Retrodigitalisierung

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Buch-Scanner (Zentralbibliothek Zürich)

Als Retrodigitalisierung oder retrospektive Digitalisierung bezeichnet man die Digitalisierung analoger Publikationen (u. a. Printmedien, Filme, Tonbänder).

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen [Bearbeiten]

Retrodigitalisierung wird vor allem in Bibliotheken und Archiven eingesetzt, um digitale Daten für eine wissenschaftliche Nutzung bereitzustellen, einen weltweiten Zugang zu ermöglichen und gefährdete Werke für die Nachwelt zu erhalten (Bestandserhaltung).

Dabei werden schriftliche Vorlagen meist bildlich (Imagedigitalisierung, z. B. durch Scanner oder Digitalfotografie) bzw. im Volltext (durch OCR oder Abschreiben) digitalisiert, wobei man bei letzteren zwischen Plaintext (also reinem Text) und ausgezeichnetem Text (also etwa Überschriftenstruktur und Hyperlinks) unterscheidet. Ein bekanntes Beispiel ist die digitalisierte Version der Gutenberg-Bibel. Ein großes österreichisches Retrodigitalisierungs-Projekt ist Austrian Literature Online. Außerdem werden heute auch alle Rechtstexte retrodigitalisiert und in Rechtsinformationssystemen angeboten.

In Deutschland wurde die Retrodigitalisierung von schriftlichem Kulturgut bereits im Jahr 1997 durch eine Initiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeleitet. Sie legte hierfür ein spezielles - bis heute weiterlaufendes - Förderprogramm auf, in dem eine Vielzahl von Projekten in Bibliotheken, Archiven und anderen Kultureinrichtungen zur Digitalisierung unterschiedlicher Bestände (Monografien, Bilder, Zeitungen und Zeitschriften, Lexika etc.) finanziert wurde. Um geeignete technische und administrative Verfahren für die zu Beginn dieser Fördermaßnahmen noch weitgehend unerprobte Retrodigitalisierung großer Bestandsmengen durch Scannen der Originalvorlagen zu entwickeln, regte die DFG den Aufbau von Digitalisierungszentren an der Bayerischen Staatsbibliothek München und der Universitätsbibliothek Göttingen an. Von der DFG geförderte Digitalisierungsprojekte müssen Digitalisate im METS/MODS-Format generieren. Dadurch hat sich diese Spezifikation zu einer Art Standard entwickelt, der inzwischen für viele Digitalisierungsprojekte verwendet wird. Ein einheitlicher Zugang und damit die breitere Kenntnis der inzwischen verfügbaren digitalisierten Bestände wird über ein Zentrales Verzeichnis Digitalisierter Drucke angestrebt.

Zur Langzeitarchivierung digitalisierter Medien müssen geeignete Strategien überlegt werden, um die Daten und Inhalte auch in künftig genutzten Systemen (Hardware und Software) noch darstellen und verwerten zu können. Die Retrodigitalisierung ist manchmal mit der Archivierung auf Mikroformen verbunden, da diese eine wesentlich größere Haltbarkeit als digitale Speichermedien besitzen. Die Digitalisierung von Katalogen zur Erschließung der darin verzeichneten Bestände wird Retrokonversion genannt. Ein Angebot der Digitalisierung – ob nur Scan oder Volltext – im Internet nennt man Webreproduktion (kurz Webrepro).

Die USA-versus-Europa-Kontroverse [Bearbeiten]

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Eine erhebliche Ausweitung und Beschleunigung erfuhr die Retrodigitalisierung von Buchbeständen im Jahr 2002 durch den Einstieg des us-amerikanischen Großkonzerns Google. Bei seinen umfangreichen Digitalisierungsmaßnahmen arbeitet Google zum Teil mit Bibliotheken und Forschungseinrichtungen, die v.a. wissenschaftliche Literatur bearbeiten, zusammen; z. B. in Deutschland mit der Bayerischen Staatsbibliothek München.

Der US-Konzern Amazon kündigte im Jahr 2009 an, in Kooperation mit us-amerikanischen Universitätsbibliotheken die Retrodigitalisierung von rd. 400.000 nicht mehr lieferbaren Bücher in seinen elektronischen On-Demand Lieferdienst BookSurge einzubeziehen.

Das Projekt von Google Book Search ist aus inhaltlichen, urheberrechtlichen und politischen Gründen umstritten. Unter kulturpolitischen Vorzeichen hat vor allem der Leiter der französischen Nationalbibliothek Jean-Noel Jeanneney die Kontroverse vorangetrieben und sich für ein europäisches Alternativangebot eingesetzt.

Die EU hat am 3. Mai 2005 einen Beschluss für ein eigenes Projekt gefasst, dessen Umsetzung noch viel Geld und Energie kosten wird (Wortlaut dieses Beschlusses: siehe Weblinks).

Der vorläufige Arbeitsname des Projekts lautet „The European Library“ TEL, im Deutschen ist „Europäische Digitale Bibliothek“ zur Zeit (2005) üblich. Jeanneney verwendet „Bibliothèque Numérique Européenne“, abgekürzt BNE.

In offizieller Reaktion auf den EU-Beschluss hat die deutsche Regierung der Deutschen Bibliothek, die zu ihrem Zuständigkeitsbereich gehört, die Verantwortung für den weiteren Gang der Dinge zugeteilt. Die Erklärung gipfelt im Kernsatz „Ein digitalisiertes Kulturerbe... wird dazu beitragen, die kulturelle Vielfalt, Forschung und Wissenschaft Europas auch bei Internetsuchen sichtbar zu machen.“ Eine Debatte zwischen den Kultur-/Wissenschaftsministern der sechs Länder, die in der Sache an die EU geschrieben haben (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, Ungarn) wird angeregt.

TEL [Bearbeiten]

Eine institutionelle Problematik liegt darin, dass die Verantwortung für die europäischen Bibliotheken eigentlich nicht bei der EU liegt, sondern beim Europarat, in dem zum Teil andere Länder Mitglied sind, und der eine eigene Bürokratie hat, die nach anderen Grundsätzen, mit anderen Etats usw. arbeitet. Der Verbund umfasst 45 Bibliotheken in 43 Mitgliedsländern. 2006 ist die Leiterin der Deutschen Bibliothek, Elisabeth Niggemann, die Vorsitzende der Konferenz Europäischer Bibliotheken (siehe Links).

Das Projekt TEL wird hier als in der „Startphase“ befindlich bezeichnet, mit zur Zeit 9 Nationalbibliotheken (Ende 2005), die in 2–3 Jahren alle zu TEL-Mitgliedern werden sollen.

Siehe auch [Bearbeiten]

Literatur [Bearbeiten]

  •  Ingeborg Verheul: Networking for Digital Preservation: Current Practice in 15 National Libraries. Saur, München 2006, ISBN 3-598-21847-8 (PDF; 5,98 MB).
  •  Jörn Heckmann: Retrodigitalisierung in: Spindler (Hrsg.), Rechtliche Rahmenbedingungen von Open Access-Publikationen, S. 123 ff. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2006, ISBN 3-938616-45-8 (PDF; 5,98 MB).
  •  Bestandsaufnahme zur Digitalisierung von Kulturgut und Handlungsfelder. Erstellt im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. 2007 (PDF).

Weblinks [Bearbeiten]