Sonntagskind

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Dieser Artikel behandelt den am heiligen Wochentag geborenen Nachwuchs. Zur deutschen Filmkomödie von Kurt Meisel aus dem Jahr 1956 siehe Das Sonntagskind, zur ehemaligen Braunkohlenzeche in Wuppertal siehe Zeche Sonntagskind.

Der Begriff Sonntagskind bezeichnet ursprünglich eine Figur der europäischen Volkskunde und hat einen massiven Bedeutungswandel - vom „Geisterseher“ hin zum „Glückskind“ - durchlaufen.

Ursprünglich müsste die Bezeichnung „Samstagskind“ lauten, denn sie bezog sich auf Menschen, die an einem Samstag geboren waren und deshalb über bestimmte magische Kräfte und Fähigkeiten verfügten. Der Samstag, d. h. der jüdische Sabbat wurde bis ins frühe Mittelalter als der geheiligte Wochentag gefeiert, und die an diesem Tag geborenen Kinder waren in besonderer Weise gesegnet. Erst im 13. Jahrhundert, auf dem Konzil von Arles, wurde der geheiligte Wochentag im Einflussbereich der römischen Kirche endgültig und verbindlich vom jüdischen Sabbat auf den Sonntag verlegt, weil der Unterschied zwischen Judentum und Christentum auch hierdurch verdeutlicht werden sollte. Der Glaube, dass die am heiligen Wochentag geborenen Kinder besonders begabt seien, blieb bestehen, und so entstand der Begriff „Sonntagskinder“. Auch sie waren ursprünglich in der Lage, dämonische Wesen zu erkennen und zu bekämpfen bzw. durch ihre immanenten Kräfte im Grab zu bannen. Im Einflussgebiet der orthodoxen Kirchen wurde weiterhin der Samstag geheiligt, und so heißen die „Glückskinder“ dort auch heute noch „Sabbatanios“ (griechisch) oder „subatnik“ (Südslawisch).

Zu den Eigenschaften der Sonntagskinder gehörte nicht, wie dies der heutige Sprachgebrauch suggeriert, die Fähigkeit, anderen Menschen Glück zu spenden und selbst glücklich zu sein. Sie waren geistersichtig, d. h. sie konnten einen dämonischen Unhold oder einen untoten Wiedergänger, der den Normalsterblichen verborgen blieb, sehen oder riechen. Der britische Volkskundler Abbott berichtet, dass ein makedonischer „sabbatanios“ gegen die Angriffe durch wiederkehrende Tote geschützt, seinerseits aber in der Lage war, einen solchen Vampir zu vernichten. Er schreibt, dass ein Samstagskind einen solchen Wiedergänger in einen Stall bannte und ihn dort mit einem langen Eisennagel durchbohrte. Aus verschiedenen Teilen Europas – vornehmlich vom Balkan und aus dem angelsächsisch-irischen Bereich – sind Berichte überliefert, die von der zerstörerischen Wirkung der Körpersäfte eines Samstags- bzw. Sonntagskindes sprechen. Hier sind vor allem Speichel und Urin zu nennen, die einen Wiedergänger bzw. Vampir zu Staub zerfallen ließen, sobald er damit in Berührung kam. Noch im 19. Jahrhundert war es bei den Südslawen üblich, einen „subatnik“ zu holen, wenn Grund zu der Befürchtung bestand, dass ein kürzlich verstorbener Mitmensch in der Nacht das Grab verlasse, um die Lebenden zu plagen. Der Geisterseher ging dann mit einem Pferd – vornehmlich einem Schimmel – über den Friedhof, bis das Tier sich nicht mehr zum Weitergehen bewegen ließ oder scheute. Dann war das Grab des Vampirs gefunden, und der „subatnik“ konnte entweder einen langen Hagedornpfahl in den Boden rammen oder auf das Erdreich über dem verdächtigen Leichnam urinieren, worauf der Vampir augenblicklich verwesen oder zu Staub zerfallen würde. Im deutschsprachigen Raum wurden Sonntagskinder ebenfalls mit einem Pferd über den Friedhof geschickt, aber über die im Volksglauben Südosteuropas bekannte Fähigkeit, den Wiedergänger zu vernichten, verfügten sie nicht mehr. Allenfalls konnten sie den Untoten durch gewisse, nur bruchstückhaft überlieferte Maßnahmen im Grab bannen oder durch Gebete seine Erlösung bewirken.

Aber unter dem Einfluss der christlichen Lehre, die die Existenz von Geistern und untoten Wiedergängern bestritt, verflachte der Glaube an die magischen Kräfte der Sonntagskinder im Lauf der Zeit. Sie konnten allenfalls noch den Tod von Menschen vorhersehen, wenn sie etwa einen für andere unsichtbaren Leichenzug vor einem Haus in der Nachbarschaft halten sahen. Wenn sie einen Leichenzug über dem eigenen Haus dahinziehen sahen, wussten sie, dass sie selbst bald sterben würden. Im Rheinland mussten die Sonntagskinder oft einen Toten auf den Schultern auf den Friedhof schleppen (im Dialekt: „ne duude pööze“) und ihm sein künftiges Grab zeigen – vermutlich eine schwache Erinnerung an die Zeiten, als geglaubt wurde, das Samstags- bzw. Sonntagskind könne einen potenziellen Wiedergänger in seinem Grab festbannen.

Die mit dem Dasein eines Sonntagskindes verbundenen Gaben waren unerwünscht, denn sie hatten zur Folge, dass der betreffende Mensch den Tod von Freunden, Verwandten und Nachbarn voraussah, oft genug auch sein eigenes Ende. Der Glaube, das Sonntagskind komme häufig mit dem Tod in Berührung, ließ den Betreffenden in der dörflichen Gemeinschaft oft zum gemiedenen Außenseiter werden. Eine aus dem Bergischen Land stammende Sage, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet wurde, handelt von einem geistersichtigen Mädchen, das in bestimmten Nächten, von zwei großen Hunden begleitet, in den Kampf gegen die bösen Geister ziehen muss. Alle Menschen in ihrem Dorf, vor allem die Kinder, fürchten sich vor ihr, und der Sagenerzähler fügt hinzu, dass diesem Sonntagskind kein langes Leben beschieden war. Daher drängt sich der Verdacht auf, dass die häufig zu hörende, synonyme Bezeichnung „Glückskind“ ursprünglich eher euphemistisch gemeint war und eher das Gegenteil bedeutete. Daher versuchten die Eltern in früheren Zeiten, ihr an einem der magischen Samstage bzw. Sonntage geborenes Kind vor seinem Schicksal zu schützen, was aber oft nicht half, weil die schicksalhaften Mächte stärker waren.

Nach dem Verblassen des von der katholischen und vor allem von der protestantischen Kirche bekämpften Wiedergängerglaubens in Westeuropa wurden dem Sonntagskind andere Fähigkeiten zugeschrieben, so etwa die Fähigkeit der Heilung durch Handauflegen oder Verabreichung besonderer Medizin. Im englisch-schottischen Grenzland und in den ländlichen Gebieten Südenglands praktizierten um 1870 Wunderheiler, die Tinkturen anwandten, in die sie ihren Urin gemischt hatten. Ähnliches wurde sogar noch um 1910 aus dem nordwalisischen Betws-y-Coed berichtet. Die letzte Schwundphase des ursprünglichen Glaubens an die magischen Kräfte des Sonntagskindes stellt die Auffassung dar, dass ein derartig begabter Mensch Glück bringe und beispielsweise die Lottozahlen vorhersagen könne oder dass man für sich das Glück sichere, wenn man ein Sonntagskind berühre.

Literatur[Bearbeiten]

  • George F. Abbott, Macedonean Folklore. Cambridge 1903.
  • Hans Bächtold-Stäubli [Hg.]: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927-42, 10 Bde. (Nachdruck Berlin 2000), vor allem Bde. 7 u. 8.
  • Maja Boskovic-Stulli, „Kresnik-Krsnik, ein Wesen aus der kroatischen und slovenischen Volksüberlieferung“, Fabula 3 (1960), 275-298
  • William Henderson, Notes on the Folk-Lore of the Northern Counties of England and the Borders. London 1878.
  • Rudolf Kleinpaul, Die Lebendigen und die Toten in Volksglauben, Religion und Sage. Leipzig 1898.
  • Friedrich S. Krauss, Volksglaube und religiöser Brauch der Südslaven. Münster 1890.
  • Friedrich S. Krauss, Slavische Volkforschungen. Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitsrechte, Sitten, Bräuche und der Guslarenlieder der Südslaven. Leipzig 1908.
  • Peter Kremer, Wo das Grauen lauert. Erschröckliche Geschichte von Blutsaugern und kopflosen Reitern, Werwölfen und Wiedergängern an Inde, Erft und Rur. Düren 2003.
  • Peter Kremer, Draculas Vettern. Auf den Spuren des Vampirglaubens in Deutschland. Düren 2006.
  • Charlotte Latham, „Some West Sussex Superstitions Lingering in 1868“, in, The Folk-Lore Record 1 (1878), S. 1-67.
  • Mary L. Lewes, Stranger than fiction being tales from the byways of ghost and folklore. London 1911.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Sonntagskind – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen