Religionsgeschichte

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Als Religionsgeschichte bezeichnet man zum einen die Entwicklung der religiösen Anschauungen und Praktiken der Menschheit. Sie ist in der Frühzeit vor allem an Grabstellen und Grabbeigaben ablesbar, später am gesamten schriftlichen, künstlerischen und architektonischen Überlieferungsbestand von Kulturen. Zum anderen gibt es das universitäre Fach Religionsgeschichte, das sich mit historischer und gegenwärtiger Religionsgeschichte befasst.

Grundlinien[Bearbeiten]

Aus der unüberschaubaren Komplexität der Religionsgeschichte lassen sich einige grundlegende Entwicklungen herausfiltern. Das archäologisch belegbare Frühstadium lässt Animismus erkennen. Die agrarischen Kulturen entwickelten ein Pantheon von Gottheiten mit Mythen, Tempeln und Abbildern. Aus der nomadischen Lebensform (überliefert wurde die Israels) entsprang die Gestalt eines abbildlosen bzw. abbildarmen Monotheismus, der sich in Ägypten (Echnaton) angekündigt hatte später in der Philosophie des antiken Griechenlands im Christentum und im Islam mit unterschiedlichen Ausprägungen nahezu weltweite Verbreitung erfuhr. Die Globalisierung der letzten Jahrhunderte, in der Moderne durch Medien und Mobilität intensiviert, scheint eine Krise aller traditionalen Religionen mit sich zu bringen. Die Krise kann allerdings auch als eine „Verwandlung“ von Religion aufgefasst werden, was durch den Begriff invisible religion (unsichtbare Religion) umschrieben wird.

Religionsgeschichte wurde vor allem im 19. Jahrhundert meist evolutionistisch interpretiert[1], häufig mit kolonialistisch-darwinistischer Färbung, das heißt als Entwicklung von ursprünglichen, "primitiven" Formen, die nicht selten als niedriger gesehen wurden – Animismus, Totemismus oder dem sogenannten Urmonotheismus Wilhelm Schmidts – zu weiter entwickelten, höheren Formen, also etwa über den Polytheismus zum Monotheismus, zu den „Hochreligionen“. Später hat sich im Gegenzug eine egalitär beschreibende, phänomenologische Betrachtungsweise innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin herausgebildet, die dazu geführt hat, dass Bücher mit dem Titel "Religionsgeschichte" nur noch eine zusammenhanglose Nebeneinanderstellung von Monographien sein können [2]. Andere geben nun zu bedenken, dass bei Verzicht auf den Versuch, Entwicklungen nachzuzeichnen und das Spätere aus seinem Verhältnis zum Vorausgehenden zu begreifen, der Begriff Geschichte seinen Inhalt verliert (s. z.B. Leslie White und andere Vertreter des Neoevolutionismus).

Religionsgeschichte als Wissenschaft[Bearbeiten]

Religionsgeschichte heißt außerdem die Wissenschaft, die sich mit den Religionen der Geschichte und Gegenwart hinsichtlich ihrer jeweiligen Entwicklung im historischen Kontext befasst. Hierbei untersucht die Religionsgeschichte die entsprechende Religion zunächst in der ihr eigenen Geschichte und Tradition, um diese Religion später zum Beispiel anhand funktionaler oder typologischer Kriterien einzuordnen und zu klassifizieren. So entsteht eine Basis, die für das glaubensunabhängige Vergleichen verschiedener Religionen (komparative Religionswissenschaft) essentiell ist. In der Praxis ist der Übergang zu dem eigenständigen Fach Religionswissenschaft fließend.

Im Gegensatz hierzu steht die phänomenologische Strömung innerhalb der Religionsgeschichte, welche den Begriff 'Religion' als Abstractum begreift, und daher vergleichende oder geschichts-chronologisch einordnende Methoden zurückweist, da diese der Einzigartigkeit der verschiedenen religiösen Vorstellungen nicht gerecht werden können.

Entwicklung der Wissenschaft Religionsgeschichte in Deutschland[Bearbeiten]

Der erste Lehrstuhl für Religionsgeschichte wurde 1912 für den schwedischen Religionsphänomenologen Nathan Söderblom in Leipzig eingerichtet. Dies geschah, obwohl die Kirchen eher an einer konfessionell gebundenen Theologie als an der damals wenig beliebten Religionsgeschichte interessiert waren, und bedeutete eine grundlegend neue Entwicklung hinsichtlich der wissenschaftlichen Erforschung von Religionen. Die historisch bedingte Entwicklung der Religionsgeschichte aus den christlichen Theologien hatte zur Folge, dass dieses Fach in den theologischen Fakultäten ansässig war - was auch heute noch zu beobachten ist. Aus der Religionsgeschichte entwickelte sich später die Religionswissenschaft.

Religionsgeschichte und Religionswissenschaft[Bearbeiten]

Obgleich die praxisrelevanten Unterschiede zwischen Religionsgeschichte und Religionswissenschaft gering sein mögen, gibt es Stimmen, die den Fächern abgrenzende Eigenheiten zuweisen. So gibt es das Argument, dass die Religionsgeschichte als historische Wissenschaft die Religionen „in der Tiefe“ untersucht, die Religionswissenschaft Religionen dagegen „in der Breite“ gegenüberstellt und vergleicht. D.h. die Methodik der beiden Fächer unterscheidet sich in diesen Punkten. Grundsätzlich ist hierbei zu sagen, dass die Religionsgeschichte die Grundlagen für eine systematische Religionswissenschaft bereitstellt. Diese wichtige Verknüpfung der beiden Fächer ist es, welche die Religionsgeschichte im Gegensatz zu anderen Disziplinen wie die Religionssoziologie oder auch Religionspsychologie am engsten mit der Religionswissenschaft verbindet. Dies drückt sich beispielsweise auch in der Namensgebung der größten religionswissenschaftlichen Vereinigung in Deutschland, der DVRG (Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte), aus, obgleich es Universitäten gibt, an welchen man sowohl Religionswissenschaft als auch Religionsgeschichte studieren kann. Es gibt auch Religionslehrer, die so etwas unterrichten.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. z.B. Wurm, Paul: Handbuch der Religionsgeschichte, Calw, Stuttgart, 1904. Hier geht die Entwicklung von "Erster Teil: Die Religionen der unkultivierten Völker" über "Zweiter Teil: Die Nationalreligionen" zu "Dritter Teil: Die Universalreligionen"
  2. "Die alphabetische Anordnung der Artikel ... ist ... die denkbar neutralste. Jede andere Gliederung der Religionen der Erde, etwa nach monotheistischen und polytheistischen, nach Weltreligionen und regional gebundenen, nach Primitivreligionen und Religionen der Hochkulturen oder nach dem Wert ethischer Gehalte, impliziert eine Qualifikation oder kann zumindest als solche verstanden werden." Lanczkowski, Günter: Geschichte der nichtchristlichen Religionen, Frankfurt a.M. , 1989, S. 7)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]