Schambeinentzündung

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Klassifikation nach ICD-10
M85.3 Ostitis condensans[1]
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Linke menschliche Beckenhälfte von vorn. Links im Bild: Beide Schambeine mit Schambeinfuge (durchgesägt)

Eine Schambeinentzündung (lat. Osteitis pubis oder Ostitis pubis), auch Pubalgia genannt, ist eine schmerzhafte nicht-infektiöse Entzündung von Schambeinfuge (Symphysis pubica), Schambeinknochen (Os pubis) und in der Nähe befindlicher Strukturen wie Adduktoren, Bauchmuskulatur und Faszien.[2]

Inzidenz[Bearbeiten]

Von einer Schambeinentzündung sind vor allem Leistungssportler von Sportarten mit Sprints, Schusselementen und schnellen Richtungswechseln, wie beispielsweise Fuß-, Hand- und Basketballspieler, Tennisspieler und Laufsportler, betroffen. Die Häufigkeit einer Schambeinentzündung liegt bei Sportlern zwischen 0,5 und 7 Prozent. Meist sind Männer von dieser Erkrankung betroffen. Ihr Durchschnittsalter liegt bei etwa 30 Jahren. Das durchschnittliche Alter von erkrankten Frauen liegt bei 35 Jahren.[2] Die höchste Inzidenz wird bei Fußballspielern gefunden. Von 811 im Jahr 1995 untersuchten Sportstudenten litten 1,7 Prozent unter einer Schambeinentzündung, wobei bei den Erkrankten das Geschlechterverhältnis männlich:weiblich bei 5:1 lag.[3]

Anamnese und Diagnose[Bearbeiten]

Die von einer Schambeinentzündung betroffenen Patienten haben in den meisten Fällen Schmerzen beim Gehen und Treppensteigen sowie beim Stehen auf einem Bein. Der Schmerz kann örtlich begrenzt auf Schambeinfuge und Schambeinäste sein oder darüber hinaus auf Bereiche der Leisten und Hüften ausstrahlen.[4] Die Schmerzen können bis zu den unteren Bauchmuskeln, wie beispielsweise die Beckenbodenmuskulatur, reichen und so starke Ausmaße annehmen, dass dies zu längeren Wettkampf- und Trainingspausen beim Betroffenen führt. Bei der palpatorischen Untersuchung (Betastung) empfindet der betroffene Patient einen für dieses Krankheitsbild typischen Druckschmerz über der Schambeinfuge und den Schambeinästen. Ein- oder beidseitiger Druck über die Ansätze der Adduktoren führt ebenfalls zu einem charakteristischen Schmerzbild.[5][2]

Zu der Differentialdiagnose sind muskuläre Dysbalancen, Blockaden des Iliosakralgelenkes, einseitiger Beckentiefstand, Leistenbruch, Nervenengpasssyndrome, Insertionstendinosen, Adduktorenzerrungen und urogenitale Erkrankungen auszuschließen. Zur sicheren Diagnosestellung kann eine örtliche Betäubung Lokalanästhesie der Schambeinfuge, die mit Hilfe bildgebender Verfahren durchgeführt wird (Bildwandlerkontrolle), herangezogen werden. Im Blutplasma können unter Umständen erhöhte Werte von C-reaktivem Protein gemessen werden, während sonst keine – durch die Schambeinentzündung generierte – auffälligen Laborwerte vorliegen.[2]

Bildgebende Verfahren[Bearbeiten]

Röntgen[Bearbeiten]

Im Röntgenbild sind bei einer anterior-posterior-Projektion (a.-p.-Projektion, von vorne nach hinten), bedingt durch die subchondrale Sklerosierung, Erosionen über der Schambeinfuge und andere Prozesse, am Schambein Anomalien erkennbar. Der Spalt der Schambeinfuge ist meist größer als 10 mm. Bei einer a.-p.-Projektion der Schambeinfuge, die abwechselnd auf dem linken beziehungsweise rechten Fuß durchgeführt wird („Flamingoaufnahme“), kann eine vertikale Verschiebung der Schambeinfuge, auf der jeweils belasteten Seite, um mehr als 2 mm festgestellt werden.[2]

Skelettszintigrafie[Bearbeiten]

Mit Hilfe der Dreiphasen-Skelettszintigrafie mit 99mTechnetium-markierten Bisphosphonaten kann die Schambeinentzündung von einer Osteomyelitis unterschieden werden. Während bei einer Osteomyelitis in allen drei Phasen eine Anreicherung des Tracers stattfindet, ist dies bei der Schambeinentzündung nur in der Spätphase (Mineralisationsphase) der Fall.[6][2]

Magnetresonanztomographie[Bearbeiten]

Bei einer T2-gewichteten Magnetresonanztomographie kann bei einer akuten Schambeinentzündung ein periartikuläres subchondrales Knochenmarködem, Flüssigkeitsansammlungen in der Schambeinfuge und ein periartikuläres Ödem gesehen werden. Chronische Erkrankungen sind durch die subchondrale Sklerose und Resorption, Osteophyten und andere Veränderungen am Knochen gekennzeichnet.[7][2]

Ätiologie[Bearbeiten]

Die Ursache für eine Schambeinentzündung ist eine Überlastung der Schambeinfuge, infolge einer sportlichen Betätigung, die zu einer Reizentzündung (abakteriell) führt. Die Schambeinfuge hält den Beckenring zusammen und ermöglicht eine Verschiebung der Schambeine um wenige Millimeter. Durch eine hohe sportliche Belastung, aber auch durch eine mögliche anatomische Instabilität, kann es zu einer lokalen Entzündungsreaktion kommen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Hüftbeweglichkeit eingeschränkt ist, eine hohe wiederholende Scherbeanspruchung am Beckenring gegeben ist, die Adduktorenmuskulatur am unteren Schambeinast (Ramus inferior ossis pubis) überlastet wird und die Iliosakralgelenke instabil sind. Die mechanische Belastung an der Schambeinfuge führt zu Reparaturprozessen, bei denen es zu Einsprossungen von Granulationsgewebe und Resorptionszonen benachbarter Knochen kommt.[3]

Prävention[Bearbeiten]

Verschiedene Übungen, die dem Aufbau- und der Stabilisierung der Bauch- und Rumpfmuskulatur dienen, können einer Schambeinentzündung vorbeugen. Dehnungsübungen der Adduktoren sind ebenfalls präventiv. Auch eine Verbesserung der Motorik kann, wie auch die Korrektur von biomechanischen Balancestörungen, vorbeugend wirken.[2]

Therapie[Bearbeiten]

Eine Schambeinentzündung wird üblicherweise zunächst konservativ behandelt. Dazu gehört die orale Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika („Entzündungshemmer“), seltener von oralen Corticosteroiden, verschiedene physikalische Therapien, wie beispielsweise Kryo- und Elektrotherapie, sowie physiotherapeutische Übungen. Letztere dienen vor allem der Stärkung der Rumpf- und Beckenbodenmuskulatur. Dazu gehören auch Dehnungsübungen der Adduktorenmuskulatur. Eine Pause vom Sport ist zwar auch heilungsfördernd, oft aber nicht im Sinn des Patienten.

Wenn die konservativen Maßnahmen erfolglos sind, so bleibt als letztes Mittel der operative Eingriff. Eine Kürettage wird im Wesentlichen nur bei Leistungssportlern durchgeführt, die in den meisten Fällen zu einer dauerhaften Heilung führt.[6][2]

Ergänzende Differentialdiagnostik[Bearbeiten]

Wegen der oft sehr langen Ausfallzeiten der Sportler, besonders bei Fußballern, muss differentialdiagnostisch auch an eine Stressfraktur (Bone bruise)[8] im Schambeinast gedacht werden. Stressfrakturlinien wurden relativ häufig in Kontroll-MRT Untersuchungen und Dünnschichtcomputertomographien (Knochenfenster) gesehen. Man kann diese als okkulte Schambeinfraktur [Merkle, 2012] bezeichnen. Somit handelt es sich nicht ausschließlich um eine Entzündung. In diesem Fall basiert die Therapie auf einer absoluten Sportkarenz; Kortison-Applikationen sind zu vermeiden. Die Möglichkeit der operativen Einkerbung des Musculus gracilis (Gracilis-Tenotomie) und ein Teil des Musculus adductor longus knochennah zur Reduktion der Sehnenspannung am vorderen Schambeinast (Zugkräfte am erkrankten Knochen) sollte in diesem Zusammenhang erwägt werden. Der wissenschaftliche und empirische Ansatz mit der Gabe eines Bisphosphonats (Zolendronsäure)[9] mit ausreichend Kalzium sollte ebenfalls überlegt werden.

Erstbeschreibung[Bearbeiten]

Die Schambeinentzündung wurde erstmals 1924 durch den US-Amerikaner Edwin Beer (1876–1938)[10] beschrieben.[11][12] Der Begriff Osteitis pubis wurde 1930 von H. L. Kretschmer und W. P. Sights geprägt.[13][14] Erstmals bei einem Sportler – einem Fechter – wurde die Erkrankung 1932 durch A. Spinelli beschrieben.[15][16]

Literatur[Bearbeiten]

Fachbücher[Bearbeiten]

Review-Artikel[Bearbeiten]

Originäre Forschung[Bearbeiten]

  • C. A. Webb und M. L. Jimenez: What is your diagnosis? Osteitis pubis. In: JAAPA 21, 2008, S. 68. PMID 19253598
  • H. Paajanen u. a.: Pubic magnetic resonance imaging findings in surgically and conservatively treated athletes with osteitis pubis compared to asymptomatic athletes during heavy training. In: Am J Sports Med 36, 2008, S. 117–121. PMID 17702996

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. medrapid.info: Schambeinentzündung. Abgerufen am 11. Februar 2010
  2. a b c d e f g h i S. Hopp u. a.: Osteitis pubis. (PDF-Datei; 140 kB) In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 59, 2008, S. 100–101.
  3. a b R. M. Aigner: Becken, Hüfte. Georg Thieme Verlag, 2004, ISBN 3-13-126221-4 S. 502–506.eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. P. A. Fricker u. a.: Osteitis pubis in athletes: Infection, inflammation or injury? In: Sports Med 12, 1991, S.266–279. PMID 1784877
  5. C. Rodriguez u. a.: Osteitis pubis syndrome in professional soccer athlete: A case report. In: J Athl Train 36, 2001, S.437–440. PMID 12937486
  6. a b R. Mehin u. a.: Surgery for osteitis pubis. In: Can J Surg 49, 2006, S. 170–176. PMID 16749977
  7. B. Kunduracioglu u. a.: Magnetic resonance findings of osteitis pubis. In: J Magn Reson Imaging 25, 2007, S. 535–539. PMID 17326088
  8. T. Grieser: Die Ostitis pubis. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2009(60), Nr. 6.
  9. E. F. Eriksen, J. D. Ringe: Bone marrow lesions. In: Rheumatol Int (2012) 32:575-584.
  10. R. Colp:Edwin Beer 1876–1938. In: Ann Surg 110, 1939, S. 795–796. PMID 17857490
  11. E. Beer: Periostitis of the symphysis and descending rami of the pubis following suprapubic operations. In: Intervat J Med & Surg 37, 1924, S. 224–225.
  12. International Society of Arthroscopy, Knee Surgery & Orthopaedic Sports Medicine: Instructional Course Lecture No. 105: Groin Pain in Soccer Players. Abgerufen am 11. Februar 2010
  13. H. L. Kretschmer und W. P. Sights: Periostitis and ostitis pubis following supra- pubic prostatectomy: report of a case with recovery. In: J Urol. 23, 1930, S. 573–580.
  14. B. D. Stutter: The complications of osteitis pubis including a report of a case of sequestrum formation giving rise to persistent purulent urethritis. In: British Journal of Surgery 42, 1954, S. 164–172. doi:10.1002/bjs.18004217208
  15. R. Johnson: Osteitis pubis. In: Curr Sports Med Rep 2, 2003, S. 98–102. PMID 12831666
  16. A. Spinelli: Nuova mallattia sportive: la pubalgia degli schernitori. In: Ortopedia e Traumatologia Dell Apparato Motore 4, 1932, S. 111–127.
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