatur[Bearbeiten]

  • Markus Sasse, Geschichte Israels in der Zeit des zweiten Tempels, Neukirchen 2004.
  • Günter Stemberger, Das klassische Judentum - Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit, Erstdruck München 1979, 1. vollständig bearbeitete und aktualisierte Auflage

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter Stemberger, das klassische Judentum, S.16
  2. Günter Stemberger, S.16
  3. Markus Sasse, Geschichte Israels, S.326.
  4. Günter Stemberger, das klassische Judentum, S.18
  5. ebd.
  6. Günter Stemberger, das klassische Judentum, S.19
  7. Günter Stemberger, das klassische Judentum, S.22
  8. Günter Stemberger, das klassische Judentum, S.29
  9. Günter Stemberger, Das klassische Judentum, S.29f.
  10. Levinson, rabbinische Theologie, S.1.